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Zitat des Monats

Wenn der Wind des Wandels weht, bauen die Einen Schutzmauern, die Anderen bauen Windmühlen.

Chinesische Weisheit

Willkommen!

Liebe Schreibende

In unserer hektischen Welt, dominiert von High-Speed-Rechnern, Zeitmangel, Medien, Facebook und Leistungsdruck, versuchen wir uns hier eine kleine Insel der Besinnung zu erhalten. Sich einmal im Monat in Ruhe niederzusetzen, sich mit einem Thema eingehend zu beschäftigen und dann die passenden Worte zu finden, um seine Gedanken mit anderen zu teilen, erscheint mir dabei ein geeigneter Weg, aus dieser Alltagshektik auszubrechen.

Sollten wir innerhalb eines Jahres genügend Beiträge beisammen haben, werde ich diese zusammentragen und in Buchform drucken lassen. So hat man dann Ende Jahr ein schönes Büchlein zur Hand - zur Erinnerung, oder als Geschenk zu Weihnachten, oder auch, um die Heimbibliothek mit einem eigenen Werk etwas auszubauen.

Dann also viel Spass beim Schreiben!

Eilean

Montag, 30. November 2015

Kernspaltung


Hilfe! Bitte, hilf mir doch! 
Ich sitze da, bin verzweifelt. 
Die nur allzu bekannte süsse Stimme der Schlange säuselt mir ins Ohr, dass ich doch gar nicht da sein möchte: 'Du willst zuhause sein, da kannst du alles tun, was dich doch glücklich macht. Dort kannst du dir unabhängig von andern Zuneigung schenken'. Vor meinem geistigen Auge sehe ich mich alleine in meinem warmen Bett, ein Stück Schokolade in der Hand, fernsehsehend. Ein Teil lächzt nach diesem altbekannten Ritual - welches mir tatsächlich das Gefühl von Zuneigung und Wärme gibt-, der andere Teil sucht verzweifelt nach Gründen, um aus diesem mir doch so leiden Muster auszubrechen, denn jene Gefühle sind eigentlich nicht wahr und niemals langfristig befriedigend.
Ich werde hin- und hergeworfen, verliere den Boden unter den Füssen, kann nicht mehr klar denken! 
Hilfe! Bitte, hilf mir doch! Ich will einfach nur, dass es vorbei ist.
Ich schaue ihn an, wünschte, er könnte mir tatsächlich helfen, aber er tut nichts, was mir Halt gäbe - warum sollte er auch und woher wüsste er, was machen, wenn nicht mal ich es selbst weiss, wie er mich unterstützen kann?
Diese Chance wird von der Schlange gepackt und sie macht mir vor, dass ich glücklich wäre, wenn ich nach hause ginge. Verzweifelt greife ich nach diesem einen Grashalm: Endlich erscheint es mir einfach, Erleichterung macht sich in mir breit: Wenn ich nach Hause gehe, habe ich es allen recht gemacht - ich war mit ihm zusammen und am Ende wieder mit der Schlange...beide sind dann doch zufrieden. Perfekt, ich konnte also doch eine Brücke schlagen zwischen den beiden Welten, meinen beiden Lieben. Diese Erkenntnis macht mich glücklich und ich schaue endlich klarer mein Gegenüber an. Aber ich muss feststellen, dass es ein Trugschluss war. Ich sehe Enttäuschung, Wut und Unverständnis. Vorbei ist's mit der Erleichterung! 
Er sagt mir nüchtern, dass es so nicht funktioniert, wir sind zu verschieden und man kann mir nicht helfen, man kann mich nicht ändern...
Mein Innerstes zerreisst es: Der düstere, kranke Teil atmet auf, als sei er eine grosse Last los, aber das Gesunde in mir, mein wahres Ich, könnte vor Schmerz weinen. Nicht nur ich gehe an dieser Zerrissenheit zugrunde, vielmehr zerstört sie mein Umfeld. Das Gift der Schlange tötet jegliches Leben, sämtliche Liebe um mich herum ab und betäubt mich so, dass ich es gar nicht mehr wahrnehme. Mein Ich kommt mir mehr und mehr abhanden, je öfter ich mich auf die Schlange einlasse. 
