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Zitat des Monats

Wenn der Wind des Wandels weht, bauen die Einen Schutzmauern, die Anderen bauen Windmühlen.

Chinesische Weisheit

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Liebe Schreibende

In unserer hektischen Welt, dominiert von High-Speed-Rechnern, Zeitmangel, Medien, Facebook und Leistungsdruck, versuchen wir uns hier eine kleine Insel der Besinnung zu erhalten. Sich einmal im Monat in Ruhe niederzusetzen, sich mit einem Thema eingehend zu beschäftigen und dann die passenden Worte zu finden, um seine Gedanken mit anderen zu teilen, erscheint mir dabei ein geeigneter Weg, aus dieser Alltagshektik auszubrechen.

Sollten wir innerhalb eines Jahres genügend Beiträge beisammen haben, werde ich diese zusammentragen und in Buchform drucken lassen. So hat man dann Ende Jahr ein schönes Büchlein zur Hand - zur Erinnerung, oder als Geschenk zu Weihnachten, oder auch, um die Heimbibliothek mit einem eigenen Werk etwas auszubauen.

Dann also viel Spass beim Schreiben!

Eilean

Montag, 31. August 2015

Es ist unmöglich


Es regnete einen warmen Sommerregen. Die Türglocke läutete. Eckhart ging und öffnete. Friedrich stand tropfnass vor ihm. Eckhart bat ihn herein. Die beiden gingen auf die Terrasse hinaus. Friedrich steckte sich eine Zigarette an. Eckhart tat es ihm gleich. Sie setzten sich auf hölzerne Stühle und Eckhart schaute Friedrich fragend an.

„Ich will dir lieber nicht meine Leidensgeschichte erzählen.“

Wenn jemand so etwas sagt, das wusste Eckhart genau, dann führt er genau das im Schilde. Aber das machte Eckhart nichts aus – und daher sagte er:

„Das macht mir nichts aus.“

Friedrich lächelte – weil er merkte, dass Eckhart es auch so meinte.

„Ich sage dir – zurzeit setzt mir das Leben ordentlich zu. Es ist als ob ein Fluch auf mir lastet. Alltagswidrigkeiten und Pech an allen Fronten. Seit bald drei Wochen habe ich einen enorm schlechten Lauf.“

„Das ist blöd.“

„Allerdings! Aber die Enttäuschungen auf der zwischenmenschlichen Seite machen mir am meisten zu schaffen. Das setzt mir mehr zu als alles andere.“

„Kann ich mir gut vorstellen. Was ist passiert?“

„Wie du weißt hatte ich bis vor kurzem noch das Gefühl in einem Pool sozialer Möglichkeiten zu baden. Das war schön. Ich war fest im Glauben Freunde zu haben die für mich da sind wenn ich in Not gerate und dass ich sogar noch Neue dazu gewinne. Ich fühlte mich gesegnet von den vielen intensiven, heiteren, spannenden und inspirierenden Begegnungen. Dann trat Lara Zeh in mein Leben und es wurde noch besser. Sie ist mir recht ans Herz gewachsen. Sie ist mein Lieblingsmensch.“

„Noch einer?“

„Ja – sie ist mein Lieblingsmensch.“

„Alles klar.“

„Es passiert mir so gut wie nie, dass mich Menschen so tief berühren. Es wurde immer näher... vertrauter... aber dann, auf einen Schlag – gleichsam über Nacht – hat sich alles gewandelt. Und für Lara Zeh war ich nur noch Plan B.“

„Ah!“ – fügte Eckhart hinzu, weil er es sich nicht nehmen lassen wollte dieser kleinen Witzigkeit noch etwas dranzugeben.

Friedrich rollte mit den Augen und bemerkte gleichzeitig wie es ihm gut tat mit Eckhart darüber zu sprechen. „Aber was ganz übel ist“, so fuhr er fort, „von einem Tag auf den anderen schien sich auch kein anderer Mensch mehr für mich zu interessieren. Mein Hochgefühl hat sich in Luft aufgelöst und ich fühlte mich stehengelassen wie ein Aussätziger. Ich war wirklich ein armer Tropf. Sogar du konntest nicht für mich da sein. Aus gutem Grund zwar, das weiß ich – aber so hat es sich halt ergeben. Und ich sage Dir – so geht es mir seit Wochen. Am laufenden Band. Es ist unfassbar.“

„Das tönt wie verhext. Aber ich kenne das. Oft kommt eins zum anderen. Doch es ist  nichts weiter als eine ungute Verkettung saublöder Umstände. Eine Phase, die auch wieder vorüber gehen wird.“
   
„Gewiss. Ich weiß auch, dass es vermutlich niemand böse mit mir meint. Und doch hat es mir enorm zugesetzt."

