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Zitat des Monats

Wenn der Wind des Wandels weht, bauen die Einen Schutzmauern, die Anderen bauen Windmühlen.

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Liebe Schreibende

In unserer hektischen Welt, dominiert von High-Speed-Rechnern, Zeitmangel, Medien, Facebook und Leistungsdruck, versuchen wir uns hier eine kleine Insel der Besinnung zu erhalten. Sich einmal im Monat in Ruhe niederzusetzen, sich mit einem Thema eingehend zu beschäftigen und dann die passenden Worte zu finden, um seine Gedanken mit anderen zu teilen, erscheint mir dabei ein geeigneter Weg, aus dieser Alltagshektik auszubrechen.

Sollten wir innerhalb eines Jahres genügend Beiträge beisammen haben, werde ich diese zusammentragen und in Buchform drucken lassen. So hat man dann Ende Jahr ein schönes Büchlein zur Hand - zur Erinnerung, oder als Geschenk zu Weihnachten, oder auch, um die Heimbibliothek mit einem eigenen Werk etwas auszubauen.

Dann also viel Spass beim Schreiben!

Eilean

Freitag, 29. April 2016

Fallstrick

Ich möchte mich nun doch noch erklären. Jedenfalls will ich nicht derart unverstanden aus dieser Welt scheiden. Mir wurde von verschiedensten Seiten versichert, eine solche Tat sei vollkommen krank und unverständlich. Ich sage: krank, vielleicht ja, aber bestimmt nicht unverständlich. Dafür werde ich hiermit sorgen.
Ja, ich bin mit meinem Handeln in der Tat über das landläufige Verständnis des Hippokratischen Eids hinaus gegangen, jedoch nur oberflächlich. Wenn man es genauer betrachtet, wenn man die Hintergründe beleuchtet und meine Motivation dahinter versteht, ist es gar die einzig logische Schlussfolgerung des Ärztegelübdes!
Aber der Mensch versteht und lernt besser unter Emotionen, als durch langweilige Erklärungen. Nicht rein zufällig liegen Hippocampus und Amygdala, die Zentren für Lernprozesse und Emotionen, in derart unmittelbarer physischer Nachbarschaft. Daher werde ich die Geschichte erzählen, wie es dazu kam, dass ich nun auf die Vollstreckung meines Todesurteils warte.
Es begann mit Julie Smith, die ganz offensichtlich ihre kleine dreijährige Tochter misshandelte. Mehrmals musste ich bei den hausärztlichen Routineuntersuchungen die unterschiedlich alten Hämatome an der Kleinen feststellen. Bereits beim ersten Mal sprach ich Julie direkt darauf an und fragte sie, was vorgefallen sei.
„Ach, Anna ist so ein wildes Kind!“ antwortete Julie mit einem etwas zu schrillen Lachen. „Und auf dem Spielplatz fällt sie regelmässig um, der kleine Tollpatsch. Es waren aber zum Glück bislang immer nur Bagatellen“, versichert sie.
Anfangs glaubte ich ihr – oder ich wollte ihr glauben, obwohl alle Zeichen dagegen sprachen. Aber ich kannte Julie doch seit sie ein Teenager war. Und auch ihre Familie kannte ich aus dem Quartier. Ich konnte mir das schlicht nicht vorstellen.
Doch das Bild verschlimmerte sich. Julie fiel in eine Alkoholsucht, womit die schweren Misshandlungen begannen. Die Psychotherapie, die ich Julie verschrieb und eindringlich ans Herz legte, nahm sie nie wahr. So musste ich schliesslich die Meldung an die Kinderschutzbehörde machen. Das war der grösste Fehler, den ich machen konnte. Julie brach daraufhin natürlich wutentbrannt den Kontakt zu mir ab, wechselte den Hausarzt. Ich erhielt gar Morddrohungen von ihr und sie schikanierte mich, wo sie nur konnte. Stach mir die Reifen auf, bewarf mein Haus mit faulen Eiern, steckte meinen Briefkasten in Brand, warf mir Scheiben ein und schmierte unsägliche Schimpfworte mit Fäkalien an meine Hauswand und mein Auto.
Ich ertrug es, ohne weitere Schritte gegen sie einzuleiten, obgleich mir alle meine Freunde rieten, sie anzuzeigen. Doch ich verstand sie irgendwie. Ich verstand ihre unendliche Wut, ihren abgrundtiefen Hass auf mich. Schliesslich drohte ihr meinetwegen, ihr Kind, ihr Spielball weggenommen zu werden. Doch sie war klug. Sie spielte ein perfides Spiel. Nach aussen schaffte sie es, sich zu bessern. Sie reduzierte ihren Alkoholkonsum und besuchte die ihr auferlegten Gruppentherapien.
Doch das Kind schlug sie weiter. Das wusste ich. Denn ich war ja in unserem Dorf gleichzeitig auch die Schulärztin und sah bei Bedarf auch nach den Vorschulkindern in den Kindergärten und Spielgruppen. Bei jeder Gelegenheit nahm ich mir seit der Meldung Anna vor und untersuchte sie gründlich. Offenbar wurden keine medizinischen Untersuchungen am Kind vollzogen, sonst hätte man die Verletzungen zwangsläufig feststellen müssen. Ich weiss nicht, wie Julie sich um die Untersuchungen hatte drücken können, oder wie sie das alles vertuscht hatte, doch ganz offensichtlich wurden keine weiteren Schutzmassnahmen für Anna ergriffen. Ich war entsetzt und fragte bei den zuständigen Behörden nach, doch diese schienen masslos überfordert und hüllten sich in Schweigen.
„Die leibliche Mutter ist noch allemal besser, als irgendeine Pflegefamilie je sein kann“, war einmal eine geistreiche Antwort einer dortigen Sachbearbeiterin.
Es stand fest: Ich musste handeln. Ich konnte die arme Anna nicht weiter ihrem grausamen Schicksal überlassen. So entführte ich sie.
