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Wenn der Wind des Wandels weht, bauen die Einen Schutzmauern, die Anderen bauen Windmühlen.

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Liebe Schreibende

In unserer hektischen Welt, dominiert von High-Speed-Rechnern, Zeitmangel, Medien, Facebook und Leistungsdruck, versuchen wir uns hier eine kleine Insel der Besinnung zu erhalten. Sich einmal im Monat in Ruhe niederzusetzen, sich mit einem Thema eingehend zu beschäftigen und dann die passenden Worte zu finden, um seine Gedanken mit anderen zu teilen, erscheint mir dabei ein geeigneter Weg, aus dieser Alltagshektik auszubrechen.

Sollten wir innerhalb eines Jahres genügend Beiträge beisammen haben, werde ich diese zusammentragen und in Buchform drucken lassen. So hat man dann Ende Jahr ein schönes Büchlein zur Hand - zur Erinnerung, oder als Geschenk zu Weihnachten, oder auch, um die Heimbibliothek mit einem eigenen Werk etwas auszubauen.

Dann also viel Spass beim Schreiben!

Eilean

Donnerstag, 26. April 2018

Westumfahrung (von Pseudonym1)


Immer dieses verdammte Gehupe! Bin mir ja bewusst, dass ich zu langsam fahre. Jeder ist im Ausland Ausländer, auch der „Huper“. Wenn der wüsste, wo ich zuhause bin. Wenn er ahnte, dass ich nicht einmal mein exaktes Ziel kenne!
Die Sonne im Nacken heisst, ich fahre kurz gegen Osten. Es ist abends um 18 Uhr. Und schon blendet mich die Sonne, denn ich fahre wieder gegen Westen. Rushhour in Paris. Ich bin mir bewusst, dass man diese Stosszeiten meiden sollte. Doch ich bin eben so reingerutscht, hab nicht aufgepasst und nicht zugehört. Jetzt komme ich aus diesem endlosen Strom nicht mehr raus. Die Ausfahrt ist immer schon vorbei, wenn ich sie durch die unzähligen Scheiben der links und rechts von mir vorbeifahrenden Autos erkenne. Jede Ausfahrt wäre mir recht. Einheimische haben es so einfach: Sie kennen den Weg im Schlaf, haben alle dasselbe Grossstadt-Gen und denken an alles andere als an eine Ausfahrt: Was sie essen wollen, ob die Frau Kopfschmerzen hat oder ob der Kühlschrank noch etwas hergibt.
Pariser fragen sich, wie blöd man denn sein kann, den Weg aus dem Kreisel nicht finden zu können. Deshalb hupen sie, wollen mir vielleicht freundlich ein Zeichen geben, sie fluchen oder wachen aus ihrem Kreiseltraum auf und denken, Ausländer sollten ihre Stadt meiden.
Meine Rundfahrten um den Arc de Triomphe de l’Etoile dauern nun schon eine Ewigkeit. Soll ich die Hand raus halten oder einfach auch hupen, damit alle merken, dass ich ein Problem habe?
Ich bin getrieben wie ein Floss auf dem Colorado River. Einem Wasserfall gleich rinnt mir der Schweiss von der Stirn. Gut habe ich vorsorglich Chips auf den Beifahrersitz gelegt. Sie entspannen. Ihr Knacken mischt sich unter das immer lauter werdende Gehupe. Leider ist mein Arm ist zu kurz, um die Cola-Flasche zu erreichen. Warum nur musste mich der Taxifahrer ausbremsen? Die Cola machte sich auf und davon. Nun liegt sie, sich allmählich leerend, ganz vorne beim Beifahrersitz. Ich verdurste, verdammt nochmal!
Mein GPS reisst mir noch den letzten Nerv aus. „Fahren sie bei der nächsten Ausfahrt rechts. Bitte rechts halten und die rechte Ausfahrt nehmen“. Warum nur habe ich dieses verdammte Navigationssystem eingeschaltet? „Rechts halten und die nächste Ausfahrt rechts nehmen“. Ausschalten? Wie denn? Ich brauche meine Hände fest am Steuer. Eine Sekunde, um Chips-Nachschub zu holen, das ist das Höchste der Gefühle.
Mein Psychiater sagt immer: Nehmen sie es ruhig, Herr Runner, Ihr Herz ist nicht mehr das jüngste. Geniessen sie den Tag und vor allem, gehen sie an die Sonne. Sie brauchen Vitamin D“. Wie die Sonne wieder blendet! Sie scheint mir direkt durch den Arc de Triomphe mitten ins Gesicht. Die Sonnenbrille liegt unerreichbar im Handschuhfach und die Sonnenklappe ist zu schmal, um mich vom rötlich-gleissenden Sonnenlicht zu schützen.