„Vor allem die Sache mit Lara – nicht wahr? Ich weiß ja was sie dir bedeutet."

„Lara Zeh tut weh“, sagte Friedrich mit zartbitterem Klang in seiner Stimme – und fuhr fort: „In der Nacht in der mein unglückseliger Lauf seinen Anfang nahm träumte ich von ihr. Einen Traum, der im Grunde bloß widerspiegelt was ohnehin passiert ist – indem aber vielleicht auch noch mehr steckt. Ich weiß nicht genau.“

„Erzähl mir davon!“

„In diesem Traum habe ich wieder einmal die blaue Blume besucht. Ich bin die Stadt hinaus bis in die Berge gegangen. Dort stieg ich wiederum in die Höhle hinab. Ich versenkte mich in ihren Abgrund. Wiederum habe ich mich in das Wasserbecken gleiten lassen und wiederum durchschwamm ich es bis zum anderen Ufer. Und als ich dann vor der ersehnten lichtblauen Blume stand spürte ich in meinem Herzen viel Liebe für die Blume. Dieses Mal jedoch stand ich nicht alleine vor ihr. Denn bald schon trat ein Anderer hinzu. Er kam aus der Dunkelheit und war auf einmal da. Ich erinnere mich daran, dass seine Bewegungen kraftlos waren und ich konnte erkennen, dass er an einer verborgenen inneren Krankheit litt – und doch war er ungewöhnlich zielstrebig. Denn als jene Gestalt näher kam, begann er sogleich sich der blauen Blume anzunähern. Er streckte seine langen Finger nach ihr aus; und seine Berührungen waren zärtlich gemeint; und die blaue Blume ließ es zu; er drehte und wendete sich um sie herum und berührte sie unentwegt mit einer nahezu beiläufigen Selbstverständlichkeit; er wollte einfach nicht damit aufhören nach ihr zu greifen und sie zu liebkosen.
Ich beobachtete das Geschehen und sah wie sich die blaue Blume ein wenig zu zieren schien. Ganz so als ob es ihr allzu zudringlich war. Vielleicht jedoch war er ihr auch nicht zudringlich und es war ihr aus einem anderen Grund nicht recht. Irgendetwas stimmte auf jeden Fall nicht  oder wünschte ich mir das nur? Ich kann es nicht sagen. Sie ließ ihn jedenfalls gewähren und begann damit auch ihn zärtlich zu berühren...
Obwohl es mich schmerzte zu sehen wie die blaue Blume nicht mir sondern ihm zugeneigt war... und sich von ihm liebkosen ließ und nicht von mir... und sie seine zärtlichen Berührungen gar noch erwiderte… ja trotzdem fühlte ich mich der blauen Blume verbunden. Ich fühlte mich sogar beiden nah  dem Honk und der Blume.
Als es in der Höhle dunkler wurde begann er schließlich – für mich ganz überraschend – an ihr zu ziehen. Ich traute meinen Augen kaum, weil er, ohne dass ich je damit gerechnet hätte, tatsächlich und ganz selbstverständlich damit begann an ihr zu ziehen. Und zu meiner großen Überraschung ließ sie an sich ziehen. Sie ließ sich tatsächlich von ihm ziehen... und sie bewegte sich empor... sie bewegten sich beide empor... und er zog weiter und weiter... und ich war nicht mehr imstande zu sagen, ob sie nun an ihm zog oder er an ihr... und ich glaube auch sie wäre nicht imstande gewesen zu sagen was da geschah und wer an wem zog. Es geschah einfach... und sie stiegen immer höher und höher... bis sie mit ihm in der Höhe ihrer Höhle verschwand, wo ganz hoch oben ein Lichtstrahl den Fels durchbrach.
Noch kurz vor ihrem Aufstieg lächelte sie mir zu. Das Gesicht von Lara Zeh, das im Blütenkranz schwebte lächelte mir noch einmal zu... und ich spürte wie die blaue Blume mich ein wenig mit ihren Blättern berührte bevor sie aufstieg und in der Höhe ihrer Höhle verschwand. Letztlich jedoch stand ich alleine am dunklen Grund der kalt gewordenen Höhle.
Ein tiefer Schmerz und eine bittere Traurigkeit breiteten sich in mir aus. Und als ich mich daran machte die Höhle wieder zu verlassen konnte ich den Ausgang aus der kalten und dunkel gewordenen Höhle nicht mehr finden. Dann erwachte ich – aber die Verwirrung und Enttäuschung und der Schmerz und die Trauer waren noch immer da... und auch meine Ungewissheit, ob ich je wieder den Ausgang aus der Höhle finden würde... und ob die blaue Blume sich mir je wieder zuneigen wird... all das verflog mit dem Erlöschen des Traums nicht, sondern blieb bei mir.“

