Da stand sie,
die Anmutige, die Stolze, die in königliches Blau Getauchte, Wohlgeformte, Geheimnisvolle,
makellos Schöne. Und nicht unweit von ihr, gleich auf dem Schreibtisch am
Fenster, da lag er – seine scharfen Jahre waren vorüber, aber er war noch gut
in Form. Täglich neu stellte er sich seiner eigentlichsten
Lebensaufgabe.
Seinem Gefährten offenbarte er immer wieder wieviel er für die Schönheit
empfand. Er war – so könnte man sagen – von ihrem Anmut wie verzaubert. Auch
war er stets bemüht sich bei ihr als einen guten Fang zu präsentieren. Er warb
um sie – und tat dies auf uneitle Weise, so dass sie sogar ein wenig Gefallen
an ihm fand.
Während die
schlanke Schönheit um die halbe Welt gereist war, bevor sie diesen Raum mit
ihrer Erotik verzauberte, konnte sich niemand mehr an die Herkunft des
Bleistiftanspitzers erinnern; und keiner wusste so recht wie es zu und her
ging, dass er hier auf diesem Schreibtisch landete. Vermutlich, so wurde
gemunkelt, kam er aus dem kleinen Schreibwarenladen zwei Häuserecken weiter –
womit er allerdings niemanden beeindrucken konnte. Dennoch plauderte die Kerze
gerne mit ihm.
„Ich habe
noch nicht viel von der Welt gesehen“, so gestand er ihr einmal, „aber im Laufe
meines Lebens konnte ich unzähligen Stiften dabei helfen ihre Bestimmung zu
finden und das zu werden was sie sind – sie wurden allesamt gute Schreiber. Dank meiner Hilfe füllten
sie mit ihrem von mir freigelegten und in Form gebrachten Mark ganze Berge von
Papier. Das Papier wiederum wurde vervielfältigt und in Bücher gedruckt. Und die
Bücher wurden von Tausenden, ja von Abertausenden gelesen, studiert und geachtet. Es wird erzählt sie hätten die Welt verändert. Einige Menschen
seien durch sie sogar ein wenig menschlicher geworden.“
„Stimmt das
denn auch genauso wie du es sagst?“ fragte die Königsblaue. „Kann ich mich
darauf verlassen, dass du auf diese Weise zu Ehren kamst?“ „Aber ja, es stimmt
– ganz gewiss. Es ist die Wahrheit!“ Mein Freund der Heftklammernhalter wird dir
das bezeugen; sowie alle, die etwas davon verstehen es bezeugen könnten. Der Heftklammerhalter
jedoch weiß es von allen am allerbesten. Denn es waren seine Klammern, Klammern
aus seinem Bauche, die das Papier zusammenhielten, das von meinen Stiften beschrieben wurde, bevor
es weitergegeben und vervielfältigt und in Bücher gedruckt wurde.“
„Ja, ja,
doch, doch – so ist es“ beteuerte der Heftklammernhalter eilig. „Jedes einzelne
Wort, das der Spitzer von sich gibt ist eine wirkliche Wirklichkeit an der er nichts zu rütteln gibt!“
Das gefiel
der schönen Kerze – und so kam es, dass sie sich dem Bleistiftspitzer gar wirklich
noch ein wenig mehr zugeneigt fühlte, was dem feinsinnigen Spitzer freilich nicht entging.
Und weil sie doch offenbar gefallen an seiner Balz empfand, fasste er sich eines schönen
Tages ein Herz und fragte, ob sie nicht seine Braut werden wolle.
„Mein lieber
Spitzer, du hast gewiss ganz fabelhafte Vorzüge – flüsterte ihm die Königsblaue
vornehm zu, „aber du musst wissen, dass ich schon so gut wie halb verlobt mit
der Elster bin, die täglich auf dem Baum vor dem Fenster hockt und von dort
oben so sehnsuchtsvoll zu mir herüberschaut. Sie hat mir bereits mehr als einen Antrag gemacht. Zwar habe ich bis heute noch keinen angenommen, doch in meinem
Herzen habe ich zu dem prachtvollen Vogel bereits »ja!« gesagt. Denn schau doch nur
wie seine Federn schön glänzen. Das Gefieder schimmert so hübsch bläulich, wenn
das Licht darauf fällt. Wir werden ganz gewiss ein vortreffliches Paar abgeben.