Es war ein Kinderspiel (entschuldigt das unbeabsichtigte morbide Wortspiel). Anna kannte mich ja und vertraute mir. So konnte ich sie problemlos unter einem Vorwand nach dem Kindergarten mitnehmen. Ich brachte sie in mein Waldhaus und untersuchte sie dort in den nächsten Tagen. Doch das Kind zeigte bereits schwere psychische Schädigungen auf. Mutistische Züge gepaart mit massivem aggressivem Verhalten. Ich bin zwar keine Kinderpsychiaterin, aber dieser kleine Mensch war bereits jetzt fürs Leben gezeichnet! Die Verzweiflung und der Schmerz des Kindes berührten mich zutiefst, und doch konnte ich es nicht verantworten, diese arme Seele wieder zurück in die Obhut ihrer grausamen Mutter zu geben. Wenn man so viele Misshandlungen bereits äusserlich feststellen konnte, wie verhielt es sich mit all den Missetaten, die keine äusserlichen Spuren hinterliessen? Immer wieder musste ich dem Kind beruhigende Medikamente verabreichen, um es überhaupt führbar zu machen. Und eines Abends war es dann so weit. Das Kind war erneut komplett in Raserei verfallen und kaum zu bändigen. Es schrie unverständliche Worte, warf Gegenstände um sich, biss, trat und kratzte und sträubte sich mit aller Macht dagegen, das Medikament zu schlucken, das ich ihr anbot. Es ging so weit, bis ich mich gezwungen sah, ihm eine Beruhigungsspritze zu verabreichen.
Dann kehrte Ruhe ein. Ich atmete tief durch und wischte mir den Schweiss von der Stirn. Ja, so ein Kind kann einen schon zum Schwitzen bringen! Ich hob sie vorsichtig vom Boden auf und legte sie auf die Couch. Und plötzlich sah ich die Lösung klar und deutlich vor mir liegen – sie muss Ihnen ebenfalls bereits eingefallen sein, denn es ist die einzige, saubere Lösung. Ich konnte das Kind nicht ewig hier versteckt halten, das stand fest. Auf eine psychische Besserung ihrer Mutter zu warten, könnte genauso lange dauern. Eine Pflegefamilie würde sich unter den illegalen Umständen nicht so leicht finden lassen.
Und nun lag sie da, friedlich schlafend, mit einem sanften Lächeln auf den Lippen. So sollte es doch immer sein, wenn ich diesen Moment nur für sie einfrieren könnte… Und ich kann!
Ich zog die Spritze noch einmal auf und verabreichte dem schlafenden Engel eine tödliche Dosis Morphium. Ich versichere Ihnen, das Kind hat nichts gespürt. Es ist einfach friedlich eingeschlafen. In einen tiefen, traumlosen Schlaf. Für immer.
Doch die Geschichte ist damit ja nicht zu Ende, wie Sie wissen. Das war erst der Anfang!
Ich hatte plötzlich eine Aufgabe gefunden. Eine wahre, wichtige Aufgabe. Wie viele hilflose Geschöpfe gab es da draussen noch, um deren Wohl sich keiner sorgte, deren einzige, natürliche Beschützer plötzlich zu ihrer grössten Gefahr wurden. Wie vielen wurde mit solchen Misshandlungen bereits in diesem zarten Alter ein gigantischer Stein in den Weg gelegt, den sie mitnichten jemals würden aus dem Weg räumen können. Gezeichnet fürs Leben, mit einer Zukunft in Armut, Gewalt und Elend. Eine immerwährender Kreislauf, den es zu unterbrechen galt.
Ich zog in die Anonymität der Stadt und eröffnete eine neue Hausarztpraxis. Gerade hatte ich zusätzlich meine gynäkologische Spezialausbildung beendet und bot somit auch frauenärztliche Dienstleistungen an. Ich hatte mir bereits eine gute Reputation erarbeitet, sodass es mir nicht schwer fiel, die Stelle als Vertrauensärztin der Kinderschutzbehörde zur ergattern. Und damit war ich dort, wo ich sein wollte: an der Quelle! Dort lernte ich sie alle kennen, Dorothy Winters, Betty Wiggs, Cathrine Hollow, Margerie Moor, Angela Goldwyn und viele, viele mehr. Und ich perfektionierte meine Methode. Zur Erlösung der armen Kinderseelen kam bald auch die Sterilisation der Übeltäterinnen hinzu. Ich entwickelte eine Art modifiziertes IUD, welches ich den Kindsmisshandlerinnen auf ihren eigenen Wunsch hin oder unter irgendeinem medizinischen Vorwand einlegte. „Es ist doch nur eine übliche Spirale, Mrs. Wells. Wir können sie jederzeit wieder heraus nehmen. Doch das wird Ihnen bei Ihren menstruellen Beschwerden helfen.“ Und fast jede Frau hat mal menstruelle Beschwerden…
Das IUD war jedoch derart chemisch behandelt, dass es unweigerlich zu einer starken Vernarbung des Endometriums führte, oft mit konsekutivem Verschluss der Tuben, was zu einer faktischen Sterilität führte. Ende Gelände.
Wenn der polizeiliche Tumult mir jeweils zu arg wurde, zog ich einfach in die nächste Stadt. Und bei dem Ärztemangel standen mir überall Tür und Tor offen. Amerika ist gross!
Der Verdacht fiel immer erst sehr spät auf mich, wenn überhaupt. Erstens, ich bin Ärztin – muss man dazu mehr sagen? – zweitens, das Einzige, was alle Opfer immer gemeinsam hatten, war der Kontakt zur Kinderschutzbehörde, und wie viele Leute arbeiten dort? Bis sich also der Verdacht um mich verdichtete, war ich schon längst wieder über alle Berge. Zudem fand man  - bis zu meinem Geständnis - nie eine Leiche. Der Wald ist gross und die Kinder sind klein.
Und so erlöste ich schliesslich rund vierzig Kinder von ihrem Leid und verhinderte bei unzähligen, unverantwortlichen Frauen die unheilvolle Fortpflanzung und habe damit einen grossen Dienst an der Gesellschaft geleistet.