„Mmh  summte Eckhart anteilnehmend. Und nach einer langen Pause atmete er tief ein und sagte: „Ich frage mich ernsthaft, ob dein »unguter Lauf« nicht vielmehr ein Segen ist als ein Fluch.“

„Was? Wie könnte das ein Segen sein und kein Fluch?“

„Nun, ich kann natürlich gut nachempfinden und verstehen, wie mies es dir geht.“

„Saumäßig mies!“

„Schon klar – aber ich bin mir echt nicht sicher, ob du den Traum gut verstehst wenn du darin nicht mehr als ein blumige Nacherzählung deiner Erlebnisse mit Lara Zeh erkennst. Ich meine es ist freilich nicht verkehrt darüber nachzudenken, was das mit der äußeren Lara Zeh zu tun hat und welche Schlüsse du daraus ziehen solltest; aber mir kommt in den Sinn, dass der Traum auch in eine andere Richtung weist – nämlich nach innen. Es ist eindeutig ein Produkt deiner Seele und im Traum steigst du tief in sie hinab.“

„Das finde ich jetzt interessant – was du da sagst. In meinem Leben hatte ich tatsächlich schon oft den Eindruck zu vielen wichtigen Fragen in der falschen Richtung zu suchen. Also im Außen anstatt im Innen. Auch bei der Suche nach Antworten auf die großen Fragen – wie die nach der Wahrheit und dem ewigen Leben – suchte ich allein mit nach außen gerichteten Sinnen. Ich suchte lange Zeit nach einer Lösung, die sich als ein objektives Ding der Erkenntnis, mit meinem Verstand begreifen lässt. Immerzu suchte ich in dieser Richtung; aus Gewohnheit, aus Tradition, aus Unwissen oder einfach nur weil es Alle so machen. Und nun meinst du, dass ich auch in Liebesangelegenheiten in der falschen Richtung suche?“

„Ich meine damit natürlich nicht, dass du dich nicht mehr für andere Menschen interessieren sollst. Das wäre großer Unfug. Aber ich denke die wirklich tiefe und sichere Geborgenheit und Erfüllung, nach der du dich sehnst, die wird sich kaum im Außen finden lassen. Höchstens punktuell. Aber es wird dort immer mehr oder wenig brüchig und mangelhaft bleiben. Das kann dir kein anderer Mensch dauerhaft bieten. Jeder Mensch wäre damit heillos überfordert... und dieser Anspruch an eine Frau ist eine unzumutbare Zumutung – und über kurz oder lang ein Todesurteil für jede Beziehung.“

„Ok – im Kopf hab ich das. Die Liebesbeziehung ist keine Religion, die Erlösung garantiert. Es käme mir absurd vor dem zu widersprechen. Aber wenn ich ehrlich bin, ganz tief in mir drin, da wohnt diese Sehnsucht und Hoffnung, dass die gewünschte Glückseligkeit eintritt, wenn ich nur erst die »Richtige« gefunden habe.“

„Ja – kenn ich. Das ist auch mir vertraut – vermutlich eine Erwartung die viele  Lieben zerstört. Schließlich hat jeder Mensch seine eigenen Ängsten, Nöte und Bedürfnissen und ist darin gefangen und versucht damit klar zu kommen. Wir können nicht erwarten, dass eine andere Person uns befreit oder erlöst oder was auch immer. Niemand kann das – selbst wenn er oder sie das möchte. Und wenn wir uns ganz von Anderen abhängig machen und aufgehört haben Halt in uns selbst zu suchen – dann sind wir verloren. Dann sind wir nicht gewappnet für die wichtigen Entscheidungen und Übergänge in unserem Leben – die kann uns keiner abnehmen. Denn es gibt Wege, die kann keiner für uns gehen… und sei es der Letzte… spätestens diesen müssen wir alleine gehen – und gnade Gott dem, der diese Lektion bis dahin nicht gelernt hat.“

