Es war der 23. Dezember. Sören fühlte sich erfüllt, berauscht und beglückt an diesem Abend – von dieser heiteren, tiefgründigen,
vielschichtigen, obszönen, betörenden, lustvollen und auf jeden Fall intensiven
Begegnung. „Das ist Leben!“ – dachte er sich, während er, getragen von dieser
Stimmung, durch die verzweigten Gassen der verschneiten Stadt schlenderte, sich
über das Knirschen unter seinen Schuhsolen freute und aufmerksam beobachtete
wie die Schneeflocken in den Lichtkegeln der Straßenlaternen zu Boden stürzten.
Zu Hause angekommen legte
er ein paar Holzscheite in die noch nicht ganz erloschene Glut seines Kaminfeuers und setzte sich, nachdem
er den schweren Mantel abgelegt und sich von seinen nassen Stiefeln befreit
hatte, vor den wärmenden Ofen. Durch die offene Luke beobachtete er andächtig wie
das Holz langsam Feuer fing und die Flammen sich hungrig danach verzehrten. Im
Flackern des Feuers züngelten die Erinnerungen des Abends lebendig weiter. Auch
loderten herzhafte Bilder der Vergangenheit und phantastische Wünsche und Vorstellungen
über die Zukunft farbenfroh vor sich hin.
Langsam, langsam begann
Sören sich in der Betrachtung des aufkeimenden Feuers zu verlieren. Es wurden Szenen
lebendig, die ihn bewegten, berührten und erfreuten, zum Lächeln brachten und ihm
Tränen in die Augen rührten. Ihm war als würde sich sein ganzes mögliches und
wirkliches Leben mit der Glut und dem Feuer und der Asche verbinden und darin aufleuchten.
Satte Zufriedenheit und
Wärme breitete sich in ihm aus.
Eine unbestimmte Weile lang
kam er sich selbst vor wie ein flackerndes Lichtlein, das dem Wind trotzt.
Neben all den schönen Erinnerungen leuchteten langsam, langsam
auch jene zahlreichen Momente auf, die er hatte achtlos und verschlossen an sich
vorüberziehen lassen, weil er zu besorgt, zu zerstreut und zu ängstlich war –
zu bekümmert um Dinge, die ihm jetzt jedoch unbedeutend vorkamen. Momente, in denen er
blind war für die wärmende Schönheit eines Ofenfeuers oder das zerberstende
Knistern des brennenden Holzes. Momente in denen er sich getrieben fühlte und einsam
durch kalte, leblose Nächte lief, um Menschen zu entfliehen, denen er distanziert
und zugeknöpft gegenüberstand, so dass ihm die Flucht in die stockfinstre Nacht
beinahe als Erlösung vorkam – aber ohne das Knirschen des Schnees unter
seinen Schuhsolen zu bemerken.
Er schaute auf die Uhr.
Es war fast Mitternacht.
„Es ist verwunderlich – es sind wohl diese scheinbar alltäglichen Momente, die unscheinbar an mir vorüberziehen, in
deren Erwartung ich doch eigentlich lebe. In diesen geöffneten Augenblicken füllt sich das Leben mit Leben. Aber warum ist das so schwierig? Was hindert mich so oft daran – offen zu sein?“
„Wie wäre es,“ schoss es ihm in den Kopf, „wenn ich wüsste, dass ich nur noch ein Jahr zu leben hätte. Wäre ich
dann aufmerksamer... offener... dankbarer... gegenüber den kleinen und großen
Freuden des Lebens? Würde ich mein Leben anders leben?“
„Was wäre, wenn ich
tatsächlich am 23. Dezember um Mitternacht des nächsten Jahres sterben würde?“
Es fröstelte ihn – und er legte ein weiteres Scheit nach.
Sören begann sich auf seinem
Schemel aufzurichten. Er spürte wie ihn die Vorstellung in absehbarer Zeit nicht
mehr da zu sein unbehaglich fühlen ließ und ertappte sich dabei, wie er sich
reflexartig von diesem Gedanken abwenden wollte.
Aus der Kraft seiner
momentanen Geborgenheit heraus beschloss er jedoch diesem Reflex nicht zu folgen
und statt dessen den Gedanken auf sich wirken zu lassen.
Dieser Eingebung folgend
war es ihm möglich zu beobachten, wie sich ein Gefühl der Unmut in ihm
auszubreiten begann – Unmut über den Unfug seines bevorstehenden Todes. Die
Möglichkeit in absehbarer Zeit nicht mehr da zu sein empfand er als Zumutung.
