Zitat des Monats
Chinesische Weisheit
Willkommen!
In unserer hektischen Welt, dominiert von High-Speed-Rechnern, Zeitmangel, Medien, Facebook und Leistungsdruck, versuchen wir uns hier eine kleine Insel der Besinnung zu erhalten. Sich einmal im Monat in Ruhe niederzusetzen, sich mit einem Thema eingehend zu beschäftigen und dann die passenden Worte zu finden, um seine Gedanken mit anderen zu teilen, erscheint mir dabei ein geeigneter Weg, aus dieser Alltagshektik auszubrechen.
Sollten wir innerhalb eines Jahres genügend Beiträge beisammen haben, werde ich diese zusammentragen und in Buchform drucken lassen. So hat man dann Ende Jahr ein schönes Büchlein zur Hand - zur Erinnerung, oder als Geschenk zu Weihnachten, oder auch, um die Heimbibliothek mit einem eigenen Werk etwas auszubauen.
Dann also viel Spass beim Schreiben!
Eilean
Sonntag, 20. Dezember 2009
Erinnerung 1:
Als ich ein Kind war, ich denke ich war 7 Jahre alt, machten meine Familie und ich gemeinsam Campingferien mit Freunden meiner Eltern, die aus der DDR waren. Damals gab es ja noch diesen Staat und es war den Menschen in der DDR verboten in westliche Länder zu reisen. Deshalb mussten wir uns quasi auf sozialistischem Boden treffen, wo es aber auch schön und warm war. Mit den heutigen klassischen Reisezielen für Campingurlauber, Spanien, Griechenland und Italien, konnten die Trabbifahrer nichts anfangen. Also war das Reiseziel klar: Ungarn!
Ungarn ist ein wirklich sehr schönes Land, ich fühlte mich sehr wohl dort, es war warm und sonnig, die Leute waren richtig nett und die Landschaft wahnsinnig toll, ach ja... das Essen... außer Goulasz, den die meisten Leute mit Ungarn verbinden gabs da noch was! Langosz...hmmm so unglaublich lecker und am besten mit Koukuritza... schmacht, naja ich wollte ja auch nicht übers Essen erzählen.
Um wieder auf das Thema zurückzukommen, das Wetter war herrlich. Jeden Tag schien die Sonne und die langen Sommerabende vor dem Zelt mit frischen Paprika und leckeren Würsten...jetzt bin ich schon wieder beim Essen...waren einfach schön, zumal die anderen Kinder auf dem Campingplatz bald meine Freunde waren und es kein Abend verging, an dem wir uns nicht irgendwo traffen um die Umgebung unsicher zu machen. Tagsüber gingen wir stundenlang im Balaton schwimmen.
Der Balaton, also zu Deutsch, der Plattensee verdankt seinen Namen seiner sehr geringen Tiefe, denn er ist maximal 12 - 13m tief, meist kaum tiefer als 3m. Der Balaton ist ein Steppensee, der an die Puszta angrenzt und zuweilen sehr sumpfige Ufer aufweist, daher auch der Name, der sich aus dem Slawischen "Platna" ableitet, was soviel bedeutet wie, Sumpf. Wir waren in Balaton Boglar, und da gab es keinen Sumpf, aber herrliche weiche Sandstrände und das Wasser war sehr warm. Weil der See so flach ist, kann sich das Wasser sehr gut erwärmen und so kann man bei 27°C wie in der Südsee baden gehen.
Aufgrund der warmen Wassertemperaturen, der landschaftlichen Gegebenheiten können sich dort aber auch sehr schwere Hurrikanähnliche Stürme bilden.
Eines Tages, die Sonne strahlte mit unseren Gesichtern um die Wette, wurde plötzlich an der nebenan liegenden Marina Sturmwarnung Stufe drei ausgegeben, das hieß "Erhöhte Sturmgefahr". Niemand von uns verstand weshalb, da keine Wolke zu sehen war. Die Sturm warnung aber blieb die ganze Nacht bis zum nächsten Morgen aufrecht. Nach dem Frühstück sind wir Kinder wieder bei schönstem Sonnenschein runter zum See, der friedlich und glitzernd vor uns lag. Kaum waren wir im Wasser ertönte eine Sirene vom Leuchtturm an der Marina und wir sahen, wie die Sturmwarnung auf Stufe zwei angehoben wurde, was für uns bedeutete, daß alle Badenden das Wasser verlassen mussten. Wir waren enttäuscht und sauer, weil wir gar nicht verstehen konnten warum hier einer Sturmwarnung gibt, wo es doch am ganzen Himmel keine Wolke zu sehen gab.
Es war heiß! Und es war langweilig... den ganzen Tag im Zelt zu verbringen und nicht ins Wasser zu dürfen war für uns Kinder das schlimmste, was wir uns bis zu diesem Moment vorstellen konnten. Die Freunde meiner Eltern entschieden deshalb, um die Stimmung zu heben, daß wir doch an diesem Tag nach Siofok fahren könnten um dort die Stadt und den Markt zu sehen.
Siofok war damals zu sozialistischen Zeiten eine sehr schmutzige und kaputte Stadt, aber der Markt war ein Paradies, denn es gab ewig viele Stände mit Spielsachen, die für uns aus Westdeutschland sau billig waren.
Am Abend kamen wir wieder zurück auf den Campingplatz und freuten uns schon auf das Abendessen, die Erwachsenen hatten beschlossen zu grillen. Dazu schickte mich meine Mutter zu dem Gemüsehändler am Rand des Campingplatzes um Paprika, Zucchini und Tomaten für einen leckeren Salat zu kaufen. Es war früher Abend und als ich zu der kleinen Bretterbude des Händlers kam, war dieser gerade damit beschäftigt, seine Fenster und Türen mit Brettern zuzunageln. Ich wunderte mich und lief wieder zurück. Auf dem Weg zurück, kam ich an der Marina vorbei, wo die ganzen Segelboote und Yachten der Einheimischen und Touristen lagen. Ich ging immer dort spazieren, weil ich davon träumte eines Tages ein eigenes Segelboot zu besitzen. Aber auch hier war etwas komisch, die Skipper zurrten alles fest, was nicht niet und nagelfest war, legten Masten um und vertäuten ihre Boote drei und vierfach. Manche die einen Anhänger dabei hatten, holten ihre Yachten gar ganz aus dem Wasser. Es war ein sehr geschäftiges Treiben, was gar nicht zu den bisherigen Erlebnissen an diesem gemütlichen Urlaubsort passte.
Irgendwie bekam ich Angst, denn es war alles so ungewöhnlich hektisch und niemand sprach mit einem, jeder war mit irgendwas beschäftigt. Die Einheimischen wirkten gar ein wenig barsch und unfreundlich. Plötzlich fiel mein Blick auf den Leuchtturm, an dem mit den aufgezogenen Bällen signalisiert wurde, daß die Sturmwarnung auf höchste Stufe gesetzt worden war. Das bedeutete, daß auch die Boote und Schiffe den See zu meiden haben und angewiesen waren in den Häfen zu bleiben.
Beim Abendessen, ohne Paprikasalat, unterhielten sich die Erwachsenen über einen angekündigten Sturm der wohl in der Nacht oder gegen Morgen bei uns eintreffen sollte. Die Stimmung war angespannt und ich erinnerte mich an den Freund meines Vaters, ein Typ, von dem ich immer glaubte, den kann gar nichts erschrecken. Ein Typ wie ein Wikinger, 2m groß und breit wie ein Schrank, blonde Haare und leuchtend blaue Augen - und Muskeln! Als Junge war er für mich das Ideal, so wollte ich auch mal werden. Aber an diesem Abend schien er gar nicht so mächtig, eher ängstlich, besorgt. Auch er war nevös und als die Dämmerung anbrach gingen er, mein Vater und wir Kinder nocheinmal runter zum See um zu sehen, was es denn mit dem Sturm auf sich hatte.
