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Zitat des Monats

Wenn der Wind des Wandels weht, bauen die Einen Schutzmauern, die Anderen bauen Windmühlen.

Chinesische Weisheit

Willkommen!

Liebe Schreibende

In unserer hektischen Welt, dominiert von High-Speed-Rechnern, Zeitmangel, Medien, Facebook und Leistungsdruck, versuchen wir uns hier eine kleine Insel der Besinnung zu erhalten. Sich einmal im Monat in Ruhe niederzusetzen, sich mit einem Thema eingehend zu beschäftigen und dann die passenden Worte zu finden, um seine Gedanken mit anderen zu teilen, erscheint mir dabei ein geeigneter Weg, aus dieser Alltagshektik auszubrechen.

Sollten wir innerhalb eines Jahres genügend Beiträge beisammen haben, werde ich diese zusammentragen und in Buchform drucken lassen. So hat man dann Ende Jahr ein schönes Büchlein zur Hand - zur Erinnerung, oder als Geschenk zu Weihnachten, oder auch, um die Heimbibliothek mit einem eigenen Werk etwas auszubauen.

Dann also viel Spass beim Schreiben!

Eilean

Dienstag, 13. Dezember 2016

Die Quelle


 „Gestern bist du gestorben – nicht wahr?“  

„Genau so ist es. Exakt gestern vor einem Jahr, am 23. Dezember, nachdem ich von unserem Treffen nach Hause gegangen war, entschied ich mich so zu leben als hätte ich noch genau ein Jahr zu leben. Wir saßen zusammen beim Bier, haben geredet – und einmal mehr fand ich mich an einem Punkt wieder, an dem ich wissen wollte wofür es sich zu leben lohnt. Ich fragte mich – was ist der Sinn von diesen paar Jahrzehnten, die wir auf diesem unbedeutenden Staubkorn am Rande des Universums herum latschen?“

„Und – hat dir das Experiment neue Erkenntnisse gebracht? Wie stehst du heute, sozusagen an deinem Todestag, zu dieser Frage?“

„Vor einem Jahr steckte ich in einer fetten Krise. Von außen betrachtet schien ich zwar alles zu haben; und von daher gab es für mich keinen erkennbaren Grund zur Klage. Trotzdem hatte ich immer wieder das nagende und tiefsitzende Gefühl, dass irgendetwas in meinem Leben nicht stimmt; dass mir irgendetwas Entscheidendes fehlt. Also machte ich mich auf die Suche, ohne genau zu wissen wonach. Letztlich suchte ich wohl das Glück, wie dies vermutlich alle anderen auch tun, auf mehr oder weniger bewusste Weise. Ich suchte es in angenehmen Erlebnissen wie gutem Essen, Reisen, sozialer Anerkennung, Sex, Drugs and Rock `n Roll und natürlich in der Liebe – mit all den romantischen Gefühlen und tollen Erfahrungen, die man landauf landab so gerne hat. Das alles bedeutete für mich ja auch ein Stück vom Glück – aber es hielt eben nie lange vor. Es kam immer wieder Leere – und die fühlte sich schrecklich an. Also versuchte ich sie zu vermeiden und mich mit Arbeit und Zerstreuungen zuzuballern, so gut es ging. Und daher versuchte ich auch unangenehmen Gefühlen wie Angst, Leid, Einsamkeit, Trennung, Trauer und Liebeskummer aus dem Weg zu gehen. Das ist mir jedoch, wie du ja zu Genüge mitbekommen hast, nicht besonders gut geglückt. In diesem Jahr jedoch wollte ich mich dem Leben stellen, so wie es ist, ohne Abzug. Mit allem, was dazu gehört. Ich war bereit mich ganz darauf einzulassen.“

„Oh ja, du warst sehr erfahrungsoffen unterwegs – und hattest auf deiner Reise durch  das Experiment prächtige Höhenflüge, aber so verzweifelt und auf der Fresse wie in diesem Jahr habe ich dich auch noch nie erlebt.“

„Ja genau. So ist das. Und darum – jetzt, am Ende meines Experiments angelangt, neige ich sehr dazu meine Suche anders zu beschreiben. Ich suche nicht mehr das Glück, sondern das Heil.“

„Was meinst du damit?“

„Mit heil sein meine ich etwas ganz anderes als mit glücklich sein. Ich meine damit, dass meine Unzufriedenheit und mein immer wiederkehrendes Leeregefühl vor allem darin gründet, dass mir bislang etwas Entscheidendes gefehlt hat.“

„Was glaubst du denn, was dir fehlt – oder gefehlt hat?“

„Ich glaube, nein ich bin mir sicher, dass ich spirituell vollkommen unterernährt bin. Ja, dass ich meine religiösen oder transzendenten Grundbedürfnisse – irgendwie behagen mir diese Wörter nicht – ja, dass ich diesen Mangel über weite Strecken noch nicht einmal richtig gespürt habe. Die Symptome dieser Unterernährung nahm ich natürlich schon immer irgendwie wahr, aber ich habe ihren Ursprung nie richtig erkannt. Und darum habe ich den Mangel am falschen Ende zu stopfen versucht. Und das hat es nicht besser gemacht. Langfristig sogar noch schlimmer. Heute aber bin ich fest davon überzeugt, dass ich an einer spirituellen Form der Mangelernährung leide. Ich würde sogar so weit gehen und behaupten, wenn ich meine Spiritualität oder Transzendenz oder Religion – oder welches bescheuerte Wort auch immer man dafür verwenden mag – ja, wenn ich das vernachlässige, dass ich dann auf jeden Fall genauso einer mangelbedingten Krankheit verfalle, wie wenn ich den körperlichen Bereich vernachlässige. Ich bin mir sicher, wir brauchen einen Zugang zu einem nährenden Lebenssinn und zur großen Geborgenheit, mit der wir uns verbunden und in der wir uns sicher und aufgehoben fühlen können.“

