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Zitat des Monats

Wenn der Wind des Wandels weht, bauen die Einen Schutzmauern, die Anderen bauen Windmühlen.

Chinesische Weisheit

Willkommen!

Liebe Schreibende

In unserer hektischen Welt, dominiert von High-Speed-Rechnern, Zeitmangel, Medien, Facebook und Leistungsdruck, versuchen wir uns hier eine kleine Insel der Besinnung zu erhalten. Sich einmal im Monat in Ruhe niederzusetzen, sich mit einem Thema eingehend zu beschäftigen und dann die passenden Worte zu finden, um seine Gedanken mit anderen zu teilen, erscheint mir dabei ein geeigneter Weg, aus dieser Alltagshektik auszubrechen.

Sollten wir innerhalb eines Jahres genügend Beiträge beisammen haben, werde ich diese zusammentragen und in Buchform drucken lassen. So hat man dann Ende Jahr ein schönes Büchlein zur Hand - zur Erinnerung, oder als Geschenk zu Weihnachten, oder auch, um die Heimbibliothek mit einem eigenen Werk etwas auszubauen.

Dann also viel Spass beim Schreiben!

Eilean

Sonntag, 20. März 2016

Hamsterrad


Rund dreiviertel der mir verbleibenden Zeit sind verstrichen.

Wovon sprichst du?

Ich habe nur noch 93 Tage zu leben.

Ach ja – dein Experiment.

Wochen-, sogar monatelang habe ich nicht mehr daran gedacht. Heute Nacht jedoch, da träumte ich davon in der Hölle gelandet zu sein.

Auch du Scheiße. Und?

Als ich in der Hölle war ist mir als erstes aufgefallen, dass fast alle Leute am Arbeiten waren. Sie schienen mit kolossal wichtigen Sachen beschäftigt zu sein. Außerdem haben sie sich immerzu gegenseitig bestätigt wie wichtig das ist, was sie tun. Gleichzeitig gab es aber auch unfassbar viele Freizeitangebote und Möglichkeiten sich abzulenken, um etwas anderes zu tun als das, was man gerade tut.

Ich hab`s geahnt, sagte Eckhart  grinsend.

Ja, aber es kommt noch besser: In der Hölle habe ich einen Theologen getroffen.

Schon klar, sagte Eckhart  noch etwas breiter grinsend.

Der hat mir erklärt, dass Angst die Todesursache Nr. I ist; gefolgt von Stress – und nicht Rauchen oder fettes Essen. Und wie gesagt, um mich herum waren alle unentwegt mit Wichtigkeiten beschäftigt und mit ihren Smartphones. Meistens mit mehreren Dingen zugleich. Außerdem fiel mir auf, dass es unzählige Menschen gab, die sich bereitwillig in lange Warteschlangen stellten.

Warteschlangen?

Ja, Warteschlangen. Es gab zum Beispiel eine lange Warteschlange vor dem Standesamt, und vor der Karriereberatung, auch vor der Universität, vor Kirchen, Moscheen, Synagogen und vor Glückstempeln und Psycho-Veranstaltungen aller Art. Ach ja – und vor einem Pauschalreisebüro gab es auch eine Schlange; und vor einem Bratwurststand; und über Allem prangte Werbung in grellen bunten Schriftzügen.

Was stand denn da?

Die schönsten Versprechen: „Ewige Sicherheit!“ und „absolutes Lebensglück!“ und „Spiel, Spass, Spannung!“ und „Gewinnmaximierung ohne Ende!“ solche Sachen halt.

Auch über dem Bratwurststand?

Nein, über dem nicht.

Klingt trotzdem verlockend.

Ja. Und mir fiel noch was auf.

Was denn?

Dass es neben den langen Warteschlangen weite und offene Landschaften gab. Die nutzte aber kaum jemand, obwohl sie echt atemberaubend aussahen – und gleichsam vor der Haustüre lagen.

Niemand wollte dort hin?

Doch. Einige. Wenige. Die ließen das Getümmel einfach hinter sich. Ich konnte beobachten wie sie sich ein Herz fassten und aus den Warteschlangen heraustraten und drauf zu gingen – mitten hinein in diese überwältigende Landschaft.

