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Wenn der Wind des Wandels weht, bauen die Einen Schutzmauern, die Anderen bauen Windmühlen.

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Liebe Schreibende

In unserer hektischen Welt, dominiert von High-Speed-Rechnern, Zeitmangel, Medien, Facebook und Leistungsdruck, versuchen wir uns hier eine kleine Insel der Besinnung zu erhalten. Sich einmal im Monat in Ruhe niederzusetzen, sich mit einem Thema eingehend zu beschäftigen und dann die passenden Worte zu finden, um seine Gedanken mit anderen zu teilen, erscheint mir dabei ein geeigneter Weg, aus dieser Alltagshektik auszubrechen.

Sollten wir innerhalb eines Jahres genügend Beiträge beisammen haben, werde ich diese zusammentragen und in Buchform drucken lassen. So hat man dann Ende Jahr ein schönes Büchlein zur Hand - zur Erinnerung, oder als Geschenk zu Weihnachten, oder auch, um die Heimbibliothek mit einem eigenen Werk etwas auszubauen.

Dann also viel Spass beim Schreiben!

Eilean

Samstag, 10. Januar 2015

Das Experiment


Es war der 23. Dezember. Sören fühlte sich erfüllt, berauscht und beglückt an diesem Abend – von dieser heiteren, tiefgründigen, vielschichtigen, obszönen, betörenden, lustvollen und auf jeden Fall intensiven Begegnung. „Das ist Leben!“ – dachte er sich, während er, getragen von dieser Stimmung, durch die verzweigten Gassen der verschneiten Stadt schlenderte, sich über das Knirschen unter seinen Schuhsolen freute und aufmerksam beobachtete wie die Schneeflocken in den Lichtkegeln der Straßenlaternen zu Boden stürzten.
 
Zu Hause angekommen legte er ein paar Holzscheite in die noch nicht ganz erloschene Glut seines Kaminfeuers und setzte sich, nachdem er den schweren Mantel abgelegt und sich von seinen nassen Stiefeln befreit hatte, vor den wärmenden Ofen. Durch die offene Luke beobachtete er andächtig wie das Holz langsam Feuer fing und die Flammen sich hungrig danach verzehrten. Im Flackern des Feuers züngelten die Erinnerungen des Abends lebendig weiter. Auch loderten herzhafte Bilder der Vergangenheit und phantastische Wünsche und Vorstellungen über die Zukunft farbenfroh vor sich hin.

Langsam, langsam begann Sören sich in der Betrachtung des aufkeimenden Feuers zu verlieren. Es wurden Szenen lebendig, die ihn bewegten, berührten und erfreuten, zum Lächeln brachten und ihm Tränen in die Augen rührten. Ihm war als würde sich sein ganzes mögliches und wirkliches Leben mit der Glut und dem Feuer und der Asche verbinden und darin aufleuchten.

Satte Zufriedenheit und Wärme breitete sich in ihm aus.

Eine unbestimmte Weile lang kam er sich selbst vor wie ein flackerndes Lichtlein, das dem Wind trotzt.

Neben all den schönen Erinnerungen leuchteten langsam, langsam auch jene zahlreichen Momente auf, die er hatte achtlos und verschlossen an sich vorüberziehen lassen, weil er zu besorgt, zu zerstreut und zu ängstlich war – zu bekümmert um Dinge, die ihm jetzt jedoch unbedeutend vorkamen. Momente, in denen er blind war für die wärmende Schönheit eines Ofenfeuers oder das zerberstende Knistern des brennenden Holzes. Momente in denen er sich getrieben fühlte und einsam durch kalte, leblose Nächte lief, um Menschen zu entfliehen, denen er distanziert und zugeknöpft gegenüberstand, so dass ihm die Flucht in die stockfinstre Nacht beinahe als Erlösung vorkam – aber ohne das Knirschen des Schnees unter seinen Schuhsolen zu bemerken.

Er schaute auf die Uhr. Es war fast Mitternacht.

„Es ist verwunderlich – es sind wohl diese scheinbar alltäglichen Momente, die unscheinbar an mir vorüberziehen, in deren Erwartung ich doch eigentlich lebe. In diesen geöffneten Augenblicken füllt sich das Leben mit Leben. Aber warum ist das so schwierig? Was hindert mich so oft daran – offen zu sein?

„Wie wäre es,“ schoss es ihm in den Kopf, „wenn ich wüsste, dass ich nur noch ein Jahr zu leben hätte. Wäre ich dann aufmerksamer... offener... dankbarer... gegenüber den kleinen und großen Freuden des Lebens? Würde ich mein Leben anders leben?“

„Was wäre, wenn ich tatsächlich am 23. Dezember um Mitternacht des nächsten Jahres sterben würde?“

Es fröstelte ihn – und er legte ein weiteres Scheit nach.

Sören begann sich auf seinem Schemel aufzurichten. Er spürte wie ihn die Vorstellung in absehbarer Zeit nicht mehr da zu sein unbehaglich fühlen ließ und ertappte sich dabei, wie er sich reflexartig von diesem Gedanken abwenden wollte.

Aus der Kraft seiner momentanen Geborgenheit heraus beschloss er jedoch diesem Reflex nicht zu folgen und statt dessen den Gedanken auf sich wirken zu lassen.