„Das klingt schön, Lukas – kannst du mir mehr darüber erzählen?“

„Heute Nacht hatte ich einen eigenartigen Traum, der vielleicht ganz gut auf den Punkt bringt, worum es mir geht.“

„Schieß los!“

„Ich träumte davon in einer Wolke zu sein. Ich fühlte mich darin aufgehoben und geborgen. Mit der Zeit wurde die Wolke aber immer grauer und ich empfand sie zunehmend als einengend und als Last. Schließlich wollte ich mich aus der Wolke befreien. Also begann ich mich von der Wolke abzusondern und verdichtete mich langsam zu einem Tropfen, der bald schwer genug war um aus ihr herauszufallen. Als ich dann, aus ihr herausgetropft, durch die Luft brauste, war ich wie berauscht von der Freiheit und der schier endlosen Weite und dem frischen Wind um meine Ohren. Der ganze Himmel stand mir zur Verfügung und überall sausten andere Tropfen mit mir durch die Lüfte. Wir tanzten und spielten und rangelten miteinander und ich wurde immer schneller und schneller und eilte mit all den Anderen durch den Himmel.

Irgendwann jedoch wurde mir kühl und aus dem übermütigen Tanz wurde immer wieder ein Zusammenprallen. Ich begann mich wie ein einsamer Tropf zu fühlen und sehnte mich nach der Wolke zurück. Ich hatte Heimweh nach meiner Wolke und wollte wieder zu ihr. Das ging aber nicht. Also suchte ich die Nähe zu anderen Tropfen. Aber die, denen ich nahe sein wollte, bewegten sich von mir fort. Wieder andere kamen auf mich zugeschossen. Ich glaube sie wollten mich auffressen. Ihnen versuchte ich zu entfliehen. Es gab aber auch ganz besonders schöne Tropfen, die mir viel schöner und besonderer vorkamen als all die anderen. Von ihnen fühlte ich mich magisch angezogen – und es kam bisweilen vor, dass wir zusammenfielen. Gemeinsam war die Reise schöner. Ich fühlte mich dann nicht mehr allein. Aber irgendwann geschah es und wir trennten uns wieder voneinander. Ich hatte keine Ahnung warum. Es geschah einfach. Und es tat unsäglich weh. Danach war ich nicht mehr derselbe und ich fühlte mich einsamer als je zuvor.

Die anderen Tropfen gaben mir den Rat nach Vorne zu schauen. »Es geht weiter«, sagten sie. Und so blickte ich nach Vorne und es ging weiter. Dann erkannte ich, dass vor mir, ja vor uns allen, ein riesiger Ozean auf uns wartet, auf den wir alle unaufhaltbar zurasten und auf den wir bald aufschlagen und darin versinken würden. Das herannahende Ende meiner Reise stand mir deutlich vor Augen. Nicht viel Zeit war vergangen und ich konnte bald schon hören wie die Tropfen vor mir auf dem Wasser aufschlugen. Mir wurde klar, dass auch ich diesem Schicksal nicht entgehen werde – ja, dass niemand von uns diesem Schicksal wird entgehen können. Dann der Aufprall. Er kam schneller als erwartet. Ich hatte Panik.“

Eckhart hörte mit voller Aufmerksamkeit zu. Nachdenklich zog er die Augenbrauen nach oben und nickte dabei kaum merklich mit dem Kopf.

„Aber dann nahm die Geschichte eine unglaubliche Wendung“, fuhr Lukas fort. „Der Aufschlag auf dem Wasser war wie eine Begegnung mit etwas, das mir ur-vertraut ist. Es war als sei ich in meine Mitte zurückgefallen. Eine riesige Last glitt von mir ab. Alles wurde leicht. Meine sorgenvolle Unruhe löste sich in Luft auf. Ich fühlte mich zu Hause angekommen, sogar noch mehr zu Hause als einstmals in der Wolke. Auf einen Schlag durchdrang mich – wie soll ich sagen... auf einen Schlag durchdrang mich… die Fülle des Seins... die Fülle des Lebens. Es ging keine Tür zu, sondern ein Tor öffnete sich...“

Lukas` Gesicht begann aufzuleuchten. Dann fiel er in ein langes und seelenvolles Schweigen.

Nachdem es eine ganze Weile still gewesen war, nahm Lukas wahr, wie sehr Eckhart ihm mit ganzer Hingabe zuhörte. Er lauschte selbst dann noch als Lukas schwieg. „Eckhart versteht das Zuhören wie kaum ein Anderer“ – dachte sich Lukas, nachdem er eine ganze Zeit lang gar nichts gedacht hatte. Denn auch ohne dass Eckhart irgendetwas entgegnete, merkte Lukas wie er die Worte und selbst noch das Schweigen in sich aufnahm. Lukas empfand welches Glück es doch ist solch einen Freund zu haben. Manchmal schloss Eckhart die Augen, um noch ein wenig besser lauschen zu können. Lukas fühlte Eckharts Zuhören stärker als jemals zuvor.

Schließlich öffnete Eckhart seine Augen und suchte fragend nach Lukas` Blick. Dabei löste sich eine Träne, die den ganzen langen Weg über seine Wange glitt.

„Dann hörte der Traum auf“, fuhr Lukas angerührt durch Eckhart`s Träne fort, „und ich versank in einen tiefen, langen und traumlosen Schlaf."

