Eine Unfreiwillige Reise in ein unbekanntes Land
Die Autobahn war frei, aber gerade das war es, was ihm so zu schaffen machte. Es gab nichts, was ihm und seinen Augen Abwechslung verschafft hätte - einfach um ihn wach zu halten. Kein anderes Auto, keine Lichter nichts... nur immer die Mittelstreifen, die durch die Scheinwerfer erhellt wurden. Einmal kam ihm auf der Gegenseite ein Auto entgegen, es war irgendwann zwischen 2:00 und 3:00h in den Kasseler Bergen auf der A7 in Richtung Hamburg.
Eric wurde aufmerksam, weil der Fahrer da drüben ständig aufblendete. Das nervte! Warum machte der das? Gibt es etwas vor ihm, vor dem er gewarnt werden sollte? Dann bemerkte er, dass er das Fernlicht eingeschaltet hatte. "Oh, sorry!" Dachte er und schaltete das Fernlicht für den kurzen Moment aus, den es noch brauchte, bis der Wagen drüben an ihm vorbei war.
"Ich glaube ich sollte am nächsten Rastplatz mal rausfahren" Eric gähnte tief, dann fuhr er laut fort: "Ich brauche einen starken Kaffee!"
Normalerweise half das immer, wenn er mit sich selbst sprach, aber heute war er einfach zu müde.
Eric befand sich auf der Reise zu seinen Eltern, die in Mölnlykke bei Gøtheborg lebten. Eric ist Schwede, studiert aber an der Uni in Freiburg.
Es war Anfang November und die kalte Feuchtigkeit in den Tälern der Kasseler Berge schlug sich in der Luft als dichter Nebel nieder.
Als Eric über die Kuppe eines der Hügel fuhr, erwartete ihn plötzlich eine weiße Wand aus winzigen Wassertröpfchen.
"Scheiße! Wenn diese Suppe dichter wird, komm ich morgen zu spät zur Fähre!"
Eric musste unbedingt um 14 Uhr in Fredrikshavn in Dänemark sein. Er hatte die Stena Line Fähre fest gebucht, das sparte ihm immerhin 50%, hatte aber den Nachteil, dass er unbedingt dieses Schiff bekommen musste.
Gerade flog ein Schild an ihm vorbei "Rasthof Göttingen", "15 KM"
"Da fahre ich mal raus..."
Der Nebel wurde immer dichter und er wurde genötigt noch weiter mit dem Tempo herunter zu gehen. Es war fast unmöglich etwas zu sehen. Er fuhr nur noch 20 KM/h.
Nach einer geschätzten Ewigkeit erreichte er endlich die Ausfahrt, an der er fast vorbei gefahren wäre, denn eigenartigerweise war es nur ein sehr kleines Hinweisschild, dass auch in diesem Nebel nur sehr undeutlich zu erkennen war.
Er steuerte den Wagen an ein paar Oldtimer LKW´s vorbei in Richtung Restaurant.
"Komisch..." dachte er... "ist aber wenig los hier..." Er hatte erwartet, dass die Parkplätze völlig mit LKW´s überfüllt wären, die hier ihre Nachtruhe verbrachten, so wie es ja das Gesetz in Deutschland vorschrieb. Aber stattdessen schien hier ein Oldtimertreffen veranstaltet zu werden, denn die wenigen Fahrzeuge die hier parkten, waren schon sehr in die Jahre gekommen.
Er parkte seinen fast neuen Volvo V40 gleich neben dem Eingang zum Restaurant. Eric studierte in Freiburg Master of Sience, hatte als Student nicht viel Geld, aber sein Vater arbeitete bei Volvo in Mölnlykke und hatte daher immer die Möglichkeiten sehr günstig an fast neue Fahrzeuge heranzukommen.
Beim Aussteigen fiel Erics Blick auf das alte Auto neben ihm.
"Schon erstaunlich wie klein die Autos damals waren..." dachte Eric und er sah sich den alten Wagen etwas genauer an. "Audi 60" Eric musste lachen, "...wenn der Fahrer die Audis von heute sehen würde...!" Mit einem Lächeln auf den Lippen betrat er das Restaurant, in dem nur im hintersten Eck drei LKW Fahrer sassen und Karten spielten.
Sofort fiel ihm unangenehm auf, dass die drei Männer rauchten und der Qualm sich in der Gaststube ausbreitete.
"Eigenartig, und wie das hier aussieht... total vergammelt und irgendwie altmodisch..."
Eine etwas müde junge brünette Bedienung blickte in seine Richtung.
"Kaffee?" Fragte sie genervt
Eric lächelte sie an und entgegenete: "Ja bitte, extra stark! Sagen sie mal, ist das nicht verboten?" Er zeigte in Richtung der LKW Fahrer.
"Was soll verboten sein? Karten spielen?"
"Nee Rauchen!"
Sie lachte herzlich "Sie sind ja ein Witzbold! Warum sollte das denn verboten sein?"
"Naja... das ist ja schon ein ganze Weile so... dachte ich"
"Hahaha... ich weiß ja nicht, wo sie herkommen, aber hier ist das noch nicht verboten!"
