Es war
wieder soweit. Friedrich schaukelte bedächtig und in langen und langsamen
Bewegungen auf seinem Stuhl hin und her und genoss das massierende Gefühl in
seiner Körpermitte. Er freute sich Woche um Woche auf diese Treffen, auf die guten Gespräche, den feuchten Duft von dampfendem
Kaffee und frischem Gebäck. Friedrich wusste, dass diese tiefe, unkomplizierte und durch und durch wohlwollende Vertrautheit unter Freunden etwas sehr seltenes und kostbares war. Und er wusste, dass Sören es auch wusste.
Während
Sören seinen Croissant in die große gelbe Tasse tauchte und es längst aufgab auch nur
den Versuch zu unternehmen sich nicht mit herunterfallenden Bröseln zu
bebröseln, räusperte er sich und sagte: „Es sind noch 323 Tage. Meine Zeit
läuft ab wie Sand in einem Stundenglas und ich denke darüber nach was ich mit
meinem Leben sinnvoller Weise anstellen könnte. Ich versuche die Zeit anzuhalten
und wehre mich gegen die Möglichkeit vom Ende aller Möglichkeiten. Ich lehne
mich dagegen auf und versuche mich diesem schleichenden Faktum mit aller Kraft
entgegenzustellen.“
„Das
tönt in der Tat nach einem aussichtslosen Kampf – der Versuch die Zeit
anzuhalten.“
„Was
wäre – so frage ich mich – der Sinn von Sein, wenn es in ein Nichts hinein
ausliefe? Die Zeit vergeht und ich vergehe mit ihr. Warum zum Henker sollte ich
nach Selbsterkenntnis streben, wenn nichts davon übrig bliebe? Wozu
Glückserlebnisse oder gute Taten anhäufen, wenn sie wie Schall und Rauch in der
Zeit verschwänden? Ist es gut eine große Reise zu unternehmen, um andere
Kulturen und Kontinente zu entdecken… oder soll ich die Zeit besser nutzen,
indem ich möglichst viel davon mit meinen Freunden... meiner Liebsten... meiner
Familie verbringe… soll ich das verbleibende Leben so lustvoll wie möglich
gestalten… oder besser philosophieren und meditieren, um nach einer Lösung des
Lebensrätsels zu suchen …oder – vielleicht noch besser? – beten, um mir einen Platz
im Himmel zu sichern? Ich fühle mich blockiert zwischen vielen Optionen, weil
mir das Kriterium für die richtige Wahl fehlt. Wie ein Esel zwischen Heuhaufen fühle
ich mich. Hin und her gerissen zwischen den unterschiedlichsten Möglichkeiten –
geradezu entscheidungs- und bewegungsunfähig. Diese Heuhaufen stehen da so nebeneinander
rum... zu meiner freien Verfügbarkeit... und viele scheinen mir irgendwie und in
gleicher Weise gültig zu sein.“
„All diese
Lebensmöglichkeiten und der Mangel an Kriterien für eine richtige Entscheidung.
Du kannst mir glauben, Sören. Ich kenne das. Das macht mich bisweilen auch fertig. Will sagen, wenn
diese Optionen gleich gültig nebeneinander stehen, dann werden sie doch alle auch
irgendwie gleichgültig – oder
nicht?“
„Weißt
du – eigentlich wollte ich dieses Experiment nutzen, damit es mich empor zieht
und ich dadurch meine Tage mit Leben füllen kann. Nun jedoch
fühle ich mich wie ein verängstigtes Kaninchen, das erstarrt vor einer großen Schlange
hockt und darauf wartet gefressen zu werden. Ich sehe nur noch das drohende
Ende. Es gibt kein Entrinnen. Wozu überhaupt irgendwas tun, wenn in absehbarer
Zeit sowieso alles vorbei ist?“
„Je
länger ich uns zuhöre, Sören, desto mehr kommt mir die Geschichte von der
Mörderschlange in den Sinn.“
„Was
ist damit?“
„Während
Friedrich immer noch auf seinem Küchenstuhl hin und her schaukelte und mit
seinen Fingern kaffeegetränkte Brösel aus seinem kolossalen Schnauzbart zupfte,
setzte er an die Geschichte von der Mörderschlange zu erzählen:
„Tief
im Wald wohnt eine Mörderschlange. Alle Tiere des Waldes haben große Angst vor
der Mörderschlange, denn sie hat eine schwarze Liste mit den Namen all jener
Tiere darauf, die sie töten wird.
