Liebster Tom,
Entschuldige, dass ich Dir erst wieder so spät schreibe. Ich
war auf einer längeren Reise.
Auf einer Reise in ferne Länder. Auf einer Reise zu mir
selbst.
Ich würde Dir so gerne erzählen, was ich alles erleben
durfte. Ich habe so viele schöne, traurige, atemberaubende, faszinierende
Bilder in meinem Kopf.
Ich sehe so viele Gesichter von so vielen Menschen in meinem
Kopf. Ich sehe wie sie vor mir stehen. Wie sie aussehen. Gross und klein. Und
ihr Gesicht. Ich sehe ihre Gesichter. Ihre Augen. Der braungebrannte Teint. Das
Lachen. Der traurige Blick spiegelt von mir in ihnen. Die grossen Kinderaugen.
Sie schauen nicht traurig. Sie sehen mich verwundert und belustigt an. Sie
freuen sich, wenn ich ihnen etwas in die klitzekleinen Hände drücke. Sie
lächeln mich an. Ohne, dass ich einen Vorwurf,ohne dass ich ein Urteil spüre.
Sie wirken ohne Vorurteile auf mich. Diese Grossen braunen, glänzenden,
schmutzigen Kinderaugen. Diese kleine geöffnete bettelnde Hand. Ich halte sie.
In meinen beiden Händen umarme ich die kleine Kinderhand. Es bricht mir das
Herz. Das Bild brennt sich in meine Netzhaut. Ich kann und möchte sie niemals
mehr vergessen.
Sie alle sind meine Reise. Sie alle sind mein Glück. Sie
alle sind eins in mir. Ich habe sie in meinem Kopf. In meinen Gedanken.
Und ich sehe die vielen Orte. Ich sehe das Meer. Das Blau in
Blau. Ich spüre den heissen Sand. Ich rieche die Luft. Ich sehe das Grün der
Wälder. Das Eis der Gletscher. Ich sehe die Berge und die vielen zurückgelegten
Kilometer. Ich sehe die Wolken und den Himmel und den Mond.
Ich sehen den Reichtum und die Armut. Ich sehe das sterile,
weissgehaltene Wohnzimmer und die Körper die in der Einbuchtung der Strasse im
totalem Dreck schlafen. Ich sehe die vielen Tiere. Die vielen toten,
überfahrenen Tiere am Strassenrand. Die vielen kranken Hunde die mir nachlaufen
und mit denen ich mich so verbunden fühle. Ich sehe die geputzten und
gestriegelten Vorstadtköter. Die aussehen als wären sie frisch gebadet. Ihr
Fell ganz weiss und das Halsband piekfein. Es scheint als wäre ihr Blick ein
anderer.
Ich sehe die humpelnde Hündin und wie sie aus
meiner Hand am heissen Strand das Wasser trinkt. Wie sie mich am Abend
wiedererkennt, an der Strandpromenade mir nachläuft und sich neben mich zum
schlafen legt.
Ich sehe die vielen Tempel und Kirchen. Ich sehe die
unterschiedlichsten Menschen beten. Ich sehe wie sie glauben. Alle gleich und
doch so anders. Ich spüre die gleiche Hoffnung und die Wünsche. Ich spüre die Stille und höre die schönen Gesänge.
Ich sehe meine drei Reisebegleitungen. Jede besser als die
andere. Die blonden langen Haare meiner Schwester. Die vielen schönen Kleider
und der übergrosse Rucksack. Die Kippe immer zur Hand und stets die Ansage.
Warte ich muss noch zuerst eine Rauchen.
Die schwarzen, liebevollen Augen von Basil. Die vielen
Witze. Die ständige Abenteuerlust. Immer
das Steuerrand in der Hand. Immer ein neuer Flyer irgendwo gehortet.
Und die grünen Augen von Pepe. Die grünen Augen im goldenen
untergehenden Sonnenlicht. Der Fotoapparat in der Hand und die Kippe im
Mund. Die Haut jeden Tag ein wenig mehr
Milchschokoladenbraun.
Mein Gott lieber Tom. Was habe ich alles gesehen. Was habe
ich alles erlebt. Ich kann mich so glücklich schätzen. Ich wünschte mir Du
wärst dabei gewesen. Ich wünschte mir Du hättest Dich entschieden noch ein
wenig zu bleiben. Ich nimm Dich
mit, überall wo ich bin ist auch ein Teil von Dir.
Wir werden uns wiedersehen....
schön
AntwortenLöschenDanke Dir.
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