Meine liebe Ana,
nun bin ich ganz am anderen Ort und in der anderen
Person angekommen. Es ist erstaunlich, je mehr ich jener Andere bin, desto mehr
habe ich bisweilen das Gefühl ich selbst zu sein – ist das nicht paradox?
Mir
fällt erst hier auf, dass es in meinem Alltag kaum Zufälle und
Überraschungen gibt. Hier hingegen, außerhalb der gewohnten Bahnungen, fällt
mir laufend etwas Neues und Unerwartetes zu. Durch diesen Aufbruch scheint etwas in
Bewegung zu geraten. Vielleicht braucht das Glück dieses
Gelücke… diese Aufbrüche und Zufälle? Es
kann dadurch eine Vitalität, Wachheit und Ruhe zu Tage treten, die sonst
zugedeckt bleibt unter allzu alltäglichen Gewohnheiten, Verantwortungen und
Verpflichtungen.
Meine Arbeitstage und -Wochen
sind durchgeplant und durchgetaktet. Effizient, schnell und produktiv; auf Zielvorgaben
gerichtet, ergebnisorientiert. Aber: je mehr Zeit ich dadurch einspare,
desto weniger Zeit scheine ich zu haben. Und in der Freizeit? Zerstreuung bis
zum Abwinken! Manchmal glaube ich unsere Zivilisation und Arbeitswelt macht uns
alle verrückt. Und meine Rolle darin? Vielleicht bin ich im Wesentlichen darum
bemüht, diejenigen nicht zu enttäuschen, die erwarten, dass ich bin, der ich schon
immer gewesen war?
Wie auch immer – das
Experiment mit dem Reisepseudonym war aus diesem Grund, so glaube ich, gar
keine schlechte Idee, weil es mir hilft einen inneren Abstand herzustellen. Mir
ist als wenn da etwas aufbricht… vielleicht jenes selbstgewisse Verharren auf
einer bestimmten Auffassung von mir selbst.
Ich bin mir noch nicht
sicher was da passiert, aber es kommt etwas ins fließen… Es wird spielerischer… tänzerischer… nimmt sich selbst nicht mehr
so ernst. Vielleicht erkennt dieses Ich, dass es auch anders sein kann. Vielleicht gibt es ja gar kein für allemal festgelegtes Ego; keinen fixen Kern
einer Persönlichkeit; kein in diesem Sinne „wahres Selbst“, das zu erkennen
wir aufgerufen sind.
Vielleicht verhält sich alles
ganz anders – und ich habe die Möglichkeit, wenn ich nicht mehr etwas Bestimmtes
sein muss, ja dass ich dann alles Mögliche werden kann? Vielleicht. Wenn mich
jemand nach der Wahrheit des Selbst fragt, dann weiß ich es nicht; aber wenn dieses Fließen da ist,
dann weiß ich es... dann fühlt es sich ganz natürlich, unmittelbar und stark an
– so als ob es das Selbstverständlichste auf der Welt wäre, sich selbstvergessen
in der Welt ganz selbstgewiss aufgehoben zu fühlen.
Ich weiß jedoch auch, dass
die Klarheit dieser Wahrnehmung nur sehr selten im Wolkenmeer meines Alltags aufscheint. Jetzt aber ist es da. Es ist weich, weit, offen,
lebendig und kraftvoll. Ist das Freiheit? bin das Ich? Wenn ja, dann ist
es keine Freiheit des Ich, sondern vielmehr Freiheit vom Ich… oder besser – das
frei sein vom krampfhaften Festhalten an jenem kleinen privaten Ego, das sich
ängstlich an seine Vorstellungen, Wünsche und Meinungen klammert, um sich ja
nicht zu verlieren.
Wenn ich darüber
nachdenke, kommt mir immer wieder dieser Elefant in den Sinn. Denn hier in
der Nachbarschaft gibt es eine Familie, die einen Elefanten im Garten stehen
hat. Es ist ein Arbeitselefant – ein mächtiges Tier. Die schwersten Lasten kann
er scheinbar mühelos ziehen oder tragen oder stoßen. Und falls er einmal nicht
gut zieht oder trägt oder stößt, dann bekommt er eins mit dem Stock – bisweilen
sogar mit einem eisernen Haken. Das passiert aber nur sehr selten. Meistens tut dieses große gefügige Tier treu und brav alles, was es tun muss. Am Abend
wird der müde Elefant dann in den Garten vor dem Haus geführt und an seinen
Pflock gebunden. Dieser Pflock ist so lächerlich klein, dass ihn der Elefant
mit Leichtigkeit herausreißen könnte. Ich stelle mir vor, dass er dann in die
Wälder verschwindet, um mit all den wilden Elefanten – von denen es hier eine Menge gibt – durch das weite Land zu streifen. Von Zeit zu Zeit würde er aber wieder am Seeufer auftauchen, um sich mit den anderen Elefanten im Schlamm zu suhlen, zu
baden, zu tränken und ausgelassen mit Wasser zu bespritzen.
Die Leute haben den
Elefanten schon seit dem er noch ein Babyelefant war. Damals konnte er sich
unmöglich von seinem Pflock befreien. Er war noch zu klein. Bestimmt hat er es
unzählige Male versucht. Ich denke er hat sich schon früh daran
gewöhnt, dass er es gewiss nicht schaffen kann, sich zu befreien. Dabei wäre es
für ihn nur ein kleiner Schritt zur Freiheit.
Vielleicht, so frage ich
mich, ist genau das der Grund, warum mir dieses brave Tier so seltsam vertraut
vorkommt...
F.