Atemlos kam Zoe am Jahrmarkt an und sah bereits ihre
Freundin am Eingang stehen. Gelangweilt war sie an einen Pfosten gelehnt und
spielte mit ihrer Handtasche. Sie schloss hektisch ihr Fahrrad ab und rannte zu
ihr hin. „Tut mir echt leid, meine Liebe! Ich−“
„Du schaffst es echt nie, was?“ unterbrach sie ihre
Freundin. Sie schüttelte enttäuscht den Kopf. Zoe wusste nicht, was sie sagen
sollte. Doch plötzlich umspielte ein immer breiter werdendes Grinsen die Lippen
ihrer Freundin. Dann warf sie auf einmal ihren Arm um Zoes Schultern und
lachte: „Aber so kenne ich dich ja schon immer! Lass uns rein gehen!“
Erleichtert erwiderte Zoe die Umarmung und sie verbrachten
einen ausgelassenen Nachmittag auf dem Jahrmarkt.
Am Abend kamen sie irgendwann vor dem Zelt der Wahrsagerin
an. Sie wollten hinein gehen, doch da kam ihnen die Wahrsagerin geradewegs
entgegen. „Zu spät. Ich habe geschlossen“, fauchte sie. Sie sah aus wie eine
alte Zigeunerin aus dem Bilderbuch.
„Ach, bitte, machen Sie doch eine Ausnahme“, bettelte Zoe.
„Ich hab’s echt satt, zu allem zu spät zu kommen!“
Es blitzte geheimnisvoll in den dunklen Augen der Seherin,
und es dauerte eine Weile, bis sie schliesslich mit einem Arm den Vorhang hob
und die jungen Studentinnen freundlich herein bat. Die beiden jungen Frauen
setzten sich auf der einen Seite der Kristallkugel nieder. Die Zigeunerin
setzte sich ihnen gegenüber. Dann schob sie jedoch die Hellseherkugel zu Seite
und streckte ihnen die Hände entgegen.
„Deine rechte Hand, mein Kind.“
Zoe blickte ihre Freundin unsicher an. Diese gab ihr einen
kleinen Stubser in die Seite, darauf reichte Zoe ihr ihre Hand. Die Zigeunerin
strich mit einem geheimnisvollen Seufzer darüber. Dann blickte sie plötzlich
mit funkelnden Augen zu ihr auf und fragte: „Hast du das denn schon bemerkt?“
dabei wies sie mit dem Kinn nach unten. Zoe blickte mit Unbehagen an sich herab
und sah erschrocken die deutliche Wölbung ihres Bauches. Sie war schwanger!
Tausend Gedanken rasten ihr auf einmal durch den Kopf. Wie ist das möglich? Ich war doch gerade noch— Ich muss es los werden!
Wer ist überhaupt der Vater? Aber doch nicht etwa— Wo ist das nächste Spital?
Sie stand taumelnd auf und warf dabei den kleinen Tisch um. Hektisch blickte
sie zwischen ihrer entgeisterten Freundin und der neckisch grinsenden
Zigeunerin hin und her. Dann taumelte sie ohne ein weiteres Wort panisch aus
dem Zelt. Doch schon spürte sie eine warme Flüssigkeit ihr Bein hinab lief. Sie
flüchtete aus dem Freizeitpark in ein Gewirr enger Gassen, und im nächsten
Moment fiel ihr ein warmes Bündel aus dem Schoss vor die Füsse. Sie wäre
beinahe darüber gestolpert.
Mit Entsetzen stellte sie fest, dass es ein Säugling war.
Nein, eher ein Fötus, er schien irgendwie noch nicht ganz fertig zu sein, dafür
war er jedoch viel zu gross. Die Gliedmasse waren zu dünn und das Hautkolorit
war fahl. Einen Augenblick lang spekulierte sie sogar damit, dass es eine
Totgeburt war. Wann war überhaupt die
Geburt? Ich habe gar nichts gespürt. Wenn es tot ist, kann ich es ja einfach
liegen lassen…
Doch im nächsten Moment öffnete das Ding seine Augen.
Augenblicklich nahm sie es hoch und wickelte es in ihren Mantel. Sie blickte
sich panisch um, ob sie bei diesen ganzen unwirklichen Vorgängen beobachtet
worden war. Doch die dunkle Gasse war menschenleer. Kein Ton durchdrang die
bedrohliche Stille. Sie begann zu laufen, ziellos, suchend. Ein fürchterlicher
Gedanke kam in ihr auf. Ich könnte den
Säugling doch irgendwo hinlegen, wo ihn jemand findet – oder auch nicht findet.
Das kriegt doch niemand mit. Und wer ist überhaupt der Vater?!
„Bitte verlass mich nicht, Mama“, sagte in diesem Moment das
kleine Wesen in ihren Armen. Sie hätte es vor Schreck beinahe fallen gelassen.
Entgeistert war sie stehen geblieben und starrte den sprechenden Riesenfötus
an. „Lass mich nicht allein, ich werde dir auch keine Last sein, das versprech
ich dir. Ich möchte bei dir bleiben. Ich liebe dich doch. Bitte verlass mich
nicht.“ Der Fötus sprach in einem fort, bis sie wieder ihre Fassung gefunden
hatte.