Ich will das nicht mehr...lieber sterbe ich. Ich will alles versuchen, diese Schlange loszuwerden. Wie ein trotziges Kind entscheide ich mich, Mut zu haben, das Unbekannte zuzulassen und zu bleiben. 
Ich hoffte, nun sei alles wieder gut - aber nichts ist gut. Ich fühle mich wie ein Fremdkörper, sowohl an diesem Ort, als auch in mir selbst...Ich bin sooooo einsam, fühle mich so unverstanden und kann mich selbst nicht verstehen. Wer bin ich? Was bin ich? Wo bin ich? 
'Du hast alles falsch gemacht, wärst du heim, könntest du frei und unbeobachtet tun, was du möchtest - wärst wenigstens du zufrieden! Jetzt ist er unglücklich und du fühlst dich auch schlecht! Du hast alles vermasselt! Du bist so unfähig, ohne mich bist du nichts! Wenn du dich gegen mich stellst, fällt deine ganze Welt zusammen und du bist nur noch nichts!', giftet die Schlange zornig und sie hat ja recht.
Ich versuche zu schlafen, dann wird dieses Hin und Her ja vielleicht erträglicher, aber es geht nicht...Die Schlange schnürt mir die Kehle zu, als wolle sie mich bestrafen und er schläft neben mir, als wäre ich nicht da. 
Hilfe! Bitte, hilf mir doch! Mach, dass alles einfach vorbei ist!
Irgendwann falle ich in einen unruhigen, hitzigen Schlaf. Als ich am Morgen aufwache, fühlt es sich so an, als hätte ich ein sehr wertvolles, zerbrechliches Glas fallen gelassen und es irreparabel kaputt gemacht. Grosse Traurigkeit und Einsamkeit erfasst mich, gleichzeitig tanzt ein Teil von mir, als wäre er aus einem Gefängnis entlassen worden. Verzweifelt merke ich aber, dass es der vergiftete Teil ist, den ich mich weigere als den meinigen anzuerkennen.
Auf dem Heimweg erkenne ich immer deutlicher, dass es demnächst zu einer Trennung kommen muss! Entweder vom Gift, von dem ich so lange schon abhängig bin oder von dem Mann und den Gefühlen, die er in mir weckt, die ich seit Ewigkeiten tief vergraben habe. Wenn ich frei entscheiden könnte, würde ich mich gegen die Schlange entscheiden, ich bin überzeugt, dass das Leben dann mehr Leben wäre...aber habe ich den Mut dazu? Bin ich noch genug Ich, um tauglich für ein solches Leben zu sein? Und noch viel wichtiger: wie viele Chance bekomme ich noch? Ich kenne die Schlange nun schon lange genug, um zu weissen, dass es nicht das letzte Mal gewesen sein wird: Die Schlange wird sich wieder und wieder in einen unerbittlichen Kampf begeben und mit hinterhältigen Tricks versuchen, mich auf ihre Seite zu ziehen...Aber ich weiss auch, dass ich zu zweit bessere Chancen habe, als allein.
Hilfe! Bitte, hilf mir doch!

Samstag, 28. November 2015

Unser blasser Herbstmorgen

Ich schließe die Augen und blicke in die Sonne. So, wie du mir das gezeigt hast. 
Die Sonne ist warm auf meinem Gesicht. Ich atme ein, und mir wird auch ganz warm. 

Ich habe die Augen geschlossen und sehe überall Licht, überall warmes Licht. Ich sehe dich, atme ein. Die Sonne riecht wie du und mir wird ganz warm. 

Ich öffne die Augen und sehe dich, vor deiner Reise. Sehe dich immer, wie du da bist und da bist. Ich, ich war auch da und ich habe mich ganz schrecklich in dich verloren und mir wurde ganz warm. 

