Lina stand am Fenster und blickte auf die endlos
scheinende Eiswüste vor dem Haus. Sie lebte alleine und hatte niemals etwas
anderes gekannt. Seit beide ihrer Eltern vor gut achtzig Monden von einer Bärenmutter
getötet wurden, war nur sie von der Familie übriggeblieben. Es war eine schreckliche
Geschichte, an die Lina noch immer häufig zurückdachte.
Sie hatte das Unglück nicht mit eigenen
Augen gesehen, doch von dem was sie wusste und dem was sie am Unglücksort vorgefunden
hatte, hatte sie sich diesen Ablauf abgeleitet: Ihre Eltern waren gegen Mittag
aufgebrochen und hatten Lina gebeten, zuhause zu bleiben, da es für ein kleines
Mädchen wie sie zu gefährlich sein würde. Ihre Mutter hatte ihr erklärt, dass
sich ein Bärenkind in ihrer Bärenfalle verfangen hatte und dass sie dieses nun
befreien mussten. Denn ein Bärenbaby hätten sie ja nicht fangen wollen, das gebe
viel zu wenig Fleisch und das Fell sei zwar sehr weich, aber auch sehr klein. «Und
ausserdem hat es doch noch sein ganzes Leben vor sich, so wie du, meine Süsse»,
hatte die Mutter mit einem Lächeln erklärt.
«Aber das ist doch nicht gefährlich»,
hatte Lina rebelliert. «Das Kleine kann euch doch nichts anhaben!»
«Das stimmt, aber die Mutter weicht nicht
von seiner Seite. Und sie ist sehr wütend, dass ihr Kind verletzt wurde. Darum
muss ich sie ablenken, währen Papa die Falle öffnet. Und das kann sehr
gefährlich werden.»
Und so waren die Eltern von dannen gezogen.
Als sie am späten Abend noch immer nicht zurückgekehrt waren, befürchtete Lina
bereits das Schlimmste. Als der Mond aufgegangen war, hatte sie die Anspannung
nicht mehr ausgehalten und war auch zur Bärenfalle gelaufen. Dort hatte sich
ihr ein schreckliches Bild geboten. Beide ihre Eltern hatten in ihrem eigenen
Blut gelegen und waren tot. Die Bären aber waren fort.
Am nächsten Morgen war sie mit dem Schlitten
nochmals zur Unfallstelle gegangen und hatte die Leichen ihrer Eltern
aufgeladen, um sie in der Nähe des Hauses zu begraben.
Noch heute war ihr das Bild wie
eingebrannt: die vielen grossen und kleinen dunkelroten Flecken auf dem niedergetretenen,
weissen Schnee. Und die Fussspuren ihrer Eltern, die überall zu sehen waren,
vermischt mit den mächtigen Prankenspuren der Bärenmutter und den wenigen
scheuen, kleinen Spuren des Bärenkindes. Spuren der Angst. Spuren des Kampfes.
Spuren des Todes.
Lina seufzte und wischte sich die Träne
aus dem Auge. Noch heute brachten sie die Erinnerungen zum Weinen. Aber nicht
mehr so sehr wie am Anfang.
Die ersten zwanzig Monde nach dem Unglück
waren die schwerste Zeit gewesen. Nicht so sehr wegen der Arbeit, die sie nun
allein erledigen musste, – das Holzsammeln, das Jagen, die Ausbesserungen am
Haus, das Ziegenmelken, das Feuermachen, das Kochen – das konnte sie ja bereits
alles, und schliesslich war sie ja bereits am Ende der Kindheit gewesen – nein,
das war nicht das Schwerste gewesen. Es war die Einsamkeit. Und die hatte sie
seit jenem Tage nicht mehr losgelassen.
Sie sehnte sich nach jemandem zum sprechen.
Oder auch nicht! Man musste nicht einmal sprechen. Nur jemanden in der Nähe
haben. Ein anderer der da ist, dessen Wärme man spüren kann, dessen Schritte,
dessen Atem man hört, der Dinge bewegt, der Ideen und Wünsche hat. Ein anderer
Mensch…
Und seit sie seit etwa zwanzig Monden in
die Gebärreife übergegangen war, spürte sie die Einsamkeit noch stärker, denn
sie spürte, was nun eigentlich ihre nächste Aufgabe war.