„Ist ja schon gut!“ zischte sie. „Schweig jetzt!“ Und sie
hüllte es ganz in ihren Mantel, teils aus Scham und Verwirrung, teils zum
Schutz, denn sie verspürte eine eigentümliche Bindung zu dem kleinen Wesen. Wie nenn ich ihn überhaupt? Ich habe ja noch
gar keinen Namen für ihn. Wieso hab‘ ich mir das nicht schon vorher überlegt?
Langsam ging sie weiter und fand sich immer mehr mit dem
Gedanken ab, nun Mutter zu sein und ihre Karriere nun eben hinausschieben zu
müssen. Aber wer ist überhaupt der
Vater?!! Das schaffen wir schon.
Auf einmal lichteten sich die Gassen und der Weg führte auf
eine lichtdurflutete Weide. Der Wind blies sanft über die hüfthohen Grashalme
und liess malerische Wellenbewegungen entstehen. Gemächlich ging Zoe auf ein
idyllisches Landhaus mit ausladender Veranda zu und stieg die knarrenden
Holzstufen hinauf. Kaum war sie auf der Veranda angekommen löste sich das
Bündel aus ihrer Umarmung, und ein aufgeweckter Junge rannte lachend hinaus auf
die Weide. Gleichzeitig kam ein weiteres, kleineres Kind aus dem Haus
geschossen und jagte seinem älteren Gefährten hinterher. Voller Genugtuung
blickte Zoe den Kindern hinterher. „Aber seid vorsichtig, Kinder!“ rief sie.
Doch ihr wohlwollender Warnruf wurde vom Wind davongetragen. Da fielen ihr die
Schritte im Haus hinter ihr auf. Da fiel ihr die immer selbe Frage wieder ein:
Wer ist eigentlich der Vater? Wer ist da im Haus?
Sie wandte sich gespannt in Zeitlupe um und blickte zur
dunklen Tür. Dahinter bewegte sich, durch das Fliegengitter deutlich erkennbar,
der Schemen eines Mannes. Doch es war nicht zu auszumachen, wer er war. Langsam
ging sie auf die Türe zu. Und gerade, als sie die Klinke hinunter drücken
wollte, um nachzusehen, rief eine vertraute, jedoch irgendwie veränderte
Männerstimme hinter ihr ihren Namen.
„Zoe?“
Ihr blieb das Herz einen Moment stehen, und sie wusste, was
nun folgen würde.
„Zoe, wo bist du so lange geblieben? Du hast dich gar nicht
mehr gemeldet. Was hast du überhaupt die ganze Zeit getrieben?“
Sie wandte sich um und sah mit gemischten Gefühlen ihren
gealterten Vater vor sich stehen.
„Papa“, hauchte sie aufgelöst.
„Wie konntest du nur deine Arbeit aufgeben? Für … das hier?“
Die so wohl bekannte hoch gezogene Lippe trieb ihr wie früher die Magensäure
zusammen.
Doch da tönten himmlisch hell die Stimmen der Kinder aus dem
Hintergrund hervor: „Opa!“ riefen sie erfreut. Und Zoe sah, wie sich das Wasser
in den Augen ihres Vaters sammelte.
Die Kinder rannten zu ihm hin und fielen ihm in die Arme. Er
schluchzte vor Freude und hielt die Kinder fest im Arm. Dann blickte zu ihr auf
und fragte: „Aber Zoe, wo ist der Vater?“
„Ja, ich … ich hol ihn gleich“, antwortete sie verwirrt,
denn sie wusste noch immer nicht, wer sie im Haus erwartete.
Sie wandte sich erneut um und schritt auf die Tür zu. Doch noch
bevor sie die Klinke erreichte, verspürte sie einen drückenden Schmerz in der
Brust, als würde ihr die Luft abgeschnürt. Sie keuchte und taumelte auf die
Knie. Sie griff sich ans Herz und fiel auf die Seite.
„Mama!“ rief eine junge Frauenstimme aus der Ferne. Zoe sah,
wie sich zwei junge Erwachsene über sie beugten und panisch auf sie einredeten.
Dann wurde alles schwarz.
Zoe erwachte wie aus einem Albtraum und rang nach Luft.
Dabei löste sie sich aus dem Griff der Zigeunerin. Sie fiel mit dem Stuhl rückwärts
und landete auf der Erde. Ihre Freundin blickte sie entgeistert an, und in den
Augen der Zigeunerin glitzerte erneut das geheimnisvolle Wissen, wie dazumal –
wie vorhin?
„Ich … muss … jemanden anrufen.“ Damit hastete sie aus dem
Zelt und zückte dabei ihr Handy. Dann suchte sie gezielt eine lang ungebrauchte
Nummer und wartete. Er antwortete.
„Hallo. Ich bin’s, Zoe… Ich weiss nun, was ich will… Und
diesmal bin ich hoffentlich nicht zu spät.“
Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen