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Zitat des Monats

Wenn der Wind des Wandels weht, bauen die Einen Schutzmauern, die Anderen bauen Windmühlen.

Chinesische Weisheit

Willkommen!

Liebe Schreibende

In unserer hektischen Welt, dominiert von High-Speed-Rechnern, Zeitmangel, Medien, Facebook und Leistungsdruck, versuchen wir uns hier eine kleine Insel der Besinnung zu erhalten. Sich einmal im Monat in Ruhe niederzusetzen, sich mit einem Thema eingehend zu beschäftigen und dann die passenden Worte zu finden, um seine Gedanken mit anderen zu teilen, erscheint mir dabei ein geeigneter Weg, aus dieser Alltagshektik auszubrechen.

Sollten wir innerhalb eines Jahres genügend Beiträge beisammen haben, werde ich diese zusammentragen und in Buchform drucken lassen. So hat man dann Ende Jahr ein schönes Büchlein zur Hand - zur Erinnerung, oder als Geschenk zu Weihnachten, oder auch, um die Heimbibliothek mit einem eigenen Werk etwas auszubauen.

Dann also viel Spass beim Schreiben!

Eilean

Samstag, 2. November 2019

Schloss Reichenstein - Kap. 2

Roberta saß auf der Gartenmauer und leckte sich ihre Vorderpfote. Sie leckte und leckte, bis sie so weiß glänzte wie eine polierte Kloschüssel. 
Ein paar Meter neben ihr, auf der Terrasse, versuchte Tim einen Ball zu jonglieren. Er ließ ihn  auf seinem rechten Fuß tippeln. Gelegentlich schielte Roberta zu ihm hinüber und beobachtete aus dem Augenwinkel, wie er den Ball springen ließ. Manchmal zwei Mal, manchmal drei Mal. Einmal sogar viermal hintereinander. 

«Nicht schlecht», dachte sich Roberta. 

«Wo wohnst du eigentlich», fragte Tim schließlich, nachdem er sich seinen Ball unters T-Shirt geklemmt und neben Roberta aufs Mäuerchen gesetzt hatte. 

«Auf Schloss Reichenstein.»
«Du wohnst in einem Schloss?», fragte Tim ungläubig und mit weit aufgerissenen Augen. «In einem echten Schloss?»

«So ist es, mein Guter. Keine Hundehütte. Kein Vogelhaus. Sondern ein Schloss. Ein echtes Schoss. Eine echtes, prachtvolles Katzenschloss. Das schönste in nordöstlicher bis südwestlicher Richtung».

«Ein Vogelhaus wäre aber auch cool. Nur schade, dass du keine Flügel hast.»
«Au contraire. Ich habe Flügel. An meinem Flugapparat.»

«Kannst du damit fliegen?»

«Darum heißt er ja Flugapparat.»

«Kannst du damit auch Eier legen?» 

«Also manchmal redest du wirklich Käse», sagte Roberta und schüttelte den Kopf. 

«Können wir dich mal im Schloss besuchen?»

«Auf Schloss Reichenstein empfange ich nur selten Besucher. Außerdem ist meine Dienerschaft gerade auf Urlaub. 

«Egal», sagte Tim. «Wir haben ja auch keine Dienerschaft und du kommst uns besuchen».

«Auch wieder wahr», sagte Roberta. «Aber es ist ein Stück. Und Wenn man nur zwei Beine hat, dann zieht sich`s». 

«Macht nichts», sagte Tim. Dann sprang er auf und lief zu Lilly ans Fenster. Er hatte immer noch den Ball unterm T-Shirt. Darum sah es etwas bescheuert aus, als er damit losrannte. Nach ein paar Schritten rutschte ihm der Ball dann auch noch unten raus und er musste aufpassen, dass er nicht drüber stolpert. Ging der aber gerade nochmal gut. Alles Technik. 

«Lilly. Wir gehen auf Schloss Reichenstein!» 

«Wohin?», schallte es aus ihrem Zimmer zurück. Sie war gerade dabei einen neuen Dance Move einzustudieren. Sie versuchte ihn mit einem Move zu kombinieren, den sie schon kannte. Sie übte und übte. So lange bis es flutschte. 

«Wir gehen zu Roberta nach Hause.»

Lilly ging zum Fenster. «Wo ist das?»

«Ein Stück von hier. Und wenn man nur zwei Beine hat, dann zieht sich`s!»

«Darum brauchen wir mindestens drei Käsesandwiches und einen dreiviertel Liter Milch, als Proviant», ergänzte Roberta. «Außerdem ist Schloss Reichenstein nur am Sonntag für Besucher geöffnet.» 

«Morgen ist Sonntag», sagte Lilly.

«Dann gehen wir morgen», freute sich Tim.

«Na gut», antwortete Roberta. Und nach drei weiteren Mal Pfote lecken sagte sie: «Um Zwanzig nach Fünf vor Zehn hole ich euch ab.»

«Zwanzig Minuten nach Fünf vor Zehn», wiederholte Lilly, verwundert über Robertas eigenwillige Ausdrucksweise. «Das ist Viertelelf.» 

«Genau um zwanzig Minuten nach Fünf vor Zehn geht's los. Seid pünktlich», gähnte Roberta, während sie sich streckte. Eine Minute früher ist zu früh. Eine Minute später ist zu spät. Das ist wie beim Spaghetti kochen. Wenn man nicht genau den richtigen Zeitpunkt erwischt, schmeckt es nicht richtig. 

«Spaghetti scheint sie auch zu mögen», dachte sich Lilly. 
«Jetzt habe ich Lust auf Spaghetti», dachte sich Tim. 
Dann hüpfte Roberta von der Mauer und verschwand in der Wiese hinterm Haus. Hinter der Wiese begann ein Getreidefeld. Noch etwas weiter, hinter den Feldern, begann der Wald. Eine Zeit lang konnte man noch beobachten wie Robertas Schwanzspitze aus dem hohen Gras heraus lugte. Inmitten vieler, kleiner bunter Wiesenblüten, aus violett, weiß, rot und blau. Die schwarze Katzenschwanzspitze bewegte sich durch die Farbtupfer hindurch wie das Fernrohr eines Unterseebootes in einem Wiesenblumenmeer. 

