Rund dreiviertel der mir verbleibenden Zeit sind verstrichen.
Wovon sprichst du?
Ich habe nur noch 93 Tage zu
leben.
Ach ja – dein Experiment.
Wochen-, sogar monatelang habe ich
nicht mehr daran gedacht. Heute Nacht jedoch, da träumte ich davon in der
Hölle gelandet zu sein.
Auch du Scheiße. Und?
Als ich in der Hölle war ist mir als
erstes aufgefallen, dass fast alle Leute am Arbeiten waren. Sie schienen mit
kolossal wichtigen Sachen beschäftigt zu sein. Außerdem haben sie sich immerzu
gegenseitig bestätigt wie wichtig das ist, was sie tun. Gleichzeitig gab es aber
auch unfassbar viele Freizeitangebote und Möglichkeiten sich abzulenken, um etwas
anderes zu tun als das, was man gerade tut.
Ich hab`s geahnt, sagte Eckhart – grinsend.
Ja, aber es kommt noch besser: In
der Hölle habe ich einen Theologen getroffen.
Schon klar, sagte Eckhart – noch etwas breiter grinsend.
Der hat mir erklärt, dass Angst die
Todesursache Nr. I ist; gefolgt von Stress – und nicht Rauchen oder fettes
Essen. Und wie gesagt, um mich herum waren alle unentwegt mit Wichtigkeiten beschäftigt und mit ihren Smartphones. Meistens mit mehreren Dingen zugleich. Außerdem fiel mir auf, dass es unzählige Menschen gab, die sich bereitwillig in
lange Warteschlangen stellten.
Warteschlangen?
Ja, Warteschlangen. Es gab zum
Beispiel eine lange Warteschlange vor dem Standesamt, und vor der
Karriereberatung, auch vor der Universität, vor Kirchen, Moscheen, Synagogen
und vor Glückstempeln und Psycho-Veranstaltungen aller Art. Ach ja – und vor
einem Pauschalreisebüro gab es auch eine Schlange; und vor einem
Bratwurststand; und über Allem prangte Werbung in grellen bunten Schriftzügen.
Was stand denn da?
Die schönsten Versprechen: „Ewige
Sicherheit!“ und „absolutes Lebensglück!“ und „Spiel, Spass, Spannung!“ und „Gewinnmaximierung
ohne Ende!“ solche Sachen halt.
Auch über dem Bratwurststand?
Nein, über dem nicht.
Klingt trotzdem verlockend.
Ja. Und mir fiel noch was auf.
Was denn?
Dass es neben den langen Warteschlangen weite und offene Landschaften gab. Die nutzte aber kaum jemand,
obwohl sie echt atemberaubend aussahen – und gleichsam vor der Haustüre lagen.
Niemand wollte dort hin?
Doch. Einige. Wenige. Die ließen das
Getümmel einfach hinter sich. Ich konnte beobachten wie sie sich ein Herz fassten und aus den Warteschlangen heraustraten und drauf zu gingen – mitten hinein
in diese überwältigende Landschaft.
Klingt schön. Befreiend.
Das war es auch. Sehr sogar!
Und trotzdem wollten nur wenige dort
hin?
Ja. Es mag komisch klingen,
aber mir war fast so als ob die Menschen, die das machten, ja dass sie erkannten
in einem Traum gefangen zu sein; und indem sie das erkannten, haben sie sich
entschlossen aus ihrer Begrenztheit herauszutreten und etwas Besseres mit ihrer Zeit anzufangen.
Wow – die haben im Traum erkannt nur
Bestandteil eines Traumes zu sein und haben den Wahnsinn dann einfach hinter sich gelassen.
Was haben sie denn dann Besseres getan?
Nachdem sie das Getümmel und
die Warteschlangen verlassen hatten und in dieses weite Land aufgebrochen sind, da taten sie schlicht was sie tun wollten. Sie haben sich neue Welten geschaffen.
Einfach so, zwischen all den Warteschlangen?
Ja, einfach so. Sie stellten fest,
dass das Leben, in dem sie sich eben noch gefangen fühlten, gar nicht so massiv, starr
und unveränderlich ist wie sie dachten, sondern dass es viel Platz für Anderes
gibt. Sie wurden dabei ganz ausgelassen.
Ausgelassen wie spielende Kinder?
Was denn?
Ich war nicht mehr nur Beobachter des Geschehens, sondern selbst einer der Vielen; und ich lief in
einer Art Hamsterrad; und dachte darüber nach, ob auch ich heraustreten und in die
weite Landschaft herausspringen sollte, aber ich hatte Angst; und gleichzeitig
erkannte ich, dass ich ein Gefangener war – aber ohne, dass mich jemand gefangen hielt.
Mmh – so komme ich mir
auch manchmal vor.