Dieser Eingebung folgend war es ihm möglich zu beobachten, wie sich ein Gefühl der Unmut in ihm auszubreiten begann – Unmut über den Unfug seines bevorstehenden Todes. Die Möglichkeit in absehbarer Zeit nicht mehr da zu sein empfand er als Zumutung. Er war empört und bemerkte wie er sich dagegen auflehnte. „Gibt es denn keinen verantwortlichen Leiter, bei dem ich mich beschweren kann? Niemanden, an den ich mich richten kann mit meiner Klage? Gibt es denn – in Gottes Namen – keinen obersten Gerichtshof der mich begnadigen könnte? Keiner, der mir diesen letzten Gang abnimmt oder mich zumindest durch ihn hindurch begleitet?“[1]

Über diese Einfälle den Kopf schüttelnd dämmerte ihm, dass er mit diesem Problem wohl ganz auf sich alleine gestellt ist – selbst wenn alle Menschen vor demselben Problem stehen und ihm durchaus klar war, dass „man“ halt irgendwann einmal sterben muss. Die Vorstellung jedoch, dass der Tod nicht nur etwas ist, was dem Menschen im Allgemeinen so zustößt, sondern dass ganz gewiss sein eigener Tod ihn künftig seiner eigenen Existenz berauben wird – das fand Sören sehr krass.

Er war es gewohnt die Probleme, die sich ihm stellten, unter Aufbietung seiner durchaus üppigen Ausstattung an Kräften und Fähigkeiten zielstrebig und effektiv zu lösen. Nun jedoch fühlte er sich ohnmächtig „Ich kann Sport treiben, Geld verdienen, studieren und Gemüse essen so viel ich will, aber dem Faktum des Todes kann ich nicht entrinnen. Ich kann aufhören zu rauchen, keinen Alkohol mehr trinken, unnötige Risiken vermeiden und eine Lebensversicherung abschließen, aber an diesem zukünftigen Ereignis zerbricht all mein Können und Wollen und Machen. Gibt es denn gar keinen Ausweg? – verdammte Scheiße noch mal!“

„Nein!“ – hallte es in seinen Gedanken nach. „Ich kann zwar nicht wissen, ob oder wie es nach dem Tod mit mir weitergehen wird – aber mit meinem Dasein in diesem Körper und in dieser Welt wird es wohl gewiss zu Ende gehen.“

Sören hielt dem Gedanken weiterhin stand und beschloss ihn noch länger auf sich wirken zu lassen. Als nächstes bemerkte er wie sich eine Wut in ihm zusammenbraute über all die scheinbaren Wichtigkeiten und Verpflichtungen, die seinen Geist verstopften und sein Leben einengten, verkrampften und auf ihm lasteten. Er nahm in sich ein Aufbegehren wahr gegen das fortwährende Sorgen und Ängstigen und all die dummen Selbstversklavungen, die er sich immerzu antat. „Das zieht mir die Vitalität aus den Knochen, ohne dass die Sorgen, Verpflichtungen und Ängste auf etwas gerichtet wären, das mir besonders bedeutungsvoll vorkommt.“

Sören blieb ausdauernd und beschloss den Gedanken noch länger auf sich wirken zu lassen – bis er schließlich entdeckte, wie der Groll einem Gefühl der Traurigkeit wich. Eine Trauer um all das ungelebte Leben, das er aus ebenjener Angst und Zerstreuung oder aus bloßer Achtlosigkeit hatte an sich vorbeiziehen lassen. „Diese Ängste und Sorgen und Scheinwichtigkeiten sind unsäglich lebensfeindlich,“ dachte er sich – und spürte mit funkelnden Augen den auflodernden Ansporn sich von diesen Zumutungen zu befreien und sich der Lebendigkeit des Lebens an den Hals zu werfen. Er stellte eine unbändige Sehnsucht nach Leben in sich fest und bemerkte, wie diese Betrachtungen einen kraftvollen Willen in ihm befeuerten, der alles tilgen wollte, was nicht Leben war, um sich ja nicht irgendwann eingestehen zu müssen gar nicht wirklich gelebt zu haben.

Nachdem Sören eine zeitlose Dauer selbstvergessen in diesen Betrachtungen versunken war, tauchte er mit einer klar vor Augen stehenden Einsicht wieder auf: „Dieses Experiment besitzt eine ungeheure Sprengkraft," dachte er sich. "Es mag absurd klingen, aber die Idee des Todes kann mir das Leben retten! Dieser Gedanke hat die Macht mir dabei zu helfen herauszufinden, was in meinem Leben wirklich Bedeutung hat. Dieser Gedanke könnte mich aus meinem Kokon und meiner Lebensmüdigkeit befreien. Das Einlassen auf dieses Experiment könnte mir dabei helfen die dafür notwendigen Entscheidungen zu treffen. Durch dieses Verfahren will ich die Spreu vom Weizen trennen!“

"Dieses Experiment will ich eingehen. Ich will so leben als hätte ich die Gewissheit in exakt einem Jahr sterben zu müssen. Am 24. Dezember des nächsten Jahres sei es vorbei!"

„Dieses Abenteuer soll jedoch kein Tanz in den Tod sein, sondern ein Tanz mit dem Tod – ein Tanz ins Leben!“





[1] In Anlehnung an Sören Kierkegaard: Die Wiederholung / Drei erbauliche Reden. 1843

2 Kommentare:

  1. Bin gespannt auf den Ausgang dieses Experiments! :D Spannendes Gedankenspiel!

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  2. ...da bin ich aber auch gespannt! :)

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