Der Balaton ist knapp 80 km lang aber nur etwa 13km breit und so konnte man gut bis hinüber zum anderen Ufer blicken. Da war ein riesiger Tafelberg und über dem braute sich böses zusammen. Schwarz und unheilvoll türmte sich eine riesige Gewitterwolke auf, aber der Wikinger meinte, dass es ja wohl kaum dieses Gewitter sein könne, daß die Ursache für diese oberste Sturmwarnung ist. Und sonst war nichts zu sehen. Das Wasser war glatt und friedlich, wie immer.
Das es noch schlimmer kommen sollte, als alles was ich in meinem Leben je erlebte, ahnte zu diesem Zeitpunkt noch niemand, auch der Wikinger nicht.
Gegen 2 Uhr in der Nacht wurde ich unsanft aus einem tiefen Schlaf gerissen. Erst schrie einer, dann hörte ich ein fürchterliches Krachen und es schien als ob die Erde bebte. Mein großer Bruder heulte und meine Schwester neben mir schrie um Hilfe. Ich verstand gar nicht was los war, erst als ich von meiner Luftmatratze aufstehen wollte und bemerkte, dass ich mit meiner Matratze auf dem Wasser trieb, bekam ich richtig Angst. Ein wahrer Strom strömte durch unser Zelt hindurch und jetzt wurde ich auch auf das heulen und brausen aufmerksam, daß die ganze Szene mit grauenvoller und ohrenbetäubender Musik erfüllte. Plötzlich erschien mein Vater, völlig durchnässt und mit zerzausten Haaren. Er watete fast knietief durchs Wasser und zog uns Kinder aus der Schlafkabine unseres grünen Zeltes. Im Vorzelt wo es ebenfalls dunkel war konnten wir unsere Mutter erkennen, die mit beiden Armen an der Firststange des Zeltes hing. Mir war völlig rätselhaft was sie da tat, nur dass ich auch einen fremden Mann sah, der ebenfalls in unserem zelt an einer Stange hing. Mein Vater rief dann plötzlich in den ganzen Lärm hinein, daß wir alle uns an die Stange hängen sollten, was ich wiederrum schon fast lustig fand. Die Erwachsenen aber konnten nicht lachen, besonders als plötzlich eine Zeltwand durch den Wind zerrissen wurde und wir íns freie blicken konnten. Draussen sahen wir, wie der Wikinger aus der DDR, sein Zelt mit einem Autoabschleppseil an seinen Trabbi knotete und ihm dabei Äste, Blätter und allerlei kleine unbekannte Gegenstände um die Ohren flogen. Von irgendwoher mischten sich Irrlichter von Taschenlampen zuckend und huschend in die Szenerie. Ich hing an meiner Zeltstange und spürte wie der Sturm versuchte unser Zelt zu stehlen. Ich hatte Angst, jeder hatte Angst... auch die Leute, die wir plötzlich draussen mit Taschenlampen sahen, wie sie mit einiger Habe unter den Armen weg vom Seeufer flüchteten. Der Wikinger trat in unser Zelt und er hatte ein starkes Seil dabei. Er band es mehrmal um die große Firststange an der meine Mutter hing und zog das Seil stramm, dann band er das andere Ende um die Anhängerkupplung seines Trabant und schrie meine Mutter an, sie solle jetzt mit allem was sie greifen konnte das zelt verlassen. Mein Vater half ihr dabei uns Kinder zu greifen, dann kam ich das erste Mal richtig ins Freie. Unser grünes Zelt war auf einer Seite, da wo wir geschlafen hatten völlig zerfetzt und die andere Seite blähte sich steinhart wie ein Segel auf.
Irgendwo rief ein Mann und eine Frau immer einen Namen, "Thooooomas! Thooooomas!" Und dann sahen wir sie. Eine Familie kam mit einer Petroleumlampe den Weg zu unserem Zelt herauf und sie fragten angsterfüllt ob wir ihren 4 jährigen Sohn gesehen hätten. Ein riesiger Baum war auf ihren Wohnwagen gefallen und habe genau den Teil des Wohnwagens zerschmettert an dem der Junge geschlafen hatte, aber der Junge war eigenartiger Weise nicht in seinem Bett. Mein Blick fiel hinunter auf das Seeufer, und es wunderte mich, da man von unserem Zelt normalerweise das Seeufer nicht sehen konnte. Mein großer Bruder teilte die Verwunderung mit mir, doch verstand er im Gegensatz zu mir, sofort, was die Ursache dafür war. Der See kam zu uns! Da sahen wir Schemenhaft viele Wohnwagen, die auf dem Wasser trieben und breits die ersten Zelte mitrissen, dahinter erkannten wir riesige Wellen die sich schwarz mit leuchtenden Schaumkronen auf uns zubewegten. Ich heulte, meine Schwester machte sich in die Hosen und die Erwachsenen versuchten vergeblich uns Kinder zu beruhigen.
Das Brausen des Sturms wurde noch stärker und das Blitzen und Krachen des Donners und der abbrechenden Bäume um uns herum verhinderte beruhigende Worte unserer Eltern.
Das Tosen der Wellen war auch für den Wikinger furchteinflösend und plötzlich schrei dieser zu meinem Vater: "Es regnet gar nicht, das Wasser ist die Gischt der Wellen!"
Ich erinnere mich nicht, wie wir die restlichen 2 Stunden überlebten, aber als es hell wurde sahen wir die Zerstörung, die der Sturm und der friedliche Balaton angerichtet hatten. Es war kaum mehr ein Baum heil geblieben, sie waren fast alle wie Streichhölzer abgeknickt oder mit samt den Wurzeln umgeworfen. Vorher war der ganze Campingplatz wie in einem lichten Wald, überall gab es Schatten, nun nichts mehr. Kein einziges Zelt stand mehr oder war unbeschadet, der ganze Platz um uns herum sah aus wie eine Müllkippe. Überall lagen Kleider, geschirr, Campingmöbel, Plastiktüten, Lebensmittel und Teile von Zelten und Wohnwagen. Der Trabbi von dem Wikinger stand zwar noch aber er war um gut zwei Meter von seinem ursprünglichen Parkplatz verschoben, unsere Zelte jedoch waren noch da. Anders als bei vielen anderen Leuten, die nichts mehr hatten, als die durchnässten Kleider und ein demoliertes Auto.
Beim Gang über den verwüsteten Platz sahen wir auch die Leute von der Nacht wieder, die nach ihrem Thomas gesucht hatten. Sie standen vor den Trümmern ihres Wohnwagens, ein mächtiger Baumstamm wurde gerade mit einem Kranwagen von den Überresten des Wohnwagens gehievt. Thomas war unversehrt, er hatte kurz bevor der Baum umgefallen war Angst bekommen und war aus dem Wohnwagen hinaus gelaufen, dort hatte ihn der Platzbesitzer gefunden und mit zu sich nach Hause genommen.
Unten am Strand schwammen etwa 30 Wohnwagen im Wasser. Die Spur der Wellen waren bis 20m weit ins Innere des Campingplatzes zu sehen. An der Marina waren viele Boote und Segelyachten zu einer Art Bootssalat in einer Ecke an einer Steinmauer zusammengetrieben. Einige waren gekentert, trieben kieloben im Hafenbecken. Irgendwo lief Öl aus, alles schillerte in bunten Farben, dazwischen trieb ein Wohnwagen bis zur Hälfte unter Wasser. Die Bretterbude des Gemüsehändlers war unversehrt geblieben und auch die Waschhäuser, wo man sich duschen und auf WC gehen konnte. Mein Vater meinte, dass das ein Glück sei...
Wir waren relativ glimpflich davon gekommen, denn wir hatten die meisten unserer Sachen in unseren Zelten wieder gefunden. Alles war nass, und sehr schmutzig aber dadurch, dass der Wikinger die Zelte an seinem Trabbi festgebunden hatte, und wir die halbe Nacht an den Stangen hingen, verhinderten wir, daß das Zelt wie die anderen davon geweht wurde.
Wir hörten davon, dass es in dieser Nacht 3 Tote gegeben hatte. Einer wurde von einem Baum erschlagen und zwei wurden mitsamt ihres Wohnwagens in den See gerissen und ertranken dort.