Als ich mich dann von dieser
anziehenden Offenheit und Weite abwandte und mir meiner Situation im Hamsterrad
gewahr wurde machte mich das völlig fertig. Ich meine, mir standen so viele Angebote
zur Verfügung. Es gab so viele Menschen, die waren wohlhabend, gut gekleidet, begabt und dies und das – und doch: Obwohl
wir so Viele waren, alle fühlten wir uns einsam, isoliert und irgendwie unzufrieden.
Uns schien etwas zu fehlen; und die Angebote und Versprechungen
rund um uns herum boten keine echten Lösungen, sondern machte alles nur noch irgendwie
schlimmer.
Dann haben die in den Warteschlangen und Hamsterrädern also das Glück gesucht, aber konnten es nicht finden, weil sie so sehr in ihren Gewohnheiten und Zerstreuungen gefangen waren?
Ja, etwa so in der Art. Außerdem suchte jeder nur sein eigenes
privates Glück – gleichgültig gegenüber dem, was dem Rest der Welt widerfährt. Zwar glaubte jede und jeder daran das Beste aus seiner oder ihrer ablaufenden Zeit machen zu müssen, aber wir hatten den Glauben an ein Ziel oder einen Sinn verloren, der alles zusammenhält. Wir waren ohne Hoffnung und ohne Geborgenheit. Wir waren wie Geworfene; und die Warteschlangen und Hamsterräder waren da, um zu vergessen, dass wir ziel- und orientierungslos sind, in einer gottverlassenen Welt.
War das die Botschaft des Traums?
War das die Botschaft des Traums?
Vielleicht, ja. Wir können nicht glücklich sein, solange wir uns vom Glück der anderen abkoppeln. Denn die Menschen neben den Schlangen,
obwohl es nur wenige waren, die waren nicht einsam oder isoliert. Ich glaube sie fühlten sich in Verbindung mit Allem. Sie sahen glücklich aus.
Sie fanden Fülle, Sinn und Geborgenheit, obwohl es gerade diejenigen waren, die die Menge hinter sich ließen
und ihren eigenen Weg gingen?
Ja. Paradox. Nicht wahr? Sie haben für sich alleine eine
Entscheidung getroffen und sind als Einzelne aus der Menge herausgetreten. Und
gerade sie entkamen der Einsamkeit. Sie schienen einander zugewandt und in enger Beziehung zueinander zu stehen. Irgendetwas ist da mit ihnen passiert. Sie
waren zwar noch Einzelne aber nicht mehr separiert und einsam, sondern mit Allem und Jedem auf eigentümlich tiefe, geradezu intime Weise in Verbindung. Auch mit uns, die wir noch in
den Hamsterräder liefen oder in den Warteschlangen standen. Denn indem ich bemerkte, dass sie auch auf mich, auf meine Gedanken und Gefühle reagierten, da spürte ich eine tiefe Resonanz mit ihnen. Sie brachten mit ihrer Art zu Sein, mit ihrer Bezogenheit auf mich etwas zum schwingen, das mich tröstete und beruhigte. Sie schienen wirklich in einer tiefen Verbindung zu mir zu stehen. Sie ließen sich berühren von meinem Schicksal und meinen Sehnsüchten und meinen Ängsten. Ihr Mitgefühl, ihr liebevolles Echo auf mein Dasein, berührte mich zutiefst. Es rührte mich zu tränen. Ich begann mein Herz zu spüren. Es fühlte sich an wie ein Organ aus Feuer.
Schön.
Ja, aber dann ist noch was Unglaubliches
passiert.
Was denn?
Na – ich wachte auf.
Ach so. Und?
Gerade als ich aufwachte schaute mir
Lara direkt ins Gesicht. Ich glaube sie hatte mir beim Schlafen zugesehen.
Was dann?
Dann schaute ich ihr einen Moment lang beim Zusehen zu. Sie kam ganz nah an mich heran; und noch bevor ich in der Lage war irgendetwas zu sagen, fragte sie mich, ob ich mich denn nun entschlossen hätte aus dem Hamsterrad herauszuspringen.
Was dann?
Dann schaute ich ihr einen Moment lang beim Zusehen zu. Sie kam ganz nah an mich heran; und noch bevor ich in der Lage war irgendetwas zu sagen, fragte sie mich, ob ich mich denn nun entschlossen hätte aus dem Hamsterrad herauszuspringen.
Nein!
Doch!
Und dann?
Na, da habe ich mich vielleicht gewundert!
Schon klar. Aber was dann?
Dann bin ich aufgestanden, um Kaffee
zu kochen und mir den Schlaf aus dem Gesicht zu waschen.
Ok – aber was dann?
Dann klingelte der Wecker und ich erwachte...
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