"Als ich erwachte dachte ich es wären Jahrzehnte vergangen. Ich empfand eine tiefe innere Ruhe. Es war ein Morgen wie im Frühling. Ich wusste nicht wer ich bin und wie ich hierher gekommen war. Ich erinnerte mich, dass ich als Tropfen ins Meer stürzte. Daran konnte ich mich noch erinnern. Mir war als ob ein ganzes Leben hinter mir lag. Ich glaube noch niemals hat ein Schlaf mich so erneuert, so verjüngt und so erfrischt. Ich lag da wie ein Baby, das gerade zu unschuldigem Bewusstsein erwachte und in eine neue unverbrauchte und friedvolle Welt hinein blickt.
Vielleicht bin ich gestorben, fragte ich mich. Vielleicht bin ich gestorben und wiedergeboren als jemand anderes… oder wiedergeboren an einem anderen Ort? Jedenfalls war ich jetzt merkwürdig wach, freudig und ausgeschlafen. Und so lag ich friedvoll im sonnenbeschienen Garten meiner Seele. War es meine Seele?
Nur eines wusste ich. Dass ich nicht mehr zurück wollte in das wahnsinnige Treiben meines alten Lebens. Denn dieses Leben habe ich bis zum Ekel ausgekostet. Es schien mir öd und leer; voll von Überdruss, voll von Elend, voll von Tod. Es gibt kaum einen Dreck, mit dem ich mich nicht beschmutzt hatte. Meine Seele kam mir bis anhin und bisweilen nicht vor wie ein schöner, sonnenbeschienener Garten, sondern vielmehr wie ein vollgekotzter Stadtpark.
Jetzt hingegen empfand ich ein Gefühl tiefer innerer Freude und Freiheit. Auf meine Bettdecke fiel ein Sonnenstrahl. Aus allen Fenstern fiel Licht ins Zimmer, aber es war alles dasselbe Licht. Die junge Birke, die sich vor mein Fenster neigt, erstrahlte in einem goldenen Licht. Ihre welken Blätter leuchten in warmen Tönen. Ich roch den Duft der frischen Laken. Ich hörte das Zwitschern der Vögel; auch hörte ich das leise Rauschen einer Quelle. Alles war einfach so wie es ist – und es war gut so. In jedem Ding pulsierte die Magie der Unendlichkeit. Jede Form, jeder Duft, jeder Laut kam mir vor wie ein Ausdruck tiefer zauberhafter Ewigkeit. Ich fühlte mich wie rein gewaschen. Die Luft war frisch und die Sonne wärmte mich. Ihr Licht flutete den Raum. Ich hatte den Eindruck in einen umfassenden und tiefen Lebenssinn hineingefallen zu sein. Mir war als wäre ich, nach einer langen Reise, endlich zu Hause angekommen. Endlich daheim. Ich fühlte mich heil. Alles, was ist, kam mir vor wie ein Teil etwas Größerem. Gutes und Böses, Altes und Neues, Leben und Tod... Alles war Teil des Ganzen und es war gut so. 
Mir dämmerte, dass dieser Lebenssinn in der Tiefe des Seins schon immer da gewesen sein muss – ich ihm gegenüber aber verschlossen war. Nun aber wurde mir immer klarer, dass weder ich noch irgendjemand je daraus herausfallen kann." 

Sanft, aber im Tonfall einer tiefsitzenden inneren Überzeugung, fügte Eckhart hinzu: "Wir können Es nur vergessen oder blind und taub dafür werden, aber Es ist immer da. Ich glaube es gibt kein größeres Heilmittel als unseren tiefsten Wesensgrund.
Aber erzähl mir bitte noch ein wenig mehr von der Quelle. Du hast erwähnt du hörtest das leise Rauschen einer Quelle.“

„Ja. Als ich erwachte, hörte ich zunächst die Quelle und blickte dann tief in sie hinein. Noch nie hat mir Wasser so gut gefallen. Nie zuvor hatte ich die Musik und die Sprache des Wassers so deutlich, so stark und so schön vernommen. Wie dankbar war ich dieser Quelle. Sie sprudelte fröhlich und unaufhörlich. Das Wasser, das aus ihr hervorsprudelte, war jeden Augenblick neu und anders und doch war es immer die gleiche Quelle. Ich fühlte mich von allen Seiten und Zeiten des Lebens zugleich umspült. Ich fühlte eine tiefe Liebe zu dieser sprudelnden Quelle und ich spürte den Entschluss sie nicht so bald wieder zu verlassen; und ich hatte die tiefe innere Gewissheit immer wieder zu ihr zurückkehren zu können. Das machte mich glücklich. Ich fühlte mich sicher.“

Dann verfiel Lukas erneut in ein bewegtes Schweigen und Eckhart hörte ihm erneut dabei zu.

„Ich verstehe sehr gut worüber du sprichst“, sagte Eckhart endlich, nachdem er Lukas lange genug zugehört hatte. „Die Quelle des Lebens ist uns näher als die eigene Halsschlagader.“[1]

„Näher als die eigene Halsschlagader“ – wiederholte Lukas, indem er jedes Wort langsam und mit andächtiger Sorgfalt nachsprach, so als würde er eine heilige Formel wiederholen: „Weißt du was ich glaube", sagte er schließlich: "wenn wir die Quelle des Lebens in uns verstehen, dann werden wir Alles verstehen. Darin erschließt sich uns der große Lebenssinn; darin eröffnet sich uns das große Geheimnis des Lebens.“

„Die Quelle weiß Alles“, antwortete Eckhart bedächtig. „Von ihr können wir unaufhörlich lernen. Vor allem aber lernen wir von ihr das Zuhören, mit geöffneter Seele und ohne Vorurteil und Meinung. Für sie gibt es kein Gut oder Böse, keine Vergangenheit oder Zukunft. Sie ist einfach da. Die Quelle ist überall. Sie ist im Ursprung und in der Mündung, in der Wolke und im Regen, im Nebel und im Meer, im Garten und in den Straßen, im Unkraut und den Früchten, in den Rosen und ihren Dornen  und in diesem Kaffee, den wir gerade trinken. Sie ist in uns. Sie ist in jedem Lebewesen. Sie ist überall gleich gegenwärtig da.“

Lukas lächelte.

Eckhart lächelte auch.