Klingt schön. Befreiend.

Das war es auch. Sehr sogar!

Und trotzdem wollten nur wenige dort hin?

Ja. Es mag komisch klingen, aber mir war fast so als ob die Menschen, die das machten, ja dass sie erkannten in einem Traum gefangen zu sein; und indem sie das erkannten, haben sie sich entschlossen aus ihrer Begrenztheit herauszutreten und etwas Besseres mit ihrer Zeit anzufangen.

Wow – die haben im Traum erkannt nur Bestandteil eines Traumes zu sein und haben den Wahnsinn dann einfach hinter sich gelassen. Was haben sie denn dann Besseres getan?

Nachdem sie das Getümmel und die Warteschlangen verlassen hatten und in dieses weite Land aufgebrochen sind, da taten sie schlicht was sie tun wollten. Sie haben sich neue Welten geschaffen.

Einfach so, zwischen all den Warteschlangen?

Ja, einfach so. Sie stellten fest, dass das Leben, in dem sie sich eben noch gefangen fühlten, gar nicht so massiv, starr und unveränderlich ist wie sie dachten, sondern dass es viel Platz für Anderes gibt. Sie wurden dabei ganz ausgelassen.

Ausgelassen wie spielende Kinder?

Ja. Ausgelassen wie spielende Kinder. Und dann ist was Entscheidendes passiert.

Was denn?

Ich war nicht mehr nur Beobachter des Geschehens, sondern selbst einer der Vielen; und ich lief in einer Art Hamsterrad; und dachte darüber nach, ob auch ich heraustreten und in die weite Landschaft herausspringen sollte, aber ich hatte Angst; und gleichzeitig erkannte ich, dass ich ein Gefangener war – aber ohne, dass mich jemand gefangen hielt.

Mmh – so komme ich mir auch manchmal vor.

Als ich mich dann von dieser anziehenden Offenheit und Weite abwandte und mir meiner Situation im Hamsterrad gewahr wurde machte mich das völlig fertig. Ich meine, mir standen so viele Angebote zur Verfügung. Es gab so viele Menschen, die waren wohlhabend, gut gekleidet, begabt und dies und das – und doch: Obwohl wir so Viele waren, alle fühlten wir uns einsam, isoliert und irgendwie unzufrieden. Uns schien etwas zu fehlen; und die Angebote und Versprechungen rund um uns herum boten keine echten Lösungen, sondern machte alles nur noch irgendwie schlimmer.

Dann haben die in den Warteschlangen und Hamsterrädern also das Glück gesucht, aber konnten es nicht finden, weil sie so sehr in ihren Gewohnheiten und Zerstreuungen gefangen waren?

Ja, etwa so in der Art. Außerdem suchte jeder nur sein eigenes privates Glück – gleichgültig gegenüber dem, was dem Rest der Welt widerfährt. Zwar glaubte jede und jeder daran das Beste aus seiner oder ihrer ablaufenden Zeit machen zu müssen, aber wir hatten den Glauben an ein Ziel oder einen Sinn verloren, der alles zusammenhält. Wir waren ohne Hoffnung und ohne Geborgenheit. Wir waren wie Geworfene; und die Warteschlangen und Hamsterräder waren da, um zu vergessen, dass wir ziel- und orientierungslos sind, in einer gottverlassenen Welt.

War das die Botschaft des Traums? 

Vielleicht, ja. Wir können nicht glücklich sein, solange wir uns vom Glück der anderen abkoppeln. Denn die Menschen neben den Schlangen, obwohl es nur wenige waren, die waren nicht einsam oder isoliert. Ich glaube sie fühlten sich in Verbindung mit Allem. Sie sahen glücklich aus.

Sie fanden Fülle, Sinn und Geborgenheit, obwohl es gerade diejenigen waren, die die Menge hinter sich ließen und ihren eigenen Weg gingen?