Aber dich, mein lieber Herr Bleistiftanspitzer, werde ich niemals vergessen!“
„Na, da habe
ich aber was davon!“ sagte der Spitzer und wurde darüber sehr traurig. Aber das
Seltsamste war, dass er sie nun noch schöner und begehrenswerter fand als je
zuvor – obwohl sie ihn doch zurückgewiesen hatte.
„Dieser Duft
und diese Linie“ schwärmte der Spitzer dann seinem Freund dem Heftklammernhalter
immerzu vor – „hast du je so einen Duft vernommen und solch eine Linie
gesehen?“ Der Heftklammernhalter hatte es jedoch nicht so mit guten Düften und
schönen Linien. Dafür war er immer sehr zufrieden, wenn er genügend
Heftklammern in seinem Bauch hatte. Aber er schwärmte aus Höflichkeit ein wenig
mit, weil der Bleistiftspitzer sein Freund war – und Freunde meinen es doch gut
miteinander. Dem Spitzer aber war es sehr ernst mit seiner Schwärmerei, weil er die Kerze unsäglich gern hatte und sich nach ihr verzehrte.
„Mich dünkt –
er liebt die Kerze voller Inbrunst“, rief einmal der Brieföffner
herüber, der es gewohnt war sich sehr vornehm auszudrücken. Denn auch ihm
entgingen die romantischen Gefühle des Bleistiftanspitzers nicht.
Eines schönen Tages, als der
Hausherr das Zimmer betrat ging er direkt ans Pult und brachte mit seinem
unerwarteten Auftritt das Geplapper auf dem Schreibtisch jäh zum verstummen.
Er setzte sich nieder und schaute aus dem Fenster – oder einfach
nur Löcher in die Luft. Das war immer schwierig zu beurteilen. Auf jeden Fall nahm
er sich dabei den Spitzer zur Hand und drehte ihn zwischen Daumen und
Zeigefinger wie einen Kreisel. Plötzlich stand er auf, so schnell auf wie er
gekommen war, verließ den Raum mit großen schweren Schritten und ging mit ihm auf und davon. Er nahm
ihn mit in den Keller, wo es dunkel war und der Spitzer sich zu fürchten
begann. „Er wird mir doch wohl nichts antun“, ängstigte er sich. „Am Ende wirft
er mich noch zum alten Eisen – und dann ist es aus mit mir.“
Im Keller
angekommen spannte der Hausherr den Spitzer fest in den Schraubstock, so dass er
sich nicht mehr rühren konnte. Dann griff der kräftige Mann nach einer Feile
und feinem Schmirgel – und Hub um Hub befreite er den Spitzer von seinen
rostigen Flecken. Er schmirgelte, polierte und lackierte ihn bis er aussah
wie ein funkelndes Schmuckstück. Sogar die Klinge hatte er ihm herausgenommen, scharf
angeschliffen und blitzeblank wieder eingesetzt. Der Spitzer fühlte sich wie
neu geboren.
Als er schlussendlich
wieder zurück auf dem Schreibtisch landete – ja da gab es vielleicht einen Wirbel. Geschrei
und Tumult, wie auf dem Marktplatz! Schere und Stifte und Füllfederhalter und
Radiergummi und selbst das Tintenfass, von dem man sonst kaum je etwas zu hören
bekam, plapperten wild drauf los und wollten genau wissen, in welchen
Jungbrunnen ihn der Hausherr denn geworfen hatte. Der Spitzer fühlte sich
Pudelwohl in seiner neuen Fasson und genoss die überschwängliche Aufmerksamkeit
und die schönen Komplimente, die
ihm von allen Seiten zuflogen. Und so ging es zu bis es dunkel wurde.