Als sie eines Tages von einer längeren
Jagd nachhause zurückkehrte, fand sie vor dem Haus eine neue Spur im Schnee. Es
war nicht die Spur eines Tieres. Es war am ähnlichsten der Spur ihres Vaters. Kräftige,
grosse Tritte hatten sie gelegt. Den Verwehungen zufolge konnte die Spur noch
nicht sehr alt sein, bei dem Wind vielleicht ein Tag. Der Mann konnte also
höchstens eine Tagesreise entfernt sein. Eine eigenartige Freude kam in Lina
auf, die sie schon lange nicht mehr verspürt hatte. Die Spur führte zur Haustür
und wieder von ihr Weg Richtung Sonnenhöchststand und verlor sich in den Weiten
der Schneewüste.
Eilig Lud sie die Beute vom Schlitten und
belud ihn mit etwas Proviant und Schlafmaterial. Dann ging sie eilig los. Dabei
berechnete sie, dass wenn sie in diesem Tempo weiterging, und sie beide, bei seiner
geschätzten Grösse, ähnlich lange Pausen einlegen würden, hätte sie ihn in
spätestens fünf Tagesmärschen eingeholt. Natürlich hoffte sie, dass er irgendwo
länger einkehren würde, was ihr Aufholen beschleunigen würde.
Am dritten Reisetag führten sie die Spuren
zum ersten anderen kleinen Haus, das sie, nebst ihrem Elternhaus, je in ihrem
Leben gesehen hatte. Ehrfürchtig stand sie vor dem kleinen Gebäude. Die Spuren führten
zur Haustür und ziemliche frische Spuren führten wieder von ihr weg. Der Mann
musste also längere Zeit hier eingekehrt sein. Sie ging scheu an das Haus heran
und blickte neugierig durch eines der kleinen Fenster auf der Vorderseite.
Dahinter erblickte sie einen einzigen gemütlichen Raum mit einem Kamin einem
Tisch mit zwei Stühlen, einem Bett und einigen Aufbewahrungstruhen. Vor dem
Topf, der über dem Feuer im Kamin hin stand ein junger Mann mit dem Rücken zu
ihr. Langsam richtete sich der Mann auf und wandte auf einmal den Kopf um und
blickt in ihre Richtung. Lina erschrak heftig und taumelte vom Fenster zurück.
Sie rannte zurück, ergriff den Schlitten und rannte weiter den Spuren nach.
Hinter ihr ging die Türe des Hauses auf und der Mann trat ins Freie. «So warte
doch!» rief er. «Warum rennst du davon?»
Doch Lina rannte, als hinge ihr Leben
davon ab und wandte keinen Blick zurück.
Am nächsten Tag kam es zu einer
unerwarteten Wende in ihrer Reise. Die Landschaft hatte sich bereits seit geraumer
Zeit zu verändern begonnen. Die Bäume waren leichter geworden, der Schnee
schwerer, hier und da lugte sogar der Boden zwischen dem Schnee hindurch. Doch
nun kam sie plötzlich am Ende des Schnees an. Am Beginn eines kleinen Abhangs
war der Schnee einfach weggebrochen und den Hang hinuntergerutscht und hatte
sich dort aufgehäuft. Doch von diesem Hang an war der Schnee weg. Natürlich gab
es noch einzelne kleine Schneeflecken, doch es war deutliche mehr erdiger Boden
als Schnee zu sehen. So stand sie nun da auf der Felsnase mit dem letzten Schnee
und blickte in eine braune statt weisse Einöde. Auch die Spuren endeten hier,
sie waren wahrscheinlich mit dem Schneebrett mitgerissen worden und setzten
sich vermutlich irgendwo weiter unten in der Erde fort. Doch von hier an konnte
sie ihren Schlitten auch nicht mehr mitführen.
Sie kniff die Augen gegen den Schein der untergehenden
Sonne zusammen. In einem Tal, noch etwa eine halbe Tagesreise entfernt,
erblickte sie viele kleine Hauser dicht gedrängt bei einander stehen. Das
musste ein Dorf sein, dachte Lina. Ihre Eltern hatten ihr ab und zu davon erzählt.
Und das könnte auch das Ziel des unbekannten Mannes gewesen sein, den sie seit
vier Tagen verfolgt hatte. Dort würden ganz viele Menschen sein, ganz
unterschiedliche. Alte und junge, grosse und kleine. Mit so vielen könnte sie
sich austauschen – sofern sie natürlich ihre Sprache redeten, dachte sie dabei.
Ansonsten könnte man die Sprache sicher lernen. Sie würde überhaupt so viele
neue Dinge kennenlernen.
Lina seufzte und stand noch lange auf dem
Felsvorsprung, bis die Sonne fast untergegangen war. Dann packte sie ihren
Schlitten, wandte sich um und machte sich wieder auf den Heimweg.
Am nächsten Tag kam sie wieder an dem anderen
einsamen Haus vorbei. Doch diesmal kehrte sie ein.