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Zitat des Monats

Wenn der Wind des Wandels weht, bauen die Einen Schutzmauern, die Anderen bauen Windmühlen.

Chinesische Weisheit

Willkommen!

Liebe Schreibende

In unserer hektischen Welt, dominiert von High-Speed-Rechnern, Zeitmangel, Medien, Facebook und Leistungsdruck, versuchen wir uns hier eine kleine Insel der Besinnung zu erhalten. Sich einmal im Monat in Ruhe niederzusetzen, sich mit einem Thema eingehend zu beschäftigen und dann die passenden Worte zu finden, um seine Gedanken mit anderen zu teilen, erscheint mir dabei ein geeigneter Weg, aus dieser Alltagshektik auszubrechen.

Sollten wir innerhalb eines Jahres genügend Beiträge beisammen haben, werde ich diese zusammentragen und in Buchform drucken lassen. So hat man dann Ende Jahr ein schönes Büchlein zur Hand - zur Erinnerung, oder als Geschenk zu Weihnachten, oder auch, um die Heimbibliothek mit einem eigenen Werk etwas auszubauen.

Dann also viel Spass beim Schreiben!

Eilean

Montag, 7. März 2016

Prioritäten

Atemlos kam Zoe am Jahrmarkt an und sah bereits ihre Freundin am Eingang stehen. Gelangweilt war sie an einen Pfosten gelehnt und spielte mit ihrer Handtasche. Sie schloss hektisch ihr Fahrrad ab und rannte zu ihr hin. „Tut mir echt leid, meine Liebe! Ich−“
„Du schaffst es echt nie, was?“ unterbrach sie ihre Freundin. Sie schüttelte enttäuscht den Kopf. Zoe wusste nicht, was sie sagen sollte. Doch plötzlich umspielte ein immer breiter werdendes Grinsen die Lippen ihrer Freundin. Dann warf sie auf einmal ihren Arm um Zoes Schultern und lachte: „Aber so kenne ich dich ja schon immer! Lass uns rein gehen!“
Erleichtert erwiderte Zoe die Umarmung und sie verbrachten einen ausgelassenen Nachmittag auf dem Jahrmarkt.
Am Abend kamen sie irgendwann vor dem Zelt der Wahrsagerin an. Sie wollten hinein gehen, doch da kam ihnen die Wahrsagerin geradewegs entgegen. „Zu spät. Ich habe geschlossen“, fauchte sie. Sie sah aus wie eine alte Zigeunerin aus dem Bilderbuch.
„Ach, bitte, machen Sie doch eine Ausnahme“, bettelte Zoe. „Ich hab’s echt satt, zu allem zu spät zu kommen!“
Es blitzte geheimnisvoll in den dunklen Augen der Seherin, und es dauerte eine Weile, bis sie schliesslich mit einem Arm den Vorhang hob und die jungen Studentinnen freundlich herein bat. Die beiden jungen Frauen setzten sich auf der einen Seite der Kristallkugel nieder. Die Zigeunerin setzte sich ihnen gegenüber. Dann schob sie jedoch die Hellseherkugel zu Seite und streckte ihnen die Hände entgegen.
„Deine rechte Hand, mein Kind.“
Zoe blickte ihre Freundin unsicher an. Diese gab ihr einen kleinen Stubser in die Seite, darauf reichte Zoe ihr ihre Hand. Die Zigeunerin strich mit einem geheimnisvollen Seufzer darüber. Dann blickte sie plötzlich mit funkelnden Augen zu ihr auf und fragte: „Hast du das denn schon bemerkt?“ dabei wies sie mit dem Kinn nach unten. Zoe blickte mit Unbehagen an sich herab und sah erschrocken die deutliche Wölbung ihres Bauches. Sie war schwanger! Tausend Gedanken rasten ihr auf einmal durch den Kopf. Wie ist das möglich? Ich war doch gerade noch— Ich muss es los werden! Wer ist überhaupt der Vater? Aber doch nicht etwa— Wo ist das nächste Spital? Sie stand taumelnd auf und warf dabei den kleinen Tisch um. Hektisch blickte sie zwischen ihrer entgeisterten Freundin und der neckisch grinsenden Zigeunerin hin und her. Dann taumelte sie ohne ein weiteres Wort panisch aus dem Zelt. Doch schon spürte sie eine warme Flüssigkeit ihr Bein hinab lief. Sie flüchtete aus dem Freizeitpark in ein Gewirr enger Gassen, und im nächsten Moment fiel ihr ein warmes Bündel aus dem Schoss vor die Füsse. Sie wäre beinahe darüber gestolpert.
Mit Entsetzen stellte sie fest, dass es ein Säugling war. Nein, eher ein Fötus, er schien irgendwie noch nicht ganz fertig zu sein, dafür war er jedoch viel zu gross. Die Gliedmasse waren zu dünn und das Hautkolorit war fahl. Einen Augenblick lang spekulierte sie sogar damit, dass es eine Totgeburt war. Wann war überhaupt die Geburt? Ich habe gar nichts gespürt. Wenn es tot ist, kann ich es ja einfach liegen lassen…
Doch im nächsten Moment öffnete das Ding seine Augen. Augenblicklich nahm sie es hoch und wickelte es in ihren Mantel. Sie blickte sich panisch um, ob sie bei diesen ganzen unwirklichen Vorgängen beobachtet worden war. Doch die dunkle Gasse war menschenleer. Kein Ton durchdrang die bedrohliche Stille. Sie begann zu laufen, ziellos, suchend. Ein fürchterlicher Gedanke kam in ihr auf. Ich könnte den Säugling doch irgendwo hinlegen, wo ihn jemand findet – oder auch nicht findet. Das kriegt doch niemand mit. Und wer ist überhaupt der Vater?!
