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Zitat des Monats

Wenn der Wind des Wandels weht, bauen die Einen Schutzmauern, die Anderen bauen Windmühlen.

Chinesische Weisheit

Willkommen!

Liebe Schreibende

In unserer hektischen Welt, dominiert von High-Speed-Rechnern, Zeitmangel, Medien, Facebook und Leistungsdruck, versuchen wir uns hier eine kleine Insel der Besinnung zu erhalten. Sich einmal im Monat in Ruhe niederzusetzen, sich mit einem Thema eingehend zu beschäftigen und dann die passenden Worte zu finden, um seine Gedanken mit anderen zu teilen, erscheint mir dabei ein geeigneter Weg, aus dieser Alltagshektik auszubrechen.

Sollten wir innerhalb eines Jahres genügend Beiträge beisammen haben, werde ich diese zusammentragen und in Buchform drucken lassen. So hat man dann Ende Jahr ein schönes Büchlein zur Hand - zur Erinnerung, oder als Geschenk zu Weihnachten, oder auch, um die Heimbibliothek mit einem eigenen Werk etwas auszubauen.

Dann also viel Spass beim Schreiben!

Eilean

Donnerstag, 2. Januar 2020

Die rote Kuh und der Flugapparat - Kap. 3

Lilly, Tim und Roberta standen unter der Baumhütte und schauten nach oben. Von der Bodenluke des Tarnschlosses baumelte eine Hängeleiter herab. Bevor Tim sich dranmachte hinaufzusteigen, schaute er kurz zu Roberta hinüber, um zu checken, ob es in Ordnung geht. «Nur zu, junger Mann», sagte sie, «heute ist Besuchstag.» Dabei zeigte sie mit ihrer weißen Vorderpfote nach oben. Das sah sehr elegant aus.

Während Tim hinaufkraxelte wackelte die Leiter wie ein Kuhschwanz. Die beiden Seile, an denen die Sprossen befestigt waren, sahen auch aus wie zwei lange Kuhschwänze. Wie zweitmeterfünfzig lange, rote Kuhschwänze, die bis auf den Boden herunterbaumelten. Tim hielt sich gut an ihnen fest. Sprosse um Sprosse kämpfte er sich an ihnen empor. Als er oben auf Schloss Reichenstein angekommen war, begegnete ihm tatsächlich als erstes eine Kuh. Es war eine große rote Kuh, mit zwei langen Schwänzen. Sie trug eine Kuhglocke um den Hals und ihren beiden Schwänzen waren mit einer hübschen, hellblauen Masche geschmückt. Die Stricke der Leiter kamen aber nicht von der Kuh. Es waren stinknormale Stricke, die an einem Balken festgeknotet waren.

«Das ist mein jüngstes Werk», sagte Roberta, als sie gleich nach Tim durch das Loch im Boden schlüpfte. Das Gemälde von der roten Kuh hing an der Wand über einem grünen Sofa. Auf dem Sofa lagen zwei farbige Kissen. Ein gelbes und ein blaues. Das Kuhbild war eingerahmt in einen prunkvollen, goldenen Rahmen. Das Sofa, die Kissen, der goldenen Rahmen. Alles wie in einem echten Schloss.

«Ich nenne es: Die Mondwiese.» Verkündete Roberta feierlich.
Nun schaute auch schon Lillys Kopf durch die Öffnung im Boden. «Es ist aber gar keine Wiese zu sehen.» Kommentierte Lilly Robertas feierliche Erklärung. «Man sieht nur ein rote Kuh mit zwei langen Schwänzen.» Das Gemälde hing ihr mehr oder weniger direkt vor der Nase, als sie durch das Loch im Boden schlüpfte. Es war sozusagen die erste Sehenswürdigkeit, die Schloss Reichenstein zu bieten hatte. 

«Die Wiese befindet sich ja auch im Magen der Kuh.» Antwortete Roberta. «Die Kuh hat sie ganz und gar aufgefressen. Nur selten hat man in der Kunstwelt so eine schöne Blumenwiese gesehen. Man könnte sagen es ist eine der schönsten Blumenwiesen im Magen einer Kuh, die man überhaupt je zu Gesicht bekam. Ich darf behaupten, für uns Kunstkenner ist das ein prima Anblick. Wenn ich nicht so bescheiden wäre, würde ich vor stolz platzen. Alle Katzen, die etwas von Kunst verstehen, finden es meisterlich.»