Du hast mir grün gezeigt, blau, rot und ganz viel gelb. Du mochtest alle schönen Farben und ich Himbeereis. Wir wussten, dass wir auf Wolken laufen können. 

Du hast mir gezeigt, wie die Nacht schmeckt, hast mit mir die Bären am Himmel gesucht. 
Du liebtest frisches Brot und wenn ich hungrig bin, manchmal, schmeckt warmes Brot wie du. 

Du hast mich immer gefunden, auch als ich ganz klein geworden war und in deine Hand passte. Hast mich dann ganz nah an dich gedrückt und mein Schatten wurde groß, ich wurde groß. 

Ich habe dir meine Welt erzählt und du warst Lachen, du warst Leben. Bei dir konnten meine Augen nass sein. Nass wie Regen, wie Regen, der auf warme Erde tropft. Du hast mir Tränen geschenkt.

Ich wollte immer bei dir sein und jetzt, jetzt weiß ich, wie man die Uhr liest. Ich könnte für dich die Zeit lesen, immer, wann du wolltest. 

Ich zähle Minuten, zähle Stunden, ich zähle Tage und zähle mein Leben. Alles zusammen macht... nichts Nennenswertes. 

Es tut weh, wie sehr du nicht da bist wie immer. Ganz alt bin ich geworden, ganz tapfer, wenn es kalt ist und beiße mir auf die Lippen, wenn es regnet. 

Ich esse Himbeereis und Brot, weil es schmeckt, wie du. Alles, das ich mag, schmeckt wie du. Alles, das ich liebe, riecht wie du. Ich sehe gelb, überall, und alle schönen Farben. 

Ich schließe die Augen, drinnen ist es warm, und ich bin da, und du bist da, und Licht. 

Mittwoch, 18. November 2015

Lebensweg

Ich reiste, ich kam nicht an.
Ich war unterwegs, ich rastete nicht.
Ich suchte, ich suche, ich werde suchen.

Ein Licht, ein Schrei, der Beginn: Ich wurde auf einen Weg geschickt, der mein Leben lang dauern wird.
Manchmal geniesse ich die Landschaft, manchmal fliehe ich ängstlich, manchmal wünsche ich, ich könnte den Pfad wechseln, manchmal suche ich verzweifelt nach einem Heimathafen.
Der Weg ist einem steten Wandel unterzogen und ich ändere mich und damit meinen Blickwinkel für den Pfad. Weder ich noch der Weg sind starr und statisch. Oft werde ich vom unermüdlichen Wechsel überfordert, suche Fixpunkte in der Umgebung. Aber solange die Ruhe nicht aus mir selbst kommt, werde ich von meinem Weg auch immer wieder an neue Erfahrungen geführt, die mir helfen werden, mehr über mich zu lernen. Durch meine Selbsterkenntnis wird sich auch meine Reiseroute wieder verändern.
Eine harmonische Symbiose: Ich und mein Weg - er wirkt auf mich, ich wirke auf ihn.

Ich reise, ich komme nicht an.
Ich bin unterwegs, ich raste nicht.
Ich suchte, ich suche, ich werde suchen.

Hin und wieder frage ich mich, warum ich diese endlose Route gewählt habe. Ab und zu würde ich mich gerne einfach hinlegen und verliere die Neugierde, wohin mich der weg noch führen mag. Manchmal bin ich ewigen Reisens müde.
Doch dann packt mich ein Tiefer Glaube daran, dass irgendjemand/irgendetwas weiss, wohin mein Weg gehen wird und dass alles so kommt, wie es muss, solange ich nur beharrlich weitergehe...
Ich habe Vertrauen in meinen Weg und den Erfinder desselben, wer oder was das auch immer sein mag.

Ich werde reisen, ich werde ankommen.
Ich werde unterwegs sein, ich werde rasten.
Ich suchte, ich suche, ich werde suchen.