„Es ist gut, dass du die Quelle gefunden hast. Das ist sehr gut.“

„Ja. Es ist gut. Das ist sehr gut. Meine Reise durch das Jahr führte mich letztlich also zu dem, was verschüttet und überlagert war, was ich vergessen und verdrängt hatte. Zu Etwas, das mir im Leben ganz wesentlich abhanden gekommen war und gefehlt hatte. Zu der Essenz des Lebens, zu der ich den Zugang verlor.“

Eckart legte mit einer sanften Bewegung seine Hand auf Lukas` Hand. „Nun hast du die Quelle des Lebens in dir entdeckt und mit ihr ein Gefühl der Ewigkeit und der Unzerstörbarkeit allen Lebens.“

Lukas nickte. Er wollte seine Tränen nicht mehr zurückhalten. Er wollte sie nie mehr zurückhalten. Sie sollten fließen. „Ich glaube es gibt ein Wort, das auf diese Erfahrung hindeutet“, sagte er ergriffen und beinahe schluchzend: „Es ist ein Wort, das ich lange nicht benutzt und wohl nie richtig verstanden habe. Ich glaube es ist das Wort Gott – oder besser Liebe?“




  • [1] Angelehnt an einen Vers im Koran  50, 16

Montag, 14. November 2016

Übernatürlich




Schmächtig steht er da und fasst mich an
In einer dunklen Ecke- Zweisamkeit
Gesichter der Neugier schleichen sich an
Aber wir sind natürliche Ehrlichkeit


Ich flüchte mich in die Vergessene Zeit
Gehe in die tiefen Keller meines Seins
Ich flüchte mich in die Zeit zu Zweit
Gehe auf, trotz meinem Einsam sein


Ach wäre es doch nur so leicht
den Schmerz im Herzen zu ertragen
aber alle Berührung ist so seicht
steh immer noch vor all den Fragen


Eine übernatürliche Welle des Wahnsinns
durchbohrt mein Hirn & Herz
Ich atme aus, geh zu ihm hin
Er atmet ein, sagt im Scherz

" Wir zwei? Das ist doch nicht dein ernst.Baby!"



Freitag, 11. November 2016

(Un)Frei


Freiheit, sagst du, macht das Leben erst lebenswert.
Denn Freiheit, sagst du, kann verschlossene Türen öffnen, kann Hürden überwinden, Blockaden lösen, Fesseln durchtrennen.
Freiheit heisst für dich, das zu tun, zu denken, zu sagen und glauben, das du willst.
"Freiheit erlaubt mir, mich selbstzuverwirklichen und mein Leben eigenmächtig zu gestalten.
Deshalb sind glückliche Menschen immerzu auch frei. Unfreie Menschen, die sind höchstens zufrieden, sie kennen Glück nicht. Sie haben sich an ihre Unfreiheit angepasst, sich damit abgefunden. Oder sie sind unzufrieden. Dann gibt es zwei Möglichkeiten: entweder, sie kämpfen für ihre Freiheit, entfesseln sich von all den Schranken der Gesellschaft, der Welt; oder aber sie geben auf und sind dann noch ärmer dran als jene, die sich zufrieden damit abgefunden haben. Unfreisein, das ist ein Leben als abhängige Marionette - ein grösseres Übel gibt es nicht, wenn du mich fragst."

Ob ich auch zu den Freiheitskämpfern gehören würde, fragst du mich dann.
Und ich antworte: "Es tut mir leid, dir diesbezüglich keine Aussage geben zu können, weil mein Verständnis von Freiheit unterschiedlicher nicht sein könnte: ich bin nicht frei. Für nichts aber danke ich mehr, als für meine Unfreiheit:
Denn Freiheit bedeutet Frei-Sein, Leer-Sein, Ohne-Sein. Und ohne Sein, das ist der Tod. Unfreiheit bedeutet Nicht-Ohne-Sein, Befüllt-Sein, Sein-Voll. Das ist das Leben."

Aber schliesslich kann das jeder (un-)frei für sich entscheiden...

Freitag, 28. Oktober 2016

FrEihEit

Mein Leben lang ist die Freiheit mein Lebensziel
Je weiter ich zu ihr strebe, desto mehr entfernt sie sich
Ich wollte die Freiheit besitzen und nie mehr hergeben
Sie sollte mich von all dem Leid und Schmerz erlösen


Sie tat es einfach nicht


Bis ich erkannte das die Freiheit keinem gehört

Sie ist einfach

Leerer Raum bereit erfüllt zu werden mit dem eigenen Sein

So einfach ist das

Donnerstag, 6. Oktober 2016

Die Luft um mich, kühl stechend. 
Eisig durchströmt ein Sammelsurium aus Stickstoff, Sauerstoff, Wasserdampf, Kohlendioxid und anderen Spurengasen und Dreckpartikel meine Lungen.
Vollgesogen atme ich aus, wirble das Gasgemisch wieder in mein Um-mich,
pfeiffend durch meine Nasenhöhlen.
Ein und Aus.
Aus und Ein. 
Atemzug für Atemzug.
Zug für Zug.

Ich kann nicht verweilen. 
Mir fehlt die Ruhe, die Gesinnung des Bleibens, des Beständigen, des Sich-Niederlassen
Wurzeln eines jahrhundertalten Baumes, die sich tief in die Erde schlingen, sich festankern 
und so Stabilität und Sicherheit erlangen,
das liegt mir fern. 
Ich bin nicht der Stamm, sondern die Samen, 
die mit dem Luftzug weiterziehen.
Luftzug für Luftzug.
Zug für Zug.

Deshalb lasse ich mich ziehen.
Jedem Strom, jedem Wind,
gebe ich mich vollends hin.
Lasse mich forttreiben von Ort und Stelle,
bis ich mich in unbekannten Gewässern befind.
Das heisst leben. Weitergehn, nicht verharren.
Lebenszug für Lebenszug.
Atemzug für Atemzug.
Zug für Zug.

