In der obersten, teuersten Wohnung des Wolkendurchbrechers liess sich Herr H. zufrieden in seinen Le Corbusier Ledersessel plumpsen, ein Glas Moët&Chandon in der Hand. Irgendwo in der Wohnung tropfte noch ein Wasserhahn, aber Herr H. sass schon zu bequem, um deswegen wieder aufzustehen. Stattdessen verspürte er einen leichten Anflug von Ärger über seine Haushälterin. War er denn der Einzige der gute Arbeit leistete? Es war Zeit diese Lina, oder wie sie auch immer hiess, auszuwechseln. Er seufzte und schob den lästigen Gedanken beiseite. Stattdessen lobte er sich selbst: Heute hatte er die Fusionspapiere unterschrieben. Gewiss bei dem Zusammenschluss der beiden Grossunternehmen würden ein paar Stellen gestrichen, aber man musste das ja immer im Gesamtkontext betrachten. Und die Fusion war sowohl für ihn finanziell als auch für seine Firma wirtschaftlich deutlich lukrativer. Also hatte er da wohl allen Grund auf sich anzustossen. Jedoch dämpfte der tropfende Wasserhahn seine Euphorie kurzzeitig, das stete Geräusch nervte Herrn H., daher stellte er kurzerhand seinen Bang&ofluson Fernseher an. Befriedigt schaute er eine belanglose Sendung, ohne einen einzigen Gedanken mehr an das vergeudete Wasser oder einen Blick nach draussen, geschweige denn nach unten zu verschwenden.
Zur selben Zeit kochte sich nebenan Herr D. sein Nachtessen. Er hatte die Zutaten wie immer frisch von seinem Bauer des Vertrauens geholt – regional-saisonal, das war sein Anspruch und dafür bezahlte er auch gerne einen beträchtlichen Betrag. Ferner achtete er während der Zubereitung der Mahlzeit akribisch darauf, weder unnötig Energie noch Wasser zu verbrauchen. Ja, dies nicht nur beim Kochen, sondern sein ganzer Lebensstil war sowohl gesundheits- als auch umweltbewusst und dafür scheute er weder Aufwand noch Kosten. Als er sein Mahl fertig zubereitet hatte, ging Herr D. damit zufrieden auf den Balkon. Er schaute hinunter und war froh, nie dahin zu müssen. Die Häuser da unten sahen alle so schrecklich klein aus. Mit seiner pingelig ökologischen, biologischen und energietechnisch nachhaltigen Lebensart drückte er seine Dankbarkeit aus, dafür, dass er die Möglichkeit hatte in dieser Höhe zu wohnen aus. Gleichzeitig hoffte er mit seinem umweltfreundlichen und –schonenden Verhalten einen Einsturz des Wolkendurchbrechers verhindern - oder mindestens hinauszögern - zu können.
Während Herr D. sich mit seiner Tiefenangst konfrontierte und sein Höhenleben wertschätzte, packte in der Nachbarswohnung Herr I. seinen Koffer aus. Er war gerade von einem Einsatz ganz tief unten zurückgekehrt. Es waren intensive 6 Monate gewesen und obwohl er nicht ganz hinunter gehen musste, war es dennoch erneut ein absoluter Lebens- und Kulturwandel, den er dort unten durchgemacht hatte. Jedes Mal, wenn er wieder zu einem Einsatz einbestellt wurde und die vielen Stockwerke nach unten fuhr, war er, in den unteren Stockwerken angekommen, fasziniert und erstaunt von der Vielfalt der Häuser, die es dort gab. Von oben sahen diese nämlich alle gleich klein aus. Erst unten angekommen merkte man, dass es durchaus beträchtliche Höhenunterschiede gab. Es gab viele einstöckige kleine Hütten, neben durchaus stabilen, mehrstöckigen Hochhäusern. Letztere erkannte man jedoch erst unten als solche. Dass er selber eigentlich die Ausnahme war, wurde ihm erst bewusst, wenn er unten wieder feststellte, wie viele – ja so viel mehr – Häuser es unten eigentlich gab. Sein Wolkendurchbrecher, in dem er lebte, war neben etwa zehn oder zwölf andern eigentlich eine Rarität, wohingegen die fünf bis sechsstöckigen Häuser eine deutliche Mehrheit darstellten. Deshalb musste Herr I. immer wieder selber hinunter in die tieferen Geschosse, erst dadurch konnte er sich vergegenwärtigen, in welchem Extrem er wohnte. Es war nicht annähernd normal. Die Menschen in den mehrstöckigen Häusern waren Durchschnitt und immer noch den in den einstöckigen Hütten Lebenden (die ebenso eine deutliche Überzahl gegenüber den Wolkendurchbrecherbewohnern darstellten) deutlich überlegen. Die Tatsache, dass er über dieses Missverhältnis bei jedem Ausflug in diese tieferen Gebiete immer noch erstaunt war, zeigte ihm, dass er diese Erkenntnis noch nicht verinnerlicht hatte. Es würde wohl noch lange gehen - wenn nicht gar nie eintreten - bis aus der Einsicht, selbst eine Seltenheit und Aussenseiter zu sein, Bewusstsein werden würde.
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Angelehnt an den Human Development Index, einem jährlich erscheinenden Bericht über die menschliche Entwicklung. Hier fliessen die Lebenserwartung, die Dauer der Ausbildung und das Bruttonationaleinkommen mit ein. Es ist ein Mittel für die grobe Einschätzung des Wohlstands eines Landes. Die Schweiz ist im Rating von 2019 nach Norwegen Nummer 2 – von insgesamt knapp 200 Ländern! Wir sind extrem! Wir sind etwa so überdurchschnittlich, wie die Zentralafrikanische Republik vor dem Niger unterdurchschnittlich ist. Durchschnittlich sind Länder wie Brasilien, Peru, Botswana, Ägypten, Indonesien, Vietnam oder Indien. Deren Lebensstandard repräsentiert viel mehr das, wie es der Mehrzahl der Erdbevölkerung geht. Wir sind ausserordentlich. Wir schauen nach unten und alle Länder wirken ähnlich arm. Dass es dort mindestens genauso grosse Gegensätze gibt, dass es zum Beispiel ein himmelweiter Unterschied ist, ob man in Burundi (Platz 185) oder Tanzania (Platz 154) oder sogar Namibia (Platz 129) lebt, ist wahrscheinlich den wenigsten von uns Abgehobenen, Bodenfernen bewusst. Nicht alle Häuser sind gleich klein oder gross, im Gegenteil, in den Tiefen sind die Differenzen viel ausgeprägter und bedeutender! Natürlich dürfen wir unser Leben in dekadenten Höhen geniessen, sollten aber nicht vergessen, es auch täglich wertzuschätzen, denn es ist alles andere als selbstverständlich und normal!
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