Donnerstag, 12. November 2015

Eine Reise mit ungewissem Ziel

Wenn man sich normalerweise auf eine Reise begibt, kennt man eigentlich immer den Startpunkt und das Ziel.
Eine Reise ohne Ziel ist aber ein Wagnis, ein Abenteuer, oder auch völlig irrsinnig. Jedoch in jedem Fall eine große Herausforderung und manchmal auch sehr mutig.

Wenn man mit der Bahn verreist, kann die Reise immer nur dort hin gehen, wo die Gleise hinführen, es bleiben also nur ganz wenige Möglichkeiten vom eigentlichen Ziel abzuweichen.

Das Leben ist eine Reise und ich denke, wir alle stimmen dem Vergleich zu. 
Als wir geboren wurden, begann unsere Reise und niemand, ja nicht mal wir selbst, wußten wohin unsere Reise gehen wird. 
Wenn man jung ist, weiß man sowieso meistens gar nichts. Es interessiert auch gar nicht wirklich, denn man hat ja noch so viel Zeit. Warum schon so früh ein Ziel anpeilen? 
Wenn man dann älter wird, beginnt man sich Zwischenstopps einzuplanen, also gewissermassen Etappen. 

Irgendwann wird man dann so alt, dass man das Ziel vor Augen sieht. Zumindest denken das die meisten Jungen, wenn sie an die "Alten" denken.

Stellt euch einen Zug vor, der auf seinen Gleisen fährt. Jeder an Bord des Zuges weiß wohin er fahren wird, denn er kann nur auf seinen Gleisen fahren. Auch der Lokführer... der sitzt da vorne und hat kein Lenkrad, keinen Steuerknüppel, nichts womit er die Richtung ändern könnte. Um auf ein anderes Gleis zu gelangen, müsste er einen Kollegen in einem Stellwerk anrufen und ihn bitten eine bestimmte Weiche anders zu stellen.

Nun hat aber unser Lokführer total den Frust. Er ist von seinem Leben gelangweilt, oder vielleicht denkt er auch nur, "Mein Leben lang bin ich immer nur in die Richtung gefahren, die mir vorgeschrieben wurde... Ich möchte einmal selber bestimmen, wohin es geht... Einmal möchte ich den Zug dahin fahren, wo es mir gerade einfällt."

Stellt euch vor, es wäre dem Lokführer gelungen, den ganzen Zug aus den Gleisen zu zwingen und auf einer Strasse weiter zu fahren. Ohne Gleise, die ihn wiederum in seiner Entscheidung einschränken.

Die Menschen, die das miterleben, werden nicht amüsiert sein. Sie werden ihn nicht verstehen, und selbst wenn sie Verständnis aufbrächten, so würden sie es nicht akzeptieren, dass er sein eigenes "Ding" dreht.
Sie würden ihn für einen Wahnsinnigen halten, einen Spinner, einen Egoisten... 

Wenn wir in unserem Leben also plötzlich die Richtung ändern, die Richtung, in die wir bisher gegangen sind, würden dann nicht auch die Umstehenden denken, "Was ist denn mit dem los? Spinnt der?" 

Meine beste Freundin hat mir einmal etwas wichtiges und Lehrreiches über Konventionen erzählt, die unsere Freiheit einengen.

Stellen wir uns vor, der Lokführer lässt den Zug da wo er hingehört - er will ja niemanden gefährden, oder zwingen etwas zu erleben, was sie nicht erleben möchten... also ändert er etwas in seinem Leben. Er ist ja schon älter, verheiratet und seine Kinder sind ja auch schon alle selbstständig. Da begegnet ihm plötzlich eine Person... diese ist einfach nur nett, und es ist angenehm ab und zu zu reden. Aber nach einer Weile verlieben sich beide in einander. 
Ob wir ihm das glauben? Hat er das nicht die ganze Zeit gehofft?
Auf jeden Fall ist es unser Lokführer ja gewohnt, sehr pflichtbewusst zu sein und in so fern hat er seine Konventionen auch in seinem Leben gesetzt.
Sich in eine andere Person zu verlieben, das geht nicht! 
Aber das mit der Liebe... das ist so eine Sache - sie ist manchmal einfach so stark und hat immer eine Eigendynamik, die man nicht leicht unter Kontrolle hat. 
Jedenfalls fallen unsere zwei Beispielpersonen gemeinsam bodenlos in die Tiefe ihrer eigenen Liebe zu einander. 