Ich schalte die Musik ein, um das GPS nicht mehr zu hören. Auch das Hupen wird so erträglicher. Eben hat mich ein Auto tiefer hinein auf eine Innenbahn gedrängt, dabei zeigt mein Blinker doch unübersehbar an, dass ich rechts raushalten will. Wer auf der Innenbahn fährt, ist entweder Pariser und kennt die Schleichwege nach draussen oder er ist eben einer wie ich: Gefangen im Pariser Stossverkehr. „Riens, riens de riens“, hat mir gerade noch gefehlt – als ob es bloss diesen  einen französischen Song gäbe!
Gut, dann singe ich halt mit! „Non, je ne regrette riens!“ klingt aus meinem vollen Chips-Mund sicher nicht so richtig französisch, vor allem das gerollte R will mir nicht gelingen.
Bereits hat die Sonne den Zirkel des Arc de Triomphe verlassen. Sie zieht ihren eigenen Weg. Wie ich sie beneide! Doch auch sie dreht ihre ewigen Runden, genau so wie die Erde. Philosophisch betrachtet könnte die Erde einfach ihre Umrundungen um die Sonne verlassen, rechts raus gehen und in der Ruhe des Universums verschwinden. Auch sie würde ihr Ziel genau so wenig kennen wie ich. Aber eben: Sie tut es nicht und ich kann nicht!
Verdammt!
Irgendetwas ist geschehen. Wir werden langsamer. Mein Gesicht badet im roten Flutlicht der Bremslichter. Die Zentrifugalkraft nimmt deutlich ab. Ich setze mich wieder gerade auf. Was soll das, jetzt wo ich eben eine Lücke gesehen habe, fahren alle ganz dicht auf. Bald stehen wir. Ich schalte immer tiefer. Der nächste Gang wäre der Rückwärtsgang. Wir stehen. Und jetzt? Gelegenheit die Cola-Flasche zu holen. Mein Kopf taucht tief in den Fussraum des Beifahrers. Aufdringlich hupt es. Fahren sie schon wieder? Nein, das war ich mit der linken Hand. Ich tauche auf und sehe in viele Gesichter. Was glotzt ihr mich an? Warum schüttelt ihr den Kopf? Den Finger brauchst du mir nicht zu zeigen. Und da! Ein Lächeln, ein französisches Lächeln. Blond, rote Lippen und sie scheint zu singen. Nicht etwa auch „Riens de riens!“ Das Lächeln gilt also nicht mir, sondern dem Song. Ich schalte das Radio aus. „Rechts halten und die nächste Ausfahrt nehmen“. Das habe ich nun davon. Die Cola ist kochend heiss. Ich vergass die Fussheizung auszuschalten.
Ein Herr kurbelt seine Scheibe runter und schaut mich an. Was will er? Ich kann kein Französisch. „Suivez moi!“ sagt er und merkt gleichzeitig, dass ich ihn nicht verstehe. Er zeigt mir mit seinem Arm und seinen Fingern, was ich zu tun habe. Ich verstehe, lächle und nicke.
Endlich setzt sich der Strom wieder in Bewegung. Der nette Herr drängt sich vor mich und ich klebe sozusagen an seiner Stossstange. Eine Reihe nach der andern gelangen wir nach aussen. Das GPS scheint meinen Richtungswechsel zu verstehen und sagt: In 50 Meter rechts raushalten“. Im Rückspiegel des netten Herrn erkenne ich ein zufriedenes Lächeln. Es gilt mir. Ich habe keinen Blick mehr für etwas anderes als für die Stossstange direkt vor mir. Wie er das nur macht?! Alle Autos scheinen uns Platz zu machen. Diesmal sagt das Hupen: „Bitte, ihr habt Vortritt“. Ich bade in meinen Kleidern. Mein Mund ist voller Chips, denn ich habe in der Aufregung vergessen, weiter zu kauen. Das Ziel kommt näher. Noch zwanzig Meter, zehn, fünf und mein Blinker bekommt endlich Genugtuung. Vor mir winkt der Herr in den Rückspiegel und zeigt mir an, dass ich rechts anhalten soll. Warum weiss ich nicht, jetzt wo ich doch endlich draussen bin.
Der Herr steigt aus. Ich kurble jetzt meinerseits die Scheibe runter und schaue ihn an. Er lächelt und sagt mit typisch französischem Akzent: „Sie hätten die Westumfahrung nehmen sollen“.

(von Pseudonym1)

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