Ja. Paradox. Nicht wahr? Sie haben für sich alleine eine Entscheidung getroffen und sind als Einzelne aus der Menge herausgetreten. Und gerade sie entkamen der Einsamkeit. Sie schienen einander zugewandt und in enger Beziehung zueinander zu stehen. Irgendetwas ist da mit ihnen passiert. Sie waren zwar noch Einzelne aber nicht mehr separiert und einsam, sondern mit Allem und Jedem auf eigentümlich tiefe, geradezu intime Weise in Verbindung. Auch mit uns, die wir noch in den Hamsterräder liefen oder in den Warteschlangen standen. Denn indem ich bemerkte, dass sie auch auf mich, auf meine Gedanken und Gefühle reagierten, da spürte ich eine tiefe Resonanz mit ihnen. Sie brachten mit ihrer Art zu Sein, mit ihrer Bezogenheit auf mich etwas zum schwingen, das mich tröstete und beruhigte. Sie schienen wirklich in einer tiefen Verbindung zu mir zu stehen. Sie ließen sich berühren von meinem Schicksal und meinen Sehnsüchten und meinen Ängsten. Ihr Mitgefühl, ihr liebevolles Echo auf mein Dasein, berührte mich zutiefst. Es rührte mich zu tränen. Ich begann mein Herz zu spüren. Es fühlte sich an wie ein Organ aus Feuer.

Schön.

Ja, aber dann ist noch was Unglaubliches passiert.

Was denn?

Na – ich wachte auf.

Ach so. Und?

Gerade als ich aufwachte schaute mir Lara direkt ins Gesicht. Ich glaube sie hatte mir beim Schlafen zugesehen.

Was dann?

Dann schaute ich ihr einen Moment lang beim Zusehen zu. Sie kam ganz nah an mich heran; und noch bevor ich in der Lage war irgendetwas zu sagen, fragte sie mich, ob ich mich denn nun entschlossen hätte aus dem Hamsterrad herauszuspringen.

Nein!

Doch!

Und dann?

Na, da habe ich mich vielleicht gewundert!

Schon klar. Aber was dann?

Dann bin ich aufgestanden, um Kaffee zu kochen und mir den Schlaf aus dem Gesicht zu waschen.

Ok – aber was dann?

Dann klingelte der Wecker und ich erwachte...

Donnerstag, 10. März 2016

Der Mensch kann tun, was er will, aber er kann nicht wollen, was er will. (A. Schopenhauer)

Willensfreiheit soll die subjektiv empfundene menschliche Fähigkeit sein, bei verschiedenen Optionen eine bewusste Entscheidung treffen zu können. Unabhängig davon, ob diese Fähigkeit tatsächlich existiert oder nicht. Dennoch beschäftigt die Menschen die Frage nach dem freien Willen und ob es die Fähigkeit dazu gibt seit Urzeiten.

Auch wir haben gestern lange und hitzig über unsere persönliche Auffassung unserer Entscheidungsgewalt diskutiert. Viele Denkanstösse, viele Unstimmigkeiten und schlussendlich der Konsens, dass wir keinen Konsens finden...Doch es regte mich zum weiteren Grübeln an und ich begann mich genauer über die verschiednen Auffassungen des freien Willens zu erkundigen und stiess auch höchstinteressante Darstellungen, die ich nun gerne teile.

Einen inneren Konflikt löste die Erkenntnis, dass Determinismus doch mit der Willensfreiheit vereinbar sein kann, im Fachjargon wird dies Kompatibilismus genannt. Innerhalb der kompatibilistischen Positionen gibt es wieder zwei weitere Auffassungen. Da ist einmal der weiche Kompatibilismus: hier spielt es keine Rolle, ob Entscheidungen deterministisch bedingt sind oder nicht, da die handelnde Person die determinierenden Faktoren nicht alle kennt. D.h. der Handelnde agiert aus Gründen, die ihm nicht vollständig bewusst sind, die erlebte ist somit nur eine scheinbare Freiheit.  Zum andern gibt es den harten Kompatibilismus. Hier anerkennt man den Willen nur als fei, wenn jener durch Gründe entsteht, die im Einklang mit den Werten und Überzeugungen der handelnden Person stehen. Sobald dies nicht mehr der Fall ist, wird er handlungsleitend und als auferlegt erlebt (z.B. Zwangsgedanken).