„Bitte verlass mich nicht, Mama“, sagte in diesem Moment das kleine Wesen in ihren Armen. Sie hätte es vor Schreck beinahe fallen gelassen. Entgeistert war sie stehen geblieben und starrte den sprechenden Riesenfötus an. „Lass mich nicht allein, ich werde dir auch keine Last sein, das versprech ich dir. Ich möchte bei dir bleiben. Ich liebe dich doch. Bitte verlass mich nicht.“ Der Fötus sprach in einem fort, bis sie wieder ihre Fassung gefunden hatte.
„Ist ja schon gut!“ zischte sie. „Schweig jetzt!“ Und sie hüllte es ganz in ihren Mantel, teils aus Scham und Verwirrung, teils zum Schutz, denn sie verspürte eine eigentümliche Bindung zu dem kleinen Wesen. Wie nenn ich ihn überhaupt? Ich habe ja noch gar keinen Namen für ihn. Wieso hab‘ ich mir das nicht schon vorher überlegt?
Langsam ging sie weiter und fand sich immer mehr mit dem Gedanken ab, nun Mutter zu sein und ihre Karriere nun eben hinausschieben zu müssen. Aber wer ist überhaupt der Vater?!! Das schaffen wir schon.
Auf einmal lichteten sich die Gassen und der Weg führte auf eine lichtdurflutete Weide. Der Wind blies sanft über die hüfthohen Grashalme und liess malerische Wellenbewegungen entstehen. Gemächlich ging Zoe auf ein idyllisches Landhaus mit ausladender Veranda zu und stieg die knarrenden Holzstufen hinauf. Kaum war sie auf der Veranda angekommen löste sich das Bündel aus ihrer Umarmung, und ein aufgeweckter Junge rannte lachend hinaus auf die Weide. Gleichzeitig kam ein weiteres, kleineres Kind aus dem Haus geschossen und jagte seinem älteren Gefährten hinterher. Voller Genugtuung blickte Zoe den Kindern hinterher. „Aber seid vorsichtig, Kinder!“ rief sie. Doch ihr wohlwollender Warnruf wurde vom Wind davongetragen. Da fielen ihr die Schritte im Haus hinter ihr auf. Da fiel ihr die immer selbe Frage wieder ein: Wer ist eigentlich der Vater? Wer ist da im Haus?
Sie wandte sich gespannt in Zeitlupe um und blickte zur dunklen Tür. Dahinter bewegte sich, durch das Fliegengitter deutlich erkennbar, der Schemen eines Mannes. Doch es war nicht zu auszumachen, wer er war. Langsam ging sie auf die Türe zu. Und gerade, als sie die Klinke hinunter drücken wollte, um nachzusehen, rief eine vertraute, jedoch irgendwie veränderte Männerstimme hinter ihr ihren Namen.
„Zoe?“
Ihr blieb das Herz einen Moment stehen, und sie wusste, was nun folgen würde.
„Zoe, wo bist du so lange geblieben? Du hast dich gar nicht mehr gemeldet. Was hast du überhaupt die ganze Zeit getrieben?“
Sie wandte sich um und sah mit gemischten Gefühlen ihren gealterten Vater vor sich stehen.
„Papa“, hauchte sie aufgelöst.
„Wie konntest du nur deine Arbeit aufgeben? Für … das hier?“ Die so wohl bekannte hoch gezogene Lippe trieb ihr wie früher die Magensäure zusammen.
Doch da tönten himmlisch hell die Stimmen der Kinder aus dem Hintergrund hervor: „Opa!“ riefen sie erfreut. Und Zoe sah, wie sich das Wasser in den Augen ihres Vaters sammelte.
Die Kinder rannten zu ihm hin und fielen ihm in die Arme. Er schluchzte vor Freude und hielt die Kinder fest im Arm. Dann blickte zu ihr auf und fragte: „Aber Zoe, wo ist der Vater?“
„Ja, ich … ich hol ihn gleich“, antwortete sie verwirrt, denn sie wusste noch immer nicht, wer sie im Haus erwartete.
Sie wandte sich erneut um und schritt auf die Tür zu. Doch noch bevor sie die Klinke erreichte, verspürte sie einen drückenden Schmerz in der Brust, als würde ihr die Luft abgeschnürt. Sie keuchte und taumelte auf die Knie. Sie griff sich ans Herz und fiel auf die Seite.
„Mama!“ rief eine junge Frauenstimme aus der Ferne. Zoe sah, wie sich zwei junge Erwachsene über sie beugten und panisch auf sie einredeten. Dann wurde alles schwarz.

Zoe erwachte wie aus einem Albtraum und rang nach Luft. Dabei löste sie sich aus dem Griff der Zigeunerin. Sie fiel mit dem Stuhl rückwärts und landete auf der Erde. Ihre Freundin blickte sie entgeistert an, und in den Augen der Zigeunerin glitzerte erneut das geheimnisvolle Wissen, wie dazumal – wie vorhin?
„Ich … muss … jemanden anrufen.“ Damit hastete sie aus dem Zelt und zückte dabei ihr Handy. Dann suchte sie gezielt eine lang ungebrauchte Nummer und wartete. Er antwortete.

„Hallo. Ich bin’s, Zoe… Ich weiss nun, was ich will… Und diesmal bin ich hoffentlich nicht zu spät.“

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