Am nächsten Morgen, pünktlich um zwanzig Minuten nach Fünf vor Zehn, trafen sich die drei an der Gartenmauer. Lilly schaute noch auf ihre Armbanduhr, bevor sie auf die Terrasse traten. Der Zeiger sprang gerade auf Viertel nach Zehn als sie an der Gartenmauer ankamen. Drei Käsesandwiches, einen dreiviertel Liter Milch und ein passendes Schälchen, hatten sie zusammengepackt und vorsichtig in ihren Rucksäcken verstaut. Vorsichtshalber hatte Lilly noch eine Tafel Schokolade und eine Taschenlampe mit eingepackt. Man kann ja nie wissen.

«Bellissima!, sagte Roberta, als Lilly und Tim zur verabredeten Zeit um die Ecke kamen. «Der Ausflug wird euch schmecken. Bon Appétit!». 

Am Ortsrand begann ein Feldweg. Er führte über sanfte Hügel und zwischen Getreidefeldern hindurch. Die drei folgten dem Feldweg bis zu einer Weggabelung, an der sie rechts abbogen. Ein paar Minuten später kam schon die nächste Weggabelung. Dort gab es ein kleines Treppchen, das zu einer Sitzbank hinaufführte. «Zeit für ein Käsesandwich», sagte Roberta und sprang eilig die fünf Stufen zum Bänkchen hinauf. Es waren noch keine zwanzig Minuten vergangen, seitdem sie losmarschiert sind. «Wir sind doch eben erst losgegangen», sagte Lilly. «Möchtest du wirklich schon Pause machen?». «Dazu ein gutes Schälchen Milch», gab Roberta zur Antwort. Obwohl es im eigentlichen Sinn ja gar keine Antwort war. Tim und Lilly schauten sich nur an und zogen die Schultern nach oben. «Naja, egal», sagte Lilly. Und so setzten sich alle drei auf das Sonnenbänkchen. Tim und Lilly holten die Sandwiches und die Milchflasche aus dem Rucksack. Sie nahmen einen kräftigen Bissen und tranken einen guten Schluck. «Wie lange müssen wir noch gehen?», fragte Tim. 
«Dort hinten steht Schloss Reichenstein.» Roberta machte mit ihrem Kopf eine Bewegung über ihre linke Schulter hinweg und deutete mit ihrer Nasenspitzte in Richtung Waldrand. Lilly und Tim drehten mit vollem Mund ihre Köpfe und suchten angestrengt nach Schloss Reichenstein. Nichts zu sehen. 
«Da ist kein Schloss», sagten die beiden einstimmig. 
«Man kann es nicht leicht erkennen. Es ist ein Tarnschloss.»
«Ein Tarnschloss? Was soll das denn sein?»
«Ein Tarnschloss ist ein Schloss, das getarnt ist», sagte Roberta und schlürfte weiter an ihrer Milch. 
«Ich hab`s geahnt», sagte Lilly und nahm auch einen Schluck Milch. Sie trank direkt aus der Flasche. Nachdem sie getrunken hatte streckte sie die Flasche Tim hin. Aber der sprang stattdessen von der Bank, packte sein angebissenes Sandwich zurück in den Rucksack und stürmte drauf los. «Taaaaaarnschlooooooss» rief er, während er in Richtung des Wäldchens rannte. 
«Nicht so schnell, Amigo!», rief ihm Roberta hinterher. «Du wirst dich verirren, wenn du den Wegweiser übersiehst.» 
Daraufhin drehte sich Tim um und rannte fast genauso schnell zurück, wie er drauflos gestürmt war. «Weeeeeegweiser!» rief er diesmal. 
Auch Lilly packte ihr angebissenes Sandwich zurück in den Rucksack. Roberta hatte ihres bereits verputzt und schleckte nur noch das Schälchen aus. Als sie fertig war packte Lilly alle sieben Sachen zusammen und hüpfte auch von der Bank, um mit Tim in Richtung des Wäldchens zu laufen. Hinter der ersten Baumreihe stand tatsächlich etwas, das aussah wie ein Wegweiser. Je näher sie kamen, desto besser konnten sie ihn erkennen.
Als sie ankamen, blieben sie vor ihm stehen. Lilly versuchte zu entziffern, was auf den verwitterten Schildern stand. «Rückseite des Mondes», stand auf dem obersten Schild. Es zeigte in Richtung eines Trampelpfades, der in den Wald hinein führte. «Zeitmaschine», stand auf einem andern. Lilly las laut vor. Auf einem Schild, das von ihnen aus nach rechts zeigte stand «Schloss Reichenstein». Alle drei drehten ihre Köpfe nach rechts. In etwa zehn Meter Entfernung stand ein großer, knorriger Baum, in den eine Baumhütte gebaut war. Es gab noch weitere Schilder, mit seltsamen Bezeichnungen. «Orakel» oder «Flugapparat» stand da drauf, aber Lilly hörte damit auf alle vorzulesen. 
Ein Stück abseits, hinter Schloss Reichenstein, stand ein altes Autowrack. Genau in der Richtung, wo das Schild «Zeitmaschine» hinzeigte. Es war eine alte Schrottkarre, mit platten Reifen, abgeknickter Antenne und abgebrochenen Außenspiegeln. Auf den ersten Blick war gar nicht leicht zu erkennen, dass da ein Auto stand. Es parkte im hohen Gras, umringt von üppigem Gebüsch. Die Schrottlaube könnte früher einmal hellblau gewesen sein. Der Lack war aber schon so stark von der Sonne verblichen, dass man nur noch ahnen konnte, welche Farbe es einmal gehabt haben könnte. 

«Das ist also Schloss Reichenstein?», sagte Lilly und zeigte mit dem Finger in Richtung der Baumhütte. 

«Ausgezeichnete Tarnung, nicht wahr! Geradezu vorzüglich, könnte man sagen.», gab Roberta zur Antwort.

«Geiles Tarnschloss», rief Tim und rannte hinüber.

Sonntag, 6. Oktober 2019

Keine weiteren Bruchstücke

Neira und Felix saßen draussen im Garten. Zwischen den beiden Liegestühlen loderten die Flammen der Feuerstelle. Neira machte sich Gedanken.

«Weißt du, Felix… letzthin hatte mich ein Ex-Freund wieder angeschrieben. Den, mit dem ich von 2010 bis 2012 eine Beziehung hatte. Er hat mir rundheraus geschrieben, er möchte gerne wieder eine Freundschaft genießen, und gerne eine platonische Beziehung führen…»

«Hmmm…», antwortete Felix.