„So gesehen besteht mein Problem also darin, dass ich immer eine Göttin gesucht habe und stets enttäuscht feststellen musste, wieder nur eine Frau gefunden zu haben?“

„Das tönt nicht unwitzig“, sagte Eckhart – aber da könnte vielleicht echt was dran sein.“

„Doch, das denke ich auch. Denn natürlich habe ich diese Sehnsucht nach Geborgenheit, Glück oder meinetwegen Erlösung; und natürlich entzieht sich alles Äußere letztlich meiner Kontrolle. Die Frau, die ich liebe kann mir natürlich keine letztendliche Sicherheit garantieren – das weiß ich. Niemand kann mir versprechen, dass sie sich nicht in einen anderen verliebt; dass sie mir nicht wegstirbt oder mir irgendwann ihre Zuneigung entzieht... überhaupt sind Gefühle sehr unberechenbar und können sich schnell wandeln.
Auch mein Geld wird vielleicht schon morgen nichts mehr wert sein... und mein Arbeitgeber könnte pleite gehen... und über Jugend und Schönheit oder Anerkennung brauchen wir gar nicht erst zu reden – alles sehr fragil. Ich kann ja nicht einmal behaupten, dass mir mein eigener Körper so richtig gehört. Er altert und wird krank ohne meine Einwilligung... ja nicht einmal über meinen eigenen Geist kann ich vollends verfügen – Gedanken, die mich gegen meinen Willen plagen... am Schlaf hindern… oder traurig oder wütend machen. Alles, ohne dass ich es will. Gedanken und Gefühle breiten sich ohne mein willentliches Zutun aus und versetzen mich in Unruhe und Verwirrung. Sie gehören mir scheint`s gar nicht wirklich. Sie führen ein Eigenleben.“

„Das ist alles richtig Friedrich, aber trotzdem – bitte versteh mich nicht falsch. Ich finde es vollkommen in Ordnung reich zu sein und eine tolle Frau und gute Freundschaften und alles drum und dran zu haben. Das Arm sein und das Alleine sein als solches hat ja keinen Wert an sich – daran ist nichts Gutes. Wir sollten uns bestimmt nicht von der Welt abwenden – ganz im Gegenteil: wir sollten intensiv leben und das Mark des Lebens in uns aufsaugen. Aber wir sollten immer wissen – in Tat und Wahrheit gehören uns die Dinge, die wir haben, und die Menschen, die wir lieben, nicht. Wir können dankbar dafür sein, dass sie da sind und alles dafür tun, dass sie da bleiben, aber wir können nicht endgültig darüber verfügen, auch wenn wir es uns noch so sehr wünschen. “

„Nun gut – aber sag mir doch bitte noch, was genau soll denn nun der Segen dieser Erfahrung sein, den du mir in Aussicht gestellt hast?“

„Dass du gerade jetzt die Chance hast genau das zu kapieren. Ich meine wirklich zu verstehen – dass du bis in die Eingeweide hinein erfährst und erkennst, dass es wahr ist.“

„Hau ab!“

„Doch echt – jetzt weißt du wirklich, wie wenig du in der Hand hast. Du kannst es bis in die Knochen und den Schlaf hinein erfahren. Vielleicht ist es jetzt erst ein richtiges Wissen, ein Wissen, das nicht nur im Kopf ist, sondern ein Wissen das dein Leben verändern kann.“

„Mmh – kann sein. Denn daherreden konnte ich diese Kalendersprüche vorher schon – das stimmt. Das kann ja jeder Psychologe – jedoch in die Tiefe hinein begriffen... das habe ich vermutlich wirklich noch nicht. Aber soll das jetzt echt ein Segen sein?“

„Also – ich sage dir: Dieser Gedanke, dass wir letztendlich nichts in der Hand haben, der hat eine ungeheure Sprengkraft. Dieser Gedanke kann dein Leben verändern!“