Freitag, 30. September 2016

Freundschaft

Erschöpft sank ich aufs Sofa. Heute habe ich stundenlang geredet und mir fast einen Krampf ins Gesicht gelächelt. Erst bei der Arbeit und anschließend auf der Feier. Ich kam mir vor wie ein Schauspieler, der nicht in seine Rolle findet. Wann – so fragte ich mich – war ich heute eigentlich ich selbst?
Kenn ich. Scheiß Gefühl.
Und manchmal, wenn es ganz ruhig um mich herum wird, wenn keiner etwas von mir will, dann fange ich an in mich selbst zu horchen.
Und was hörst du dann?
Gar nichts. Da ist einfach Leere. Ich denke mir, da muss doch das Eigentliche in mir tönen – aber es tönt nichts. Mein Gehirn produziert nur einen Haufen sinnlosen Schrott und eine Befindlichkeit löst die andere ab, aber im Großen und Ganzen ist das Bullshit. Vielleicht, so frage ich mich dann, ist es ja gar nicht da – das Eigentliche?
Das Eigentliche. Heute redet man sehr viel darüber wie wichtig es ist authentisch zu sein.
Ja.
Ich habe nachgeschlagen, um herauszufinden was das Wort authentisch ganz eigentlich bedeutet.
Und?
Das kommt vom griechischen Wort authenticos und heißt ganz einfach „echt“ – im Sinne der Übereinstimmung vom Schein und Sein einer Sache. Und echt sein meint dann wohl, dass ich meine wahren Gefühle und Bedürfnisse nicht verstecke, sondern preisgebe, was mich bewegt; mich selbst offenbare, vorbehaltlos, ohne Rücksicht auf Verluste.
Liegt nicht darin der Kern menschlicher Aufrichtigkeit?
Ich glaube schon.  Und gleichzeitig finde ich es muss auch der Rahmen und die Sprache stimmen. Im Idealfall sollte es natürlich ein Geben und Nehmen zwischen Freunden sein. Es braucht dazu echte Wertschätzung für alles, was der Andere von sich preisgibt. Es braucht einen Raum zwischen den Menschen, in dem nicht verurteilt wird; vielmehr Mitgefühl herrscht, das wirklich verstehen will. Ein Verstehen, das tiefer geht als das, was man an der Oberfläche beobachten kann. Es braucht einen angstfreien Raum, indem wir das Gefühl haben einfach so sein zu dürfen wie wir sind.
Das ist eine schöne Beschreibung von Freundschaft. Ich glaube so eine Freundschaft ist wie ein Schatz, den wir – wenn überhaupt – nur ganz selten im Leben finden.
Ja. Im Laufe eines Lebens begegnen wir nur wenigen Menschen, die in der Lage sind so eine Freundschaft zu leben. Es braucht viel Wohlwollen und Durchhaltevermögen. Es braucht den Mut zur Ehrlichkeit. Es braucht den Wunsch miteinander zu wachsen und sich zu entwickeln und sich wirklich zu begegnen – und nicht nur zu schonen. Auch wenn es manchmal weh tut.
Das Alles wird einem aber nicht einfach so in die Wiege gelegt.
Da hast du recht. Es ist ja auch noch kein Meister vom Himmel gefallen.
Und falls doch, dann hat er sich beim Aufschlag das Genick gebrochen.
Das ist gut. So ist das wohl. Unsere Freundschaft hat mir übrigens auch schon das ein oder andere Mal fast das Genick gebrochen. Du hast mir Dinge gesagt, die konnte ich fast nicht aushalten. Das war mir zu viel.
Ich weiß. Und es tut mir unsäglich leid, dass ich dir zu schnell, mit zu viel, zu nah gekommen bin. Ich weiß nicht, welcher Teufel mich geritten hat. In dieser Situation war ich selbst so frustriert, verletzt und ungeduldig, so gefangen in mir selbst, dass ich vielleicht gar nicht in der Lage war dich richtig wahrzunehmen; dich so wahrzunehmen wie du bist – wahrzunehmen, was gut für dich ist.
Ich bin trotzdem froh und dankbar, dass wir offen miteinander sind. Gefühle sind eben so wie sie sind – und sie sind oft stärker als unsere guten Absichten. So ist das Leben.
Mir fällt eine Geschichte ein.
Erzähl sie mir.
Zwei Freunde wanderten durch die Wüste. Während der Wanderung kam es zu einem Streit und der Eine beschimpfte den Anderen aufs Ärgste.
Der Beschimpfte war gekränkt. Ohne ein Wort zu sagen, kniete er nieder und schrieb folgende Worte in den Sand:
„Heute hat mich mein bester Freund verletzt.“
Sie setzten ihre Wanderung fort und kamen bald darauf zu einer Oase. Dort beschlossen sie beide ein Bad zu nehmen. Der Freund, der geschlagen worden war, blieb auf einmal im Schlamm stecken und drohte zu ertrinken. Aber sein Freund rettete ihm buchstäblich in letzter Sekunde das Leben.
Nachdem sich der Freund, der fast ertrunken war, wieder erholt hatte, kniete er sich vor einen großen Stein und ritzte folgende Worte hinein:
„Heute hat mein bester Freund mir das Leben gerettet.“
Der Freund, der den anderen geschlagen und auch gerettet hatte, fragte erstaunt: „Als ich dich gekränkt hatte, hast du deinen Satz nur in den Sand geschrieben, aber nun ritzt du die Worte in einen Stein. Warum?“
Der andere Freund antwortete: „Wenn uns jemand gekränkt oder beleidigt hat, sollten wir es in den Sand schreiben, damit der Wind des Verzeihens es wieder auslöschen kann. Aber wenn jemand etwas tut, was gut ist, dann können wir das in einen Stein gravieren, damit kein Wind und kein Sturm es jemals auslöschen kann.“[1]