Wie urteilen wir? Er ist wahnsinnig? Egoistisch? Völlig abgedreht? 
Auf seiner Reise, die er immer in eine Richtung gegangen ist, hat er sein ursprüngliches Ziel geändert. Doch nun steht er am Anfang einer ganz neuen Reise... wo ist das Ziel? Wohin geht die Reise jetzt?

Warum ihn verurteilen? Warum nach Erklärungen fragen? 
Wenn wir in seinem Zug gesessen wären, müssten wir aussteigen - denn sein Zug fährt wahrscheinlich nicht mehr in die Richtung, in die wir eigentlich mit ihm wollten. 
Die Entscheidung, seine Fahrgäste zum Aussteigen zu bitten, wird ihm verdammt schwer fallen. Oder er müsste sein neues Ziel wieder ändern und seine Liebe zum Aussteigen bitten.
In jedem Fall aber wird es richtig hart werden und keine leichte Sache sein...





Freitag, 6. November 2015

Eine Unfreiwillige Reise in ein unbekanntes Land


Das monotone Geräusch des Motors, das gelegentliche Singen der Räder, wenn er versehentlich die Seitenlinie der Autobahn überfuhr, wirkte auf Eric wie ein Schlafmittel.
Die Autobahn war frei, aber gerade das war es, was ihm so zu schaffen machte. Es gab nichts, was ihm und seinen Augen Abwechslung verschafft hätte - einfach um ihn wach zu halten. Kein anderes Auto, keine Lichter nichts... nur immer die Mittelstreifen, die durch die Scheinwerfer erhellt wurden. Einmal kam ihm auf der Gegenseite ein Auto entgegen, es war irgendwann zwischen 2:00 und 3:00h in den Kasseler Bergen auf der A7 in Richtung Hamburg. 
Eric wurde aufmerksam, weil der Fahrer da drüben ständig aufblendete. Das nervte! Warum machte der das? Gibt es etwas vor ihm, vor dem er gewarnt werden sollte? Dann bemerkte er, dass er das Fernlicht eingeschaltet hatte. "Oh, sorry!" Dachte er und schaltete das Fernlicht für den kurzen Moment aus, den es noch brauchte, bis der Wagen drüben an ihm vorbei war.

"Ich glaube ich sollte am nächsten Rastplatz mal rausfahren" Eric gähnte tief, dann fuhr er laut fort: "Ich brauche einen starken Kaffee!"
Normalerweise half das immer, wenn er mit sich selbst sprach, aber heute war er einfach zu müde.
Eric befand sich auf der Reise zu seinen Eltern, die in Mölnlykke bei Gøtheborg lebten. Eric ist Schwede, studiert aber an der Uni in Freiburg. 
Es war Anfang November und die kalte Feuchtigkeit in den Tälern der Kasseler Berge schlug sich in der Luft als dichter Nebel nieder. 
Als Eric über die Kuppe eines der Hügel fuhr, erwartete ihn plötzlich eine weiße Wand aus winzigen Wassertröpfchen. 
"Scheiße! Wenn diese Suppe dichter wird, komm ich morgen zu spät zur Fähre!"
Eric musste unbedingt um 14 Uhr in Fredrikshavn in Dänemark sein. Er hatte die Stena Line Fähre fest gebucht, das sparte ihm immerhin 50%, hatte aber den Nachteil, dass er unbedingt dieses Schiff bekommen musste. 
Gerade flog ein Schild an ihm vorbei "Rasthof Göttingen", "15 KM"
"Da fahre ich mal raus..."
Der Nebel wurde immer dichter und er wurde genötigt noch weiter mit dem Tempo herunter zu gehen. Es war fast unmöglich etwas zu sehen. Er fuhr nur noch 20 KM/h.
Nach einer geschätzten Ewigkeit erreichte er endlich die Ausfahrt, an der er fast vorbei gefahren wäre, denn eigenartigerweise war es nur ein sehr kleines Hinweisschild, dass auch in diesem Nebel nur sehr undeutlich zu erkennen war. 