„Soll das die gute Nachricht sein – dass ich nichts in der Hand habe?“

„Die eigentlich gute Nachricht ist, dass sich hierin die Erkenntnis bahn brechen kann, dass das Glück nicht als ein Ding draußen in der Welt herum steht, über das wir verfügen können, sondern dass wir durch diese Erfahrungen darauf kommen können auch noch in einer anderen Richtung nach der blauen Blume zu suchen. Will sagen – es könnte doch sein, dass deine blaue Traumblume gar nicht die äußere Lara Zeh ist, sondern dass sie in deinem Innern wächst, im tiefen Grund deines Daseins.“

„Und sich dort mit diesem Spacko davonmacht?“

„Scheint so – ja“

„Scheiße“

„Vielleicht gar nicht so scheiße. Schau doch genau hin. Wenn die blaue Blume tatsächlich den Ort der Erlösung in deinem Inneren markiert, dann bist du immerhin schon ziemlich nah dran – und sie ist dir ja auch zugewandt. Direkt offen und einladend könnte man sagen.“

„Und das Weichei – das bin dann wahrscheinlich auch ich, oder was?“

„Könnte möglich sein...“

„Hau nochmal ab!“

„Aber warum nicht – der ist doch offenbar auch ein Bild, das deine Seele hervorgebracht hat – oder etwa nicht? Der ist doch nicht von Außen in deinen Traum hereinspaziert, um an deiner Blume zu ziehen. Das kommt doch alles von dir. Aus deinem Unbewussten, wie man so sagt.“

„Aber mit diesem Typ stimmt was nicht. Er ist verletzt und verwirrt und hat so was waschlappiges an sich. Und außerdem hat er bei all seiner schwächlichen Verdruxtheit auch was Gewalttätiges – in gewisser Weise hat er ja auch mich verletzt.“

„Spannend – dann wäre es ja interessant herauszufinden, warum du dir selbst so etwas antust. Wo und warum du dich selbst betrügst. Warum du dich abwertest und dir Schmerzen zufügst?“

„Du meinst warum der Spacko mir das Leben schwer macht und ich ihn scheiße finde – aber ich gleichzeitig irgendwie er bin?“

„Ja. Genau so.“

„Du meinst also wirklich diese armselige Kreatur wäre so eine Art abgelehnter Teil von mir, von dem ich nichts wissen will, weil er ein aufgeweichtes Knäckebrot ist und ich keins sein will?“

"Tönt plausibel!“

„Also ein Teil von mir, den ich immer irgendwie mitziehe – wie meinen Schatten, dem ich einfach nicht entkommen kann, aber trotzdem versuche ihn abzuschütteln, weil er nicht zu dem Bild passt, das ich von mir selbst habe – weil es mich anpisst verletzlich und schwach und sensibel zu sein, das aber doch auch zu mir gehört?“

„Klingt für mich nach einer ziemlich guten Beschreibung.“

„So gesehen repräsentiert er also meine Waschlappen-Seite – die ich nicht leiden mag und wovon ich nichts wissen will.“

„…und die dir offenbar das Leben schwer macht, störend dazwischen funkt und dir den Weg zum Glück verbaut.“

„Das also ist des Pudels Kern. So wie der Typ im Traum. Scheint mir schrecklich einleuchtend.“

„Ja – aber wer weiß, wie er sich verwandelt und zu was er noch fähig werden wird, wenn er nicht mehr abgelehnt wird. Ich sage dir, das ist wie Alchemie – da kann aus Kacke Gold werden.“

„Insofern wäre es dann wohl mein Job diesem unliebsamen Schatten erst mal etwas freundlicher zu begegnen. Er repräsentiert ja sozusagen meine eigene Verletzlichkeit und Schwäche. Und dann könnte es zu so einer Art Versöhnung oder sogar Heilung kommen – im Raum meiner geschundenen Seele?“

„Warum nicht. Man könnte sogar geneigt sein zu sagen, dass die blaue Blume dir zeigt, dass du, also deine ungeliebte Weichei-Seite  ja dass die auch was Attraktives an sich hat. Ich meine immerhin darf er, trotz all seiner Schwäche und Verletzlichkeit, mit der blauen Blume rummachen. Sie lässt es ja zu, lädt ihn ein, holt ihn ab, nimmt ihn mit nach oben.“