[1] Verfasser unbekannt

Dienstag, 6. September 2016

angekommen

Hektisch rennt Daniela zum Gleis und wirft noch einmal einen Blick auf ihr Ticket. Ja, da steht Gleis 2, sie ist richtig, nur noch zwei Minuten, bis der Zug abfahren sollte. Nun steht sie hier, inmitten von Menschen, die ganz anders aussehen als sie. Frauen in Saris drängen sich an ihr vorbei, kleine Kinder mit dichtem schwarzen Haar beäugen sie neugierig und ein Verkäufer neben ihr rückt die Ware in seinem Korb zurecht. Die kleinen Brötchen, die aussehen, als ob sie gefüllt wären, sehen sehr lecker aus. Wie sie wohl schmecken? Sie blickt sich um und entdeckt noch ein anderes europäisch aussehendes Pärchen und eine asiatische Familie, die auch etwas verloren hier am Bahnhof von Colombo stehen und nach dem Zug Ausschau halten. Endlich, ein Zug fährt mit lautem Gedöse in die Bahnhofshalle ein. Menschen strömen heraus, mehr als man erwartet, dass überhaupt in einen Zug reinpassen. Daniela zeigt ihr Ticket zur Sicherheit noch einem älteren Mann, der sie anlächelt und ihr zu verstehen gibt, dass dies noch nicht ihr Zug ist. Unsicher bleibt sie inmitten der Menschen, die um sie strömen, stehen und entschliesst, dem Mann zu vertrauen und zu warten. Es vergeht eine weitere Zeit und Züge fahren ein, Menschenmengen entsteigen dem Zug und mindestens ebenso viele, so scheint es, steigen in den Zug ein. Doch der Mann, der in einiger Distanz zu Daniela steht, zeigt ihr an, zu warten. Sie beschliesst, abzuwarten und nicht herumzueilen, um herauszufinden, wann ihr Zug kommt. Plötzlich wird sie aus ihren Gedanken gerissen, im Eiltempo laufen die Menschen, die mit ihr am Gleis gestanden haben, davon. Sie schaut fragend den Mann an, der ihr in Zeichensprache hektisch zu erklären gibt, dass ihr Zug scheinbar auf einem anderen Gleis fährt. 45 Minuten Verspätung und der Zug schafft es nicht mal, am angesagten Gleis einzufahren! Doch Daniela hat keine Zeit, einen weiteren Gedanken daran zu verschwenden und drängt mit der Menge zum besagten Gleis, wo gerade der Zug einfährt. Als er mit lautem Gequietsche anhält, realisiert Daniela, dass erst jetzt der richtige Kampf beginnt. Mit Ellbogen am Kopf stolpert sie mit mehr Glück als Verstand in den Zug hinein und bringt sich auf dem erstbesten Sitzplatz in Sicherheit. Puh, geschafft! Nachdem alle Menschen sich in den Zug gedrückt, auf dem Boden und bei der nicht vorhandenen Tür Platz genommen haben, tuckert der Zug los. Die städtische Umgebung weicht bald einer schönen Landschaft, die fortlaufend am Fenster vorbeizieht. Verkäufer drängen sich durch den Zug, was an sich schon fast unmöglich ist, und verkaufen Leckereien, deren Duft angenehm vorbeizieht. „Wadiwadiwadiwadi..“, der asiatische Junge gegenüber Daniela imitiert die anpreisenden Rufe des Verkäufers, woraufhin seine Mutter ihn etwas peinlich berührt tadelt. Der Zug tuckert weiter durch die Terrassen von Grünteeplantagen, wo Frauen mit Körben die Blätter pflückten. Eine gewisse Ruhe ist im Zug eingekehrt, man geniesst die Aussicht, einzelne haben angefangen miteinander zu plaudern und die Ausländer werden neugierig betrachtet. Die Sonne scheint durchs Fenster und Daniela steckt den Kopf raus in den Fahrtwind und winkt einem Kind weiter vorne, das ebenfalls aus dem Fenster lehnt.  Daniela geniesst den Augenblick und versucht den Moment festzuhalten. eine Leichtigkeit und Zufriedenheit durchströmt ihren Körper. Nun hat sie das Gefühl, angekommen zu sein.

Ein Zug verändert die Welt?

06.15: Der Wecker klingelt, müde stellt Mia ihn aus. "Nur noch 2 Minuten liegen bleiben..."
06.20: Sie quält sich aus dem Bett. "Mist, warum schaff ich es nicht pünktlich aufzustehen?"
06.37: Frisch geduscht und etwas fitter. "Ich wollte doch das Duschen kürzer halten!?!"
06.52: Mia föhnt die Haare, wäscht die Brille, parfümiert sich. "Beeil dich, um 07.07 fährt der Zug."
07.00: Sie rennt runter zum Fahrrad. "Jetzt aber ganz schnell, vielleicht fährt der Zug später ab."
07.07: Gerenne durchs Pendlergedränge. "Warum müssen die alle zur gleichen Zeit los!?!"
07.10: Mia sieht gerade noch den Zug abfahren. "Wär' ich nur wirklich 2 Minuten liegen geblieben."


Um 07.09 Uhr verlässt der eigentlich auf 07.07 Uhr geplante ICE den Bahnhof, hätte Mia im Zug gesessen, wäre sie dennoch pünktlich am Zielbahnhof angekommen. Sie hätte ihre Arbeitsstelle rechtzeitig erreicht und man ihr hätte den neuen Chef persönlich vorgestellt. Sie wären einander sofort mehr als nur sympathisch gewesen. Bereits eine Woche später hätte er sie zu einem romantischen Dinner in einem kleinen, unbekannten aber nicht unbedeutenden Restaurant ausserhalb eingeladen. Dort hätten sich hervorragend unterhalten. Es wäre ein so schöner Abend geworden, dass sie die Verabredung wiederholt hätten, eins, zwei, drei, vier und noch viele Male mehr. Erst wäre die Beziehung heimlich gewesen, aber als es für beide ernster geworden wäre, hätten sie beschlossen, alles offen zu legen. Doch eine Beziehung mit dem Chef wäre am Arbeitsplatz nicht geduldet worden, Mia hätte aus freien Stücken die Stelle aufgegeben. Sie hätte stattdessen die seit ihrer Kindheit ersehnten, neue Ausbildung angefangen, in welcher sie völlig aufgeblüht wäre. Sie hätte sich neu erfinden können, hätte eine grossartige Beziehung mit dem Mann ihrer Träume geführt und wäre glücklich geworden...bis zum nächsten Zug, den sie verpasst und alles geändert hätte?