Andererseits stellen viele Philosophen die Vereinbarkeit der Konzepte des freien Willens und des Determinismus in Frage. Analog zum Kompatibilismus wäre dies dann der Inkompatibilismus. Hier gibt es weitere Untergruppen. Die Vertreter des harten Determinismus bestreiten, dass es überhaupt einen freien Willen gibt. Die Libertarianer glauben, dass Handlungen einem substantiellen Willen entspringen, dessen Entscheidungen aber undeterminiert sind.

Interessant für mich waren v.a. Ergebnisse aus Studien mit funktionellen MRIs. Hier konnte man nachweisen, dass Entscheidungen im Gehirn bereits getroffen werden, bevor es der Person bewusst wird. Genauso spannend finde ich die Möglichkeit eines „Vetos“, welches jedoch ebenfalls unbewusst getroffen und erst nachträglich als freie Entscheidungen empfunden werden (u.a. soll an dieser Stelle das Libet-Experiment erwähnt werden). Ein weiteres sehr interessantes Experiment wurde von der Gruppe um Alvaro Pascual-Leone 1992 durchgeführt. Es zeigte sich, dass durch die Stimulation der verschiednen Hirnhälften mittels magnetischer Felder die Wahl einer Person stark beeinflusst werden konnte. Erstaunlich war dabei, dass trotz dieses nachweislichen Einflusses von aussen, die Probanden weiterhin der Überzeugung waren, ihre Wahl frei getroffen zu haben.
Ich denke, schlussendlich spielt es keine Rolle, ob wir einen freien Willen haben oder nicht. Entscheidend ist, dass wir die Empfindung haben, wir hätten eine Willensfreiheit und damit Selbstwirksamkeit und Verantwortung. Ich, für meinen Teil jedoch kann Schopenhauer nur zustimmen, wenn er sagt: „ Der freie Wille ist eine Illusion, in Wahrheit ist der Wille durch chaotische (also äußerst komplexe) Einflüsse außerhalb und innerhalb des Subjekts gesteuert.“