„Dann könnte es also eine Lehre des Traums sein diesen Typen – der ja irgendwie ein Teil von mir ist – nicht länger abzulehnen, sondern ihn hineinzulassen. Ihn anzuerkennen und mich mit ihm zu versöhnen. Das klingt so als ob es auf einen Dreier hinausläuft.“

„Ein flotter Dreier im Zentrum deiner Seele. Nicht schlecht!“

„Und so betrachtet wäre es ein verhängnisvolles Missverständnis zu glauben die äußere Lara Zeh wäre die blaue Blume auf die es ganz eigentlich ankommt. Denn würde ich allein ihr hinterher laufen, dann wäre ich wieder in der falschen Richtung unterwegs, dann würde ich sie mit meinen Hoffnungen und Sehnsüchten komplett stressen und überfordern... und früher oder später würde ich wieder im Tal der Tränen landen, weil ich die entscheidende Lektion nicht geschnallt habe. Denn die äußere blaue Blume kann mich niemals erlösen. Allein die innere Blume kann das.“

„Vielleicht so was in der Art – ja...“ füge Eckhart zögerlich hinzu, „aber offen gesagt bekomme ich allmählich das Gefühl, dass wir langsam in das andere Extrem abdriften. Ich meine beides ist doch wichtig. Das Innen ist wichtig – und das Außen ist auch wichtig. Letztlich hat doch auch die äußere Lara diese starken Gefühle und vitalisierende Sehnsucht in dir ausgelöst und mobilisiert. Verheerend ist ja bloß, wenn wir ausschließlich auf das Außen hin orientiert bleiben und unsere innere, im Verborgenen stattfindende Wirklichkeit, ganz aus den Augen verlieren.“

„Was aber weit verbreitet ist!“

„Kann schon sein – aber wenn Viele das Verkehrte tun wird es dadurch nicht richtiger.“

„Mmh – vielleicht geht es mit der Wechselseitigkeit von Innen und Außen sogar soweit, dass ich nur dann mit einer äußeren blauen Blume glücklich werden, wenn ich es auch schon mit der Inneren bin? Vielleicht gibt es da eine direkte Synchronizität zwischen Außen und Innen?“

„Vielleicht. Weiß auch nicht wie direkt oder indirekt, aber wenn du diese innere Liebesverbindung eingehst, dann wird das gewiss eine Wirkung im Außen haben, da bin ich mir sicher. Denn indem du für deine innere blaue Blume Sorge trägst und dich mit ihr vermählst und Verantwortung für dein Innerstes übernimmst  ja dann befreist du auf jeden Fall schon mal die äußere Blume von deinen fehlgeleiteten Erwartungen und Ansprüchen, die sie ja überhaupt nicht erfüllen kann. Ja, dann kann deine Lara einfach Lara sein, wenn du sie entlässt aus dem Käfig deiner Erwartungen. Dann wirst du schon sehen was passiert. Vielleicht fliegt sie davon. Vielleicht auch nicht; aber wenn sie bei dir bleibt, dann weißt du, dass sie wenigstens aus Freiheit bei dir bleibt – und nicht aus Angst, Pflichtgefühl oder irgendwann aus bloßer Konvention. Das gehört zum Wesen der Freiheit – Freiwilligkeit.
Und wenn du deine Liebessehnsucht nicht mehr zwanghaft auf ein äußeres Objekt der Begierde richten musst… und diese Liebe nicht mehr allein für sie reserviert halten musst; ja dann wirst du auch damit klar kommen, wenn sie davonfliegt. Übernimm einfach die Verantwortung für den Bereich deiner inneren blauen Blume... und kümmere dich gut um sie... und verlass dich drauf... dann kommt das mit dieser oder vielleicht auch jener äußeren Blume früher oder später auch gut. Wenn die Liebe erst einmal in dir ihre Statt gefunden hat... ja dann wird sie überall stattfinden können... und jede und jeden erreichen... dann umgibt sie dich einfach.“

„Uuahh – das klingt echt gurumäßig... und eigentlich zu schön um wahr zu sein... und darum kommt es mir ehrlich gesagt auch ziemlich unmöglich vor diesen Dreier im Zentrum meines Seins hinzubekommen. Ich kann zwar alles gut nachvollziehen, was du da sagst, aber es kommt mir halt enorm abgehoben vor. Gradezu übermenschlich. Wie soll ich all die Gewohnheiten überschreiten, die allzu menschlich sind? An die nach außen gerichteten Impulse und Reflexe ist doch unser aller Leben gekettet. Wie sollte ich diese Ketten sprengen können? Damit trenne ich mich doch auch von der Herde – wenn ich ihre tiefsten Gewohnheiten und Bräuche missachte. kann oder will ich mich davon überhaupt losreißen?“  