Lilly und Tim schauten sich an und verzogen ihre Gesichter. Tim verdrehte dabei seine Augen, wie nur er sie verdrehen kann. Mit weit geöffneten Augendeckeln ließ er seine Glotzer im Gegenuhrzeigersinn kreisen. An einem bestimmten Punkt der Bewegung, so ungefähr um halb vier, musste er seinen Unterkiefer ein Stück weit zur Seite schieben, da er sonst mit dem Augenverdrehen nicht weiterkam. Das sah ziemlich ulkig aus. Lilly musste immer lachen, wenn er das machte. 

Nachdem Tim die Augen zu Ende verdreht hatte fragte er: «Warum ist die Kuh rot und hat zwei Schwänze?»

«Es ist eine Kuh von der Rückseite des Mondes, mein Guter. Auf der Rückseite des Mondes sind alle Kühe rot und haben zwei Schwänze.» 
«Ach so», antwortete Tim – und rollte nochmal eine Runde mit den Augen. Und Lilly musste nochmal lachen.
Dann zeigte Tim mit dem Finger auf ein Ding in der Mitte des Raumes. «Und was ist das für ein Kunstwerk?» wollte er wissen. Das etwas, auf das er zeigte, erinnerte an ein altes Damenrad. Es war aber kein Damenrad im herkömmlichen Sinn. Der Kettenantrieb verlief nicht zum Hinterrad, sondern nach oben durch die Decke. Und da, wo sich üblicherweise die Lenkstange befand, war etwas montiert, das aussah wie ein Segelmast. Aber in Wahrheit war es ein Katzenbaum. Der Gepäckträger bestand aus einer Konstruktion, von der aus eine Metallstange durch die Rückwand von Schloss Reichenstein ragte. Vor dem Fenster war ein Gestell angebracht, das aussah wie der hintere Teil eines Flugzeugs. Insgesamt erinnerte die Konstruktion an eine Kombination aus Fahrrad, Flugzeug, Hubschrauber, Segelboot und Katzenbaum.

«Das ist kein Kunstwerk», erwiderte Roberta empört. «Das ist meine neueste Erfindung: der sagenhafte 1-A- Flugapparat. Bedauerlicherweise ist dieses außerordentliche Wunderwerk der Technik aber noch nicht zu hundert Prozent funktionstüchtig. Es gibt noch Probleme mit der Servolenkung. Außerdem flackert das Bremslicht.»
«Wow!», entfuhr es Tim begeistert, «machen wir einen Rundflug?»

«Demnächst Amigo. Sobald die Maschine startklar ist, gebe ich euch Bescheid. Ich brauche noch zwei gute Leute. Starke Beine für den Antrieb und starke Arme für die Steuerung. Habt ihr Mumm in den Knochen?»

«Auf jeden Fall!», rief Tim und ballte dabei seine Hände zu Fäusten, als ob er gerade einen Elfmeter verwandelt hätte.

«Wenn das Ding wirklich fliegt, bin ich auch dabei», bestätigte Lilly, mit einem nicht unkritischen Klang in ihrer Stimme. Dann nahm sie die ganze Apparatur etwas genauer unter die Lupe. Durch ein Loch in der Decke konnte sie erkennen, dass am oberen Ende der Kurbelstange zwei Rotorblätter befestigt waren. Auf einem Gestell am Gepäckträger war ein Hebel montiert, der allem Anschein nach als Steuerknüppel diente. Wenn man den Hebel hin und her zog, bewegten sich die Seitenruder vor dem Fenster nach links und rechts.
«Was machen wir in der Zwischenzeit?», wollte Tim wissen, «eine Reise mit der Zeitmaschine vielleicht? in die Zukunft oder so?»

«Oder zur Rückseite des Mondes?», rief Lilly begeistert. «Dann können wir mit Bäumen sprechen und auf roten Kühen mit zwei Schwänzen reiten!» Ein bisschen wunderte sich Lilly selbst über ihren Begeisterung, aber es ist einfach so aus ihr herausgerutscht. 

Da sich die beiden nicht einigen konnten wohin die Reise gehen sollte, machten sie Schnick, Schnack, Schnuck. Tim hatte Papier, Lilly Schere. «Los geht’s also – zur Rückseite des Mondes.» Denn Schere schlägt Papier.  