Montag, 7. März 2016

Prioritäten

Atemlos kam Zoe am Jahrmarkt an und sah bereits ihre Freundin am Eingang stehen. Gelangweilt war sie an einen Pfosten gelehnt und spielte mit ihrer Handtasche. Sie schloss hektisch ihr Fahrrad ab und rannte zu ihr hin. „Tut mir echt leid, meine Liebe! Ich−“
„Du schaffst es echt nie, was?“ unterbrach sie ihre Freundin. Sie schüttelte enttäuscht den Kopf. Zoe wusste nicht, was sie sagen sollte. Doch plötzlich umspielte ein immer breiter werdendes Grinsen die Lippen ihrer Freundin. Dann warf sie auf einmal ihren Arm um Zoes Schultern und lachte: „Aber so kenne ich dich ja schon immer! Lass uns rein gehen!“
Erleichtert erwiderte Zoe die Umarmung und sie verbrachten einen ausgelassenen Nachmittag auf dem Jahrmarkt.
Am Abend kamen sie irgendwann vor dem Zelt der Wahrsagerin an. Sie wollten hinein gehen, doch da kam ihnen die Wahrsagerin geradewegs entgegen. „Zu spät. Ich habe geschlossen“, fauchte sie. Sie sah aus wie eine alte Zigeunerin aus dem Bilderbuch.
„Ach, bitte, machen Sie doch eine Ausnahme“, bettelte Zoe. „Ich hab’s echt satt, zu allem zu spät zu kommen!“
Es blitzte geheimnisvoll in den dunklen Augen der Seherin, und es dauerte eine Weile, bis sie schliesslich mit einem Arm den Vorhang hob und die jungen Studentinnen freundlich herein bat. Die beiden jungen Frauen setzten sich auf der einen Seite der Kristallkugel nieder. Die Zigeunerin setzte sich ihnen gegenüber. Dann schob sie jedoch die Hellseherkugel zu Seite und streckte ihnen die Hände entgegen.
„Deine rechte Hand, mein Kind.“
Zoe blickte ihre Freundin unsicher an. Diese gab ihr einen kleinen Stubser in die Seite, darauf reichte Zoe ihr ihre Hand. Die Zigeunerin strich mit einem geheimnisvollen Seufzer darüber. Dann blickte sie plötzlich mit funkelnden Augen zu ihr auf und fragte: „Hast du das denn schon bemerkt?“ dabei wies sie mit dem Kinn nach unten. Zoe blickte mit Unbehagen an sich herab und sah erschrocken die deutliche Wölbung ihres Bauches. Sie war schwanger! Tausend Gedanken rasten ihr auf einmal durch den Kopf. Wie ist das möglich? Ich war doch gerade noch— Ich muss es los werden! Wer ist überhaupt der Vater? Aber doch nicht etwa— Wo ist das nächste Spital? Sie stand taumelnd auf und warf dabei den kleinen Tisch um. Hektisch blickte sie zwischen ihrer entgeisterten Freundin und der neckisch grinsenden Zigeunerin hin und her. Dann taumelte sie ohne ein weiteres Wort panisch aus dem Zelt. Doch schon spürte sie eine warme Flüssigkeit ihr Bein hinab lief. Sie flüchtete aus dem Freizeitpark in ein Gewirr enger Gassen, und im nächsten Moment fiel ihr ein warmes Bündel aus dem Schoss vor die Füsse. Sie wäre beinahe darüber gestolpert.
Mit Entsetzen stellte sie fest, dass es ein Säugling war. Nein, eher ein Fötus, er schien irgendwie noch nicht ganz fertig zu sein, dafür war er jedoch viel zu gross. Die Gliedmasse waren zu dünn und das Hautkolorit war fahl. Einen Augenblick lang spekulierte sie sogar damit, dass es eine Totgeburt war. Wann war überhaupt die Geburt? Ich habe gar nichts gespürt. Wenn es tot ist, kann ich es ja einfach liegen lassen…
Doch im nächsten Moment öffnete das Ding seine Augen. Augenblicklich nahm sie es hoch und wickelte es in ihren Mantel. Sie blickte sich panisch um, ob sie bei diesen ganzen unwirklichen Vorgängen beobachtet worden war. Doch die dunkle Gasse war menschenleer. Kein Ton durchdrang die bedrohliche Stille. Sie begann zu laufen, ziellos, suchend. Ein fürchterlicher Gedanke kam in ihr auf. Ich könnte den Säugling doch irgendwo hinlegen, wo ihn jemand findet – oder auch nicht findet. Das kriegt doch niemand mit. Und wer ist überhaupt der Vater?!
„Bitte verlass mich nicht, Mama“, sagte in diesem Moment das kleine Wesen in ihren Armen. Sie hätte es vor Schreck beinahe fallen gelassen. Entgeistert war sie stehen geblieben und starrte den sprechenden Riesenfötus an. „Lass mich nicht allein, ich werde dir auch keine Last sein, das versprech ich dir. Ich möchte bei dir bleiben. Ich liebe dich doch. Bitte verlass mich nicht.“ Der Fötus sprach in einem fort, bis sie wieder ihre Fassung gefunden hatte.