Der
Wolf nun hatte diesbezüglich kein gutes Gefühl und entschied sich die
Mörderschlange aufzusuchen. Er wollte sich Klarheit verschaffen und fragte die
Mörderschlage: »Du Mörderschlange – steht mein Name eigentlich auch auf deiner
schwarzen Liste?« Die Mörderschlange antwortete knapp und unmissverständlich mit
– »Ja«. Der arme Wolf war entsetzt
und doch auch ein bisschen erleichtert endlich von seiner quälenden
Ungewissheit befreit zu sein.
»Mörderschlange« – fragte der Wolf weiter, nachdem sich seine erste Benommenheit etwas gelegt
hatte: »Kannst du damit vielleicht noch warten bis ich alle meine Freunde versammelt habe, um mit ihnen ein großes, ein allerletztes Fest zu feiern?«
»Das
kann ich schon machen, Wolf. Kein Problem.«
Der
Wolf dankte der Mörderschlange und lud seine Freunde zu einem allerletzten
großen Fest ein. Am nächsten Morgen aber lag der Wolf mausetot auf dem Boden
des Waldes.
Wie
auch schon der Wolf ein ungutes Gefühl hatte, so hatte auch der Fuchs seine
Befürchtungen. Also ging auch er zur Mörderschlange, um sie zu fragen, ob auch sein
Name auf der schwarzen Liste steht. »Ja Fuchs – auch dich werde ich töten« lautete die Antwort der Mörderschlange.
Ermutigt
durch die gute Idee seines Schicksalsgenossen fragte auch der Fuchs die
Mörderschlange. »Mörderschlange – kannst du noch damit warten bis ich alle
meine Freunde des Waldes versammelt habe, um mit ihnen ein allerletztes großes
Fest zu feiern?«
»Kein Ding,
Fuchs. Auch du sollst deinen Abschied feiern.«
Es kam
schließlich wie es kommen musste. Am Morgen nach der letzten großen Feier lag
der Fuchs mausetot auf dem Boden des Waldes.
Endlich
wollte auch der Hase wissen, wie es um ihn bestellt sei. Und so ging auch er zur
Mörderschlange und fragte: »Steht auch mein Name auf der
Liste?«
»Ohja,
Hase – auch dein Name steht auf der Liste.«
»Mörderschlange«
fragte der Hase weiter – wäre es denn möglich, dass du mich von der Liste
streichst?«
»Klar
doch, Hase. Ich streiche dich von der Liste – kein Problem.«
Sören
lachte auf. „Du meinst also ich müsste mit einer anderen Fragestellung einen
anderen Zugang zum Problem wählen, damit es seinen bedrohlichen
Charakter verliert – weil ja auch alles ganz anders sein könnte?“
„Vielleicht – ich weiß auch nicht genau. Es ist nur eine Geschichte, die mir in den Sinn
gekommen ist.“
„Aber
wenn wir deiner Intuition folgen, Friedrich – wie könnte jener ganz andere
Zugang aussehen? Könnte die Schlange, vor der ich gleichsam erstarrt hocke, womöglich
so eine Art Tor zu einem besseren Leben darstellen? Eine Art Trost oder Versprechen
für ein besseres Leben, das nach diesem Leben auf mich wartet?“
„Mmh,
da bin ich mir nicht sicher – gäbe es dann nicht lediglich einen zweiten Grund
nicht schon jetzt wirklich zu leben?“
„Wie
das?“
„Ich
weiß nicht, ob ich dich richtig verstanden habe – aber sagtest du nicht, dass du
dich wie geschlagen fühlst durch eine Art Lebenslähmung, weil alles was du tust
in ein bedeutungsloses Nichts hinein auslaufen könnte und dir damit jeder Sinn abhanden
zu kommen scheint?“
„Doch
ja – so ungefähr.“
„Wenn
wir nun die Schlange als eine Art Tor zu einem besseren Leben verstehen, könnte
das dann nicht schlicht damit zusammenhängen, dass wir von diesem vergänglichen
und dadurch frustrierenden diesseitigen Leben enttäuscht sind und darum Trost
und Hoffnung in einem jenseitigen Wolkenkuckucksheim suchen? Dann wäre die
Schlange wie das Versprechen einer perfekten Hinterwelt – einer Welt hinter die
