Ich möchte mich nun doch noch erklären. Jedenfalls will ich nicht
derart unverstanden aus dieser Welt scheiden. Mir wurde von verschiedensten
Seiten versichert, eine solche Tat sei vollkommen krank und unverständlich. Ich
sage: krank, vielleicht ja, aber bestimmt nicht unverständlich. Dafür werde ich
hiermit sorgen.
Ja, ich bin mit meinem Handeln in der Tat über das
landläufige Verständnis des Hippokratischen Eids hinaus gegangen, jedoch nur
oberflächlich. Wenn man es genauer betrachtet, wenn man die Hintergründe
beleuchtet und meine Motivation dahinter versteht, ist es gar die einzig
logische Schlussfolgerung des Ärztegelübdes!
Aber der Mensch versteht und lernt besser unter Emotionen,
als durch langweilige Erklärungen. Nicht rein zufällig liegen Hippocampus und
Amygdala, die Zentren für Lernprozesse und Emotionen, in derart unmittelbarer
physischer Nachbarschaft. Daher werde ich die Geschichte erzählen, wie es dazu
kam, dass ich nun auf die Vollstreckung meines Todesurteils warte.
Es begann mit Julie Smith, die ganz offensichtlich ihre
kleine dreijährige Tochter misshandelte. Mehrmals musste ich bei den hausärztlichen
Routineuntersuchungen die unterschiedlich alten Hämatome an der Kleinen
feststellen. Bereits beim ersten Mal sprach ich Julie direkt darauf an und
fragte sie, was vorgefallen sei.
„Ach, Anna ist so ein wildes Kind!“ antwortete Julie mit
einem etwas zu schrillen Lachen. „Und auf dem Spielplatz fällt sie regelmässig
um, der kleine Tollpatsch. Es waren aber zum Glück bislang immer nur Bagatellen“,
versichert sie.
Anfangs glaubte ich ihr – oder ich wollte ihr glauben,
obwohl alle Zeichen dagegen sprachen. Aber ich kannte Julie doch seit sie ein
Teenager war. Und auch ihre Familie kannte ich aus dem Quartier. Ich konnte mir
das schlicht nicht vorstellen.
Doch das Bild verschlimmerte sich. Julie fiel in eine
Alkoholsucht, womit die schweren Misshandlungen begannen. Die Psychotherapie,
die ich Julie verschrieb und eindringlich ans Herz legte, nahm sie nie wahr. So
musste ich schliesslich die Meldung an die Kinderschutzbehörde machen. Das war
der grösste Fehler, den ich machen konnte. Julie brach daraufhin natürlich wutentbrannt
den Kontakt zu mir ab, wechselte den Hausarzt. Ich erhielt gar Morddrohungen
von ihr und sie schikanierte mich, wo sie nur konnte. Stach mir die Reifen auf,
bewarf mein Haus mit faulen Eiern, steckte meinen Briefkasten in Brand, warf
mir Scheiben ein und schmierte unsägliche Schimpfworte mit Fäkalien an meine
Hauswand und mein Auto.
Ich ertrug es, ohne weitere Schritte gegen sie einzuleiten,
obgleich mir alle meine Freunde rieten, sie anzuzeigen. Doch ich verstand sie
irgendwie. Ich verstand ihre unendliche Wut, ihren abgrundtiefen Hass auf mich.
Schliesslich drohte ihr meinetwegen, ihr Kind, ihr Spielball weggenommen zu
werden. Doch sie war klug. Sie spielte ein perfides Spiel. Nach aussen schaffte
sie es, sich zu bessern. Sie reduzierte ihren Alkoholkonsum und besuchte die
ihr auferlegten Gruppentherapien.
Doch das Kind schlug sie weiter. Das wusste ich. Denn ich
war ja in unserem Dorf gleichzeitig auch die Schulärztin und sah bei Bedarf
auch nach den Vorschulkindern in den Kindergärten und Spielgruppen. Bei jeder Gelegenheit
nahm ich mir seit der Meldung Anna vor und untersuchte sie gründlich. Offenbar
wurden keine medizinischen Untersuchungen am Kind vollzogen, sonst hätte man
die Verletzungen zwangsläufig feststellen müssen. Ich weiss nicht, wie Julie sich
um die Untersuchungen hatte drücken können, oder wie sie das alles vertuscht
hatte, doch ganz offensichtlich wurden keine weiteren Schutzmassnahmen für Anna
ergriffen. Ich war entsetzt und fragte bei den zuständigen Behörden nach, doch
diese schienen masslos überfordert und hüllten sich in Schweigen.
