Immer dieses verdammte Gehupe! Bin mir ja bewusst,
dass ich zu langsam fahre. Jeder ist im Ausland Ausländer, auch der „Huper“.
Wenn der wüsste, wo ich zuhause bin. Wenn er ahnte, dass ich nicht einmal mein exaktes
Ziel kenne!
Die Sonne im Nacken heisst, ich fahre kurz gegen
Osten. Es ist abends um 18 Uhr. Und schon blendet mich die Sonne, denn ich
fahre wieder gegen Westen. Rushhour in Paris. Ich bin mir bewusst, dass man
diese Stosszeiten meiden sollte. Doch ich bin eben so reingerutscht, hab nicht
aufgepasst und nicht zugehört. Jetzt komme ich aus diesem endlosen Strom nicht
mehr raus. Die Ausfahrt ist immer schon vorbei, wenn ich sie durch die
unzähligen Scheiben der links und rechts von mir vorbeifahrenden Autos erkenne.
Jede Ausfahrt wäre mir recht. Einheimische haben es so einfach: Sie kennen den
Weg im Schlaf, haben alle dasselbe Grossstadt-Gen und denken an alles andere
als an eine Ausfahrt: Was sie essen wollen, ob die Frau Kopfschmerzen hat oder
ob der Kühlschrank noch etwas hergibt.
Pariser fragen sich, wie blöd man denn sein
kann, den Weg aus dem Kreisel nicht finden zu können. Deshalb hupen sie, wollen
mir vielleicht freundlich ein Zeichen geben, sie fluchen oder wachen aus ihrem Kreiseltraum
auf und denken, Ausländer sollten ihre Stadt meiden.
Meine Rundfahrten um den Arc de Triomphe de
l’Etoile dauern nun schon eine Ewigkeit. Soll ich die Hand raus halten oder
einfach auch hupen, damit alle merken, dass ich ein Problem habe?
Ich bin getrieben wie ein Floss auf dem
Colorado River. Einem Wasserfall gleich rinnt mir der Schweiss von der Stirn. Gut
habe ich vorsorglich Chips auf den Beifahrersitz gelegt. Sie entspannen. Ihr
Knacken mischt sich unter das immer lauter werdende Gehupe. Leider ist mein Arm
ist zu kurz, um die Cola-Flasche zu erreichen. Warum nur musste mich der Taxifahrer
ausbremsen? Die Cola machte sich auf und davon. Nun liegt sie, sich allmählich
leerend, ganz vorne beim Beifahrersitz. Ich verdurste, verdammt nochmal!
Mein GPS reisst mir noch den letzten Nerv aus.
„Fahren sie bei der nächsten Ausfahrt rechts. Bitte rechts halten und die
rechte Ausfahrt nehmen“. Warum nur habe ich dieses verdammte Navigationssystem
eingeschaltet? „Rechts halten und die nächste Ausfahrt rechts nehmen“.
Ausschalten? Wie denn? Ich brauche meine Hände fest am Steuer. Eine Sekunde, um
Chips-Nachschub zu holen, das ist das Höchste der Gefühle.
Mein Psychiater sagt immer: Nehmen sie es
ruhig, Herr Runner, Ihr Herz ist nicht mehr das jüngste. Geniessen sie den Tag
und vor allem, gehen sie an die Sonne. Sie brauchen Vitamin D“. Wie die Sonne wieder
blendet! Sie scheint mir direkt durch den Arc de Triomphe mitten ins Gesicht. Die
Sonnenbrille liegt unerreichbar im Handschuhfach und die Sonnenklappe ist zu schmal,
um mich vom rötlich-gleissenden Sonnenlicht zu schützen.
Ich schalte die Musik ein, um das GPS nicht
mehr zu hören. Auch das Hupen wird so erträglicher. Eben hat mich ein Auto tiefer
hinein auf eine Innenbahn gedrängt, dabei zeigt mein Blinker doch unübersehbar
an, dass ich rechts raushalten will. Wer auf der Innenbahn fährt, ist entweder
Pariser und kennt die Schleichwege nach draussen oder er ist eben einer wie
ich: Gefangen im Pariser Stossverkehr. „Riens, riens de riens“, hat mir gerade
noch gefehlt – als ob es bloss diesen einen
französischen Song gäbe!