wir uns flüchten möchten, weil uns diese unperfekte diesseitige Welt ablöscht,
verängstigt und frustriert und wir uns deswegen von ihr abwenden.“
„Ich verstehe
worauf du hinaus willst, Friedrich… und ja – wenn ich ganz ehrlich bin und
diesen Gedanken auf mich wirken lassen, dann ist da wahrscheinlich auch einiges
dran. Bei Licht betrachtet muss ich mir nämlich durchaus eingestehen, dass ich ein
Ressentiment gegen diese Welt und dieses Leben hege.“
„Ein
Ressentiment?“
„Zumindest
spüre ich eine seltsame Genugtuung, indem ich mit einer auffallend undankbaren
Haltung durchs Leben gehe und all die Geschenke, die mir das Leben bietet, achtlos als Selbstverständlichkeiten hinnehme. Und zwar deswegen, weil mir
das Leben ohnehin wieder alles entreißt. Darum lehne ich seine Gaben lieber
gleich ab – aus Angst vor Verlust – vielleicht auch aus einer Art
Rachsucht, wegen der zahlreichen Frustrationen und Grausamkeiten, die mir das Leben
bereits angetan hat... und nicht nur mir, sondern zahllosen anderen Lebewesen in
noch viel unerträglicherem Ausmaß... man muss ja nur mit offenen Augen in die
Welt hinein schauen oder eine Zeitung lesen – nicht wahr?“
„Du meinst also, dass in deiner Undankbarkeit oder Verweigerung dem Leben gegenüber angestaute
Wut und Frustration zum Ausdruck kommen? Frustration darüber, dass das Leben
bisweilen doch sehr unsinnig und grausam sein kann und es dir früher oder später alles, was es dir leiht, auch wieder zurückfordern wird?“
„Ja
genau, denn offen gesagt fühle ich mich vom Leben immer wieder bitter enttäuscht
und betrogen. Ich finde darin keinen stabilen Halt und keine wirkliche Sicherheit. Es reagiert nicht auf
meine Nöte und liefert mir auch keine Antwort auf die Frage nach dem Sinn
von allem. Mir kommt es vor als sei das Leben mir gegenüber ganz und gar
achtlos. Es macht mir zwar immer wieder Geschenke, aber nur, um sie mir bald
schon wieder zu entreißen. Es stattet mich zwar großzügig aus mit Gesundheit;
einer unfassbar bunten und vielgestaltigen Umgebung; auch mit noch durchaus jugendlich
zu nennendem Tatendrang; und Menschen, die ich recht lieb haben kann – und die auch mich lieben; aber dann,
früher oder später... nimmt es mir jäh und je alles wieder weg. Da frage ich
mich: »Wer hat mich in das Ganze hineinbetrogen, und lässt mich nun dastehen?
Wer bin ich? Wie bin ich in diese Welt hineingekommen; warum hat man mich nicht
vorher gefragt, warum hat man mich nicht erst bekannt gemacht mit Sitten und
Gewohnheiten, sondern hineingestukt in Reih und Glied als wäre ich gekauft von
einem Menschenhändler? Wie bin ich Teilhaber geworden in dem großen
Unternehmen, das man Wirklichkeit nennt? Gibt es einen verantwortlichen
Leiter?«[1]
„Wozu
das Alles?“ sagte Friedrich – mit einem verblüfftem Grinsen im Gesicht das fast
so breit war wie sein kolossaler Schnurrbart.
„Ja Friedrich
– Wozu das Alles?“ wiederholte Sören, nicht ohne Selbstironie und doch mit der
aufwallenden Lust mit dieser Welt, in die er sich hineingeworfen fühlte,
endlich abzurechnen. „Dieses frustrierende Miststück kann mir gestohlen
bleiben! Und ja – dann muss es sich auch nicht wundern, wenn ich seine Geschenke
ausschlage und mich von ihr abwende. Ich bin ja schließlich nicht von ihr
abhängig!“ – brach es schallend aus ihm heraus, indem ihm immer klarer wurde,
dass es etwas in ihm gab das diesen Unsinn, den er da abließ, tatsächlich für wahr
hielt.