„Die leibliche Mutter ist noch allemal besser, als irgendeine
Pflegefamilie je sein kann“, war einmal eine geistreiche Antwort einer dortigen
Sachbearbeiterin.
Es stand fest: Ich musste handeln. Ich konnte die arme Anna
nicht weiter ihrem grausamen Schicksal überlassen. So entführte ich sie.
Es war ein Kinderspiel (entschuldigt das unbeabsichtigte morbide
Wortspiel). Anna kannte mich ja und vertraute mir. So konnte ich sie problemlos
unter einem Vorwand nach dem Kindergarten mitnehmen. Ich brachte sie in mein
Waldhaus und untersuchte sie dort in den nächsten Tagen. Doch das Kind zeigte
bereits schwere psychische Schädigungen auf. Mutistische Züge gepaart mit
massivem aggressivem Verhalten. Ich bin zwar keine Kinderpsychiaterin, aber
dieser kleine Mensch war bereits jetzt fürs Leben gezeichnet! Die Verzweiflung und
der Schmerz des Kindes berührten mich zutiefst, und doch konnte ich es nicht
verantworten, diese arme Seele wieder zurück in die Obhut ihrer grausamen
Mutter zu geben. Wenn man so viele Misshandlungen bereits äusserlich
feststellen konnte, wie verhielt es sich mit all den Missetaten, die keine
äusserlichen Spuren hinterliessen? Immer wieder musste ich dem Kind beruhigende
Medikamente verabreichen, um es überhaupt führbar zu machen. Und eines Abends
war es dann so weit. Das Kind war erneut komplett in Raserei verfallen und kaum
zu bändigen. Es schrie unverständliche Worte, warf Gegenstände um sich, biss,
trat und kratzte und sträubte sich mit aller Macht dagegen, das Medikament zu
schlucken, das ich ihr anbot. Es ging so weit, bis ich mich gezwungen sah, ihm eine
Beruhigungsspritze zu verabreichen.
Dann kehrte Ruhe ein. Ich atmete tief durch und wischte mir
den Schweiss von der Stirn. Ja, so ein Kind kann einen schon zum Schwitzen
bringen! Ich hob sie vorsichtig vom Boden auf und legte sie auf die Couch. Und
plötzlich sah ich die Lösung klar und deutlich vor mir liegen – sie muss Ihnen
ebenfalls bereits eingefallen sein, denn es ist die einzige, saubere Lösung.
Ich konnte das Kind nicht ewig hier versteckt halten, das stand fest. Auf eine
psychische Besserung ihrer Mutter zu warten, könnte genauso lange dauern. Eine
Pflegefamilie würde sich unter den illegalen Umständen nicht so leicht finden
lassen.
Und nun lag sie da, friedlich schlafend, mit einem sanften
Lächeln auf den Lippen. So sollte es doch immer sein, wenn ich diesen Moment
nur für sie einfrieren könnte… Und ich kann!
Ich zog die Spritze noch einmal auf und verabreichte dem
schlafenden Engel eine tödliche Dosis Morphium. Ich versichere Ihnen, das Kind
hat nichts gespürt. Es ist einfach friedlich eingeschlafen. In einen tiefen,
traumlosen Schlaf. Für immer.
Doch die Geschichte ist damit ja nicht zu Ende, wie Sie
wissen. Das war erst der Anfang!
Ich hatte plötzlich eine Aufgabe gefunden. Eine wahre,
wichtige Aufgabe. Wie viele hilflose Geschöpfe gab es da draussen noch, um
deren Wohl sich keiner sorgte, deren einzige, natürliche Beschützer plötzlich
zu ihrer grössten Gefahr wurden. Wie vielen wurde mit solchen Misshandlungen
bereits in diesem zarten Alter ein gigantischer Stein in den Weg gelegt, den
sie mitnichten jemals würden aus dem Weg räumen können. Gezeichnet fürs Leben,
mit einer Zukunft in Armut, Gewalt und Elend. Eine immerwährender Kreislauf,
den es zu unterbrechen galt.