«Ich habe dann nachgeschaut, was denn eine platonische Beziehung ist. In Platons ‹Symposion› schreibt er, die Liebenden sollen sich einander als Philosophen begegnen. Die Wahrheit erkennen, die Wirklichkeit ihrer Beziehung ergründen, höhere und höhere Erkenntnisstufen erklimmen…»

«Hmm…»

«Und da antwortete ich ihm, das sei mir zu viel Aufwand, so eine platonische Beziehung. Und das aufrichtige, tiefgründige Kennenlernen der anderen Person ist mir ohnehin zu intim.»

«Hmm…»

«Aber, Felix, was machen wir eigentlich morgen?»

«Hmm…»

«Felix…»

«Lass mich nachdenken.»

Damit begann sie, einen Teil des Geschirrs in die Wohnung zu räumen. Felix knabberte noch ein wenig, in Gedanken versunken, an einem Pouletschenkel. Und warf den Knochen in die Flammen.

Nach einem kurzen Zischen knackte der Knochen.

Und dann räumte Felix seinen Teil des Geschirrs ab und ging ins Haus.

Neira war schon im Tiefschlaf, als Felix ins Schlafzimmer trat. Seufzend entledigte er sich seiner Kleider, legte sich neben sie, und deckte sich zu.

Und wälzte sich unruhig im Bett.

Er dachte an den Hühnerknochen.

Er zog den Trainingsanzug an, trippelte leise in die Flur hinunter, und verscheuchte die Spinne, die sich in der Ablage gemütlich gemacht hatte und die Stirnlampen beaufsichtigte. Dann trat er in die kühle Nacht hinaus.

«Längs gespalten… keine weiteren Bruchstücke… die Bruchkante ist sehr rau.» Über die physikalische Ursache dieses Bruches machte er sich wenig Gedanken, umso mehr über dessen Form.

Kurz bevor er zu frösteln begann, vergrub er die Knochensplitter im Beet, in welchem die Tomaten wuchsen, und begab sich wieder ins Haus.

Der nächste Tag hatte es in sich. Felix und Neira hatten beide viel zu tun. Neira musste an einer Sitzung über die neue Überstundenregelung teilnehmen, und Felix saß in einer Sitzung über die Umsetzung der neuen Arbeitszeitkontrolle.

Endlich war die Sitzung zu Ende, endlich taumelte Felix müde aus dem Sitzungszimmer hinaus, besuchte die Toilette, wusch sich das Gesicht. Nur nicht müde werden! An die Splitter denken!

Als er endlich draußen war, im Auto saß, notierte er sich eine Einkaufsliste. 600 Gramm Tomaten, zwei Chilischoten – die scharfen, zwei Dosen Bohnen, zwei Zwiebeln, vielleicht noch frischen Knoblauch, Schweinsvoressen, mageren Speck, eine kleine Dose Maiskörner.

Das Kaufhaus hatte noch geöffnet. Und Neira schrieb ihm, es würde noch etwas länger dauern, mit ihrer Sitzung.

Er dachte nochmals an die Knochensplitter. Der längs gespaltene Oberschenkelknochen sagte ihm, dass sich vielleicht eine Trennung anbahnen würde, wenn sie weiterhin so viele Überstunden machen. Wenn sie sich weiterhin so anschweigen, wie gestern abends. Die raue Bruchfläche zeigte ihm: Es würden ebenso raue Zeiten bevorstehen. Er musste handeln. Die ganze Beziehung ist in Gefahr.

Er raste nach Hause, begann zu kochen, fand im Keller den alten Gaskocher, den sie nie gebraucht hatten. Im Garten befanden sich shcon die zwei Liegestühle und die Wolldecken, packte alles ins Auto, und wartete draussen auf dem Sitzplatz.

«Felix…», sagte sie und stolperte in seine Richtung, «Ich bin müde.»

«Wir gehen essen.»

«Essen? Gehen?»

«Ja. Steig ein!»

Am Waldrand kamen sie an, packten den Krempel aus, und konnten dank des vorgekochten Chili con carne – und dank des Camping-Kochgerätes – ziemlich schnell die Mahlzeit genießen. Und, nach einigen Kannen frisch gekochtem Tee, bestaunten sie, wie so oft zu Beginn ihrer Beziehung, den Sternenhimmel. Viele aufgestaute Themen konnten beackert werden, viele neue Ideen erwachten, und sie fanden auch einige Ansätze, um den alltäglichen Sorgentrott einzudämmen.

Einige Wochen später wurden sie unabhängig voneinander von Kollegen angefragt, ob sie für einen sehr guten Freund den Trauzeugen spielen könnten. Die Sache sei streng geheim, wurde ihnen aufgetragen, und für den Nachmittag bräuchten sie ein sehr gutes Alibi.

Sie sagten beide «Ja», als sie sich im Standesamt gegenüber standen.

Nochmals einige Wochen später saß Felix im Garten, mit seinem Laptop, den er anscheinend fast immer dabei hatte.

«Felix, was machst du gerade?»

«Schreiben. Etwas über das Leuchtfeuer. Das ist das Thema dieser, äh, Schreiber. Und ich habe keine Idee, wie ich das umsetzen könnte. Noch gar keine.»

«Aber ich hab dir eine andere Idee.»

«Oh. Welche denn?»

«Schreib doch über diese Hühnerknochen, die bei den Tomaten gefunden habe.»

Samstag, 24. August 2019

Kennenlernen - Kap. 1

Lilly saß an ihren Hausaufgaben. Mathe. Nicht unbedingt ihre Lieblingsbeschäftigung. Zwischendurch tanzte sie den Flow, sortierte Buntstifte und malte kleine, bunte Phantasieblumen, Berglandschaften und Herzchen auf ihre Schreibunterlage. Manchmal legte sich Lilly aber auch einfach mit dem Kopf auf die Schreibtischplatte und schaute aus dem Fenster. Weil es ein sonniger Sommertag war, stand es weit geöffnet. Durch das Fenster blickte sie direkt in die große, grüne Krone eines Kastanienbaumes, der nicht weit vom Haus entfernt stand. Zwischen seinen Blättern schimmerte der blaue Himmel hindurch. Wenn ein Lüftchen durch seine Krone wehte, verschwanden einige der kleinen blauen Himmelsflecke, die zwischen seinen Blättern hindurchschimmerten. Dafür kamen an andere Stelle neue zum Vorschein.