Gut, dann singe ich halt mit! „Non, je ne
regrette riens!“ klingt aus meinem vollen Chips-Mund sicher nicht so richtig
französisch, vor allem das gerollte R will mir nicht gelingen.
Bereits hat die Sonne den Zirkel des Arc de
Triomphe verlassen. Sie zieht ihren eigenen Weg. Wie ich sie beneide! Doch auch
sie dreht ihre ewigen Runden, genau so wie die Erde. Philosophisch betrachtet
könnte die Erde einfach ihre Umrundungen um die Sonne verlassen, rechts raus
gehen und in der Ruhe des Universums verschwinden. Auch sie würde ihr Ziel genau
so wenig kennen wie ich. Aber eben: Sie tut es nicht und ich kann nicht!
Verdammt!
Irgendetwas ist geschehen. Wir werden langsamer.
Mein Gesicht badet im roten Flutlicht der Bremslichter. Die Zentrifugalkraft
nimmt deutlich ab. Ich setze mich wieder gerade auf. Was soll das, jetzt wo ich
eben eine Lücke gesehen habe, fahren alle ganz dicht auf. Bald stehen wir. Ich
schalte immer tiefer. Der nächste Gang wäre der Rückwärtsgang. Wir stehen. Und
jetzt? Gelegenheit die Cola-Flasche zu holen. Mein Kopf taucht tief in den
Fussraum des Beifahrers. Aufdringlich hupt es. Fahren sie schon wieder? Nein,
das war ich mit der linken Hand. Ich tauche auf und sehe in viele Gesichter.
Was glotzt ihr mich an? Warum schüttelt ihr den Kopf? Den Finger brauchst du
mir nicht zu zeigen. Und da! Ein Lächeln, ein französisches Lächeln. Blond,
rote Lippen und sie scheint zu singen. Nicht etwa auch „Riens de riens!“ Das
Lächeln gilt also nicht mir, sondern dem Song. Ich schalte das Radio aus. „Rechts
halten und die nächste Ausfahrt nehmen“. Das habe ich nun davon. Die Cola ist
kochend heiss. Ich vergass die Fussheizung auszuschalten.
Ein Herr kurbelt seine Scheibe runter und
schaut mich an. Was will er? Ich kann kein Französisch. „Suivez moi!“ sagt er
und merkt gleichzeitig, dass ich ihn nicht verstehe. Er zeigt mir mit seinem
Arm und seinen Fingern, was ich zu tun habe. Ich verstehe, lächle und nicke.
Endlich setzt sich der Strom wieder in
Bewegung. Der nette Herr drängt sich vor mich und ich klebe sozusagen an seiner
Stossstange. Eine Reihe nach der andern gelangen wir nach aussen. Das GPS
scheint meinen Richtungswechsel zu verstehen und sagt: In 50 Meter rechts
raushalten“. Im Rückspiegel des netten Herrn erkenne ich ein zufriedenes
Lächeln. Es gilt mir. Ich habe keinen Blick mehr für etwas anderes als für die
Stossstange direkt vor mir. Wie er das nur macht?! Alle Autos scheinen uns
Platz zu machen. Diesmal sagt das Hupen: „Bitte, ihr habt Vortritt“. Ich bade
in meinen Kleidern. Mein Mund ist voller Chips, denn ich habe in der Aufregung
vergessen, weiter zu kauen. Das Ziel kommt näher. Noch zwanzig Meter, zehn,
fünf und mein Blinker bekommt endlich Genugtuung. Vor mir winkt der Herr in den
Rückspiegel und zeigt mir an, dass ich rechts anhalten soll. Warum weiss ich
nicht, jetzt wo ich doch endlich draussen bin.
Der Herr steigt aus. Ich kurble jetzt
meinerseits die Scheibe runter und schaue ihn an. Er lächelt und sagt mit
typisch französischem Akzent: „Sie hätten die Westumfahrung nehmen sollen“.
(von Pseudonym1)
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