Eric wunderte sich. Es war alles schon komisch... die ganze Atmosphäre hier... die alten Autos draussen, die altmodische 60er Jahre Deko und Möbel... und Raucher in einer Raststätte?"
"Macht Einsfuffzich!"
"Wie bitte?"
"Einsfuffzich der Herr!"
"Entschuldigen sie bitte, ich habe sie nicht verstanden!"
"Sie kommen wohl wirklich nicht von hier... Eine Mark Fünfzig kostet der Kaffee!"
"Mark???"
"Sagen sie mal... von so weit her können sie ja wohl nicht kommen... Deutsche Mark der Herr! Sie sind hier in Deutschland und da bezahlt man schon lange mit Mark, oder mit was wollten sie bezahlen?"
"Mit Euro natürlich...!"
"Euro?" Jetzt lachte sie richtig los und rief den LKW Fahren zu: "Heh Männer, kennt einer von euch ein Land, wo man mit Euro bezahlt?"
Die Männer guckten sich ungläubig an. Einer zuckte mit den Schultern und meinte, "Neulich hab ich mal was in der Zeitung gelesen, die wollen in der EG eine gemeinsame Währung einführen!"
"Was? Sind die noch ganz bei Trost? Wo kommen wir denn da hin? Und wie wollen sie das anstellen?" Im Nu war unter den LKW Fahrern eine heftige Diskussion entbrannt.
"Also, egal, ich bekomme jedenfalls eine Mark Fünzig von ihnen!"
Eric lachte. "Sie.... jetzt verstehe ich, ich bin hier wohl in Dreharbeiten zu einem Film geraten, oder es ist diese komische TV Show...."
"Film? Nee mein Guter, hier sind sie einfach nur in Göttingen und ich bekomme jetzt endlich meine Mark Fuffzich, bevor der Kaffee kalt ist und sie mir nur noch die Hälfte bezahlen wollen!"
"Sagen sie mir bitte, welches Datum ist heute?"
"Sie sind wohl leicht verwirrt? Sie sollten sich erst einmal gründlich ausschlafen! Heute ist der 10. November 1970!"
Eric setzte sich... legte zwei 2 Euro Stücke auf den Tresen und atmete tief durch.... Er fragte sich, ob er tatsächlich unter den Erscheinungen einer extremen Müdigkeit litt.
In diesem Moment betrat ein uniformierter Mann den Gastraum.
"Wem gehört das seltsame Fahrzeug draußen vor der Tür?"
Eric blickte auf und betrachtete den Uniformierten. Offensichtlich war es eine Polizeiuniform, denn Polizei stand auch auf seiner seltsamen blaugrauen Lederjacke. Und eine Pistole, hatte er auch.
"Wenn sie den neuen Volvo meinen? Dann mir! Warum?"
Plötzlich fuhr die Bedienung dazwischen: "Gut das sie kommen Herr Wachtmeister! Das ist schon ein seltsamer Vogel, schauen sie mal, der wollte hier mit zwei falschen Münzen seinen Kaffee bezahlen...!"
Der Polizist betrachtete die Euro Stücke misstrauisch, kam dann zu Eric, beugte sich zu ihm herunter und raunte: "Jetzt hör´n sie mir mal zu, ich werde sie jetzt auf die Wache mit nehmen und ich erwarte, dass sie sich kooperativ benehmen, es müssen doch nicht gleich Handschellen sein, oder?"
"Was? Ich verstehe nicht... Ich wollte doch nur einen Kaffee trinken, ich hab doch gar nichts getan und wenn ich hier irgendwie in Dreharbeiten hereingeplatzt bin, dann verzeihen sie bitte, ich gehe auch gleich wieder, ich will keinen Ärger!"
"Ärger? Na also den haben sie schon, erst die falschen Nummernschilder, dann das Falschgeld... Junge, sie befinden sich in ernsten Schwierigkeiten!"
"Aber ich verstehe das alles nicht. Irgendwas geht hier gründlich falsch... ich fuhr heute Morgen am 09. November 2015 ganz normal in Freiburg los und möchte einfach nach Hause... ich bin doch kein Verbrecher! Und dann sagt diese Dame hier, wir hätten das Jahr 1970 und so langsam glaube ich das auch, aber wie? Ich verstehe das einfach nicht...?"
Langsam näherte sich einer der LKW Fahrer fast unbemerkt von hinten.
Als der Polizist ihn bemerkte zog der Fahrer eine Marke an einer Kette aus der Hosentasche.
"Bundesnachrichtendienst!" Sagte er bestimmt und fuhr ohne ein Gegenargument des verdutzten Polizisten abzuwarten fort: "Ab hier übernehmen wir die Sache! Sie können in ihrem Bericht schreiben, dass sich sämtliche Verdachtsmomente als Irrtum herausstellten!"
Weiter hinten am Tisch, sprach einer der anderen Männer in ein überdimensioniertes Funkgerät: "Göthe an Faust, Göthe an Faust... ihr könnt die Geräte abbauen der Test hat funktioniert, Zeitverschiebung wie geplant exakt 45 Jahre!"
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