Ich weiß noch, wie wir hastig den Urlaub abbrachen. Der Tag war wieder sonnig und warm und meine Mutter spannte eine Leine zwischen zwei abgebrochenen Bäumen und hängte die nassen Kleider und das nasse grüne Zelt dort auf. Wir wollten am Abend nach Hause fahren. Meine Mutter...sie besass in dieser schrecklichen Situation die Ruhe, auch die wieder getrockneten Sachen fein säuberlich zusammenzulegen. Wahrscheinlich konnte sie das, trotz allem, weil sie in ihrer Kindheit die Bombenangriffe in Leipzig überlebt hatte. Sie fand sogar noch den Humor und machte Witze über das nasse grüne Zelt, daß am Trabbi hing und so der Vernichtung entgang.
Mittwoch, 2. Dezember 2009
Der Kuckuckskelch
Mitten auf einem Novateirobaum wuchs eine Bromelie. Die Kaulquappe fiel genau in ihren Blütenkelch. Am Morgen schien die Sonne durch den grünen Kelch und der Tau füllte ihn mit frischem Wasser. Alles war grün, nur der Himmel über der Blüte war blau.
Der Stiel knickte und das Wasser schoss aus dem Kelch und riss den Frosch in den Abgrund. Ein Baum, Ameisen, Blätter, Rinde, erneut Blätter, Wasser, braun, grün, blau, gelb, alles hatte er noch nie gesehen. Er fiel schneller. Er war müde. Sein Körper knallte auf einen Ast, er genoss es zu leiden, seine Knochen schauten aus seinem Körper, rot war sein Blut. Noch nie hatte er etwas Rotes gesehen. Es war schön. Und es war grausam. Sein Darm zerriss an einer Dorne, als plötzlich alles weiss wurde, weiss wie seine Träume die er nie träumte. Er war im Schoss seiner Geliebten die er nie kannte, endlich hatte er sein Verlangen gestillt. Doch als die Wollust ihn durchströmte, erwachte er. Er war noch nicht tot. Und die roten Ameisen spritzten ihren Urin in seinen verwesenden Körper und zerschnitten sein Fleisch mit ihren Scheren. Er war taub. Taub vor Ohnmacht. Wäre er sich selbst doch treu geblieben.
Mittwoch, 18. November 2009
Jugend
Leere.
Verlässt mich heut‘ der Mut,
der mich gestern noch durchbebt‘?
Oder wird, was man auch tut,
alles lachend heut‘ erlebt?
Trauer.
Kann ich mich öffnen dieser Welt,
die mir doch manchmal o so fremd?
Welch‘ Angst den Geist in Fängen hält,
drum kleidet mich das Trauerhemd.
Gefühle.
Anfangs Freund, auf einmal Feind.
Gefühle schwirren stets im Kreis.
Der Mund, er lacht, mein Herz, es weint.
Nur jäh und dumm, statt mild und weis'.
Ich.
Tägliche Hetzjagd nach der Mode,
als ob man so beliebter sei.
Die nächste kurze Episode,
ob Kleid, ob Schatz ist einerlei.
Träume.
Das Richterpult steht ausser Frage,
der Platz im Streifenwagen muss genügen.
Schuld sind manche versäumte Tage,
statt Schulbank zweifelhaftes Trinkvergnügen.
Zukunft.
Die meisten haben’s heil geschafft,
nur wen’ge sind gebrochen.
Die Jugend steht in vollem Saft!
So fühlt das Leben pochen!
Donnerstag, 5. November 2009
"Geht so, ich werde ja alle zwei Stunden aufgeweckt...!"
"Ja, ich weiß, daß tut mir auch sehr leid, aber ich kann ihnen verischern, daß mit dem heutigen Interview diese Versuchsreihe abgeschlossen sein wird!"
"Das bedeutet?"
"Das sie wieder in Ruhe die Nacht durchschlafen können. Die Tests im Schlaf sind abgeschlossen!"
"Na und? Haben sie was herausgefunden?"
"Das kann ich leider noch nicht sagen, die gesammelten Daten müssen erst noch ausgewertet werden, aber vor ab lässt sich schon sagen, daß sie für einen Mann in ihrem Alter sehr ungewöhnliche Werte aufweisen. Naja, jedenfalls sind wir heute hier zu einem abschließenden Interview!"
"Na dann fragen sie...!"
"Ja, also, Mr. Dow - weshalb haben sie versucht sich das Leben zu nehmen?"
"Das ist jetzt nicht ihr Ernst, oder?"
"Doch! Bitte beantworten sie die Frage!"
"Naja...was würden sie tun, an meiner Stelle?"
"Gut Mr. Dow, lassen sie mich mit einer anderen Frage fortfahren: Wann haben sie das erste Mal bemerkt, daß eine Änderung in ihnen vor sich geht?"
"Oh das ist jetzt einige Jahrzehnte her...warten sie, ich denke es war vor 50 Jahren, cirka... hmm... ja es war im Jahre 2003!"
"Wie hat sich die Veränderung bemerkbar gemacht?"
"Ich war unzufrieden mit meinem Leben, wollte mehr, erwartete mehr von mir selbst und wurde auch innerhalb meiner bis dahin gut funktionierenden Ehe immer unzufriedener!"
"Naja, aber das geht ja vielen Menschen so, oder nicht?"
"Sicher, bis dahin war es auch nichts besonderes, erst als es dann anfing offensichtlich zu werden..."
"Das heißt?"
"Als erstes waren es Freunde die bemerkten, daß ich immer jünger aussah als sie selbst, dann meine Frau, aber die sagte nichts - sie wurde nur immer misgelaunter!"
"Warum wurde sie so? Sie könnte doch froh sein, wenn sie einen Mann an ihrer Seite hat der..."
"Das waren die vielen jungen Frauen die plötzlich Interesse an mir zeigten. Sie können sich vorstellen daß das nicht spurlos an einer Ehefrau vorüber geht!"
"Ja sicher. Aber sie lernte damit umzugehen, oder nicht? Schließlich waren sie noch weitere 20 Jahre mit ihr verheiratet!"
"Ja, aber es wurde von jahr zu Jahr schwerer. Sie mistraute mir immer, obwohl sie eigentlich nie Grund dazu hatte, ich habe sie nie betrogen. Wir hatten einfach immer mehr Streit, über alles..."
"Was meinen sie damit?"
"Meine Ansichten änderten sich ebenfalls. Mein Geschmack für Musik und Klamotten... Sehen sie: Meine bisherigen Freunde, die ebenfalls in meinem Alter waren kleideten sich seriös und hörten Musik aus unserer Jugendzeit..."
"Zum Beispiel?"
"Also Sachen wie, Boy George, Eurythmics, Nena, Sting, Yellow...hmm...ja und Van Halen, ZZ Top und so, sie verstehen?"
"Ja, und sie hörten das nicht?"
"Nö, das interessierte mich nicht, ich fands altmodisch, stattdessen hörte ich lieber House, Dance - aber auch R´n´B, Hip Hop und einfach alles Mögliche was cool war!"
"Sie haben dann ja später auch angefangen trotz, daß ihre Frau daheim geblieben war, in die Disco zu gehen, oder?"
"Ja, das war dann eben später, da war sie dann Mitte 50 und ich fühlte mich wie 25. Es war unmöglich daheim zu bleiben am Wochenende. Ich habe ja versucht es zu unterdrücken, aber dann kamen Anrufe von Freundinnen und die wollten daß ich auch komme..."
"Und das tolerierte sie nicht mehr?"
"Sie? Meine Frau fügte sich mehr oder weniger, es waren meine Freunde, die mich als Spinner, als Perversen brandmarkten. Sie warfen mir vor eogistisch zu sein, brachen den Kontakt mit mir ab und zogen sich von mir zurück... heute denke ich, daß ich sie sogar verstehen kann. Denken sie mal, daß die ja auch sahen, daß ich scheinbar immer jünger wurde. Die waren zum teil eifersüchtig und zum Teil angewiedert!"
"Aber sie haben das doch auch genossen, oder nicht?"