Er steuerte den Wagen an ein paar Oldtimer LKW´s vorbei in Richtung Restaurant.
"Komisch..." dachte er... "ist aber wenig los hier..." Er hatte erwartet, dass die Parkplätze völlig mit LKW´s überfüllt wären, die hier ihre Nachtruhe verbrachten, so wie es ja das Gesetz in Deutschland vorschrieb. Aber stattdessen schien hier ein Oldtimertreffen veranstaltet zu werden, denn die wenigen Fahrzeuge die hier parkten, waren schon sehr in die Jahre gekommen.
Er parkte seinen fast neuen Volvo V40 gleich neben dem Eingang zum Restaurant. Eric studierte in Freiburg Master of Sience, hatte als Student nicht viel Geld, aber sein Vater arbeitete bei Volvo in Mölnlykke und hatte daher immer die Möglichkeiten sehr günstig an fast neue Fahrzeuge heranzukommen.
Beim Aussteigen fiel Erics Blick auf das alte Auto neben ihm. 
"Schon erstaunlich wie klein die Autos damals waren..." dachte Eric und er sah sich den alten Wagen etwas genauer an. "Audi 60" Eric musste lachen, "...wenn der Fahrer die Audis von heute sehen würde...!" Mit einem Lächeln auf den Lippen betrat er das Restaurant, in dem nur im hintersten Eck drei LKW Fahrer sassen und Karten spielten. 
Sofort fiel ihm unangenehm auf, dass die drei Männer rauchten und der Qualm sich in der Gaststube ausbreitete. 
"Eigenartig, und wie das hier aussieht... total vergammelt und irgendwie altmodisch..."
Eine etwas müde junge brünette Bedienung blickte in seine Richtung. 
"Kaffee?" Fragte sie genervt
Eric lächelte sie an und entgegenete: "Ja bitte, extra stark! Sagen sie mal, ist das nicht verboten?" Er zeigte in Richtung der LKW Fahrer.
"Was soll verboten sein? Karten spielen?"
"Nee Rauchen!"
Sie lachte herzlich "Sie sind ja ein Witzbold! Warum sollte das denn verboten sein?"
"Naja... das ist ja schon ein ganze Weile so... dachte ich"
"Hahaha... ich weiß ja nicht, wo sie herkommen, aber hier ist das noch nicht verboten!"
Eric wunderte sich. Es war alles schon komisch... die ganze Atmosphäre hier... die alten Autos draussen, die altmodische 60er Jahre Deko und Möbel... und Raucher in einer Raststätte?"
"Macht Einsfuffzich!"
"Wie bitte?"
"Einsfuffzich der Herr!"
"Entschuldigen sie bitte, ich habe sie nicht verstanden!"
"Sie kommen wohl wirklich nicht von hier... Eine Mark Fünfzig kostet der Kaffee!"
"Mark???" 
"Sagen sie mal... von so weit her können sie ja wohl nicht kommen... Deutsche Mark der Herr! Sie sind hier in Deutschland und da bezahlt man schon lange mit Mark, oder mit was wollten sie bezahlen?"
"Mit Euro natürlich...!"
"Euro?" Jetzt lachte sie richtig los und rief den LKW Fahren zu: "Heh Männer, kennt einer von euch ein Land, wo man mit Euro bezahlt?"
Die Männer guckten sich ungläubig an. Einer zuckte mit den Schultern und meinte, "Neulich hab ich mal was in der Zeitung gelesen, die wollen in der EG eine gemeinsame Währung einführen!"
"Was? Sind die noch ganz bei Trost? Wo kommen wir denn da hin? Und wie wollen sie das anstellen?" Im Nu war unter den LKW Fahrern eine heftige Diskussion entbrannt.
"Also, egal, ich bekomme jedenfalls eine Mark Fünzig von ihnen!"
Eric lachte. "Sie.... jetzt verstehe ich, ich bin hier wohl in Dreharbeiten zu einem Film geraten, oder es ist diese komische TV Show...."
"Film? Nee mein Guter, hier sind sie einfach nur in Göttingen und ich bekomme jetzt endlich meine Mark Fuffzich, bevor der Kaffee kalt ist und sie mir nur noch die Hälfte bezahlen wollen!"
"Sagen sie mir bitte, welches Datum ist heute?"
"Sie sind wohl leicht verwirrt? Sie sollten sich erst einmal gründlich ausschlafen! Heute ist der 10. November 1970!"