Angestachelt
durch Friedrichs dionysischen Applaus redete sich Sören förmlich in
Rage. „Ich habe schließlich ganz andere Optionen… Ich habe mich schon längst in
eine ganz andere und viel bessere Welt verliebt... eine, die richtig sexy
ist... die meine Bedürfnisse nicht ignoriert, sondern die sofort und überschwänglich
alle meine Nöte erkennt und besänftigt... und darum spucke ich dieser diesseitigen Welt,
die mich immerzu so schlecht behandelt und mich regelmäßig mit einem Gefühl
des Mangels zurücklässt vor die Füße... und wende mich einer viel Besseren zu...
einem richtig geilen, prallen und ewigem Leben, indem alle meine Wünsche schön gestillt
werden und nichts mehr einfach gegen meinen Willen zu Ende geht. Dort werden
dann alle meine Ansprüche tipptopp befriedigt. Ha – das ist Leben! Und dieses klägliche
Diesseits hier wird dann schön enttäuscht sein, wenn ich mich von ihm ab- und
meiner neuen und viel besseren und mit allen Vorzügen ausgestatteten perfekten Hinterwelt
zuwende; dann endlich weiß sie wie es sich anfühlt ständig frustriert,
enttäuscht, verletzt und zurückgelassen zu werden. Das wird mein Triumph, Mann!
– sagte Sören, nun voll in Fahrt geraten und kriegte sich über seine unverkennbar
durchgeknallten Vorstellungen fast nicht mehr ein; aber nicht weil ihm das so
schräg vorkam, sondern weil er das Gefühl hatte endlich einmal einer
verqueren Vorstellung Luft machen zu können, die tief und verborgen in seiner Seele wohnt.
Friedrich
hatte längst damit aufgehört sich die Brösel aus seinem Bart zu zupfen und in schwungvollen Bögen durch die Küche zu schnipsen. Vielmehr hatte er Freude an Störens erfrischenden Bekenntnissen. Er lachte und lachte und konnte nicht aufhören zu lachen – so sehr lachte er, bis es ihm Tränen in die Augen trieb... ohne zu wissen, ob ihm die Tränen aus Heiterkeit oder Pein in die Augen stiegen. Klar war ihm nur, dass Sören sich selbst und insgeheim auch ihm die Maske des klugen Philosophen vom Gesicht riss... und dadurch etwas entlarvte, was hinter dieser Maske verborgen lag – nämlich ein trotziges, tieftrauriges und schutzbedürftiges kleines Kind, das um Halt, Geborgenheit und liebende Fürsorge flehte. Diese Entlarvung war beiden zwar äusserst peinlich und unangenehm, aber sie fühlten sich dadurch auch erleichtert und befreit, endlich auf so eine unzensierte Weise offen und ehrlich miteinander sein zu können. Das fühlte sich gut an. Sie konnten sich einander in ihren verborgensten Seiten zeigen; sie spürten, wie sie sich gegenseitig darin erkannten und einander nicht verurteilen. In dieser aufrichtigen Nähe und Verbundenheit fühlten sie sich gut aufgehoben. Es macht glücklich miteinander ehrlich sein zu dürfen, dachten sie sich.
„Aber
genau so ist Leben“ sagte Friedrich schließlich, nachdem auch er sich wieder gefangen
hatte und in der Lage war tief durchzuatmen. „Laufend vergeht, zerfällt und verändert sich Alles. Ein dauerndes Entstehen und auch wieder zu Grunde
gehen. Ich sehe darin keinen ewig bleibenden Hort der immerwährende Sicherheit
garantiert. Ich erkenne auch nirgends einen Fixpunkt, an dem dieser Strom einmal
sein Ende finden könnte. Auch sehe ich in diesen Bewegungen durch die
Weltgeschichte kein sinnstiftendes finales Ziel. Heute ist, was gestern noch nicht war
und Morgen einmal gewesen sein wird... ein ewiger Fluss, der jeden Augenblick
neu macht und nie Dagewesenes zeitigt, aber vielleicht ist es ja genau das – das eigentliche
Wesen des Lebens – Entstehen und Vergehen! Leben und Tod! Beides ereignet sich
genau jetzt, in diesem Moment. Dieser Augenblick ist immer da... und immer auch schon im Verschwinden begriffen. Stillstand wäre Tod, Wandel
hingegen bedeutet Leben. Vielleicht gibt es ja gar kein anderes Leben als genau
dieses allgegenwärtige und ewige Werden der Natur... ganz langsam oder
blitzschnell – aber immerzu alles verändernd.“
„Und warum
sollte das Leben mit dieser fortwährenden Creatio irgendwann einmal damit aufhören Neues hervorzubringen? Könnte das nicht die Frage eines klugen Hasen sein? Kann dieser ewige Fluss des Lebens jemals zu einem Ende
kommen – denn wie sollte das geschehen? Die Zeit hält doch unaufhörlich alles in
Bewegung. Es bleibt nichts stehen. In jedem Augenblick geschieht Wandel und
ereignet sich Neues... und ist das Leben nicht ebengerade dadurch, durch
diesen endlos sich vollziehenden schöpferischen Akt erst eigentlich göttlich,
zeigt sich das göttliche Wesen des Lebens nicht ebengerade in dieser Allgegenwart, in der
in jedem Augenblick nie Dagewesenes neu zur Welt kommt? ...und müssten wir dann
nicht, um gut zu leben und Gott wirklich zu lieben, nicht erst JA sagen lernen zu diesem Leben, so wie es ist... ohne Abzug... also das
Entstehen und Zugrundegehen vollends akzeptieren und lieben lernen?!“
„Paradoxerweise
wäre ja dann ausgerechnet der Tod – also das Vergehen – der eigentliche Garant
für Lebendigkeit und Kreativität, weil durch das dauernde Werden der Natur jede Starrheit
und jeder Stillstand aufgebrochen wird... und erst durch jene Risse und Brüche in unserer Existenz kann uns wieder Neues und Unvorhergesehenes ein- und zufallen.