"Anfangs ja. Es war schön von jungen Frauen begehrt zu sein. Die wollten doch mit den ganzen jungen Deppen die nichts im Hirn hatten zu tun haben. Meine Lebenserfahrung, meine durch das Alter erlangte Souveränität und dennoch ein jugendliches Aussehen verleihten mir bei den Mädchen ein gewisses Etwas, daß kein Mann in deren Alter aufwies - daher natürlich chancenlos war."
"Verstehe! Und das haben sie dann auch ausgenutzt..."
"Ausgenutzt? Nee, das hab ich nicht! Das dachten ja alle, daß ich der begehrteste Stecher in der Region wäre, aber wie ich schon sagte, ich bin meiner Frau niemals fremd gegangen. Ja, ich hatte viele Dates und Flirts, habe mich unzählige Male verliebt aber nie mehr. Ich habe das ja selber kaum verstanden was mit mir passierte..."
"Und im Job? Wie reagierten die?"
"Oh mein Chef war begeistert, aher die Kollegen, die haben angefangen zu mobben. Ich wurde immer besser in dem was ich tat. Mir unterliefen keine Fehler mehr und ich bildete mich unaufhörlich weiter. Das war für die Firma ja auch immer gut, denn ich war der einzige Mitarbeiter der wirklich jeden Posten in der Firma besetzen konnte. Meine qualitative Attraktivität stieg stetig. Das war den meisten Kollegen selbstverständlich ein Dorn im Auge. Als dann eines Tages Mitarbeiter entlassen werden mussten - wegen der schlimmen Krise 2012 - wurde mir ja nicht gekündigt, im Gegenteil man lies mich zwei entscheidungstragende Posten zur gleichen Zeit besetzen, gewährte mir das eineinhalbfache Gehalt und einen Dienstwagen in der Oberklasse. Das wars dann, von da an wurde das Mobbing dermaßen heftig, daß ich mich kaum retten konnte. Anweisungen wurden nicht befolgt, und man lies mich einfach auflaufen, denunzierte mich mit den übelsten Lügen und jemand frisierte die Konten der Firma mit meinem Password. ich war geliefert, man kündigte mir und das wars..."
"Das war das selbe jahr, in dem sich ihre Frau von ihnen trennte?"
"Ja, 2023... fürchterlich. das werde ich nie vergessen. Wir feierten ihren 75. Geburtstag...das heißt wir wollten es. Ich hatte mir wie immer, all die Jahre, etwas vorgenommen um sie zu überraschen. Für diesen Morgen hatte ich bei einem Traiteur ein Champagner frühstück in Auftrag gegeben. Die haben es dann auch geliefert und ich trug es nach oben, wollte sie am Bett damit überraschen... Als ich die Tür leise öffnete, hörte ich meine Frau schluchzen. Sie saß da, auf der Bettkante - diese gebeugte alte Frau, die ich nie aufgehört habe zu lieben - in ihrer Hand hielt sie einen Brief. Es war ein Liebesbrief einer jungen Frau die ich ein jahr zuvor in einer Disko kennenlernte. Darin schrieb sie mir, daß sie sich in mich verliebt habe und an nichts anderes mehr denken könne als mit mir zu leben. Ich erkannte den Brief an dem farbwechselnden Briefpapier...das war der neueste Schrei im Jahr 2023. Ich bekam einen ganz heißen Kopf...mir wurde plötzlich klar, daß sie dann auch die Fotos von Svenja sehen konnte und dann wußte, wie jung Svenja war."
"Wie alt war sie denn?"
"24! Meine Frau mußte bemerkt haben, daß sie keine Chance mehr hatte...!"
"Zu diesem Zeitpunkt begaben sie sich das erste Mal in einer Ärztliche Behandlung, nicht wahr?"
"Ja, ich ging in die Charité in Berlin - die hatten nach Meinung meines Arztes in Philadelphia die größte Erfahrung auf dem Gebiet der Altersforschung!"
"Sie waren dann in Berlin in Behandlung?"
"Nein, man machte ein paar Tests und nahm Gewebeproben...aber die Befunde müssten ihnen doch bekannt sein!"
"Ja, sicher... Und als sie drei Tage später zurückkamen hatte sich ihre Frau von ihnen getrennt?"
"Ja, ich kam heim und sie war weg - sie war zu unserem Sohn nach Chicago gezogen und wollte mich nicht mehr sehen. Ich hab das nicht verstanden, ich meine sie hatte die ganzen Jahre gesehen wie ich mich langsam aber stetig veränderte. Sie hat niemals mit mir darüber geredet, auch dann nicht, als es immer öfters der fall wurde, daß Fremde uns für Mutter und Sohn hielten..."
"Wie ging es im Bett bei ihnen? Das muß doch unmöglich geworden sein?"
"Nein, daran lag es nicht, wir hatten noch einige Jahre guten Sex. Natürlich alterte sie und sie hatte auch immer wieder Probleme damit. Sie genierte sich und wollte Sex nur noch in Dunkelheit - früher hatten wir gedämpftes Licht oder eine Kerze angemacht, aber nun musste es immer dunkel sein. Ich hatte kein Problem damit, ich liebte sie doch..."
"Aber sie hat sie doch auch geliebt, oder nicht?"
"Ja, aber sie mistraute mir immer mehr. Sie war sich sicher, daß ich auch noch mit anderen Frauen schlafen würde, eben mit jungen Frauen. Sie glaubte, daß ich es mit ihr nur noch aus Pflichtgefühl täte."
"Und dem war nicht so?"
"Nein! Ich habe sie geliebt und es war deshalb sehr schön mit ihr zu schlafen! Ich konnte doch nichts für meine Verjüngung... was sollte ich denn tun? Die Ärzte an die ich mich wand, konnten mir nicht helfen, viele waren sogar der Meinung, ich solle mich doch freuen und es genießen."
"Sie heirateten ein Jahr danach Svenja?"
"Ja"
"Mit ihr waren sie 8 Jahre verheiratet und haben 2 Kinder mit ihr?"
"Ja"
"Warum haben sie sich von ihr getrennt?"
"Sie hat mich rausgeworfen!"
"Weshalb?"
"Weil sie mir mistraute...!"
"Sie auch?"
"Klar, sie wurde älter...ich nicht. Was soll ich dazu sagen?"
"Wieviele Frauen hatten sie bisher?"
"Ach, es waren 4. Meine jetztige Freundin ist 18, wir sind ja gleich altrig..."
"Naja, das stimmt ja so nicht, sie sind 90 Jahre alt!"
"Ja, auf dem Papier... und nach dem was ich erlebt habe auch. Ich habe als Kind den Vietnamkrieg mitbekommen und die sexuelle Revolution in den 70ern. habe Tschernobyl als Zeitzeuge erlebt und die Anfänge des Islamischen Terrors in der ganzen Welt. Mein ältester Sohn wurde drei Tage nach dem Mauerfall in Ostberlin geboren und ich war am 11. September 2001 beruflich in New York, erlebte den Terror als die Twin Towers fielen buchstäblich hautnah mit. Doch vor ihnen sitze ich als 18 Jähriger junger Mann, der keinerlei körperliche Gebrechen hat, der geistig auf einem Niveau ist wie es nie zuvor einen anderen Geist gegeben hat.
Ich denke 24 mal pro Minute an Sex und ich kann kaum still sitzen, weil ich mich einfach ständig bewegen möchte. Ich habe unzählige junge Frauen in meinem Bekanntenkreis, die mit mir eine Familie haben möchten aber ich habe auf der ganzen Welt keinen einzigen Freund. Niemand hält es sehr lange mit mir aus, sie gehen ein - zwei, oder drei jahre mit mir des Weges und dann werden sie älter und interessieren sich nicht mehr für mich. Ich werde immer jünger - niemand kann es aufhalten und eines fernen Tages werde auch ich sterben, aber nicht an Altersschwäche, sondern weil die Lunge in meinem Körper nicht mehr funktionieren wird, weil die Leber nicht betriebsbereit sein wird und weil ich mich nicht mehr selber ernähren kann. man wird mich vielleicht an eine Maschine hängen, weil man mich weiter erforschen will, doch auch die Wissenschaft wird eines Tages die Maschine abschalten, weil sie mit den bloßen DNA auch nicht mehr weiter kommt. Mein leben wird sicher verfilmt und Millionen werden sich gruseln, werden lachen, werden weinen... aber kein Mensch auf dieser Erde wird jemals nachvollziehen können, wie ich mich jetzt in diesem Moment fühle. Sie werden meine Ängste und Sorgen nicht verstehen und meine Depressionen werden sie nicht interessieren.