Auf der Terrasse unter ihrem Fenster hörte sie Tim. Ihr kleiner Bruder trug das Trikot der Golden State Warriors und warf ein paar Körbe. Meistens spielte Tim mit anderen Jungs aus der Nachbarschaft Fußball oder Basketball. Manchmal auch mit Papa. Weil Tim aber den ganzen Tag Lust hatte Ball zu spielen, spielte er auch wenn gerade niemand da war, um mit ihm zu spielen. Das machte Tim nichts aus. So konnte er an seiner "Cristiano Ronaldo"-Schusstechnik oder "James LeBron"-Wurftechnik arbeiten.

Plötzlich hörte Lilly eine Stimme: «Kannst du nicht rechnen, oder warum dauert das so lange?» 

Erstaunt richtete Lilly sich auf und ging zum Fenster, um nachzusehen, wer so frech zu ihr hereinrief. Niemand zu sehen. Sie hörte nur das Bam, Bam des Basketballs, den Tim auf den Terrassenboden knallen ließ.

«Wenn das so weitergeht wirst du nie fertig!» 

Schon wieder. Aber es war eindeutig nicht Tims Stimme. Alles was Lilly sah war ein Katze, die auf einem Ast hockte. Niemand sonst zu sehen, der gerufen haben könnte.

Die Katze hatte ein schwarzes Fell und eine weiße, rechte Vorderpfote. Die Vorderpfote war so leuchtend weiß, dass es aussah, als ob sie versehentlich in einen Topf mit frischer weißer Farbe getreten wäre. 

«Wenn du nicht weiter weißt, musst du den Mond fragen.» 

«Krass», sagte Lilly zu sich selbst. Sie traute ihren Augen und Ohren nicht. Eigentlich fühlte sie sich schon zu alt, um an sprechende Katzen zu glauben. Aber die Worte kamen eindeutig aus ihrem Maul.

«Wie kann es sein, dass du sprechen kannst?», fragte Lilly verstört. «Sprechende Katzen gibt es doch nur im Märchen.»

Die Katze richtete sich auf, streckte sich und gähnte. Es war ein langes, ausgiebiges Gähnen. Ein Gähnen, das ungefähr so lange dauerte, wie es braucht, um an einer Fußgängerampel auf grün zu warten, nachdem man auf den Knopf gedrückt hat. Noch bevor die Katze aufgehört hatte zu gähnen, sammelte sich Lilly und sagte:

«Ganz abgesehen davon ist es ziemlich verrückt, was du behauptest. Wie sollte mir der Mond bei Mathe helfen können?»

Die Katze rollte mit den Augen, streifte sich mit der weißen Pfote über ihren Schnurrbart und begann erneut zu sprechen: «Soso», sagte sie, «du unterhältst dich mit einer Katze und behauptest, dass Katzen in Wirklichkeit nicht sprechen können. Das solltest du verrückt finden! Und was den Mond betrifft: Der kennt auf alle Fragen die richtige Antwort. So einfach ist das.»

«Naja», sagte Lilly, mit einem Achselzucken. «In einer Sache muss ich dir Recht geben. Ich unterhalte mich mit dir. Und du bist eine Katze. Also gibt es zumindest eine Katze, die reden kann.»

Siehst du. Wenn man dir auf die Sprünge hilft, bist du ja gar nicht so schwerfällig.» 

«Hey! Schon wieder so eine Gemeinheit. Mir ist einfach noch nie eine sprechende Katze begegnet. Und es hat mir auch noch nie jemand gesagt, dass es sprechende Katzen gibt. Verstehst du nicht, dass es darum schwierig für mich ist, das zu glauben?»

«Na gut. Vielleicht sollte ich nicht so streng mit dir sein.»

«Danke», sagte Lilly.

«Keine Ursache», sagte die Katze. «Machst du mir jetzt ein Käse-Sandwich?»

«Ein Käsesandwich?», fragte Lilly ungläubig.

«Ja. Mit Gurken, Tomaten und einem knackigen Salatblatt. Das wäre überaus freundlich von dir.» 

In der Zwischenzeit war Tim aufgefallen, dass Lilly aus dem Fenster schaute und sich mit irgendwem zu unterhalten schien. Für Tim sah es so aus, als ob sie mit dem Baum redet. Weil er neugierig wurde kam er näher heran, um zu sehen was da vor sich geht.

«Du redest ja gar nicht mit dem Baum», rief er schließlich zu Lilly hinauf, «sondern mit der Katze.»

«Natürlich redet sie mit mir», sagte die Katze von oben herab. «Oder hast du schon einmal einen Baum gesehen, der am Mittwoch mit Menschen spricht?»

«Am Mittwoch? Bist du bescheuert? Bäume können überhaupt nicht sprechen!»

«Was bist du doch für ein ungezogener Junge», sagte die Katze empört. «Du weißt wohl nicht mit wem du sprichst. Hat dir noch nie jemand Manieren beigebracht? Zur Strafe schreibst du fünfundzwanzig Mal: Frau Professor Doktor Roberta von Reichenstein ist nicht bescheuert, sondern hat einen Nobelpreis im Rechnen mit Katzenzahlen und ist darüber hinaus eine angesehene Künstlerin. Und dann schreibst du noch weitere fünfundzwanzig Mal: Bäume reden nur mit Menschen, die den Mond schon einmal von hinten gesehen haben. Außer am Mittwoch, da ist Ruhetag.»

«Was?!», entfuhr es Tim. «Das kannst du nicht machen. Das ist viel zu viel. Ich lerne doch gerade erst schreiben. Außerdem weiß ich nicht was ein Noppelpreis ist.»

«Nobelpreis», sagte Roberta von Reichenstein.

«Nobelpreis“, wiederholte Tim - und knallte dabei den Basketball auf den Boden, bevor er ihn sich wieder unter seinen Arm klemmte.

«Na gut», sagte die Katze, «dann bring mir wenigstens ein gute Schale Milch. Nicht zu warm, nicht zu kalt, laktosefrei und fettarm. Das wird ja wohl nicht zu viel verlangt sein.»

«Mist!», sagte Tim, und schoss seinen Basketball mit dem Fuß über die Wiese. «Aber was soll`s. Immer noch besser als eine viel zu lange Strafarbeit mit komplizierten Wörtern.

Sonntag, 28. Juli 2019

Erinnerungen müssen fortbestehen

«Wir wandern also nach Mürren», sagte meine Freundin.

«Weisst du wie lange wir unterwegs sein werden?»

«Das kommt ganz auf den Ara an», antwortete ich.

«Den Ara? Du meinst, diesen großen Papagei?»

