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Wenn der Wind des Wandels weht, bauen die Einen Schutzmauern, die Anderen bauen Windmühlen.

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Liebe Schreibende

In unserer hektischen Welt, dominiert von High-Speed-Rechnern, Zeitmangel, Medien, Facebook und Leistungsdruck, versuchen wir uns hier eine kleine Insel der Besinnung zu erhalten. Sich einmal im Monat in Ruhe niederzusetzen, sich mit einem Thema eingehend zu beschäftigen und dann die passenden Worte zu finden, um seine Gedanken mit anderen zu teilen, erscheint mir dabei ein geeigneter Weg, aus dieser Alltagshektik auszubrechen.

Sollten wir innerhalb eines Jahres genügend Beiträge beisammen haben, werde ich diese zusammentragen und in Buchform drucken lassen. So hat man dann Ende Jahr ein schönes Büchlein zur Hand - zur Erinnerung, oder als Geschenk zu Weihnachten, oder auch, um die Heimbibliothek mit einem eigenen Werk etwas auszubauen.

Dann also viel Spass beim Schreiben!

Eilean

Dienstag, 15. September 2015

An H.

Das Leben ist nichts Wert, wenn man niemals versucht, nach der Sonne zu greifen. Den Körper angespannt, das Herz rasend, der Geist blank, die Augen starr hochzuspringen, von den Fingerspitzen bis zu den Zehen gestreckt auf das Licht zu. Das sind die Momente, die schönen Atemzüge, um die herum sich die restliche Lebenszeit sammelt. Wenn dann, für eine unfassbar lange Zeit, für einen Augenblick, das goldene Licht durch die Finger glitzert, wer ist denn dann tot genug, nicht zu glauben? Wer sagt, es sei nicht möglich, wer sagt nicht "vielleicht"? Für einen Augenblick gehört mir die Möglichkeit, wenn ich nur nicht den Blick abwende, wenn ich nur stark genug bin, fest genug springe, den Boden vergesse. Solange ich schwebe, so lange lebe ich. Gut weiss ich, dass es nicht einfach ist, die Sonne in den Händen zu halten. Aber ich weiss, eines Tages, wenn ich hoch genug springe, wenn ich all meine Kraft nehme, wenn ich stark genug bin. Bis dahin habe ich die Ewigkeiten des Schwebens, der Rest rauscht in einem Zug vorbei. Ein Kindertraum.

Kind bin ich nicht mehr, seit langem. Ich sah, wie Blumen welken, Jahr für Jahr, und irgendwann verstand ich; es passiert immer wieder, es welkt und es blüht. Ich sah, wie die Schwalben gingen, wie sie immer wiederkamen, wieder mit den Blumen, doch es kamen nicht immer alle. Auch das verstand ich dann, dass nicht alles immer wieder kommt. Kinderträume.

Ich lebte, und ich sah, sah immer neu, bis man mich fragte: "weisst du noch?" "weisst du noch,was einmal war?" So lernte ich, dass alles älter wird, dass wir den Unterschied zu gestern Zeit nennen. Wusstest du, dass die Zeit Fussspuren hinterlässt? Auf den Blumen, um die Schwalbennester herum, und auf mir. Auch auf mir, ohne dass ich weiss, wer oder was sie ist. Ohne die kleinste Erklärung für mich, sie zu begreifen. Ich habe die Zeit noch nie gesehen, man sagte mir nur, sie sei da, und ich sehe ihre Fussspuren. Sie kommen und gehen mit dem Blühen, mit dem Welken, und man fragt mich, "weisst du noch?" und manchmal weiss ich nicht mehr, oder sehe zu viel, um es noch zu wissen. Und wenn ich nicht mehr weiss, dann ist das vergessen. Es gibt Dinge, die ich sehe, aber nicht wissen kann, und auch Dinge, die ich nicht sehe, aber wissen muss. Manches davon ist wahr, manches echt und manches falsch. "Was ist wahr?" ist aber immer die falsche Frage. Ich weiss nur, was echt ist. Die Blumen, die Schwalben und du, wenn du da bist.

Du siehst, ich bin kein Kind mehr, das alles weiss ich. Ich weiss, dass es weniger Weh tut, wenn man sich auf die Lippen beisst.

Es gibt aber etwas, das habe ich gefunden, einfach so. Es passiert, wenn ich weiss, was wahr ist, es aber nicht glaube. Dann kann es sein, dass die Blumen nicht welken, die Schwalben immer unter dem Dach nisten, die Zeit mit ihren Schritten fortbleibt, dass nach dem Sprung der Boden nicht wiederkommt. Ich glaube, manche nennen das hoffen. Ich mag es nicht benennen. Aber ich weiss, was es ist. Es ist eine Kinderzeichnung, ein Kindertraum. Es ist das Leben, bevor uns die Zeit alt werden lässt, bevor wir müde sind. Der Augenblick, wie er echt ist. Die Blumen blühen, die Schwalben fliegen, die Sonne hell und zum Greifen nah. Deshalb muss ich springen, mich strecken, nach der Sonne greifen. Und wenn, ja wenn ich sie einmal erreiche, dann wird dieser Augenblick bleiben. Immer leuchtend, wie Buntstift auf Papier.

Ich konnte dir nie sagen, dass du die Sonne bist. Ich sah dich und sprang, das Herz rasend, der Geist blank, den Boden vielleicht, vielleicht für immer zu verlassen.

Und nun bläst ein Wind mein Blatt Papier fort, du glitzerst durch meine Finger, der Boden kommt näher.

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