Samstag, 2. November 2019

Schloss Reichenstein - Kap. 2

Roberta saß auf der Gartenmauer und leckte sich ihre Vorderpfote. Sie leckte und leckte, bis sie so weiß glänzte wie eine polierte Kloschüssel. 
Ein paar Meter neben ihr, auf der Terrasse, versuchte Tim einen Ball zu jonglieren. Er ließ ihn  auf seinem rechten Fuß tippeln. Gelegentlich schielte Roberta zu ihm hinüber und beobachtete aus dem Augenwinkel, wie er den Ball springen ließ. Manchmal zwei Mal, manchmal drei Mal. Einmal sogar viermal hintereinander. 

«Nicht schlecht», dachte sich Roberta. 

«Wo wohnst du eigentlich», fragte Tim schließlich, nachdem er sich seinen Ball unters T-Shirt geklemmt und neben Roberta aufs Mäuerchen gesetzt hatte. 

«Auf Schloss Reichenstein.»
«Du wohnst in einem Schloss?», fragte Tim ungläubig und mit weit aufgerissenen Augen. «In einem echten Schloss?»

«So ist es, mein Guter. Keine Hundehütte. Kein Vogelhaus. Sondern ein Schloss. Ein echtes Schoss. Eine echtes, prachtvolles Katzenschloss. Das schönste in nordöstlicher bis südwestlicher Richtung».

«Ein Vogelhaus wäre aber auch cool. Nur schade, dass du keine Flügel hast.»
«Au contraire. Ich habe Flügel. An meinem Flugapparat.»

«Kannst du damit fliegen?»

«Darum heißt er ja Flugapparat.»

«Kannst du damit auch Eier legen?» 

«Also manchmal redest du wirklich Käse», sagte Roberta und schüttelte den Kopf. 

«Können wir dich mal im Schloss besuchen?»

«Auf Schloss Reichenstein empfange ich nur selten Besucher. Außerdem ist meine Dienerschaft gerade auf Urlaub. 

«Egal», sagte Tim. «Wir haben ja auch keine Dienerschaft und du kommst uns besuchen».

«Auch wieder wahr», sagte Roberta. «Aber es ist ein Stück. Und Wenn man nur zwei Beine hat, dann zieht sich`s». 

«Macht nichts», sagte Tim. Dann sprang er auf und lief zu Lilly ans Fenster. Er hatte immer noch den Ball unterm T-Shirt. Darum sah es etwas bescheuert aus, als er damit losrannte. Nach ein paar Schritten rutschte ihm der Ball dann auch noch unten raus und er musste aufpassen, dass er nicht drüber stolpert. Ging der aber gerade nochmal gut. Alles Technik. 

«Lilly. Wir gehen auf Schloss Reichenstein!» 

«Wohin?», schallte es aus ihrem Zimmer zurück. Sie war gerade dabei einen neuen Dance Move einzustudieren. Sie versuchte ihn mit einem Move zu kombinieren, den sie schon kannte. Sie übte und übte. So lange bis es flutschte. 

«Wir gehen zu Roberta nach Hause.»

Lilly ging zum Fenster. «Wo ist das?»

«Ein Stück von hier. Und wenn man nur zwei Beine hat, dann zieht sich`s!»

«Darum brauchen wir mindestens drei Käsesandwiches und einen dreiviertel Liter Milch, als Proviant», ergänzte Roberta. «Außerdem ist Schloss Reichenstein nur am Sonntag für Besucher geöffnet.» 

«Morgen ist Sonntag», sagte Lilly.

«Dann gehen wir morgen», freute sich Tim.

«Na gut», antwortete Roberta. Und nach drei weiteren Mal Pfote lecken sagte sie: «Um Zwanzig nach Fünf vor Zehn hole ich euch ab.»

«Zwanzig Minuten nach Fünf vor Zehn», wiederholte Lilly, verwundert über Robertas eigenwillige Ausdrucksweise. «Das ist Viertelelf.» 

«Genau um zwanzig Minuten nach Fünf vor Zehn geht's los. Seid pünktlich», gähnte Roberta, während sie sich streckte. Eine Minute früher ist zu früh. Eine Minute später ist zu spät. Das ist wie beim Spaghetti kochen. Wenn man nicht genau den richtigen Zeitpunkt erwischt, schmeckt es nicht richtig. 

