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Wenn der Wind des Wandels weht, bauen die Einen Schutzmauern, die Anderen bauen Windmühlen.

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In unserer hektischen Welt, dominiert von High-Speed-Rechnern, Zeitmangel, Medien, Facebook und Leistungsdruck, versuchen wir uns hier eine kleine Insel der Besinnung zu erhalten. Sich einmal im Monat in Ruhe niederzusetzen, sich mit einem Thema eingehend zu beschäftigen und dann die passenden Worte zu finden, um seine Gedanken mit anderen zu teilen, erscheint mir dabei ein geeigneter Weg, aus dieser Alltagshektik auszubrechen.

Sollten wir innerhalb eines Jahres genügend Beiträge beisammen haben, werde ich diese zusammentragen und in Buchform drucken lassen. So hat man dann Ende Jahr ein schönes Büchlein zur Hand - zur Erinnerung, oder als Geschenk zu Weihnachten, oder auch, um die Heimbibliothek mit einem eigenen Werk etwas auszubauen.

Dann also viel Spass beim Schreiben!

Eilean

Donnerstag, 26. April 2018

Spuren im Schnee


Lina stand am Fenster und blickte auf die endlos scheinende Eiswüste vor dem Haus. Sie lebte alleine und hatte niemals etwas anderes gekannt. Seit beide ihrer Eltern vor gut achtzig Monden von einer Bärenmutter getötet wurden, war nur sie von der Familie übriggeblieben. Es war eine schreckliche Geschichte, an die Lina noch immer häufig zurückdachte.
Sie hatte das Unglück nicht mit eigenen Augen gesehen, doch von dem was sie wusste und dem was sie am Unglücksort vorgefunden hatte, hatte sie sich diesen Ablauf abgeleitet: Ihre Eltern waren gegen Mittag aufgebrochen und hatten Lina gebeten, zuhause zu bleiben, da es für ein kleines Mädchen wie sie zu gefährlich sein würde. Ihre Mutter hatte ihr erklärt, dass sich ein Bärenkind in ihrer Bärenfalle verfangen hatte und dass sie dieses nun befreien mussten. Denn ein Bärenbaby hätten sie ja nicht fangen wollen, das gebe viel zu wenig Fleisch und das Fell sei zwar sehr weich, aber auch sehr klein. «Und ausserdem hat es doch noch sein ganzes Leben vor sich, so wie du, meine Süsse», hatte die Mutter mit einem Lächeln erklärt.
«Aber das ist doch nicht gefährlich», hatte Lina rebelliert. «Das Kleine kann euch doch nichts anhaben!»
«Das stimmt, aber die Mutter weicht nicht von seiner Seite. Und sie ist sehr wütend, dass ihr Kind verletzt wurde. Darum muss ich sie ablenken, währen Papa die Falle öffnet. Und das kann sehr gefährlich werden.»
Und so waren die Eltern von dannen gezogen. Als sie am späten Abend noch immer nicht zurückgekehrt waren, befürchtete Lina bereits das Schlimmste. Als der Mond aufgegangen war, hatte sie die Anspannung nicht mehr ausgehalten und war auch zur Bärenfalle gelaufen. Dort hatte sich ihr ein schreckliches Bild geboten. Beide ihre Eltern hatten in ihrem eigenen Blut gelegen und waren tot. Die Bären aber waren fort.
Am nächsten Morgen war sie mit dem Schlitten nochmals zur Unfallstelle gegangen und hatte die Leichen ihrer Eltern aufgeladen, um sie in der Nähe des Hauses zu begraben.
Noch heute war ihr das Bild wie eingebrannt: die vielen grossen und kleinen dunkelroten Flecken auf dem niedergetretenen, weissen Schnee. Und die Fussspuren ihrer Eltern, die überall zu sehen waren, vermischt mit den mächtigen Prankenspuren der Bärenmutter und den wenigen scheuen, kleinen Spuren des Bärenkindes. Spuren der Angst. Spuren des Kampfes. Spuren des Todes.
Lina seufzte und wischte sich die Träne aus dem Auge. Noch heute brachten sie die Erinnerungen zum Weinen. Aber nicht mehr so sehr wie am Anfang.
Die ersten zwanzig Monde nach dem Unglück waren die schwerste Zeit gewesen. Nicht so sehr wegen der Arbeit, die sie nun allein erledigen musste, – das Holzsammeln, das Jagen, die Ausbesserungen am Haus, das Ziegenmelken, das Feuermachen, das Kochen – das konnte sie ja bereits alles, und schliesslich war sie ja bereits am Ende der Kindheit gewesen – nein, das war nicht das Schwerste gewesen. Es war die Einsamkeit. Und die hatte sie seit jenem Tage nicht mehr losgelassen.
Sie sehnte sich nach jemandem zum sprechen. Oder auch nicht! Man musste nicht einmal sprechen. Nur jemanden in der Nähe haben. Ein anderer der da ist, dessen Wärme man spüren kann, dessen Schritte, dessen Atem man hört, der Dinge bewegt, der Ideen und Wünsche hat. Ein anderer Mensch…