Genausowenig wie jemand bemerkte, als meine Frau im Alter von 86 jahren einsam verstarb.
Ich will einfach nicht mehr leben, weil ich das Leben und die sogenannte ewige Jugend nicht mehr ertragen kann!"
"Danke Mr. Dow, für ihre Zeit... die Daten die wir über sie gesammelt haben werden uns ja vielleicht doch helfen, ihr Problem zu lösen."
Mittwoch, 4. November 2009
Die Geschichte des einsamen E's.
Es lebte ganz alleine wie ein Eremit im Efeuwald.
Morgens wusch es sich die Zähne mit Elmex, mittags ass es Emmentaler mit Enziansuppe, nachmittags spielte es elf Mal mit sich selbst Elferraus und abends schlief es bei engelsartigen Eunuchengesang ein.
Diese Elemente wiederholten sich Tag für Tag, Jahr für Jahr.
Einzige Abwechslung war der erholende Spaziergang, welcher bei den erzroten Eiben und ehrwürdigen Erdhöhlen vorbeiführte.
Eines Tages wanderte das E den erdigen Weg entlang. Es war eisig kalt und zudem hatte es vortags Erdbeeren geschneit.
Es liess die erzroten Eiben hinter sich und als es die ehrwürdigen Erdhöhlen erspähte, sah es einen Schatten, der sich ruckartig in der Erdhöhle bewegte. Es erschrak sich sehr. Zuerst dachte es, es sei ein Engel, der kam um dem E zu helfen, die schwergefüllten Eimer zu tragen. Doch bei genauerem Hinsehen, konnte es deutlich erkennen, dass dieses Etwas keine Engelsflügel hatte und ergo auch kein Engel sein konnte.
Enttäuscht, aber dennoch erkundungsfreudig, kam es den Erdhöhlen näher. Nun konnte es auch deutlich das Schluchzen wahrnehmen.
'Hallo, wer ist da?' rief es in die Höhle.
'Geh weg!' iselte es aus dem inneren der Erdhöhle.
'Willst du nicht mein einzigartiger Eile-mit-Weile-Spielfreund sein?' erkundigte sich das E erwartungsvoll.
'Nein!' antwortete es mit isotopischer Geschwindigkeit.
'Willst du den mit mir Elfmeter schiessen?' echote das E in die Höhle rein.
'Nein, ich habe kein Interesse!'
'Dafür aber mit mir das Empire State Building erklimmen?'
'Ich habe gesagt, dass ich nicht interessiert bin. Ausserdem habe ich nur instabiles Schuhwerk.'
'Gut, dann lass uns etwas anders erproben. Wie wäre es mit einem Besuch bei deinen Enkeln?'
'Du bist ein Idiot, denn ich habe keine Enkelkinder.'
'Also gut, auf was hast du denn dann Lust?', Das E wurde langsam ungeduldig und entmutigt.
'Naja, wir könnten doch Iphigenie lesen?' fragte das Etwas irritiert.
'Iphigenie? Davon habe ich noch nichts gehört', empörte sich das E.
'Das ist eine griechische Ideologiegeschichte, welche sich auf einer Insel abspielt.'
'Eine Erzählung? Aber das ist doch endlos langweilig! Machen wir doch lieber ein Erdkundetest!'
'Eine interessante Idee. Aber damit kannst du mir nicht imponieren!'
'Wie wäre es dann mit einem Essay über Erich Kästner?'
'Imitieren wir doch lieber Istanbuls individuelle Industriegeschichte.' , igelte das Irgendetwas.
'Oder Einsteins Relativitätstheorie?'
'Lieber introdiere ich dir die irrsinnige Inkas!'
'Nein, lieber den Eskimosong singen!'
'Islands Schneeberge isolieren?'
'Ecuadorianische Enten essen?'
'Weisst du, was irren Spass macht? Intesimalrechnungen aus dem Internet importieren!'
'Du hast echt keine Erfahrung! Lass uns doch endemische Elche entziffern!'
Doch irgendwann machte ihnen die Nacht einen Strich durch die Rechnung, und so mussten sie sich schlafen legen.
Aber wenn eines sicher ist, dann; dass das E und das I morgen wieder diskutieren werden, was sie spielen könnten.
Und wenn sie noch nicht gestorben sind, dann streiten sie sich noch heute darüber.
Sonntag, 1. November 2009
Der Ameisenkönig
So verging die Zeit, der Prinz wurde langsam erwachsen und die Königin machte sich Sorgen: Seit jeher wurde der Thron von Königin zu Königin weitergegeben! Was hatte es zu bedeuten, dass auf einmal ein Prinz da war, der ihr vielleicht die Macht streitig machen würde? Doch die Königin war listig. Sie stellte dem Prinz eine Bedingung, die er erfüllen musste bevor er die Krone bekam: Er musste sich eine Prinzessin suchen. So, dachte die Königin, könnte dann seine Prinzessin die Macht übernehmen und die weibliche Herrscherlinie wäre nicht unterbrochen. Der Prinz selbst war nicht so begeistert als er dies hörte, denn das bequeme Leben gefiel ihm. Doch der Anreiz auf den Thron, von dem er sich ein noch viel bequemeres Dasein versprach, genügte um sein Einverständnis zu erreichen.
So zog der Prinz los um die Prinzessin seines Lebens zu finden. Er wanderte durch einen grossen Wald und es ging nicht lange, da sah er ein weinendes, junges Mädchen am Wegrand sitzen."Ich werde mein rotes Band nie mehr von diesem Baum hinunter bekommen!", schluchte sie. Der Prinz hatte etwas Mitleid mit ihr, doch der Baum war sehr gross und da er zwar ein Prinz, aber nichts desto trotz in erster Linie eine Ameise war, kam er zum Schluss hier nicht helfen zu können.
So zog er weiter und fand bald einen grossen Tisch auf dem er Brot ausmachen konnte und da er hungrig war, beschloss er sich zu bedienen. Er setzte sich und ass. Das Brot genügte seinem königlichen Standart nicht, aber wenn man wirklich Hunger hat, schmeckt einem alles. Während er ass, hörte er Stimmen weiteroben: "Er hält sie in diesem Schuppen gefangen!!", empörte sich die eine Stimme. Die andere erwiederte ruhig: "Und was willst du jetzt dagegen machen? Du weisst ein Befreiungsversuch wäre gefährlich!" "Aber man muss doch etwas dagegen tun können, es tut ihr nicht gut und das weisst du so gut, wie ich", hielt die andere Stimme wieder dagegen, während sie sich entfernten. Der Prinz hatte währen diesem Gespräch sogar vergessen zu essen. Es musst sich hier um eine Prinzessin handeln!! Wer sonst wurde gefangen gehalten und erträgt es schlecht? Er musste unbeding mehr Informationen bekommen. Noch während er so in Gedanken versunken war, erschien plötzlich oben an ihm ein Schatten, der schnell immer grösser wurde. In letzter Sekunde bemerkte der Prinz die Gefahr in der er schwebte und konnte in letzer Sekunke noch ausweichen, während die Frau schrie: "Es sind wieder Ameisen hier! Hol das Gift, den Zucker und den Kämmerer!" Es folgte noch ein ohrenbetäubender Schrei und lautes Getrampel verschiedener Füsse. Der Prinz rannte um sein Leben.
Nach dem sich die Situation wieder etwas beruhigt hatte, erkundigte sich der Prinz bei einem netten Käfer, was er denn von dieser Gefangenen wüsste. Er erfuhr, dass diese in einem riesigen Bau aus Holz und der Eingang von einem metallenen Ding versperrt sei. Nach dem er noch etwas genauere Ortsangaben bekommen hatte, machte sich der Prinz auf den Weg. Der Holzbau war einfach zu finden, denn er war ja unübersehbar. Aber was nun?