Mia aber steht verärgert am Bahnhof, früh aufstehen und nun auch noch Zeit im Pendlergedränge verplempern, bis dann endlich der 07.34 Uhr Zug fahren würde. Sie kann sich auch einen besseren Tagesbeginn vorstellen. Mia geht zum 20-Minuten-Stand und greift gleichzeitig wie er zur Zeitung. Sie blickt entrüstet auf, sieht den Fremden, der nicht, wie alle andern grummelig die Augen verdreht, sondern sie stattdessen offen anlächelt. Mia findet ihn auf Anhieb so sympathisch, dass sie beschliesst, die Chance zu nutzen. Sie fragt ihn, ob er Zeit für einen Kaffee hat. Hat er. Aus einer halben Stunde auf den Zug warten, werden zwei Stunden Kaffeeklatsch. Bereits am nächsten Abend lädt er sie in eine gemütliche Bar ein. Und auch in der Woche darauf und wieder und wieder...Es entsteht eine leidenschaftliche, romantische Beziehung. Aber er ist nicht von hier und nach zwei Jahren beschliessen sie, gemeinsam auszuwandern. Mia beschliesst, endlich ihren Kindheitstraum zu realisieren, beginnt die neue Ausbildung, in der sie völlig aufblüht. Sie kann sich neu erfinden, hat eine grossartige Beziehung mit dem Mann ihrer Träume und wird glücklich...bis zum nächsten Zug, den sie verpasst und alles ändert?

Montag, 5. September 2016

Stinkendes Stigma

Nancy und Cindy betraten rege tratschend die Personaltoilette. Die neuen Gerüchte gaben wieder einiges her. Sie traten vor die beiden Toilettenkabinen. Als sie bemerkten, dass die eine besetzt war, warfen sie sich gegenseitig warnende Blicke zu und verstummten jäh – man weiss ja nie, wer auf der Toilette sitzt…
Cindy nahm die freie Kabine, und Nancy wartete vor der besetzten. Ein eigenartiges Rascheln war daraus zuhören, dann ein Spülen und die Tür schwang auf. Emma Dickmanns trat heraus und blickte Nancy kurz erschrocken an. Dann nickte sie beschämt zum Gruss und eilte mit gesenktem Blick aus der Toilette.
Nancy blickte ihr misstrauisch nach. „Hey Cindy“, zischte sie, „das war Emma von der Buchhaltung. Sie war total komisch drauf.“
„Wie komisch?“
„Naja…“ Nancy trat in die freigewordene Kabine. „Sie— Iiiiii!“ entfuhr es ihr vor Ekel. „Das ist ja widerlich!“ Sie stürzte wieder rückwärts aus der Kabine.
„Was ist denn?“ rief Cindy erschrocken, spülte und eilte ihrer Freundin zu Hilfe. Diese stand angewidert an die der Kabine gegenüberliegende Wand gelehnt und deutete wortlos auf die Toilette. Cindy konzentrierte sich auf die gewiesene Stelle und ihr entfuhr ebenfalls ein: „Iiiii! Was ist das?!“
Auf dem Toilettenring klebte eine dickliche, braune Masse
„Na was wohl, du Schlaumeier. Das ist Scheisse! Die ist ja echt widerlich, die Frau“, empörte sie sich, während sie sich in die andere Toilettenkabine begab. „Aber weisst du“, fuhr sie von dort aus fort, „ich hab’s mir schon immer gedacht, dass diese fette Kuh nicht ganz sauber ist – im wahrsten Sinne des Wortes. Ich meine, ist dir aufgefallen, dass sie keine ihrer Blusen je bügelt?
„Ja stimmt, jetzt wo du’s sagst. Und ihre Schuhe trägt sie ja mehrere Tage hinter einander. Den ganzen Tag!“
„Genau. Und sie schafft es nicht, ihren Kaffee zu trinken, ohne sich irgendwo einen Fleck hin zu machen. Die hat einfach keine Manieren!“
„Und bist du mal in ihrem Wagen mitgefahren?“ setzte Cindy nach. „Ich glaube, das hat sie, seit sie es gekauft hat, kein einziges Mal geputzt. Da liegen Papierfetzchen am Boden rum, die Armatur ist ganz staubig und die Fenster sind verschmiert. Keine Ahnung, wie sie aus der Scheibe sieht.“
„Mich erstaunt viel eher, dass sie überhaupt hinter dem Steuer Platz hat“, lästerte Nancy, und beide brachen in schallendes Gelächter aus.
Sie gingen zur Spüle und wuschen sich die Hände.
„Ich werde ihr jetzt echt mal die Meinung geigen! Das ist ja echt nicht zum glauben!“
Sie traten aus der Toilette auf den Gang und schritten zielstrebig auf das Grossraumbüro der Buchhaltungsabteilung zu. Hätte ein Soundtrack diesen Marsch untermalen sollen, wäre es wohl Wagners „Ritt der Walküre“ gewesen. Die Luft knisterte vor Spannung, als die beiden kampfeslustig durch den Raum schritten. Die anderen Mitarbeiter kehrten sich nach ihnen um und verfolgten gespannt, was sich unweigerlich anbahnte.
Schon tauchte der breite Rücken von Emma Dickmanns hinter einer der niedrigen Trennwände auf.
„Emma!“ rief Nancy, als sie noch vier Meter von ihr entfernt war.
Erschrocken kehrte sich Emma um.
„Warst du das auf dem Klo?!“
Emmas Miene wurde blass.
„Das darf ja wohl wirklich nicht wahr sein! Wie alt bist du eigentlich?“ keifte Cindy dazwischen.
Emmas Unterlippe begann zu zittern.
„Ich meine, mag ja schon sein, dass es etwas schwieriger ist, bei deinen Proportionen“, spottete Nancy, „aber so feige davon rennen ist echt erbärmlich!“
Emmas Augen füllten sich mit Wasser.
„Wir hätten echt nicht geglaubt, dass du solch ein Ferkel bist!“ Cindy verschränkte die Arme und wandte sich angewidert ab.
„Ich finde“, fuhr Nancy fort, „und ich nehme an, unsere Kollegen werden uns da beipflichten, zumindest könntest du die Sauerei, die du hinterlassen hast, wieder bereinigen.“
Da brach der Damm und dicke Tränen rannen Emma über die dicken, heissen Backen. Beschämt blickte sie zu Boden und murmelte nur: „Ja, natürlich.“
„Das ist nämlich echt ‘ne Zumutung! Ein Blick zurück ist doch wirklich nicht zu viel verlangt!“
Emma horchte auf.“
„Auf ein dermassen – tut mir leid, ich kann’s nicht anders sagen – verschissenes Klo kann ja kein Mensch mehr gehen!“
„Verschissen?“ fragte Emma leise.
„Jetzt tu nicht so scheinheilig!“ zischte Nancy leicht verunsichert. „Was dachtest du denn?!“
„Ach, nichts“, entgegnete Emma mit einer deutlichen Erleichterung. „Es tut mir nur so schrecklich leid! Tut mir wirklich leid, Leute! Echt! Ihr habt total recht. Ist natürlich unentschuldbar. Ich werde es sofort bereinigen. Wie peinlich! Tut mir leid.“ Während ihrer Entschuldigungsleier hatte sie ihre Massen vom Bürostuhl erhoben und bewegte sich nun eilig, sich weiter entschuldigend, Richtung Toilette. Alle blickten ihr verdutzt nach, denn keinem war das eigenartige Lächeln entgangen, das ihre Lippen zum Schluss umspielt hatte.
Emma warf die Tür zur verräterischen Toilettenkabine auf und erblickte sogleich das Corpus Delicti. Sie nahm ein Toilettenpapier, wischte den braunen, klebrigen Fleck vom Toilettenring und blickte ihn kopfschüttelnd an.
„Scheisse!“ gab sie ihrem Ärger über sich selbst freien Lauf. „Ihr saudämlichen Schnepfen! Das ist Schokolade!“