„In der Tat – es ist schwierig bis unmöglich. Ich ringe auch schon lange mit dieser Frage. Sie beschäftigt mich sogar so sehr, dass sie auch mich bis in die Träume hinein verfolgt.“

„Raus damit!“

„Nun, in diesen Träumen begegne ich regelmäßig einem alten Mann – natürlich mit weißen Haaren und Rauschebart – und ich frage ihn nach dem Weg zur Wahrheit und zur Liebe und zum ewigen Leben. Der weise Alte weist mir dann den Weg und sagt, dass ich – wenn ich den Weg gefunden hätte – ihn daran erkennen würde, dass er zu einer geschlossenen Tür führt, an der ein Schild angebracht ist mit der Aufschrift: „Es ist unmöglich“.

„Na bravo…“

„Der Traum ist ja noch nicht vorbei...“

„Ja dann mach!“

„Also, ich ging im Traum drauf los und als ich diese Türe mit dem Schild entdeckte,  so wie er es mir vorhergesagt hatte, machte ich kehrt und berichtete dem alten Weisen von dem Weg und der geschlossenen Tür und dem Schild. Nun wies er mich aber an meine fragwürdige Gewohnheit vor geschlossenen Türen und offiziellen Hinweisen stehen zu bleiben endlich zu überwinden und noch einmal bis zu dieser Türe zu gehen – aber dieses Mal sollte ich sie fest aufstoßen. Ich folgte seiner Anweisung und ging abermals den Weg bis zu dieser Tür und stieß sie auf, mit einem kräftigen Stoße, so dass sie weit aufsprang – und siehe da: das Schild mit der Aufschrift „Es ist unmöglich“ verschwand aus meinem Sichtfeld und vor mir breitete sich ein weiter Weg aus… und ich konnte ungehindert durch die geöffnete Tür hindurch gehen – dem leuchtenden, vollen Mond entgegen."


11 Kommentare:

  1. "Liebe deinen nächsten wie dich selbst." hiess das bekannte Gebot aus der Tora. Es zeigt, dass das Mass der Liebe, welche wir unserem Gegenüber entgegenbringen können, sich schlussendlich nur an unserer Eigenliebe bemisst. Diese können wir uns aber nur ehrlich entgegenbringen, wenn wir all unsere eigenen Stärken und Schwächen erkannt und in einem zweiten Schritt akzeptiert haben. Lange glaubte ich, ich würde den Weg zur Selbstliebe finden über den Weg der Partnerschaft. Es schien so einfach, dass mir ein liebendes Gegenüber zeigt, was denn an mir zu schätzen wäre. So setzte ich wie beschrieben falsche Erwartungen in Personen, die damit nicht rechneten und sabotierte die Beziehung. Gleichzeitig empfand ich das Scheitern als persönliches Versagen und Eigenliebe zu finden erschien noch entfernter. Mit der Zeit erkannte und erkenne ich aber immer mehr, dass es darum geht, sich selbst zu verzeihen und Frieden mit all den Seiten an sich zu schliessen, die man doch eigentlich nicht haben möchte. Es ist bestimmt eine lebenslange Schule und ich muss mich immer wieder daran erinnern, nicht aussen nach mir zu suchen, sondern in mir und dass mir dabei wohl niemand helfen kann, als ich mir selbst.
    Schöner Text, lieber Animus, der zum Denken anregt.

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    1. ...tönt wie die Möglichkeit einer schönen Antwort - auf die Frage, die du dir stelltest... in deinem Projekt... deinem Text... deiner Studie...

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    2. Du meinst also mit der inneren Selbstliebe doch auch den äusseren Traumprinzen zu finden? Also schlussendlich alles nur eine Frage der Betrachtungsweise?