Der Prinz lief mehrmals um das ganze Holzding herum ohne einen Eingang oder so zu finden. Er war schon fast am aufgeben, da erblickte er hoch oben einen kleinen Spalt durch den vielleicht gerade eine Ameise passen könnte. So machte er sich an den langen, mühsamen Austieg. Erschöpft erreichte er gerade den Spalt, nur um dann festzustellen, dass er zwar in die Ritze passte, aber diese nicht nach innen führte. Doch er hatte Glück: Kaum wollte er sich an den Abstieg machen, da öffntet das Mädchen, das er weinen gesehen hatte, links von ihm ein Fenster. Schnell nutzte er die Chance die sich ihm hier bot. Doch sofort plagten ihn auch Gewissensbisse, weil er ihr nicht geholfen hatte, obwohl er es vielleicht gekonnt hätte. Irgendwie bereute er dies nun bitter. Während er sich auf dem Weg zu seiner Prinzessin befand, dachte er daran, dass er dem Mädchen nun vielleicht sein Happy End verdanken würde, ohen es ihr je vergelten zu können.
Dank den Beschreibungen des Käfers kam er ziemlich gut vorwärts und so fand er den vom Käfer bezeichneten Raum schnell. Nervös betrat er ihn und verlor sein Herz - vor ihm stand die Prinzessin!
Sie war gross, hatte wunderschön glitzernde Haut, ihre Gelenke klirrten metalisch, die Augen blitzen im Gegenlicht auf, ihre Schritte schepperten, sie war durch und durch ein Roboter.
Doch der Prinz fand keine Gelegenheit seine Bewunderung auszudrücken, denn schon marschierte wieder die Frau mit dem Ameisengift auf. Schnell machte der Prinz seiner Angebeteten einen Antrag und beschloss mit ihrem Einverständnis die Flucht zu wagen. Sie bot ihm eine sichere Deckung gegen das Gift unter einem ihrer Metallplatten und stürmte mit ihm aus dem Haus. Weiter gerade in den Wald hinein in Richtung des Ameisenhaufen des Prinzens.
Doch die Wirklichkeit sah doch noch etwas anders aus: Zwar liebte der Prinz seine Prinzessin, doch plagten ihn auch nach Jahren noch Gewissensbisse gegenüber dem Mädchen. Das Ameisenvolk wollte keinen König, sondern eine Königin, wie es schon immer gewesen war und die Prinzessin passte einfach nicht in den Ameisenhaufen. Die Königin erholte sich wieder und übernahm die Herrschaft. Der Prinz zog sich zusammen mit der Roboterprinzessin in die Berge zurück, wo er dann Ende Herbst verstarb. Aber noch heute ärgern sich die Spaziergänger im Wald über den alten, verrosteten Blechhaufen.
Dienstag, 13. Oktober 2009
Maera
Es war einmal an einem verschneiten Winterabend in der Stadtbibliothek einer märchenhaften Kleinstadt. Da sass das scheuste Mädchen, das die Welt je gesehen hat an seinem angestammten Platz zwischen den Bücherregalen der Mären, Sagen und Legenden. Immer, wenn es ihre häusliche Arbeit zuliess, kam es hierher und versank in einem seiner Lieblingsbücher. Es wurde von allen nur das Bücherwürmchen genannt, dabei trug es den wunderschönen Namen Maera. Hier zwischen den Regalen, wo es so vertraut nach altem Papier und Leder roch, wo die Leute kaum ein Wort miteinander wechselten, wo die Welt aus Buchstaben und Satzzeichen bestand und doch Tore zu viel grösseren Welten öffnete, dort fühlte sich Maera wohl. Auch war es hier schön warm, nicht wie in der kalten Stube zuhause, wo ihr böser Stiefvater nur darauf wartete, sie wieder wegen irgendeiner Nichtigkeit auszuschimpfen.
An diesem Abend jedoch geschah etwas Aussergewöhnliches. Als Maera so dasass, mit dem Rücken an eines der Regale gelehnt, ihr Lieblingsbuch in der Hand, blickte sie wieder einmal aus dem Fenster und freute sich, in der behaglichen Wärme zu sitzen, während draussen die Schneeflocken gemächlich vom dunklen Nachthimmel fielen. Zufällig sah sie dabei eine Sternschnuppe, so schön und von so langer Dauer, wie sie sie noch nie gesehen hatte. Maera war so verzückt von dem Anblick, dass sie sich augenblicklich etwas wünschte, nämlich denselben Wunsch, den sie nicht müde wurde, jede Nacht beim Schlafengehen zu wiederholen.
„Ich wünsche mir“, sprach sie zu sich mit zusammengefalteten Händen und geschlossenen Augen, „dass einmal eines dieser wunderschönen Märchen für mich wahr wird!“
Und noch bevor sie die Augen wieder öffnete, begann der Boden mit ungeheuerlicher Kraft zu beben. Die Erde grollte, wie bei einem gewaltigen Gewitter und die Regale begannen zu schwanken. Schon fielen einzelne Bücher herab. Schrei erhoben sich aus entfernten Teilen des Raumes. Und dann fielen rumpelnd die ersten Gestelle um. Und gerade, als Maera sich unter Angstrufen in Sicherheit bringen wollte, stürzte das Bücherregal hinter ihr um und begrub sie unter einem Berg schwerer Bücher…
Das Gefühl einer rauen Wärme auf ihrer Stirn, wie von einer von harter Arbeit gezeichneten Hand weckte Maera. Sie öffnete schwerfällig die Augen und blickte überrascht in ein besorgtes, runzeliges Gesicht, das am helllichten Tag auf sie herabblickte. Was sie überraschte waren jedoch nicht die unzähligen Runzeln, die knollige Nase, die buschigen Augenbrauen und der lange, spitzige Bart, was sie viel mehr erstaunte, war die lange Zipfelmütze, die dem kleinen Mann vom Kopf hing. Dieser zog überrascht seine Hand zurück.
„Oh!“ rief dieser aus und wandte sich um. „Freut euch, Freunde! Sie lebt!“ rief er hinter sich. Sogleich erhoben sich Jubelrufe und Beifall. Der Zwerg – was der kleine, untersetzte Mann zweifellos war – wandte sich wieder Maera zu. „Kann Sie mich verstehen, holde Jungfer?“ fragte er.
Maera war kurz davor, erneut in Ohnmacht zu fallen. War es denn möglich? Konnte es sein, dass ihr Wunsch in Erfüllung gegangen war? Befand sie sich in einem Märchen? Maera nickte dem Zwerg zur Antwort zu und verspürte sogleich einen stechenden Schmerz im Nacken.
„Ist Sie verletzt?“ fragte der Zwerg besorgt.
„Ich glaube nicht“, antwortete Maera und richtete sich auf, um sich umzusehen.
„Bitte bleib Sie ruhig sitzen, schöne Maid. Ich werde jemanden rufen, der sich Ihrer annimmt.“ Damit wandte sich der Zwerg hastig um und eilte auf seinen kurzen Beinchen davon.
Bei der Gelegenheit gewahrte Maera, wo sie sich befand. Sie sass mitten auf der Lichtung eines dichten Laubwaldes. Und sie war ganz und gar nicht alleine! In nächster Nähe sass eine Gruppe weiterer solcher kleiner Männer, wie jener, der sie geweckt hatte, und umringte ein aussergewöhnlich schönes Mädchen, nicht viel älter, als Maera selbst. Etwas weiter entfernt am Waldrand sassen, eng aneinander geschmiegt, drei buschige Bären, der eine gross und massig, mit einem Strohhut auf dem Kopf, als ein Mensch, der zweite etwas kleiner, mit einer grossen, blauen Schleife hinter dem Ohr und dazwischen der dritte und kleinste Bär. An einem anderen Ende der Lichtung erblickte Maera eine wunderliche Alte, die inmitten ihres Bettzeugs zu hocken und zu weinen schien. Ein Mädchen ganz bedeckt von Gold versuchte sie liebevoll zu trösten, während ein ganz ähnliches Mädchen ganz und gar bedeckt von Pech mit verschränkten Armen daneben stand und beleidigt gen Himmel blickte. Ausserdem hatte sich eine Gruppe strahlender Jünglinge zusammen gefunden, allesamt reich geschmückt, teils mit Schwertern bewaffnet, teils hoch zu Ross, und einer der stolzen jungen Männer schien gar verletzt.