«Ja, einen blau-gelben.»

Sie blickte mich entgeistert an.

«Was tut denn dieser Papagei dort?»

«Vielleicht könnte er uns fressen.»

«FRESSEN?»

Ihre Entgeisterung brach nicht ab.

«David, bist du noch bei Sinnen?»

«Ganz gewiss.»

«Aber dieser Ara...»

«...der ist in der Zwischenzeit sicher gewachsen. Vielleicht ist er heute so groß wie ein Haus. Zermalmt Autos in seinen Klauen. Sitzt auf den Masten und frisst ganze Seilbahn-Gondeln...»

«DAVID!»

«Okay. Ich war als Kind einmal in Mürren. Danach nie mehr. Und die einzige Erinnerung, die ich an den damaligen Besuch habe, ist ein blau-gelber Ara, der beim Eingang des Hotels auf einer Stange saß, und die Hotelgäste begrüßte. Und eben, Erinnerungen müssen fortbestehen.»

Dienstag, 4. Juni 2019

Vegetieren

Fröhlich weinend betrachte ich mein totes Leben, in dem ich mich stagnierend bewege zwischen himmelbetrübt und zutodehochjauchzend. Verloren gefunden habe ich mich in einem trockenen Meer voller ungefühlter Emotionen. Klar verwirrt steure ich ziellos  hin auf eine traumhafte Wirklichkeit.. Verzweifelt hoffend auf ein besseres Jetzt meiner Zukunft ohne schlechte Vergangenheit. Übersättigt vom Hungern giere ich nach Vollkommenheit, wobei derer Erfüllung erstrebenswert unerreichbar ist. Verbindlich entscheide ich mich nicht, weil ich genauen Unwissens bin: Ich will beides von Nichts und nichts von Beidem. Kompromisslos wähle ich also der ungangbaren Weg dazwischen, der temporär all die Wogen meines Seins besänftigt. Dabei betäube ich mich bewusst, schläfre mich lebendig ein. Immer wieder, immer wieder, mehr und mehr, in der Hoffnung, nicht mehr tiefer erwachen zu müssen.
„Sucht ist die Suche nach der Erleichterung von den Lasten des Lebens.“ H.J. Elling

Dienstag, 21. Mai 2019

Abgehoben - unser Wolkendurchbrecher

In der obersten, teuersten Wohnung des Wolkendurchbrechers liess sich Herr H. zufrieden in seinen Le Corbusier Ledersessel plumpsen, ein Glas Moët&Chandon in der Hand. Irgendwo in der Wohnung tropfte noch ein Wasserhahn, aber Herr H. sass schon zu bequem, um deswegen wieder aufzustehen. Stattdessen verspürte er einen leichten Anflug von Ärger über seine Haushälterin. War er denn der Einzige der gute Arbeit leistete? Es war Zeit diese Lina, oder wie sie auch immer hiess, auszuwechseln. Er seufzte und schob den lästigen Gedanken beiseite. Stattdessen lobte er sich selbst: Heute hatte er die Fusionspapiere unterschrieben. Gewiss bei dem Zusammenschluss der beiden Grossunternehmen würden ein paar Stellen gestrichen, aber man musste das ja immer im Gesamtkontext betrachten. Und die Fusion war sowohl für ihn finanziell als auch für seine Firma wirtschaftlich deutlich lukrativer. Also hatte er da wohl allen Grund auf sich anzustossen. Jedoch dämpfte der tropfende Wasserhahn seine Euphorie kurzzeitig, das stete Geräusch nervte Herrn H., daher stellte er kurzerhand seinen Bang&ofluson Fernseher an. Befriedigt schaute er eine belanglose Sendung, ohne einen einzigen Gedanken mehr an das vergeudete Wasser oder einen Blick nach draussen, geschweige denn nach unten zu verschwenden. 
Zur selben Zeit kochte sich nebenan Herr D. sein Nachtessen. Er hatte die Zutaten wie immer frisch von seinem Bauer des Vertrauens geholt – regional-saisonal, das war sein Anspruch und dafür bezahlte er auch gerne einen beträchtlichen Betrag. Ferner achtete er während der Zubereitung der Mahlzeit akribisch darauf, weder unnötig Energie noch Wasser zu verbrauchen. Ja, dies nicht nur beim Kochen, sondern sein ganzer Lebensstil war sowohl gesundheits- als auch umweltbewusst und dafür scheute er weder Aufwand noch Kosten. Als er sein Mahl fertig zubereitet hatte, ging Herr D. damit zufrieden auf den Balkon. Er schaute hinunter und war froh, nie dahin zu müssen. Die Häuser da unten sahen alle so schrecklich klein aus. Mit seiner pingelig ökologischen, biologischen und energietechnisch nachhaltigen Lebensart drückte er seine Dankbarkeit aus, dafür, dass er die Möglichkeit hatte in dieser Höhe zu wohnen aus. Gleichzeitig hoffte er mit seinem umweltfreundlichen und –schonenden Verhalten einen Einsturz des Wolkendurchbrechers verhindern - oder mindestens hinauszögern - zu können. 
Während Herr D. sich mit seiner Tiefenangst konfrontierte und sein Höhenleben wertschätzte, packte in der Nachbarswohnung Herr I. seinen Koffer aus. Er war gerade von einem Einsatz ganz tief unten zurückgekehrt. Es waren intensive 6 Monate gewesen und obwohl er nicht ganz hinunter gehen musste, war es dennoch erneut ein absoluter Lebens- und Kulturwandel, den er dort unten durchgemacht hatte. Jedes Mal, wenn er wieder zu einem Einsatz einbestellt wurde und die vielen Stockwerke nach unten fuhr, war er, in den unteren Stockwerken angekommen, fasziniert und erstaunt von der Vielfalt der Häuser, die es dort gab. Von oben sahen diese nämlich alle gleich klein aus. Erst unten angekommen merkte man, dass es durchaus beträchtliche Höhenunterschiede gab. Es gab viele einstöckige kleine Hütten, neben durchaus stabilen, mehrstöckigen Hochhäusern. Letztere erkannte man jedoch erst unten als solche. Dass er selber eigentlich die Ausnahme war, wurde ihm erst bewusst, wenn er unten wieder feststellte, wie viele – ja so viel mehr – Häuser es unten eigentlich gab. Sein Wolkendurchbrecher, in dem er lebte, war neben etwa zehn oder zwölf andern eigentlich eine Rarität, wohingegen die fünf bis sechsstöckigen Häuser eine deutliche Mehrheit darstellten. Deshalb musste Herr I. immer wieder selber hinunter in die tieferen Geschosse, erst dadurch konnte er sich vergegenwärtigen, in welchem Extrem er wohnte. Es war nicht annähernd normal. Die Menschen in den mehrstöckigen Häusern waren Durchschnitt und immer noch den in den einstöckigen Hütten Lebenden (die ebenso eine deutliche Überzahl gegenüber den Wolkendurchbrecherbewohnern darstellten) deutlich überlegen. Die Tatsache, dass er über dieses Missverhältnis bei jedem Ausflug in diese tieferen Gebiete immer noch erstaunt war, zeigte ihm, dass er diese Erkenntnis noch nicht verinnerlicht hatte. Es würde wohl noch lange gehen - wenn nicht gar nie eintreten - bis aus der Einsicht, selbst eine Seltenheit und Aussenseiter zu sein, Bewusstsein werden würde.
                                                                   ★★★★★
Angelehnt an den Human Development Index, einem jährlich erscheinenden Bericht über die menschliche Entwicklung. Hier fliessen die Lebenserwartung, die Dauer der Ausbildung und das Bruttonationaleinkommen mit ein. Es ist ein Mittel für die grobe Einschätzung des Wohlstands eines Landes. Die Schweiz ist im Rating von 2019 nach Norwegen Nummer 2 – von insgesamt knapp 200 Ländern! Wir sind extrem! Wir sind etwa so überdurchschnittlich, wie die Zentralafrikanische Republik vor dem Niger unterdurchschnittlich ist. Durchschnittlich sind Länder wie Brasilien, Peru, Botswana, Ägypten, Indonesien, Vietnam oder Indien. Deren Lebensstandard repräsentiert viel mehr das, wie es der Mehrzahl der Erdbevölkerung geht. Wir sind ausserordentlich. Wir schauen nach unten und alle Länder wirken ähnlich arm. Dass es dort mindestens genauso grosse Gegensätze gibt, dass es zum Beispiel ein himmelweiter Unterschied ist, ob man in Burundi (Platz 185) oder Tanzania (Platz 154) oder sogar Namibia (Platz 129) lebt, ist wahrscheinlich den wenigsten von uns Abgehobenen, Bodenfernen bewusst. Nicht alle Häuser sind gleich klein oder gross, im Gegenteil, in den Tiefen sind die Differenzen viel ausgeprägter und bedeutender! Natürlich dürfen wir unser Leben in dekadenten Höhen geniessen, sollten aber nicht vergessen, es auch täglich wertzuschätzen, denn es ist alles andere als selbstverständlich und normal!