„Nein, heute
war vielleicht was los“, stöhnte der Locher schließlich, als die Aufregung sich
zu legen begann. „Bei dieser Unruhe habe ich den ganzen Tag hindurch kein einziges
Schläfchen machen können. Ich könnte ebensogut Zahnweh gehabt haben, dann kann ich
nämlich auch nicht schlafen!“
Aber nun war
es still geworden und fast das ganze Schreibtischvolk machte erschöpft von den Aufregungen
des Tages die Augen etwas früher zu als an normalen Tagen.
Wie es nun aber ganz
still geworden war, da betraten zwei Dienstleute das Zimmer. Mademoiselle griff sogleich nach den Schwefelhölzern und entflammte damit die Kerze. Als ihr zarter Docht Feuer fing füllte sie den ganzen Raum mit
ihrem warmen Schein und verbreitete dabei einen derart balsamischen Duft, dass
die beiden darüber recht selig wurden und begannen sich lieb zu haben.
Der Spitzer, der schon immer ein Nachtschwärmer war und selten früh zu Bett ging, wurde Zeuge dieses Zaubers und geriet darüber ins Träumen. Er vernahm wie es sich die jungen Brautleute im Schein der Kerze gut gehen ließen. Sie flüsterten sich Geschichten über Feuer, Liebe, Verlangen und Lust ins Ohr – und dem Spitzer wurde klar, dass sie über seine Kerze sprachen. Das gefiel ihm freilich, weil er seinem Freund dem Heftklammernhalter das Schwärmen über die Kerze eben doch nie so richtig abgekauft hatte. „Aber diese feinsinnigen Menschen“, so stellte er fest, „die sind genauso veranlagt wie ich. Sie wissen was schön ist und wofür es sich zu leben lohnt!“ Und ebenso wie die Menschen erging auch er sich in sehnsuchtsvollen Schwärmereien und Phantasien.
Im Schutz der
Nacht stellte er sich dann vor wie er seiner geliebten Kerze sehr nahe kam und wie
sie sich ihm zärtlich zuneigte – damit er sie um ihren zarten Docht
herum ein klein wenig anspitzten konnte...
Der
Heftklammernhalter, der auch noch ein Auge halb geöffnet hatte, bemerkte dass sein
Freund in einer ganz besonderen Stimmung war, denn er konnte sehen wie
er an seinen ehemals rostigen Stellen ein wenig rot wurde. Aber er tat so als ob er fest schlafen würde, weil er seinen
Freund doch nicht in Verlegenheit bringen wollte.
Am nächsten
Morgen nun, als der Spitzer aus seinen schönen Träumen erwachte, blickte er zur
Kerze hinüber – und was bekam er da zu Gesicht? Nichts! Fort war sie. Von ihrem angestammten
Platze ganz verschwunden.
„Ich weiß
wohl wo sie ist“, seufzte er, „sie ist mit der Elster auf und davon und macht nun
jenen vermaledeiten Vogel Tage und Nächte so glücklich und noch viel glücklicher
als sie mich heute Nacht froh gemacht hat.“
Je mehr er darüber
nachdachte, desto größer wurde seine Liebe für die Kerze – und Eifersucht und
Pein fraßen ihn beinahe auf. Zwar sind Bleistiftanspitzer von Natur aus sehr
eifersüchtig veranlagte Wesen – das ist bekannt; aber dass die Kerze einen Anderen ihm vorgezogen
hatte – und noch dazu solch einen diebischen Vogel – das war gewiss sehr
schmerzlich und mindestens das halbe Schreibtischvolk konnte die Leiden des
nicht mehr ganz so jungen Spitzers sehr gut nachempfinden. Hatten
doch viele seiner Gefährten, genau so wie er nun, schon einmal ganz ähnliche Qualen durchlitten.
Der
Unglückselige konnte von den Gedanken an die Schöne nicht loskommen. Immerzu
erinnerte er sich an die glücklichen Momente mit ihr und stellte sich vor wie
sie nun einen Anderen glücklich macht. Darüber verging Stund um Stunde und
Tag um Tag; und in seinen Gedanken wurde sie immer schöner und schöner.
