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Zitat des Monats

Wenn der Wind des Wandels weht, bauen die Einen Schutzmauern, die Anderen bauen Windmühlen.

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Liebe Schreibende

In unserer hektischen Welt, dominiert von High-Speed-Rechnern, Zeitmangel, Medien, Facebook und Leistungsdruck, versuchen wir uns hier eine kleine Insel der Besinnung zu erhalten. Sich einmal im Monat in Ruhe niederzusetzen, sich mit einem Thema eingehend zu beschäftigen und dann die passenden Worte zu finden, um seine Gedanken mit anderen zu teilen, erscheint mir dabei ein geeigneter Weg, aus dieser Alltagshektik auszubrechen.

Sollten wir innerhalb eines Jahres genügend Beiträge beisammen haben, werde ich diese zusammentragen und in Buchform drucken lassen. So hat man dann Ende Jahr ein schönes Büchlein zur Hand - zur Erinnerung, oder als Geschenk zu Weihnachten, oder auch, um die Heimbibliothek mit einem eigenen Werk etwas auszubauen.

Dann also viel Spass beim Schreiben!

Eilean

Montag, 30. November 2015

Kernspaltung


Hilfe! Bitte, hilf mir doch! 
Ich sitze da, bin verzweifelt. 
Die nur allzu bekannte süsse Stimme der Schlange säuselt mir ins Ohr, dass ich doch gar nicht da sein möchte: 'Du willst zuhause sein, da kannst du alles tun, was dich doch glücklich macht. Dort kannst du dir unabhängig von andern Zuneigung schenken'. Vor meinem geistigen Auge sehe ich mich alleine in meinem warmen Bett, ein Stück Schokolade in der Hand, fernsehsehend. Ein Teil lächzt nach diesem altbekannten Ritual - welches mir tatsächlich das Gefühl von Zuneigung und Wärme gibt-, der andere Teil sucht verzweifelt nach Gründen, um aus diesem mir doch so leiden Muster auszubrechen, denn jene Gefühle sind eigentlich nicht wahr und niemals langfristig befriedigend.
Ich werde hin- und hergeworfen, verliere den Boden unter den Füssen, kann nicht mehr klar denken! 
Hilfe! Bitte, hilf mir doch! Ich will einfach nur, dass es vorbei ist.
Ich schaue ihn an, wünschte, er könnte mir tatsächlich helfen, aber er tut nichts, was mir Halt gäbe - warum sollte er auch und woher wüsste er, was machen, wenn nicht mal ich es selbst weiss, wie er mich unterstützen kann?
Diese Chance wird von der Schlange gepackt und sie macht mir vor, dass ich glücklich wäre, wenn ich nach hause ginge. Verzweifelt greife ich nach diesem einen Grashalm: Endlich erscheint es mir einfach, Erleichterung macht sich in mir breit: Wenn ich nach Hause gehe, habe ich es allen recht gemacht - ich war mit ihm zusammen und am Ende wieder mit der Schlange...beide sind dann doch zufrieden. Perfekt, ich konnte also doch eine Brücke schlagen zwischen den beiden Welten, meinen beiden Lieben. Diese Erkenntnis macht mich glücklich und ich schaue endlich klarer mein Gegenüber an. Aber ich muss feststellen, dass es ein Trugschluss war. Ich sehe Enttäuschung, Wut und Unverständnis. Vorbei ist's mit der Erleichterung! 
Er sagt mir nüchtern, dass es so nicht funktioniert, wir sind zu verschieden und man kann mir nicht helfen, man kann mich nicht ändern...
Mein Innerstes zerreisst es: Der düstere, kranke Teil atmet auf, als sei er eine grosse Last los, aber das Gesunde in mir, mein wahres Ich, könnte vor Schmerz weinen. Nicht nur ich gehe an dieser Zerrissenheit zugrunde, vielmehr zerstört sie mein Umfeld. Das Gift der Schlange tötet jegliches Leben, sämtliche Liebe um mich herum ab und betäubt mich so, dass ich es gar nicht mehr wahrnehme. Mein Ich kommt mir mehr und mehr abhanden, je öfter ich mich auf die Schlange einlasse. 
Ich will das nicht mehr...lieber sterbe ich. Ich will alles versuchen, diese Schlange loszuwerden. Wie ein trotziges Kind entscheide ich mich, Mut zu haben, das Unbekannte zuzulassen und zu bleiben. 
Ich hoffte, nun sei alles wieder gut - aber nichts ist gut. Ich fühle mich wie ein Fremdkörper, sowohl an diesem Ort, als auch in mir selbst...Ich bin sooooo einsam, fühle mich so unverstanden und kann mich selbst nicht verstehen. Wer bin ich? Was bin ich? Wo bin ich? 
'Du hast alles falsch gemacht, wärst du heim, könntest du frei und unbeobachtet tun, was du möchtest - wärst wenigstens du zufrieden! Jetzt ist er unglücklich und du fühlst dich auch schlecht! Du hast alles vermasselt! Du bist so unfähig, ohne mich bist du nichts! Wenn du dich gegen mich stellst, fällt deine ganze Welt zusammen und du bist nur noch nichts!', giftet die Schlange zornig und sie hat ja recht.
Ich versuche zu schlafen, dann wird dieses Hin und Her ja vielleicht erträglicher, aber es geht nicht...Die Schlange schnürt mir die Kehle zu, als wolle sie mich bestrafen und er schläft neben mir, als wäre ich nicht da. 
Hilfe! Bitte, hilf mir doch! Mach, dass alles einfach vorbei ist!
Irgendwann falle ich in einen unruhigen, hitzigen Schlaf. Als ich am Morgen aufwache, fühlt es sich so an, als hätte ich ein sehr wertvolles, zerbrechliches Glas fallen gelassen und es irreparabel kaputt gemacht. Grosse Traurigkeit und Einsamkeit erfasst mich, gleichzeitig tanzt ein Teil von mir, als wäre er aus einem Gefängnis entlassen worden. Verzweifelt merke ich aber, dass es der vergiftete Teil ist, den ich mich weigere als den meinigen anzuerkennen.
Auf dem Heimweg erkenne ich immer deutlicher, dass es demnächst zu einer Trennung kommen muss! Entweder vom Gift, von dem ich so lange schon abhängig bin oder von dem Mann und den Gefühlen, die er in mir weckt, die ich seit Ewigkeiten tief vergraben habe. Wenn ich frei entscheiden könnte, würde ich mich gegen die Schlange entscheiden, ich bin überzeugt, dass das Leben dann mehr Leben wäre...aber habe ich den Mut dazu? Bin ich noch genug Ich, um tauglich für ein solches Leben zu sein? Und noch viel wichtiger: wie viele Chance bekomme ich noch? Ich kenne die Schlange nun schon lange genug, um zu weissen, dass es nicht das letzte Mal gewesen sein wird: Die Schlange wird sich wieder und wieder in einen unerbittlichen Kampf begeben und mit hinterhältigen Tricks versuchen, mich auf ihre Seite zu ziehen...Aber ich weiss auch, dass ich zu zweit bessere Chancen habe, als allein.
Hilfe! Bitte, hilf mir doch!

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