«Spaghetti scheint sie auch zu mögen», dachte sich Lilly. 
«Jetzt habe ich Lust auf Spaghetti», dachte sich Tim. 
Dann hüpfte Roberta von der Mauer und verschwand in der Wiese hinterm Haus. Hinter der Wiese begann ein Getreidefeld. Noch etwas weiter, hinter den Feldern, begann der Wald. Eine Zeit lang konnte man noch beobachten wie Robertas Schwanzspitze aus dem hohen Gras heraus lugte. Inmitten vieler, kleiner bunter Wiesenblüten, aus violett, weiß, rot und blau. Die schwarze Katzenschwanzspitze bewegte sich durch die Farbtupfer hindurch wie das Fernrohr eines Unterseebootes in einem Wiesenblumenmeer. 

Am nächsten Morgen, pünktlich um zwanzig Minuten nach Fünf vor Zehn, trafen sich die drei an der Gartenmauer. Lilly schaute noch auf ihre Armbanduhr, bevor sie auf die Terrasse traten. Der Zeiger sprang gerade auf Viertel nach Zehn als sie an der Gartenmauer ankamen. Drei Käsesandwiches, einen dreiviertel Liter Milch und ein passendes Schälchen, hatten sie zusammengepackt und vorsichtig in ihren Rucksäcken verstaut. Vorsichtshalber hatte Lilly noch eine Tafel Schokolade und eine Taschenlampe mit eingepackt. Man kann ja nie wissen.

«Bellissima!, sagte Roberta, als Lilly und Tim zur verabredeten Zeit um die Ecke kamen. «Der Ausflug wird euch schmecken. Bon Appétit!». 

Am Ortsrand begann ein Feldweg. Er führte über sanfte Hügel und zwischen Getreidefeldern hindurch. Die drei folgten dem Feldweg bis zu einer Weggabelung, an der sie rechts abbogen. Ein paar Minuten später kam schon die nächste Weggabelung. Dort gab es ein kleines Treppchen, das zu einer Sitzbank hinaufführte. «Zeit für ein Käsesandwich», sagte Roberta und sprang eilig die fünf Stufen zum Bänkchen hinauf. Es waren noch keine zwanzig Minuten vergangen, seitdem sie losmarschiert sind. «Wir sind doch eben erst losgegangen», sagte Lilly. «Möchtest du wirklich schon Pause machen?». «Dazu ein gutes Schälchen Milch», gab Roberta zur Antwort. Obwohl es im eigentlichen Sinn ja gar keine Antwort war. Tim und Lilly schauten sich nur an und zogen die Schultern nach oben. «Naja, egal», sagte Lilly. Und so setzten sich alle drei auf das Sonnenbänkchen. Tim und Lilly holten die Sandwiches und die Milchflasche aus dem Rucksack. Sie nahmen einen kräftigen Bissen und tranken einen guten Schluck. «Wie lange müssen wir noch gehen?», fragte Tim. 
«Dort hinten steht Schloss Reichenstein.» Roberta machte mit ihrem Kopf eine Bewegung über ihre linke Schulter hinweg und deutete mit ihrer Nasenspitzte in Richtung Waldrand. Lilly und Tim drehten mit vollem Mund ihre Köpfe und suchten angestrengt nach Schloss Reichenstein. Nichts zu sehen. 
«Da ist kein Schloss», sagten die beiden einstimmig. 
«Man kann es nicht leicht erkennen. Es ist ein Tarnschloss.»
«Ein Tarnschloss? Was soll das denn sein?»
«Ein Tarnschloss ist ein Schloss, das getarnt ist», sagte Roberta und schlürfte weiter an ihrer Milch. 
«Ich hab`s geahnt», sagte Lilly und nahm auch einen Schluck Milch. Sie trank direkt aus der Flasche. Nachdem sie getrunken hatte streckte sie die Flasche Tim hin. Aber der sprang stattdessen von der Bank, packte sein angebissenes Sandwich zurück in den Rucksack und stürmte drauf los. «Taaaaaarnschlooooooss» rief er, während er in Richtung des Wäldchens rannte. 
«Nicht so schnell, Amigo!», rief ihm Roberta hinterher. «Du wirst dich verirren, wenn du den Wegweiser übersiehst.» 
Daraufhin drehte sich Tim um und rannte fast genauso schnell zurück, wie er drauflos gestürmt war. «Weeeeeegweiser!» rief er diesmal. 
Auch Lilly packte ihr angebissenes Sandwich zurück in den Rucksack. Roberta hatte ihres bereits verputzt und schleckte nur noch das Schälchen aus. Als sie fertig war packte Lilly alle sieben Sachen zusammen und hüpfte auch von der Bank, um mit Tim in Richtung des Wäldchens zu laufen. Hinter der ersten Baumreihe stand tatsächlich etwas, das aussah wie ein Wegweiser. Je näher sie kamen, desto besser konnten sie ihn erkennen.
Als sie ankamen, blieben sie vor ihm stehen. Lilly versuchte zu entziffern, was auf den verwitterten Schildern stand. «Rückseite des Mondes», stand auf dem obersten Schild. Es zeigte in Richtung eines Trampelpfades, der in den Wald hinein führte. «Zeitmaschine», stand auf einem andern. Lilly las laut vor. Auf einem Schild, das von ihnen aus nach rechts zeigte stand «Schloss Reichenstein». Alle drei drehten ihre Köpfe nach rechts. In etwa zehn Meter Entfernung stand ein großer, knorriger Baum, in den eine Baumhütte gebaut war. Es gab noch weitere Schilder, mit seltsamen Bezeichnungen. «Orakel» oder «Flugapparat» stand da drauf, aber Lilly hörte damit auf alle vorzulesen. 
Ein Stück abseits, hinter Schloss Reichenstein, stand ein altes Autowrack. Genau in der Richtung, wo das Schild «Zeitmaschine» hinzeigte. Es war eine alte Schrottkarre, mit platten Reifen, abgeknickter Antenne und abgebrochenen Außenspiegeln. Auf den ersten Blick war gar nicht leicht zu erkennen, dass da ein Auto stand. Es parkte im hohen Gras, umringt von üppigem Gebüsch. Die Schrottlaube könnte früher einmal hellblau gewesen sein. Der Lack war aber schon so stark von der Sonne verblichen, dass man nur noch ahnen konnte, welche Farbe es einmal gehabt haben könnte. 