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    3. ...zumindest gehe ich davon aus, dass hinter der Sehnsucht nach einem Traumprinzen ein noch viel grundlegenderer Wunsch steht - nämlich der Wunsch nach einem glücklich und erfüllten Leben ...und ich vermute, dass das Konzept "Traumprinz" eng mit der Vorstellung verknüpft ist ein anderer könnte Glück und Erfüllung in unser Leben tragen... Ich weiss sogar, dass das zeitweise funktioniert... das Zusammensein mit der "Prinzessin" kann glückliche Phasen oder vorübergehende Glücksmomente auslösen - solange wir sozusagen noch im "Traum" sind... aber nach dem Aufwachen... wenn die Illusionen und Projektionen sich aufzulösen beginnen... dann kann das, was die ekstatischen Momente ausgelöst hat auch bald zur Quelle von Frustration und Enttäuschung werden...
      Ich vermute also, dass das Konzept Traumprinz wirklich nicht so recht taugt, um ein glückliches und zufriedenes Leben zu erreichen...
      Aber ich glaube fest daran, dass wir Gleichgesinnte treffen können, die auch nach einem tragfähigen und soliden Fundament für Lebensfreude suchen... mit denen wir uns ehrlich und aufrichtig auf den Weg machen können... wo wir uns gegenseitig begleiten und dabei unterstützen Selbsttäuschungen und Fehlorientierung zu überwinden... unseren Geist von toxischen Einflüssen zu befreien... wie Hass oder Eiversucht oder Angst oder zwanghaften Vorstellungen aller Art... und vielleicht sind ja das die wirklichen Traumprinzen und Traumprinzessinnen?

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    4. Ich denke es geht weiter als bis zum Wunsch nach einem glücklichen, erfüllten Leben. Ich glaube, es ist die insgeheime Sehnsucht nach Liebe, geliebt werden, die grosse Angst vor Einsamkeit, welche davon zeugt, dass man selbst nicht bei sich zuhause ist. Da enden wir wieder bei einem früheren Text von dir (Bella donna meine ich, sei es gewesen), in welchem es genau um diese Selbstliebe/-zufriedenheit geht. Ich behaupte, sobald man sich selbst genug Liebe entgegenbringen kann, wird der Blick nach aussen klarer und man sucht nicht mehr nach einem Gegenüber, das einem jene Liebe und Anerkennung zu hat, die man von sich selbst nicht erfährt.

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    5. ...woran deutlich wird, dass dieses so schwer in den Griff zu bekommende Wort Liebe auf mindestens zwei grundverschiedene Bedeutungen verweist - einerseits auf eine Sehnsucht nach Anerkennung und Zuwendung, die aus einer Not (einem Mangel an Selbstliebe?) heraus resultiert... und andererseits auf eine Form des Gebens oder Schenkens, die aus einem Überfluss (aus gesunder Selbstliebe?) heraus geschieht, mithin diese Form des Liebens vielleicht gerade dadurch als selbstlos wahrgenommen wird...
      Ich wage zu behaupten das Wort Liebe wird üblicherweise benutzt, um die erstgenannte Empfindung zu bezeichnen... die zweitgenannte halte ich für eine seltene und kostbare Ausnahme... Für beide Empfindungen jedoch wird dasselbe Wort benutzt...

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    6. Ich finde diese Gegenüberstellung zeigt ganz schön, was damit gemeint sein könnte, wenn man sagt: man muss zuerst sich selbst lieben, um andere lieben zu können. Ich denke, man kann diese gebende Liebe nur ehrlich und wahrhaftig jemand anderem gegenüber empfinden, wenn man eine solche Liebe sich selbst gegenüber empfindet. Ansonsten verstehe ich die gebende Liebe eher als schrittweise Selbstaufgabe/-auflösung...Die stille Hoffnung durch die gebende Liebe, dieselbige vom Gegenüber für sich zu bekommen, worin wieder eine Erwartung an den Geliebten entsteht, was nicht Sinn und Zweck der gebenden Liebe sein darf.

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    7. Das tönt doch stimmig und rund - zumal in dieser idealisierten Form... liesse sich die Umsetzung in die Praxis doch nur genauso geschmeidig bewerkstelligen... :)
      In diesem Sinne - bleiben wir doch einfach dran...

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  3. ...und noch ein kleiner Nachtrag:

    "Das Glück ausserhalb von uns zu suchen gleicht dem Warten auf Sonnenschein in einer nach Norden gelegenen Höhle"

    Das habe ich vor ein paar Tagen gelesen und finde, dass es unseren Austausch doch ganz gut auf den Punkt bringt - irgendein Sprichwort aus Tibet oder so was in der Art... ;)

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