Er war empört und bemerkte wie er sich dagegen auflehnte. „Gibt es denn keinen
verantwortlichen Leiter, bei dem ich mich beschweren kann? Niemanden, an den
ich mich richten kann mit meiner Klage? Gibt es denn – in Gottes Namen – keinen
obersten Gerichtshof der mich begnadigen könnte? Keiner, der mir diesen letzten
Gang abnimmt oder mich zumindest durch ihn hindurch begleitet?“[1]
Über diese Einfälle den
Kopf schüttelnd dämmerte ihm, dass er mit diesem Problem wohl ganz auf sich alleine
gestellt ist – selbst wenn alle Menschen vor demselben Problem stehen und ihm
durchaus klar war, dass „man“ halt irgendwann einmal sterben muss. Die
Vorstellung jedoch, dass der Tod nicht nur etwas ist, was dem Menschen im
Allgemeinen so zustößt, sondern dass ganz gewiss sein eigener Tod ihn künftig
seiner eigenen Existenz berauben wird – das fand Sören sehr krass.
Er war es gewohnt die
Probleme, die sich ihm stellten, unter Aufbietung seiner durchaus üppigen
Ausstattung an Kräften und Fähigkeiten zielstrebig und effektiv zu lösen. Nun jedoch
fühlte er sich ohnmächtig „Ich kann Sport treiben, Geld verdienen, studieren
und Gemüse essen so viel ich will, aber dem Faktum des Todes kann ich nicht
entrinnen. Ich kann aufhören zu rauchen, keinen Alkohol mehr trinken, unnötige
Risiken vermeiden und eine Lebensversicherung abschließen, aber an diesem
zukünftigen Ereignis zerbricht all mein Können und Wollen und Machen. Gibt es
denn gar keinen Ausweg? – verdammte Scheiße noch mal!“
„Nein!“ – hallte es in
seinen Gedanken nach. „Ich kann zwar nicht wissen, ob oder wie es nach dem Tod mit
mir weitergehen wird – aber mit meinem Dasein in diesem Körper und in
dieser Welt wird es wohl gewiss zu Ende gehen.“
Sören hielt dem Gedanken
weiterhin stand und beschloss ihn noch länger auf sich wirken zu lassen. Als
nächstes bemerkte er wie sich eine Wut in ihm zusammenbraute über all die scheinbaren
Wichtigkeiten und Verpflichtungen, die seinen Geist verstopften und sein Leben einengten,
verkrampften und auf ihm lasteten. Er nahm in sich ein Aufbegehren wahr gegen
das fortwährende Sorgen und Ängstigen und all die dummen Selbstversklavungen, die
er sich immerzu antat. „Das zieht mir die Vitalität aus den Knochen, ohne dass
die Sorgen, Verpflichtungen und Ängste auf etwas gerichtet wären, das mir besonders
bedeutungsvoll vorkommt.“
Sören blieb ausdauernd
und beschloss den Gedanken noch länger auf sich wirken zu lassen – bis er
schließlich entdeckte, wie der Groll einem Gefühl der Traurigkeit wich. Eine Trauer
um all das ungelebte Leben, das er aus ebenjener Angst und Zerstreuung oder aus
bloßer Achtlosigkeit hatte an sich vorbeiziehen lassen. „Diese Ängste und Sorgen
und Scheinwichtigkeiten sind unsäglich lebensfeindlich,“ dachte er sich – und spürte mit funkelnden Augen den auflodernden Ansporn sich von diesen Zumutungen
zu befreien und sich der Lebendigkeit des Lebens an den Hals zu werfen. Er stellte
eine unbändige Sehnsucht nach Leben in sich fest und bemerkte, wie diese
Betrachtungen einen kraftvollen Willen in ihm befeuerten, der alles tilgen
wollte, was nicht Leben war, um sich ja nicht irgendwann eingestehen
zu müssen gar nicht wirklich gelebt zu haben.
Nachdem Sören eine
zeitlose Dauer selbstvergessen in diesen Betrachtungen versunken war, tauchte er
mit einer klar vor Augen stehenden Einsicht wieder auf: „Dieses Experiment besitzt
eine ungeheure Sprengkraft," dachte er sich. "Es mag absurd klingen, aber die Idee des Todes kann
mir das Leben retten! Dieser Gedanke hat die Macht mir dabei zu helfen herauszufinden,
was in meinem Leben wirklich Bedeutung hat. Dieser Gedanke könnte mich aus
meinem Kokon und meiner Lebensmüdigkeit befreien. Das Einlassen auf dieses
Experiment könnte mir dabei helfen die dafür notwendigen Entscheidungen zu treffen.
Durch dieses Verfahren will ich die Spreu vom Weizen trennen!“
"Dieses Experiment will
ich eingehen. Ich will so leben als hätte ich die Gewissheit in exakt einem
Jahr sterben zu müssen. Am 24. Dezember des nächsten Jahres sei es vorbei!"
„Dieses Abenteuer soll jedoch
kein Tanz in den Tod sein, sondern ein Tanz mit dem Tod – ein Tanz ins Leben!“
Bin gespannt auf den Ausgang dieses Experiments! :D Spannendes Gedankenspiel!
AntwortenLöschen...da bin ich aber auch gespannt! :)
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