«Das ist also Schloss Reichenstein?», sagte Lilly und zeigte mit dem Finger in Richtung der Baumhütte. 

«Ausgezeichnete Tarnung, nicht wahr! Geradezu vorzüglich, könnte man sagen.», gab Roberta zur Antwort.

«Geiles Tarnschloss», rief Tim und rannte hinüber.

Sonntag, 6. Oktober 2019

Keine weiteren Bruchstücke

Neira und Felix saßen draussen im Garten. Zwischen den beiden Liegestühlen loderten die Flammen der Feuerstelle. Neira machte sich Gedanken.

«Weißt du, Felix… letzthin hatte mich ein Ex-Freund wieder angeschrieben. Den, mit dem ich von 2010 bis 2012 eine Beziehung hatte. Er hat mir rundheraus geschrieben, er möchte gerne wieder eine Freundschaft genießen, und gerne eine platonische Beziehung führen…»

«Hmmm…», antwortete Felix.

«Ich habe dann nachgeschaut, was denn eine platonische Beziehung ist. In Platons ‹Symposion› schreibt er, die Liebenden sollen sich einander als Philosophen begegnen. Die Wahrheit erkennen, die Wirklichkeit ihrer Beziehung ergründen, höhere und höhere Erkenntnisstufen erklimmen…»

«Hmm…»

«Und da antwortete ich ihm, das sei mir zu viel Aufwand, so eine platonische Beziehung. Und das aufrichtige, tiefgründige Kennenlernen der anderen Person ist mir ohnehin zu intim.»

«Hmm…»

«Aber, Felix, was machen wir eigentlich morgen?»

«Hmm…»

«Felix…»

«Lass mich nachdenken.»

Damit begann sie, einen Teil des Geschirrs in die Wohnung zu räumen. Felix knabberte noch ein wenig, in Gedanken versunken, an einem Pouletschenkel. Und warf den Knochen in die Flammen.

Nach einem kurzen Zischen knackte der Knochen.

Und dann räumte Felix seinen Teil des Geschirrs ab und ging ins Haus.