Eric setzte sich... legte zwei 2 Euro Stücke auf den Tresen und atmete tief durch.... Er fragte sich, ob er tatsächlich unter den Erscheinungen einer extremen Müdigkeit litt.

In diesem Moment betrat ein uniformierter Mann den Gastraum.
"Wem gehört das seltsame Fahrzeug draußen vor der Tür?"
Eric blickte auf und betrachtete den Uniformierten. Offensichtlich war es eine Polizeiuniform, denn Polizei stand auch auf seiner seltsamen blaugrauen Lederjacke. Und eine Pistole, hatte er auch.
"Wenn sie den neuen Volvo meinen? Dann mir! Warum?"
Plötzlich fuhr die Bedienung dazwischen: "Gut das sie kommen Herr Wachtmeister! Das ist schon ein seltsamer Vogel, schauen sie mal, der wollte hier mit zwei falschen Münzen seinen Kaffee bezahlen...!"
Der Polizist betrachtete die Euro Stücke misstrauisch, kam dann zu Eric, beugte sich zu ihm herunter und raunte: "Jetzt hör´n sie mir mal zu, ich werde sie jetzt auf die Wache mit nehmen und ich erwarte, dass sie sich kooperativ benehmen, es müssen doch nicht gleich Handschellen sein, oder?"
"Was? Ich verstehe nicht... Ich wollte doch nur einen Kaffee trinken, ich hab doch gar nichts getan und wenn ich hier irgendwie in Dreharbeiten hereingeplatzt bin, dann verzeihen sie bitte, ich gehe auch gleich wieder, ich will keinen Ärger!"
"Ärger? Na also den haben sie schon, erst die falschen Nummernschilder, dann das Falschgeld... Junge, sie befinden sich in ernsten Schwierigkeiten!"
"Aber ich verstehe das alles nicht. Irgendwas geht hier gründlich falsch... ich fuhr heute Morgen am 09. November 2015 ganz normal in Freiburg los und möchte einfach nach Hause... ich bin doch kein Verbrecher! Und dann sagt diese Dame hier, wir hätten das Jahr 1970 und so langsam glaube ich das auch, aber wie? Ich verstehe das einfach nicht...?"

Langsam näherte sich einer der LKW Fahrer fast unbemerkt von hinten.
Als der Polizist ihn bemerkte zog der Fahrer eine Marke an einer Kette aus der Hosentasche.
"Bundesnachrichtendienst!" Sagte er bestimmt und fuhr ohne ein Gegenargument des verdutzten Polizisten abzuwarten fort: "Ab hier übernehmen wir die Sache! Sie können in ihrem Bericht schreiben, dass sich sämtliche Verdachtsmomente als Irrtum herausstellten!"

Weiter hinten am Tisch, sprach einer der anderen Männer in ein überdimensioniertes Funkgerät: "Göthe an Faust, Göthe an Faust... ihr könnt die Geräte abbauen der Test hat funktioniert, Zeitverschiebung wie geplant exakt 45 Jahre!"