Freitag, 10. Mai 2019

Alles, was uns nicht umbringt macht uns stark?

Ich sitze allein in meiner Zelle. Ich arbeite, effizient und beflissen - 24 Stunden, ohne Unterbruch. Ich bin ein Workaholic, dazu stehe ich, denn ich verfolge auch ein hohes Ziel: Weltherrschaft. Gewiss, überleben und sich vermehren gehört dazu, aber Expansion, globale Macht, dafür arbeite ich, dafür lebe ich und dafür sterbe ich. 
Ich muss allerdings schon zugeben, dass ich euch Menschen eigentlich auch liebe – besonders die kleinen Kinder, die Erwachsenen etwas weniger. Zum einen durchkreuzen die nämlich eher mittels Erfindung neuer Barrieren meinen Plan und zum andern machen sie mehr Probleme, Komplikationen und sterben schneller. Letzteres ist aber dank meiner rasanten, produktiven Arbeit eher weniger bedeutend. Mit den Barrieren hatte und habe ich schon etwas mehr zu kämpfen. Aber ich bin ja anpassungsfähig und zum Glück seid ihr Menschen - im Gegensatz zu mir – nur sehr langsam, wenn überhaupt, lernfähig. Eure Geschichte zeigt durchaus eine gewisse, dauerhafte Resistenz gegen Lernerfahrung. Darüber bin ich nach wie vor sehr amüsiert. Bestimmt, es gibt immer einzelne Ausnahmen, die dann aber schnell als verrückt abgestempelt werden, hihi...Jaja, wie schon dieser Einkiesel - oder so ähnlich, auf jeden Fall hat es was mit Felsen zu tun - sagte:  Zwei Dinge sind unendlich, das Universum und die menschliche Dummheit. Aber beim Universum bin ich mir noch nicht ganz sicher. Meine Worte! 
Wie auch immer, einfach macht ihr mir es dennoch nicht und ich muss sagen, gerade in den fortschrittlichen Ländern hatte und habe ich häufig zu kämpfen...Aber das macht unser Machtspiel auch erst interessant und spannend. Und das Ende wird dramatisch sein, das verspreche ich! Denn beide von uns können nicht koexistieren: Entweder ihr überlebt oder ich...und wenn wir ehrlich sind, sind meine Chancen wesentlich besser.
So, genug des Geschwafels, zwischenzeitlich habe ich nämlich sehr fleissig gearbeitet und es wird eng in meiner Zelle. Wir müssen ausbrechen und uns verbreiten, expandieren. Ich bin gespannt, wo es meine Abkömmlinge hin verschlägt: Neulich hörte ich von einem, der es bis in die Philippinen geschafft hatte und dank der engen Verhältnisse im voll ausgebuchten Flugzeug – ein wahres Paradies! – war die unaufhaltsame Ausbreitung ein Kinderspiel. Er hat sich in alle Herren Länder verbreiten können, Hut ab.
Also, in meinem Besten Fall auf Wiedersehen!