Neira war schon im Tiefschlaf, als Felix ins Schlafzimmer trat. Seufzend entledigte er sich seiner Kleider, legte sich neben sie, und deckte sich zu.

Und wälzte sich unruhig im Bett.

Er dachte an den Hühnerknochen.

Er zog den Trainingsanzug an, trippelte leise in die Flur hinunter, und verscheuchte die Spinne, die sich in der Ablage gemütlich gemacht hatte und die Stirnlampen beaufsichtigte. Dann trat er in die kühle Nacht hinaus.

«Längs gespalten… keine weiteren Bruchstücke… die Bruchkante ist sehr rau.» Über die physikalische Ursache dieses Bruches machte er sich wenig Gedanken, umso mehr über dessen Form.

Kurz bevor er zu frösteln begann, vergrub er die Knochensplitter im Beet, in welchem die Tomaten wuchsen, und begab sich wieder ins Haus.

Der nächste Tag hatte es in sich. Felix und Neira hatten beide viel zu tun. Neira musste an einer Sitzung über die neue Überstundenregelung teilnehmen, und Felix saß in einer Sitzung über die Umsetzung der neuen Arbeitszeitkontrolle.

Endlich war die Sitzung zu Ende, endlich taumelte Felix müde aus dem Sitzungszimmer hinaus, besuchte die Toilette, wusch sich das Gesicht. Nur nicht müde werden! An die Splitter denken!

Als er endlich draußen war, im Auto saß, notierte er sich eine Einkaufsliste. 600 Gramm Tomaten, zwei Chilischoten – die scharfen, zwei Dosen Bohnen, zwei Zwiebeln, vielleicht noch frischen Knoblauch, Schweinsvoressen, mageren Speck, eine kleine Dose Maiskörner.

Das Kaufhaus hatte noch geöffnet. Und Neira schrieb ihm, es würde noch etwas länger dauern, mit ihrer Sitzung.

Er dachte nochmals an die Knochensplitter. Der längs gespaltene Oberschenkelknochen sagte ihm, dass sich vielleicht eine Trennung anbahnen würde, wenn sie weiterhin so viele Überstunden machen. Wenn sie sich weiterhin so anschweigen, wie gestern abends. Die raue Bruchfläche zeigte ihm: Es würden ebenso raue Zeiten bevorstehen. Er musste handeln. Die ganze Beziehung ist in Gefahr.

Er raste nach Hause, begann zu kochen, fand im Keller den alten Gaskocher, den sie nie gebraucht hatten. Im Garten befanden sich shcon die zwei Liegestühle und die Wolldecken, packte alles ins Auto, und wartete draussen auf dem Sitzplatz.

«Felix…», sagte sie und stolperte in seine Richtung, «Ich bin müde.»

«Wir gehen essen.»

«Essen? Gehen?»

«Ja. Steig ein!»

Am Waldrand kamen sie an, packten den Krempel aus, und konnten dank des vorgekochten Chili con carne – und dank des Camping-Kochgerätes – ziemlich schnell die Mahlzeit genießen. Und, nach einigen Kannen frisch gekochtem Tee, bestaunten sie, wie so oft zu Beginn ihrer Beziehung, den Sternenhimmel. Viele aufgestaute Themen konnten beackert werden, viele neue Ideen erwachten, und sie fanden auch einige Ansätze, um den alltäglichen Sorgentrott einzudämmen.

Einige Wochen später wurden sie unabhängig voneinander von Kollegen angefragt, ob sie für einen sehr guten Freund den Trauzeugen spielen könnten. Die Sache sei streng geheim, wurde ihnen aufgetragen, und für den Nachmittag bräuchten sie ein sehr gutes Alibi.

Sie sagten beide «Ja», als sie sich im Standesamt gegenüber standen.

Nochmals einige Wochen später saß Felix im Garten, mit seinem Laptop, den er anscheinend fast immer dabei hatte.

«Felix, was machst du gerade?»

«Schreiben. Etwas über das Leuchtfeuer. Das ist das Thema dieser, äh, Schreiber. Und ich habe keine Idee, wie ich das umsetzen könnte. Noch gar keine.»

«Aber ich hab dir eine andere Idee.»

«Oh. Welche denn?»

«Schreib doch über diese Hühnerknochen, die bei den Tomaten gefunden habe.»