Erlebnis zum Thema
"ICH"
Von Mikka
Ich will, ich möchte, ich muss, ich
soll, ich brauche, ich werde, ich kann, ich habe, ich bin, ich
denke.... ich, ich, ich...
Wie viele Male am Tag sage ich „ich“?
Wie oft am Tag denke ich zuerst an mich? Wie viele Menschen denken
nur an sich und wie viele Unfälle, wie viel Leid, Tränen,
Enttäuschungen und Trauer könnte erspart bleiben, würden wir
Menschen dieser Zeit ein oder zweimal am Tag weniger an uns selbst
denken, oder uns selbst „verwirklichen“ wollen?
Wie schädlich ist Egoismus?
Um diese Frage zu beantworten, brauch
man nur die Augen zu öffnen und bewusst zu erleben.
Beispiel:
Ort: Autobahn A5, KM 476, Fahrtrichtung
Kassel – Frankfurt am Main kurz hinter der Ausfahrt Friedberg.
Zeit: Sonntag 26. April 2015, 15:18h
Die Skyline von Frankfurt ist
schemenhaft durch die Gischtschleier des von den unzähligen
Autorädern aufgewirbelten Wassers auf der Fahrbahn, gerade noch so
zu erkennen.
Es regnet sehr stark und der dichte
Verkehr erzeugt diese hochgefährlichen Wasserschwaden, denen auch
ein guter Scheibenwischer in der schnellen Einstellung nicht mehr
Herr wird und somit die Sichtverhältnisse so schlecht werden, dass
es die Logik und die Vernunft gebietet, langsamer zu fahren und den
Abstand zum Vordermann zu vergrößern.
Doch das Drängeln, Rasen, Anblinken,
und Drohen endet auch in dieser Situation nicht.
Es scheint, als ob die namenlosen
unzähligen Gesichter hinter den lederumantelten Lenkrädern der
VW´s, Audis, Skodas, Fords, BMW´s, Opels und wie sie alle heißen,
nur ein Sinn und eine Art Gedanken haben: ICH will vorbei! ICH bin
schneller! ICH bin wichtig! ICH habe das bessere Auto! ICH hab es
eilig! ICH ICH ICH....
Man(n) sitzt in seiner Sänfte und
kennt nur den Raum zwischen A und C Säule der Karosserie –
vielleicht noch die paar Zentimeter bis zum Ende der Motorhaube.
So fahren sie, Männlein und Weiblein
gleichermaßen, hektisch springen Füsse zwischen Gaspedal und Bremse
hin und her, Benzin und Diesel werden Literweise durch die
Einspritzdüsen gejagt und umgehend verbrannt. Bremsen erhitzen und
nutzen sich ab.
Bremslichter leuchten weiter vorne
kollektiv und zeitgleich auf.
Warnblinkanlagen dringen durch die
dichten Wasserschwaden und signalisieren, was die vielen Füsse jetzt
dringend zu tun haben.
Plötzlich erwachen die Namenlosen
Gesichter aus ihrem „Ichnebel“. Jäh erscheint eine Wand aus
Bremslichtern und blinkenden Blinkern, aus immer dichter werdenden
Räumen, aus immer kürzer werdenden Abständen und macht jede
Träumerei und jedes Ego gleich.
Egal ob Audi, Mercedes, Toyota, Volvo
und Renault... Die Abstände verkleinern sich rasend schnell und im
Moment des Aufpralls hat auch der letzte „ICH muss“ realisiert,
dass man zu schnell und zu dicht war, dass alles was bis gerade eben
noch wichtig war, plötzlich überhaupt keine Importanz mehr besitzt.
Das Überleben in immer dichter werdenden Fahrgastzellen... Das Weiße
an den Knöcheln der Finger, die sich ums Lederumantelte Lenkrad
krallen und versuchen das eigene Körpergewicht abzufangen...
Aufgerissene Augen... Zum Entsetzen entstellte namenlose bleiche
Gesichter... wenn sie bemerken, dass „Ich“ keinen Platz mehr
habe, dass „Ich“ noch zu schnell bin, dass „Ich keine Chance
mehr habe, den Aufprall zu verhindern.
Der Egoismus in den Fahrzeugen führt
dazu, dass nun Blech zerknittert, Glas zerspringt, Airbags
explodieren, Menschen nach vorne gerissen werden.
Der Egoismus in den Taten der Menschen
führt dazu, dass vielfaches Leid entsteht. Knochen brechen,
makellose Haut zerkratzt und platzt.
Der Egoismus der noch gerade eben so
wichtig war führt dazu, dass Werte zu Null zerschlagen, das Leben
und Zukunft endet, oder verändert werden.
Um mich herum kracht, knirscht,
kreischt und knallt Metall in einander, bevor Totenstille sich wie
eine schwere Decke auf den dampfenden, qualmenden und kaputten
Statussymbolen ausbreitet.
In diesem Moment realisiere ich, wie
weise es war, einen Sicherheitsabstand einzuhalten und den
Sichtverhältnissen angepasst, die Geschwindigkeit gedrosselt zu
haben.
„Ich“ realisiere, dass nur wenige
das gleiche taten. „Wir“ wurden noch Minuten vorher angeblinkt
und beleidigt. Wir waren die „Langsamen“, die „Idioten“...
daher fuhren „Wir“ ganz rechts und darum kamen „Wir“
rechtzeitig und ganz souverän zum stehen. „Wir“ hatten keinen
Schaden. „Unser“ Leben wurde hier nicht gegen unseren Willen
verändert und „wir“ erreichten unser Ziel in Gesundheit.
Es war manchmal schwer, weil man auch
schnell fahren könnte, weil man sich manchmal einfach aus dieser
„Hackordnung“ der Egoisten die in ihren Fahrzeugen nur an sich
denken, befreien möchte. Doch man wird sehr schnell gewahr, dass es
klüger ist, weiter nach vorn und nach hinten zu sehen, sein eigenes
Ego zu überwinden und die eigene Fahrweise zu Gunsten der anderen
anzupassen.
Vielleicht nur ein Beispiel... aber ein
sehr eindrückliches und jähes.
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