★★★

Letzter Zeitungsausschnitt vor dem Kollaps, anno 2025
Globales Massensterben bei weltweitem Masernausbruch
Mittlerweile sind die Masern auch pandemisch in den USA – dem bisher noch einzigen masernfreien Land – angekommen. Auch von dort werden nun zunehmende (Todes-)Opferzahlen gemeldet. Europa gilt bereits seit 2 Wochen als unkontrollierbarer Masernherd: In der Schweiz gibt es ebenfalls besorgniserregende Mortalitätsraten. Trotz internationaler und –disziplinärer Zusammenarbeit ist es Forschern bisher nicht gelungen, eine antivirale, kausale Therapie zu finden. Nach wie vor kann unsere hochspezialisierte Zentrumsmedizin nur symptomatisch behandelnd zuschauen, wie sich das Virus unaufhaltsam ausbreitet und auch Menschen dahinrafft, die weder an Immun- noch Altersschwäche leiden.
„Wir arbeiten Tag und Nacht, doch das Virus scheint das aktuelle Forschungstempo überholt zu haben.“, meint Prof. Dr. Georg Heiner, Leiter des Masern Expertenteams des Biozentrums Basel, „Gemäss unseren Berechnungen ist bei der aktuellen Replikationsrate und dem Kontagiositätsindex ein Aufhalten der Verbreitung durch Massenimpfungen und/oder neueren Innovationen nicht denkbar. Wie man am Beispiel Finnland und USA sieht war auch ein Grenzschluss, sprich Länderisolation, nicht ausreichend effizient und früh genug erfolgt. Trotz getroffener hoher Sicherheitsvorkehrungen nach aktuellsten Hygienerichtlinien scheint das Virus Lücken zu finden unsere Eindämmungsmassnahmen zu durchbrechen. Gleichzeitig hat es mittlerweile eine so hohe Pathogenität erreicht, dass es gerade in unserer überalterten Gesellschaft, zu einer überdurchschnittlich hohen Mortalität und Morbidität geführt hat und führen wird. Das sind beängstigende und traurige Tatsachen.
Es bleibt uns allen also vorerst nichts weiter übrig, als sich an die Impf-, Hygiene- und Sicherheitsempfehlungen zu halten und zu hoffen, dass unsere weltweit zusammenarbeitenden Koryphäen der Spitzenforschung und –medizin eine zeitnahe Lösung für die Masernpandemie findet.

Samstag, 27. April 2019

Beruf(ung)

Endlich!
Ich bin auferstanden.
Gefangen war ich
in meinem Tun,
in was ich zu tun geheissen,
in was mich zu tun graute.

Befreiung!
Ich atme frei.
Drei lange Monate
sehnte ich mich nach heute,
nach dem letzten Tag,
nach dem ersten Tag,

Auf geht’s!
Ich wage es.
Ich habe mich der Schienen entledigt,
gehe nunmehr auf offenem Feld,
gehe mit Überzeugung in die Ungewissheit,
auf der Suche nach meiner Berufung.

Dienstag, 29. Januar 2019

Mein gelber Ballon.