Ich zog in die Anonymität der Stadt und eröffnete eine neue
Hausarztpraxis. Gerade hatte ich zusätzlich meine gynäkologische Spezialausbildung
beendet und bot somit auch frauenärztliche Dienstleistungen an. Ich hatte mir
bereits eine gute Reputation erarbeitet, sodass es mir nicht schwer fiel, die
Stelle als Vertrauensärztin der Kinderschutzbehörde zur ergattern. Und damit
war ich dort, wo ich sein wollte: an der Quelle! Dort lernte ich sie alle
kennen, Dorothy Winters, Betty Wiggs, Cathrine Hollow, Margerie Moor, Angela
Goldwyn und viele, viele mehr. Und ich perfektionierte meine Methode. Zur
Erlösung der armen Kinderseelen kam bald auch die Sterilisation der
Übeltäterinnen hinzu. Ich entwickelte eine Art modifiziertes IUD, welches ich
den Kindsmisshandlerinnen auf ihren eigenen Wunsch hin oder unter irgendeinem
medizinischen Vorwand einlegte. „Es ist doch nur eine übliche Spirale, Mrs.
Wells. Wir können sie jederzeit wieder heraus nehmen. Doch das wird Ihnen bei
Ihren menstruellen Beschwerden helfen.“ Und fast jede Frau hat mal menstruelle
Beschwerden…
Das IUD war jedoch derart chemisch behandelt, dass es
unweigerlich zu einer starken Vernarbung des Endometriums führte, oft mit
konsekutivem Verschluss der Tuben, was zu einer faktischen Sterilität führte.
Ende Gelände.
Wenn der polizeiliche Tumult mir jeweils zu arg wurde, zog
ich einfach in die nächste Stadt. Und bei dem Ärztemangel standen mir überall Tür
und Tor offen. Amerika ist gross!
Der Verdacht fiel immer erst sehr spät auf mich, wenn
überhaupt. Erstens, ich bin Ärztin – muss man dazu mehr sagen? – zweitens, das
Einzige, was alle Opfer immer gemeinsam hatten, war der Kontakt zur
Kinderschutzbehörde, und wie viele Leute arbeiten dort? Bis sich also der
Verdacht um mich verdichtete, war ich schon längst wieder über alle Berge.
Zudem fand man - bis zu meinem
Geständnis - nie eine Leiche. Der Wald ist gross und die Kinder sind klein.
Und so erlöste ich schliesslich rund vierzig Kinder von
ihrem Leid und verhinderte bei unzähligen, unverantwortlichen Frauen die
unheilvolle Fortpflanzung und habe damit einen grossen Dienst an der
Gesellschaft geleistet.
Ich weiss, dass ich meiner Zeit voraus bin und mit diesen
Überlegungen bei den meisten auf Unverständnis treffe, aber irgendwann werden
meine Taten anerkannt werden. Natürlich werde ich auf immer den Beweis schuldig
bleiben, ob meine Taten tatsächlich einen Benefit brachten, denn wie will man
fehlendes Leid beweisen? Daher verzeihe ich meinen weltlichen und meinen geistlichen
Richtern und verstehe auch ihren Entscheid, mir nun den letzten Strick drehen
zu wollen – denn das ja die einzige, saubere Lösung – q. e. d., oder?
Eindrücklich, aber auch beängstigend, wenn man sieht, welche Macht ein Mediziner eigentlich über andere Menschenleben hat...Kein Mensch sollte jemals anfangen, Gott zu spielen (um noch eine Platitüde mehr loszuwerden), denn woher kann sich ein Mensch das Recht nehmen, über das Leben eines andern Menschen zu urteilen, bzw. es in lebenswert oder lebensunwert zu kategorisieren?
AntwortenLöschenAbsolut einverstanden! Doch diese Frage stellt sich doch auch für das Todesurteil, das sie schlussendlich selbst erhalten hat, oder? Ich denke, das ist auch ein interessanter Diskussionspunkt, wo sich die Geister wohl viel eher scheiden, als bei der Frage um die Rechtfertigung ihres Handelns.
AntwortenLöschenAuch interessant die Frage, inwiefern die Todesstrafe für eine Person, die den Tod als Erlösung von Leid wahrnimmt, überhaupt noch eine Bestrafung ist?
AntwortenLöschenAbgesehen von der schon ohnehin umstrittenen Rechtfertigung der Todesstrafe - ist in dem Text das Todesurteil nicht vor allem eines: kontraproduktiv?
Angemessen für die Protagonistin wäre wohl eher ein langes, langes Leben in Gefangenschaft...