Donnerstag, 5. November 2015

mein tägliches Brot gib mir heute

Ich soll euch also von meinem Alltag erzählen...Ja, Reisen, damit verdiene ich mein tägliches Brot. Da die Schweizer eines der reiselustigsten und gleichzeitig eines der sicherheitsliebendsten Völker auf der ganzen Welt ist, bricht der Ansturm auf das Tropeninstitut nicht ab. Obwohl wir wohl nur einen Bruchteil der Travellers sehen, ist das Wartezimmer vor dem Beratungsraum kaum je leer. Als ich als Assistenzärztin in der reisemedizinischen Beratung anfing, ging ich davon aus, dass ich den andern neun Beratern bloss die Kunden wegnehme (ausgenommen vielleicht in der Hochsaison), doch bald durfte ich merken: es gibt keine Hochsaison fürs Reisen mehr, jeder reist und das zu jeder Zeit. Nicht selten arbeiten wir zu zehnt und machen dennoch 2 Stunden Überzeit. Der Arme, der Schlussdienst hat sogar länger, weil er noch auf der Impfstation helfen muss, bis der letzte Kunde gegangen ist. Wie auch immer, wider meiner Erwartungen ging uns die Arbeit nicht aus und wir konnten sogar noch drei weitere Berater im letzten Monat einstellen.
Schon früh wurden meine Schwester und ich von meinen Eltern in die allherbstlichen Fernreisen eingeladen. Auf den ersten Reisen war stets ein Koffer für Windeln reserviert. Wir waren dem Schnuller noch nicht entwachsen und hatten bereits die Dominikanische Republik, die Kanaren, Asien und anderes gesehen. Diese Reiselust ist wahrscheinlich von meinem Grossvater mütterlicherseits vererbt worden, der mit etwa 20 Jahren und null Geld auf einem Frachtschiff ab nach Kanada gereist ist. Bei meiner Mutter äussert sich das Fernweh eher im Rahmen von zwei- bis dreiwöchigen Hotelferien in der Wärme und Sonne, während der von ihr (und mir) so ungeliebten Herbst-/Wintertage hier in der Schweiz.
Flughäfen gehörten also seit jeher zu Orten, wo ich mich äusserst wohl fühlte und fühle. Ich finde, es herrscht dort immer eine Aufbruchstimmung im positiven Sinne: Die Mehrheit ist gespannt, voller Vorfreude oder gesättigt von verlebten schönen Erinnerungen. Es ist für mich der Notausgang aus dem Alltag, eine Eingangspforte zu einem andern, spannenden Leben. Ich könnte mich im Schwärmen verlieren und gelegentlich fahre ich, wenn ich ein wenig dem Alltagstrott entfliehen möchte, zum Zürcher Flughafen. Dort rätsle ich dann vor mich her, wo die Leute wohl so hinreisen und wie sie ihren Urlaub dort verbringen...ich reise wohl im Herzen ein bisschen mit. Meist kehre ich dann mit eine beschwingten Gefühl nach hause. Nun, da mir diese Stelle in den Schoss gefallen ist, kann ich tagtäglich ein wenig fortfliegen...ich komme überall hin, mache jegliche Form von Urlauben von Hotel bis Zelter in Gedanken mit und darf hin und wieder an Erlebnissen von vergangenen Reisen teilhaben. Von aussen betrachtet, erscheint mein Job zwar langweilig und eintönig, aber mein Reiseherz blüht und das erste Mal seit langem quält mich im Winter hier nicht mehr das Fernweh. Das liegt allerdings nicht zuletzt auch daran, dass ich endlich auch ein zuhause gefunden habe, in dem ich Kraft tanken kann, ich bin nicht mehr auf der verzweifelten Suche nach Heimat, sondern vielmehr auf Entdeckungsreise ohne Drang nach dem Fort. Weg, ja; nie mehr zurück, nein. Das verdanke ich nicht zuletzt ganz besonderen und wundervollen Freunden (an dieser Stelle ein grosses Danke aus tiefstem Herzen) und einigen glücklichen Zufällen in letzter Zeit. Der Himmel scheint mir, nachdem ich ihm so oft entgegengeflogen bin, auch hin und wieder zu mir zu kommen...