Mittwoch, 31. August 2016

FinsterLicht


Hell das Licht in der Schwärze der Nacht
Fromm die Nonne in Christus' Haus
Heilig die Kuh im Herzen des Hindus
und
geschändet anderswo auf der Welt


Alt die Frau die ein Kind hält im Arm
und
jung ein Greis der mit Horas sich misst
Delikat der Kuchen wer im Munde kaut Brot
und
noch besser dies, wer zu essen hat nichts.


Tötung ist Tugend in Zeiten des Krieges
und
Mord wenn die weisse Flagge gehisst
Tor ein Bauer der mit Sokrates spricht
 doch
Wissen durch Denken, oder Wissen durch Tat?
Gezeichnet ein Jeder der geboren als Mensch
Gebrandmarkt bis er ruhet im Sarg


Lügner ist Lügner wenn nur Wahrheit man spricht
Ausgegrenzt nur jener, der möcht Einlass in Kreis
und
das Mal wird zur Schand wenn kongruent der Leut' Sicht.






Freitag, 19. August 2016

Beim Wahrsager

Betreten schaue ich in die mir dargebotenen Karten.
"Das soll nun meine Zukunft sein?", frage ich unsicher.
Mit grossen, verheissungsvollen Augen, erklärt mir Frau Silberzweig geduldig und mit rauchiger Stimme:
"Die Karten zeigen uns nicht die Zukunft, meine Liebe, die Karten zeigen uns das Potential der Gegenwart. Sie zeigen, was passiert, wenn Sie ihren jetzigen Weg weitergehen. Die Geschichten sind schon geschrieben, aber wir können sie verraten und uns mit dazu. Wir können so leben, wie wir glauben, leben zu müssen oder nicht anders leben zu können, doch es wird immer ein Leben geben, wie es für uns gemeint ist; es ist jenes, das uns am glücklichsten macht und das uns zu unserer wahren Grösse erhebt; was auch immer der Preis dafür sein möge und wie viel auch immer wir dafür auf uns nehmen müssen."

Dienstag, 16. August 2016

Geständnis

Ich erscheine gut.
Ich erscheine lachend.
Ich erscheine fröhlich.
Ich erscheine nett.
Ich erscheine intelligent.
Ich erscheine mitfühlend.
Ich erscheine interessiert.
Ich erscheine stark.
Ich erscheine optimistisch.
Ich erscheine gefühlvoll.
Der Sonnenschein.

Aber…

Ich bin schlecht.
Ich bin weinend.
Ich bin traurig.
Ich bin fies.
Ich bin unwissend.
Ich bin rücksichtslos.
Ich bin langweilig.
Ich bin schwach.
Ich bin feige.
Ich bin leer.
Der Sonnenbrand.

Ach, wär' ich doch der Sonnenschein,
ach, könnt' ich nur das Stigma sein.
Aus ich wird du, aus du wird ich,
mein Anschein sein, mehr will ich nicht.
Wie schön und einfach wär das Leben,
müsst' ich nicht nach dem Stigma streben.
Wär' ich nur, was ich scheine zu sein,
wär' ich nur der tolle Sonnenschein.

Aber...

Ich muss euch alle desillusionieren,
am meisten wird's wohl mich frustrieren,
Ich bin, was ich bin und das ist nicht gut,
immerhin hab ich zum Geständnis den Mut.
Das Einzige, was nun noch bleibt,
ist die traurige ewige Ehrlichkeit:
Ich bin ich, das liegt auf der Hand,
ich bin der verdammte Sonnenbrand.