Ich weiss, dass ich meiner Zeit voraus bin und mit diesen Überlegungen bei den meisten auf Unverständnis treffe, aber irgendwann werden meine Taten anerkannt werden. Natürlich werde ich auf immer den Beweis schuldig bleiben, ob meine Taten tatsächlich einen Benefit brachten, denn wie will man fehlendes Leid beweisen? Daher verzeihe ich meinen weltlichen und meinen geistlichen Richtern und verstehe auch ihren Entscheid, mir nun den letzten Strick drehen zu wollen – denn das ja die einzige, saubere Lösung – q. e. d., oder?

3 Kommentare:

  1. Eindrücklich, aber auch beängstigend, wenn man sieht, welche Macht ein Mediziner eigentlich über andere Menschenleben hat...Kein Mensch sollte jemals anfangen, Gott zu spielen (um noch eine Platitüde mehr loszuwerden), denn woher kann sich ein Mensch das Recht nehmen, über das Leben eines andern Menschen zu urteilen, bzw. es in lebenswert oder lebensunwert zu kategorisieren?

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  2. Absolut einverstanden! Doch diese Frage stellt sich doch auch für das Todesurteil, das sie schlussendlich selbst erhalten hat, oder? Ich denke, das ist auch ein interessanter Diskussionspunkt, wo sich die Geister wohl viel eher scheiden, als bei der Frage um die Rechtfertigung ihres Handelns.

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  3. Auch interessant die Frage, inwiefern die Todesstrafe für eine Person, die den Tod als Erlösung von Leid wahrnimmt, überhaupt noch eine Bestrafung ist?
    Abgesehen von der schon ohnehin umstrittenen Rechtfertigung der Todesstrafe - ist in dem Text das Todesurteil nicht vor allem eines: kontraproduktiv?
    Angemessen für die Protagonistin wäre wohl eher ein langes, langes Leben in Gefangenschaft...

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