Eines Morgens dann betrat das Dienstmädchen mit einem Wedel über der Schulter das Zimmer
und hielt eine lange, schlanke und leuchtend gelbe Kerze in der Hand. Sie legte
die Kerze behutsam auf die Kommode, so dass das Sonnenlicht auf sie fiel, wodurch sie zu glänzen begann wie strahlendes Gold. Ihre perfekte Linie und der Duft
von Alabaster, den sie verbreitete, ließen dem Spitzer den Atem stocken. Und
während sie so da lag, vornehm wie eine Königstochter, entfernte die Dienstmagd
mit einem Messer einen kleinen blauen Wachsstummel, der tief in dem mit
Bernstein verzierten Sockel steckte. „Dieser Bernstein“, so dachte der Spitzer,
„er fügte sich meiner Angebeteten doch immer so trefflich um ihren vollkommenen
Körper. Ach wie fühlte sie sich doch fein geschmückt.“ Und noch während der Spitzer sich auf diese Weise in Gedanken
verlor, warf das Dienstmädchen den Kerzenstummel in den Kübel neben dem
Schreibtisch. Bum! Aber was dann geschah: Als das Dienstmädchen sich drehte, um die
prachtvolle goldene Kerze auf den mit Bernstein verzierten Sockel zu stellen, da
streifte sie mit ihrem Wedel achtlos übers Pult und schwubdiwub lag der Spitzer
neben dem kläglichen Rest der blauen Kerze ebenfalls im Kübel.
„Gott sei
Dank, da leistet mir noch einer meinesgleichen Gesellschaft! Denn eigentlich bin
ich von nobler Abstammung und aus duftendem Wachs gemacht. Gezogen wurde ich von
den Händen einer zarten Jungfrau. Außerdem bin ich um die halbe Welt gereist –
aber das wird mir jetzt wohl keiner mehr ansehen. Ich war im Begriff eine
Elster zu heiraten. Allein, die Nächte haben mir zu schaffen gemacht. Ich brannte
herab bis nichts mehr von mir übrig blieb als dieser klägliche Stummel, als der
ich jetzt im Kübel liege.
Der Spitzer aber sagte nichts. Vielmehr dachte er an seine Verflossene. Doch je mehr er ihr zuhörte desto klarer wurde ihm, dass sie es war.
Der Spitzer aber sagte nichts. Vielmehr dachte er an seine Verflossene. Doch je mehr er ihr zuhörte desto klarer wurde ihm, dass sie es war.
Als der
Hausherr nun – es war darob schon Nachmittag geworden – sich an seinen
Schreibtisch begab, um seine Arbeit zu tun, ging es nicht lange und er hatte
einen seiner Stifte anzuspitzen. Und dazu benötigte er den Spitzer – was freilich nicht erwähnt werden muss. Also begann er nach ihm zu
suchen, denn er hatte ihm ja eigenhändig zu neuer Pracht verholfen. Er suchte
und suchte und „Heisa!“ rief er: „Endlich! Da ist ja mein Prachtstück!“
Er fischte
den Spitzer mit zwei Fingern aus dem Kübel und drehte mit Genuss einen
stumpfen Stift unter seiner scharfen Klinge hindurch, so dass dieser im
Handumdrehen spitz wurde wie ein Haifischzahn. Dann legte er den Bleistiftanspitzer wieder
zurück aufs Pult. Nun jedoch platzierte er ihn in bester Lage, was sein Ansehen
unter dem Schreibtischvolke noch zusätzlich verbesserte. Von
der Kerze jedoch hörte man nichts mehr. Auch der Spitzer sprach kaum mehr von
seiner alten Liebe – erkannte er sie doch fast nicht wieder – so übernächtigt und
abgebrannt wie sie im Kübel lag. Aber von Zeit zu Zeit erinnerte er sich noch mit einem zarten Gefühl an ihren
exotischen Duft und ihre makellose Linie. Sie war fast so schön wie diese goldene Kerze, die ihm doch gerade ein wenig zugelächelt zu haben schien…
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