Eine Unmenge von wundersamen Gestalten tummelte sich auf dieser märchenhaften Lichtung, und sie schienen allesamt etwas verwirrt oder betrübt.
Eine weitere kuriose Gestalt fiel ihr auf. Es war ein ziemlich rundlicher Mann mit nichts als einer Krone auf dem Haupte. Er eilte stolz, jedoch verärgert, quer über die Lichtung, dicht gefolgt von drei unterwürfigen Bediensteten, die irgendetwas Unsichtbares hinter ihm her zu tragen schienen. Im Vorbeigehen erregte er viel Aufmerksamkeit, ja gar Entsetzen. Allerlei Ausruf klangen ihm nach: „Bitte mein Herr, bekleidet Euch!“ „Unverschämtheit, so etwas!“ Und ein kleines Mädchen mit einem grossen Stück Lebkuchen in der Hand fragte den Knaben, den sie mit der anderen an seiner festhielt: „Wieso trägt der Mann keine Kleider, Hänsel?“
„Das verstehe ich auch nicht, Gretel.“
Und da ging Maera endlich ein Lichtlein auf. Dies waren allesamt wohl bekannte Märchenfiguren! Natürlich! Die Alte im Bettzeug war die gute Frau Holle, der nackte Dicke war natürlich der eitle Kaiser, und was ihm seine Diener hinterher trugen waren seine neuen Kleider, die sieben Zwerge umringten natürlich ihr Schneewittchen, und am Waldrand drängte sich Familie Bär aneinander. Jetzt erkannte sie auch das Rumpelstilzchen, welches um ein Feuerchen tanzte, daneben sass der gestiefelte Kater. Auf einem grossen Kiesel sass das schöne Dornröschen und hielt sich ihren blutenden Finger, und irgendwo dazwischen schnallte sich das tapfere Schneiderlein gerade seinen Siegesgürtel um. Der böse Wolf hockte in einem dunklen Winkel und fletschte blutrünstig die Zähne. Gegenüber sassen verängstigt die sieben Geisslein. Das hässliche Entlein gesellte sich zu den sieben Raben und ein kleines Mädchen zählte ihre Schwefelhölzchen.
Maera vermochte die ganze Schar gar nicht überblicken und bevor sie weitere Märchengestalten ausmachen konnte, sprach ein gut gekleideter Herr mit einem Kneifer auf der Nase sie an: „Du bist Maera“, stellte er hochgemut fest.
„Ja, das bin ich.“
„Das war keine Frage, mein Kind. Schliesslich bin ich Doktor Allwissend.“
Maera entsann sich des eher unbekannten Märchens vom Doktor Allwissend, das sie in einer alten, verstaubten Märchensammlung gelesen hatte, und sie erinnerte sich, dass der Doktor gar kein richtiger Gelehrter war, sondern bloss ein einfacher Briefträger, der sich als solcher ausgab und gleichzeitig unheimliches Glück besass, so dass er immer zufällig die richtigen Antworten auf der Leute Fragen gab. Doch bevor sie sich weiter mit dem amüsanten Hochstapler unterhalten konnte, zerriss ein greller Schrei die Luft. Maera blickte in die Richtung, aus der er gekommen war und sah, wie Dornröschen neben dem Kiesel auf dem Grase lag und sich nicht mehr rührte. Daneben kniete ein schmutziges, aber bildhübsches Mädchen und fächelte ihr mir der von Asche befleckten Schürze Luft zu.
Schnell eilte Maera zum Dornröschen hinüber und bald hatte sich eine ganze Schar um den Schauplatz versammelt. Sofort kamen auch die Prinzen hilfsbereit herbei geeilt. Derjenige der auf dem Schimmel sass war natürlich als erster bei ihr und kletterte sogleich geschmeidig von seinem treuen Tier, um sich der schönen Prinzessin anzunehmen.
„Wie geschieht‘s der edlen Prinzessin?“ frug er besorgt.
Maera fiel der blutende Finger auf und es dämmerte ihr. Sie kam einen Schritt vor und sagte mit ruhiger Stimme: „Sie schläft nur, Eure Hoheit.“
„Wie das? Die Prinzessin ist vom Stein gefallen und Sie, junge Fremde, sagt, die Teure schlafe? Verzeih Sie meinen Zweifel, aber der Glaube an Ihre Worte fällt mir schwer.“
„Vertraut mir, Eure Hoheit! Ihr werdet sie mit einem Kuss wieder erwecken.“
Der Prinz blickte Maera verwirrt an, doch als er sah, dass sie im Ernst sprach, wartete er nicht länger zu, kniete sich neben der Schlafenden nieder und küsste sie. Doch wider Erwarten regte sich Dornröschen nicht. Der Prinz erhob sich und wandte sich vorwurfsvoll an Maera.
„Ihr Rat hat nicht geholfen, junge Maid. Hat Sie auch dafür eine Erklärung parat?“
Maera war ehrlich erstaunt. Sie überlegte angestrengt und blickte verlegen in die Runde. Da fiel ihr der verwundete junge Prinz auf, der sich ganz nach vorne gedrängt hatte und bange zu Dornröschen blickte. Er muss von dem Dornengestrüpp um das Dornröschenschloss verletzt worden sein.
„Bitte verzeiht meinen Irrtum, mein Herr.“ Sie verneigte sich tief und wandte sich dann aber dem verwundeten Prinzen zu. „ Ich möchte Euch nun bitten, dasselbe zu tun. Ich glaube, Ihr seid der Richtige!“
Der Angesprochene blickte nicht einmal erstaunt, sonder schritt eilends auf Dornröschen zu, und mit einer herzerweichenden Leidenschaft küsste er sie. Alsbald öffnete Dornröschen die Augen, gewahrte ihren Geliebten und umfasste ihn liebevoll. Danach erstrahlte ein gleissendes Licht, himmlische Klänge tausender goldener Glöckchen ertönten und auf einmal waren Dornröschen und der Prinz verschwunden! An ihrer Statt lag ein ledergebundenes Buch mit vergoldetem Seitenschnitt.
Die Zuschauer erschraken und ein unruhiges Raunen breitete sich aus. „Wo sind sie hin?!“ rief jemand. „Hexe!“ rief eine andere.
Maera erschrak ob diesem Ausruf und wich, in Erwartung eines Angriffs gegen den grossen Kiesel zurück. Doch gerade als sich wütender Beifall erhob, warf die nachdrückliche Wortmeldung eines alten Weibes den Aufstand nieder: „Unsinn!“ rief sie krächzend. „Ich bin diejenige, welche die Leute ganz zu Recht Kräuterfee nennen. Und ich weiss eine echte Hexe von anderen Weibern wohl zu unterscheiden. Dieses Kind, sage ich euch Volk, ist keine Hexe! Aber sie besitzt offenbar ein aussergewöhnliches Wissen. Daher sprich, Mädchen! Wo sind die Herrschaften hin?“
Die Menge schien ihr tatsächlich Gehör zu verleihen. Daher fasste sich Maera Mut, richtete sich auf und stieg auf den Kiesel, um für alle gut hörbar zu sein. Sie durfte nun nichts Falsches sagen, sonst würde sich die aufgebrachte Meute auf sie stürzen. Daher überlegte sie kurz und verkündete dann so überzeugend es ihr möglich war: „Dornröschen und ihr Retter sind nun wieder zuhause!“
Das Erstaunen der Versammelten war deutlich hörbar. Hensel trat plötzlich aus der Menge hervor und fragte: „Kannst du uns alle nach Hause bringen?“
„Ich möchte es versuchen. Dafür müsst ihr tun, wie ich euch heisse.“
„Ich traue dir nicht“, warf das Rumpelstilzchen ein. „Wie kann ich sicher sein, dass ich auch wirklich nach Hause komme und du mich nicht an irgendeinen vermaledeiten Ort schickst?“
„Sicherheit wirst du wohl erst erlangen, wenn du dort angekommen bist. Jedoch haltet ein!“ Sie kletterte vom Felsbrocken und erhob das Buch. Doch als sie es öffnete, fand sie lauter leere Seiten vor. Nur ein paar wenige schienen beschrieben und diese Worte berichteten – ihr habt es bestimmt schon vermutet – von der Maere des Dornröschens. Und auf einem wunderschönen, goldverzierten Holzschnitt war die Prinzessin mit ihrem Retter dem Prinzen zu sehen, wie sie liebevoll umarmt vor dem Schlosse Hochzeit feierten.