Der gelbe Ballon hängt immer noch an meiner Eingangstür. Ich hatte ihn damals als Jugendliche zum Trotz all jener angeschafft, die ungefragt in mein Haus eingedrungen sind und sich ausgetobt haben, ohne Rücksicht auf Verluste und manchmal auf meine Kosten (auch wenn sie das bestimmt nicht gemerkt haben). Er hat mir damals viel geholfen, war mein Lichtblick, mein Glücksbringer, mein Trost...Anstatt meine Wut, meine Trauer oder mein Frust in mich hineinzufressen (was ich zuvor oft getan hatte) oder ihn an andern auszulassen, konnte ich nun meinem Ärger in den Ballon hinein Luft machen...Anfangs bemerkte ich gar nicht, dass ich ihn damit mehr und mehr aufblies - mein gelber Ballon wurde grösser und grösser und gewann immer mehr an Bedeutung für mich, er wurde immer zentraler in meinem Leben. Und je grösser er war, umso wichtiger wurde er für mich...Es wurde zu meiner Pflicht, ja Lebensaufgabe, ihn in Stand zu halten, indem ich ihm bereits am Morgen etwas von meiner Luft zukommen liess, ihn noch ein bisschen mehr aufblies. Das kostete mich zwar Energie, aber das kam mir gerade gelegen - zu oft war meine überschüssige Kraft gerügt, gebremst oder belächelt worden...Nun hatte ich immer weniger (überschüssige) Energie, ich konnte sie in den Ballon stecken, belästigte oder provozierte niemanden mehr damit. Ja, ohne meinen gelben Ballon wäre ich wohl nicht da, wo ich nun bin, ich habe ihm genauso viel zu verdanken wie ich ihm vorzuwerfen darf.
Die Zeit verging, ich wurde erwachsen, mein gelber Ballon stand mir weiterhin treu zur Seite, doch merkte ich nun, dass es mich viel zu viel Energie und Kraft kostete, den gelben Ballon so prall und gross zu halten. Energie und Kraft, die mittlerweile kaum mehr vorhanden war und wenn, dann wollte ich sie mittlerweile immer weniger in die Instandhaltung meines Ballons investieren. Gleichzeitig hatte/habe ich riesige Angst davor, was passieren würde, wenn mein Glücksbringer, mein Verteidiger, mein Zeitvertreiber, mein Beschützer, mein Begleiter nicht mehr da ist...Daher behielt ich die Routine bei, blies meinen Ballon täglich auf, allerdings nicht mehr mit derselben Inbrunst und Überzeugung mit der ich es noch vor einiger Zeit getan hatte. Dadurch wurde der Ballon stetig ein bisschen kleiner, aber er war immer noch sehr bedeutsam für mich und ich wollte ihn auf keinen Fall von der Tür hängen, geschweige denn wegwerfen.
Immer wenn Freunde zu Besuch kamen, erwähnten sie, dass der Ballon doch gar nicht zu mir und meiner Wohnung passen würde, alles viel besser und schöner wäre, wenn ich mich endlich von meinem gelben Ballon trennen würde. Ich gab ihnen offenkundig recht, aber insgeheim verteidigte ich meinen Ballon und blies ihn am Abend nachdem der Besuch gegangen war, wohl zum Trotz, doppelt auf - niemand hatte das Recht, meinem Ballon zu Schaden oder ihn in Frage zu stellen. Niemand, ausser mir!
Und dann kamen die Ferien. In den vorausgegangenen Urlauben hatte ich meinen gelben Ballon dabei und hatte ihn auch in fernen Ländern stets pflichtbewusst aufgeblasen, dass er ja nicht verkümmerte, während ich weg war. Aber diese Ferien waren anders. Ich hatte meinen Ballon zwar dabei, aber ich war so abgelenkt von dem fernen Land, war so beeindruckt von der neuen Umgebung, dass ich schlicht keine Zeit hatte und auch die Kraft nicht investieren wollte, den Ballon aufzublasen. Er war zwar immer noch mit dabei, ich packte ihn stets wieder in den Koffer und nahm ihn mit von Ort zu Ort, aber ich blies ihn nicht mehr täglich auf. Nur hin und wieder hatte ich dennoch das Bedürfnis, ihm etwas mehr Luft zu geben. Je mehr der Ballon verschrumpelte, umso weniger hatte ich dieses Bedürfnis, vergass es selten sogar ganz und umso öfter kam mir der Gedanke, ich könnte den gelben Ballon doch einfach liegen lassen und ohne ihn nach Hause fliegen...Aber schlussendlich traute ich mich das doch nicht...ich nahm ihn wieder mit und hängte ihn treu wieder an meine Eingangstür. Allerdings war er ganz schön schrumplig geworden und damit hatte er sehr an seinem früheren Wert für mich verloren und ich musste ihn nicht mehr jeden Tag aufblasen, das gab mir wieder mehr Luft zum Atmen, mehr Kraft zum Leben. Trotzdem wollte ich ihn noch nicht wegwerfen. Die Tatsache, dass er immer noch da war, beruhigte mich, mich ganz von ihm zu trennen, machte mir noch zu grosse Angst. Dennoch kam mir immer häufiger der Gedanke, dass er womöglich gar nicht so wichtig war, wie ich dachte und ich ihn eigentlich gerade so gut wegwerfen könnte...Es war nur ein Gedanke, aber bekanntlich kann jeder Gedanke der Same eines grossen Baumes sein.
Aber dann kam ein Mann in meine Wohnung - er drang nicht ein, ich liess ihn ein -, der sich sehr über meinen gelben Ballon ärgerte, sich über ihn lustig machte, ihn beleidigte und alles unternahm, dass ich ihn wegwerfen würde. Er konnte seinen Sinn und Zweck nicht verstehen, fand, der Ballon passte weder zu mir noch zu meiner Wohnung und nervte sich über den Kult, den ich um meinen Ballon betrieb. Er machte den gelben Ballon stets zum Zentrum unserer Treffen und befand es für seine Aufgabe, mir klar zu machen, dass ich den gelben Ballon nicht brauchte, wenn ich ihn hatte. Es entstand ein Konkurrenzkampf zwischen ihm und dem gelben Ballon, der mir unverständlich war. Der Mann hatte keine Ahnung von der Geschichte des Ballons, seiner Bedeutung für mich. Das ärgerte mich wiederum sehr und ich hatte das Bedürfnis, meinen gelben Ballon zu verteidigen. Je mehr er ihn angriff, umso mehr blies ich ihn wieder auf, damit er gross würde und auch ihm imponieren würde. Leider imponierte der aufgeblasene Ballon mehr mir als ihm. Dass ich wieder so angetan war von meinem gelben Ballon, gefiel dem Mann gar nicht und irritierte ihn sehr - wer war ich, dass ich mich von diesem gelben Ballon so beeindrucken liess? So hatte er mich wohl nicht kennen gelernt, so eine war ich doch nicht!?! Er wollte, dass ich den Ballon sofort wegwerfe, aber das liess ich nicht zu, insbesondere jetzt, da er wieder so gross geworden war (was mich insgeheim selber ärgerte, aber ich konnte meinem gelben Ballon nicht in den Rücken fallen, wer weiss, was dann passieren würde!?! Ausserdem wäre es nicht loyal und fair gewesen, nach allem, was er mir gegeben hatte. Und weiterhin wollte ich dem Mann auch nicht die Genugtuung geben).
Ein Teufelskreis ist wieder in Gang gesetzt worden, ein Teufelskreis bei dem der gelbe Ballon im Zentrum steht, was alle Beteiligten eigentlich eben grade nicht wollten...
Und meine Lösung? Nach viel Nachdenken bin ich zur Überzeugung gelangt, dass ich umso weniger Bedürfnis verspüre, den Ballon aufzublasen, je weniger Bedeutung ihm meine Umgebung ihm beimisst. Je weniger wichtig er für meine Freunde ist, je weniger sie ihn angreifen und weghaben wollen, umso eher vergesse ich selbst, ihn aufzublasen, muss ihn nicht verteidigen und wieder grösser machen. Und je weniger ich ihn aufblase, umso mehr verschrumpelt er, umso weniger Wert hat er und ich bin sicher irgendwann werde ich mich von dem verschumpelten Ding trennen können - ihn wegwerfen ohne Angst haben zu müssen, dass mein ganzes Leben auseinanderbricht, ich nichts mehr im Griff habe.
Also lasst mir meinen gelben Ballon, zeigt mir, dass es egal ist, ob er hier ist oder nicht, dann vergesse ich auch, dass ich ihn aufblasen muss oder es ist mir dann sogar müssig, ihn aufzublasen...Und dann, irgendwann werde ich mich von ihm trennen können, davon bin ich überzeugt.
Aber wann ich ihn wegwerfe, entscheide ich und das kann kein Mensch, kein Freund, kein Geliebter sonst entscheiden, beeinflussen oder erzwingen.

Samstag, 5. Januar 2019

Eindringen

Die Mücke setzte sich dürstend auf die Haut, sie fühlte den vielversprechenden Puls unter ihren Beinen. Zielsicher stach sie zu und traf sofort auf die sprudelnde Quelle, gierig trank sie, bis sie nicht mehr konnte. Befriedigt zog sie ihr stechend-saugendes Mundwerkzeug aus dem Opfer und flog davon. 
Zurück blieb eine kleine Wunde, die noch für 3 Tage jucken würde.

Das Vampir setzte sich gierend auf den Rücken und krabbelte bis zu der Stelle, wo die pulsierende Ader vielversprechend deutlich zu spüren war. Bedenkenlos schlug es seine Zähne in das Fleisch, grub sie tiefer in das Gewebe, bis das Blut hervorquoll. Es labte sich satt. Trunken nahm es sein Gebiss aus dem Opfer und flog davon. 
Zurück blieb eine Wunde, die noch 2 Wochen schmerzen würde.

Die Spinne umwob begehrlich den Körper im Netz und kam schliesslich an den Ort des geringsten Widerstands. Treffsicher schlug sie ihre Kieferklauen in die Haut, durchbohrte das Gewebe tief und sog, bis sie kraftlos war. Gesättigt liess sie das Opfer los und lief davon.
Zurück blieb ein lebloser Körper, der noch 3 Monate verwesen würde. 

Der Mensch umklammerte begierig das Opfer und kam rasch zur Stelle seines Begehrs. Achtlos drang er ein, tiefer und tiefer, bis sein Verlangen gestillt war. Befriedigt liess er von seinem Opfer ab und ging er davon. 
Zurück blieb eine innere Verletzung, die ein Leben lang nie verheilen würde.