Sogar Sterne prallen aufeinander – und es entstehen neue Welten. So ist das Leben!
Der Tod wäre – so betrachtet – nicht das Gegenteil des Lebens, sondern vielmehr und viel richtiger das eigentliche Urgesetz allen Lebendigseins!“
Sogar Sterne prallen aufeinander – und es entstehen neue Welten. So ist das Leben!
Der Tod wäre – so betrachtet – nicht das Gegenteil des Lebens, sondern vielmehr und viel richtiger das eigentliche Urgesetz allen Lebendigseins!“
„Bravo,
Bravo – jubelte Sören! Denn wenn das Leben tatsächlich Werden ist, dann ist auch der
Tod – als dessen Grundzug – kein endgültiges und final abgeschlossenes Faktum mehr. Denn das Werden nimmt kein Ende und setzt alles fort –
wie könnte es auch anders sein? Kann die Zeit etwa stehen bleiben? Gibt es
irgendwo einen Schalter, der das große Getriebe, das wir Leben nennen, zum
Stillstand bringt?“
„Wohl kaum! Es gibt gar kein Ende – sondern nur Übergänge zu Neuem!“
„Und ist
unser Leben durch diese dauernde Öffnung dann nicht auch durch und durch
poetisch angelegt? Denn wenn das Leben Werden ist, dann gibt es darin kein auf ewig
begrenztes und abgeschlossenes Ding; dann bleibt sogar unsere Vergangenheit grundsätzlich
offen und unabgeschlossen... und kann in dieser Offenheit neu erzählt, wiederholt,
verändert und gestaltet werden… und so kann selbst die Vergangenheit durch neue Erfahrungen und neue Erkenntnisse
und neue Perspektiven in eine gänzlich neue und sinnstiftende Geschichte umerzählt und verwandelt
werden. Dieses dauernd aufbrechende Entstehen und Vergehen eröffnet die
Freiheit uns immerzu neu zu erfinden!“
„Das Zu- und Einlassen jener dauernden und unkalkulierbaren Öffnung des
Lebens müsste dann als notwendiges Vorspiel eines gelingenden Lebens betrachtet
werden – um in Übereinstimmung mit der Realität des ewigen Werdens zu Leben und nicht
an ihr vorbei.“
„Das wäre eine lustvolle Annäherung an das Leben... und ein notwendiges Vorspiel, um sich mit dem Leben vermählen
zu können... um mit ihm eins werden zu können... ganz in es einzudringen... und
sich von dieser Welt und diesem Leben penetrieren lassen und darin aufzugehen...“
„Und fühle
ich mich nicht um so lebendiger je näher ich dem Tode komme? Denn je
riskanter ich lebe desto vitaler fühle ich mich... wäre ebendieser Akt des leidenschaftlichen
und hingebungsvollen Einlassens nicht wie ein kleiner Tod... in dem ich auf-
oder untergehe… Klimax?“
Ode an den Tod! - oder doch das Leben? Sehr schön jedenfalls! :)
AntwortenLöschen...oder doch an die Freude? ...seit umschlungen Millionen! Diesen Kuss der ganzen Welt! :)
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