„Ist ja schon gut!“ zischte sie. „Schweig jetzt!“ Und sie hüllte es ganz in ihren Mantel, teils aus Scham und Verwirrung, teils zum Schutz, denn sie verspürte eine eigentümliche Bindung zu dem kleinen Wesen. Wie nenn ich ihn überhaupt? Ich habe ja noch gar keinen Namen für ihn. Wieso hab‘ ich mir das nicht schon vorher überlegt?
Langsam ging sie weiter und fand sich immer mehr mit dem Gedanken ab, nun Mutter zu sein und ihre Karriere nun eben hinausschieben zu müssen. Aber wer ist überhaupt der Vater?!! Das schaffen wir schon.
Auf einmal lichteten sich die Gassen und der Weg führte auf eine lichtdurflutete Weide. Der Wind blies sanft über die hüfthohen Grashalme und liess malerische Wellenbewegungen entstehen. Gemächlich ging Zoe auf ein idyllisches Landhaus mit ausladender Veranda zu und stieg die knarrenden Holzstufen hinauf. Kaum war sie auf der Veranda angekommen löste sich das Bündel aus ihrer Umarmung, und ein aufgeweckter Junge rannte lachend hinaus auf die Weide. Gleichzeitig kam ein weiteres, kleineres Kind aus dem Haus geschossen und jagte seinem älteren Gefährten hinterher. Voller Genugtuung blickte Zoe den Kindern hinterher. „Aber seid vorsichtig, Kinder!“ rief sie. Doch ihr wohlwollender Warnruf wurde vom Wind davongetragen. Da fielen ihr die Schritte im Haus hinter ihr auf. Da fiel ihr die immer selbe Frage wieder ein: Wer ist eigentlich der Vater? Wer ist da im Haus?
Sie wandte sich gespannt in Zeitlupe um und blickte zur dunklen Tür. Dahinter bewegte sich, durch das Fliegengitter deutlich erkennbar, der Schemen eines Mannes. Doch es war nicht zu auszumachen, wer er war. Langsam ging sie auf die Türe zu. Und gerade, als sie die Klinke hinunter drücken wollte, um nachzusehen, rief eine vertraute, jedoch irgendwie veränderte Männerstimme hinter ihr ihren Namen.
„Zoe?“
Ihr blieb das Herz einen Moment stehen, und sie wusste, was nun folgen würde.
„Zoe, wo bist du so lange geblieben? Du hast dich gar nicht mehr gemeldet. Was hast du überhaupt die ganze Zeit getrieben?“
Sie wandte sich um und sah mit gemischten Gefühlen ihren gealterten Vater vor sich stehen.
„Papa“, hauchte sie aufgelöst.
„Wie konntest du nur deine Arbeit aufgeben? Für … das hier?“ Die so wohl bekannte hoch gezogene Lippe trieb ihr wie früher die Magensäure zusammen.
Doch da tönten himmlisch hell die Stimmen der Kinder aus dem Hintergrund hervor: „Opa!“ riefen sie erfreut. Und Zoe sah, wie sich das Wasser in den Augen ihres Vaters sammelte.
Die Kinder rannten zu ihm hin und fielen ihm in die Arme. Er schluchzte vor Freude und hielt die Kinder fest im Arm. Dann blickte zu ihr auf und fragte: „Aber Zoe, wo ist der Vater?“
„Ja, ich … ich hol ihn gleich“, antwortete sie verwirrt, denn sie wusste noch immer nicht, wer sie im Haus erwartete.
Sie wandte sich erneut um und schritt auf die Tür zu. Doch noch bevor sie die Klinke erreichte, verspürte sie einen drückenden Schmerz in der Brust, als würde ihr die Luft abgeschnürt. Sie keuchte und taumelte auf die Knie. Sie griff sich ans Herz und fiel auf die Seite.
„Mama!“ rief eine junge Frauenstimme aus der Ferne. Zoe sah, wie sich zwei junge Erwachsene über sie beugten und panisch auf sie einredeten. Dann wurde alles schwarz.

Zoe erwachte wie aus einem Albtraum und rang nach Luft. Dabei löste sie sich aus dem Griff der Zigeunerin. Sie fiel mit dem Stuhl rückwärts und landete auf der Erde. Ihre Freundin blickte sie entgeistert an, und in den Augen der Zigeunerin glitzerte erneut das geheimnisvolle Wissen, wie dazumal – wie vorhin?
„Ich … muss … jemanden anrufen.“ Damit hastete sie aus dem Zelt und zückte dabei ihr Handy. Dann suchte sie gezielt eine lang ungebrauchte Nummer und wartete. Er antwortete.

„Hallo. Ich bin’s, Zoe… Ich weiss nun, was ich will… Und diesmal bin ich hoffentlich nicht zu spät.“