Und seit sie seit etwa zwanzig Monden in die Gebärreife übergegangen war, spürte sie die Einsamkeit noch stärker, denn sie spürte, was nun eigentlich ihre nächste Aufgabe war.
Als sie eines Tages von einer längeren Jagd nachhause zurückkehrte, fand sie vor dem Haus eine neue Spur im Schnee. Es war nicht die Spur eines Tieres. Es war am ähnlichsten der Spur ihres Vaters. Kräftige, grosse Tritte hatten sie gelegt. Den Verwehungen zufolge konnte die Spur noch nicht sehr alt sein, bei dem Wind vielleicht ein Tag. Der Mann konnte also höchstens eine Tagesreise entfernt sein. Eine eigenartige Freude kam in Lina auf, die sie schon lange nicht mehr verspürt hatte. Die Spur führte zur Haustür und wieder von ihr Weg Richtung Sonnenhöchststand und verlor sich in den Weiten der Schneewüste.
Eilig Lud sie die Beute vom Schlitten und belud ihn mit etwas Proviant und Schlafmaterial. Dann ging sie eilig los. Dabei berechnete sie, dass wenn sie in diesem Tempo weiterging, und sie beide, bei seiner geschätzten Grösse, ähnlich lange Pausen einlegen würden, hätte sie ihn in spätestens fünf Tagesmärschen eingeholt. Natürlich hoffte sie, dass er irgendwo länger einkehren würde, was ihr Aufholen beschleunigen würde.
Am dritten Reisetag führten sie die Spuren zum ersten anderen kleinen Haus, das sie, nebst ihrem Elternhaus, je in ihrem Leben gesehen hatte. Ehrfürchtig stand sie vor dem kleinen Gebäude. Die Spuren führten zur Haustür und ziemliche frische Spuren führten wieder von ihr weg. Der Mann musste also längere Zeit hier eingekehrt sein. Sie ging scheu an das Haus heran und blickte neugierig durch eines der kleinen Fenster auf der Vorderseite. Dahinter erblickte sie einen einzigen gemütlichen Raum mit einem Kamin einem Tisch mit zwei Stühlen, einem Bett und einigen Aufbewahrungstruhen. Vor dem Topf, der über dem Feuer im Kamin hin stand ein junger Mann mit dem Rücken zu ihr. Langsam richtete sich der Mann auf und wandte auf einmal den Kopf um und blickt in ihre Richtung. Lina erschrak heftig und taumelte vom Fenster zurück. Sie rannte zurück, ergriff den Schlitten und rannte weiter den Spuren nach. Hinter ihr ging die Türe des Hauses auf und der Mann trat ins Freie. «So warte doch!» rief er. «Warum rennst du davon?»
Doch Lina rannte, als hinge ihr Leben davon ab und wandte keinen Blick zurück.
Am nächsten Tag kam es zu einer unerwarteten Wende in ihrer Reise. Die Landschaft hatte sich bereits seit geraumer Zeit zu verändern begonnen. Die Bäume waren leichter geworden, der Schnee schwerer, hier und da lugte sogar der Boden zwischen dem Schnee hindurch. Doch nun kam sie plötzlich am Ende des Schnees an. Am Beginn eines kleinen Abhangs war der Schnee einfach weggebrochen und den Hang hinuntergerutscht und hatte sich dort aufgehäuft. Doch von diesem Hang an war der Schnee weg. Natürlich gab es noch einzelne kleine Schneeflecken, doch es war deutliche mehr erdiger Boden als Schnee zu sehen. So stand sie nun da auf der Felsnase mit dem letzten Schnee und blickte in eine braune statt weisse Einöde. Auch die Spuren endeten hier, sie waren wahrscheinlich mit dem Schneebrett mitgerissen worden und setzten sich vermutlich irgendwo weiter unten in der Erde fort. Doch von hier an konnte sie ihren Schlitten auch nicht mehr mitführen.
Sie kniff die Augen gegen den Schein der untergehenden Sonne zusammen. In einem Tal, noch etwa eine halbe Tagesreise entfernt, erblickte sie viele kleine Hauser dicht gedrängt bei einander stehen. Das musste ein Dorf sein, dachte Lina. Ihre Eltern hatten ihr ab und zu davon erzählt. Und das könnte auch das Ziel des unbekannten Mannes gewesen sein, den sie seit vier Tagen verfolgt hatte. Dort würden ganz viele Menschen sein, ganz unterschiedliche. Alte und junge, grosse und kleine. Mit so vielen könnte sie sich austauschen – sofern sie natürlich ihre Sprache redeten, dachte sie dabei. Ansonsten könnte man die Sprache sicher lernen. Sie würde überhaupt so viele neue Dinge kennenlernen.
Lina seufzte und stand noch lange auf dem Felsvorsprung, bis die Sonne fast untergegangen war. Dann packte sie ihren Schlitten, wandte sich um und machte sich wieder auf den Heimweg.
Am nächsten Tag kam sie wieder an dem anderen einsamen Haus vorbei. Doch diesmal kehrte sie ein.

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