Maera hob das Buch hoch und offenbarte: „Seht, ihr Lieben, Dornröschen ist zuhause angekommen.“ Und mit wenigen Worten erklärte sie der Zuhörerschar, woher sie die Lösung des Rätsels gewusst hatte. Alle waren begeistert und fassten neue Hoffnung.
„Dann sind wir nichts als Märchenfiguren?“ fragte auf einmal das Tischlein-Deck-Dich scheu.
„Wieso so bescheiden, liebes Tischlein? Eure Maeren werden von Generation zu Generation weiter gegeben. Ihr seid in vielen Köpfen in besserer Erinnerung, als manch mächtiger Herrscher, der grosse Kriege gefochten und sein Land zu Ruhm und Wohlstand gebracht hat!“
Das Tischlein klapperte freudig mit Geschirr und Besteck.
„Dann hilf uns bitte schnell wieder nachhause, liebe Maera!“ rief Frau Holle und schüttelte ein Kissen. „Sonst haben die Menschen auf der Erde keinen Schnee mehr!“
„Wie wahr!“ stimmte Maera zu. „So sei es denn!“
Und damit begann sie, allen Figuren der Reihe nach ihre Rolle zu erklären. Dem Aschenputtel sollte der Prinz den gläsernen Schuh aufsetzen und – schwupp! – waren sie verschwunden und einige Seiten zusätzlich im goldenen Buche mit der Maere vom Aschenputtel beschrieben. Das Schneewittchen sollte in den roten Apfel beissen und der Prinz mit dem Rappen sie dann vor dem Ersticken erretten – schwupp! Dem Kaiser erklärte Maera, dass er gar nichts anhabe, und als dieser die Wahrheit einsah, verschwanden er und seine Diener langsam – schwupp! Der fliegende Koffer wurde im Feuer des Rumpelstilzchens verbrannt – schwupp! Der Bauerstochter verriet Maera den Namen des Rumpelstilzchens – schwupp! Däumelinchen heiratete den König der Blumen – schwupp! Der Holzfäller verprasste seine drei freien Wünsche blödsinnig – schwupp! Dem Zwerg Nase suchte Maera das Kraut Niesmitlust unter einer Kastanie – schwupp! Allerleirauh wurde als schöne Prinzessin entlarvt und vom König zur Frau genommen – schwupp! Das tapfere Schneiderlein vereitelte den Anschlag und ward König – schwupp! Der gestiefelte Kater überlistete den König, sodass dieser seinem Herrn dem Müllersohn die schöne Prinzessin zur Frau gab – schwupp! Dem Wolf schnitt Maera den Bauch auf, woraus das Rotkäppchen und dessen Grossmutter erstiegen, und die sieben Geisslein füllten den Wolfsbauch an ihrer Statt mit grossen, runden Steinen – schwupp! – schwupp! Auch dem Hans im Glück half sie auf diese Weise. Und dem Mädchen mit den Schwefelhölzern. Dem, der auszog, das Fürchten zu lernen, dem Tischlein-Deck-Dich, Goldesel und Knüppel aus dem Sack, den Geschwistern Schneeweisschen und Rosenrot, dem kleinen Däumling, den drei Bären und den Geschwistern Hänsel und Gretel. Den sieben Raben, dem Mädchen mit dem Nusszweiglein, dem hässlichen jungen Entlein, den Wichtelmännern und Jack mit den Zauberbohnen.
So war die Lichtung bald einsam und menschenleer, und das dicke, goldbeschlagene Buch war bis auf wenige Seiten mit all den schönen Märchen gefüllt. Geblieben waren nur Maera und der Doktor Allwissend.
„Ganz artig hast du das gemacht, liebes Mädchen. Ganz, wie ich es auch getan hätte!“
Maera schenkte dem Eigenlob des selbstgefälligen Doktor Allwissend keine Beachtung und überlegte stattdessen angestrengt, wie sie nun dieses letzte Märchen zu seinem regelrechten Ende bringen sollte. Da kam ihr eine Idee. Sie hoffte sehr, dass ihr Plan klappen würde, denn wenn nicht, könnte dies ebenso gut ihr aller Untergang bedeuten! Denn wenn das erfüllen der Märchen ihre Rettung war, was würde das Gegenteil bewirken? Sie erschauderte bei dem Gedanken, doch sie verlor keine Zeit und bat den Doktor Allwissend: „Lieber Doktor Allwissen, Ihr seid doch so klug, wie sonst keiner, so helft mir, lieber Doktor, damit wir beide wieder zurück nach Hause gehen können! Wie soll ich das anrichten?“
Der Doktor blickte nachdenklich drein, legte seine Stirn schlau in Falten und strich sich über seinen Bart. Natürlich wusste er die Lösung nicht, doch dem Märchen zufolge, – so erinnerte sich Maera – hatte er immer das Glück, trotzdem die richtige Antwort auf alle Fragen zu finden.
In diesem Moment flog ein grosser Zugvogel über den Himmel, und der Doktor sprach, den Vogel bedeutend: „Du fliegst nach Hause, wie du gekommen bist.“
Und als Maera die Worte des Doktors verstand, legte sie sich an die Stelle, wo sie von dem Zwerg geweckt worden war und sprach: „Vielen Dank, lieber Doktor Allwissend! Ihr habt uns beide gerettet! Lebet wohl! Ihr sollt mir ewig in Erinnerung bleiben!“ Und kaum hatte sie die Worte ausgesprochen, verblasste der winkende Doktor, und Maera schloss die Augen…
Eine sanfte Berührung ihrer Haare weckte Maera erneut. Erstaunt blickte sie in das strahlende Gesicht eines wunderschönen Jünglings.
„Wie gut, Euch lebendig zu wissen, meine Liebe. Euch muss ein ziemlich schweres Buch niedergestreckt haben, dass Ihr so lange ohnmächtig wart. Dies war wohl der Übeltäter!“ Er hob ein schweres, ledergebundenes Buch, mit goldenen Verzierungen und noch goldenerem Schnitt. Auf dem reich verzierten Buchdeckel stand in glänzenden Lettern geschrieben: Maeren für Maera.
„Dieses Buch habe ich aber noch nie gesehen, und ich kenne eigentlich alle Bücher meiner Bibliothek…“ bemerkte der schöne Jüngling verwundert. Da gewahrte er das Strahlen auf dem Gesicht des hübschen Mädchens, worauf er erstaunt fragte: „Heisst Ihr etwa Maera?“
Anstelle einer Antwort sagte Maera: „Dieses Buch mag mich erschlagen haben, jedoch hat es mich damit gerettet!“ Und ohne ein weiteres Wort küssten sie sich.
Drei Tage später feierte die ganze Stadt auf dem grossen Marktplatz vor der Kirche ein fröhliches Fest zur Hochzeit von Maera und dem Bürgermeistersohn. Im Herbst ward ein Sohn geboren und im Sommer darauf ein Mädchen. Und jede Nacht vor dem Einschlafen las Maera ihren Liebsten aus dem wundersamen Märchenbuch vor. Doch am liebsten hörten die Kleinen die Geschichte, wie das Märchenbuch die geheimnisvolle Widmung zu tragen bekam. Und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute.
Ende