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Wenn der Wind des Wandels weht, bauen die Einen Schutzmauern, die Anderen bauen Windmühlen.

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Liebe Schreibende

In unserer hektischen Welt, dominiert von High-Speed-Rechnern, Zeitmangel, Medien, Facebook und Leistungsdruck, versuchen wir uns hier eine kleine Insel der Besinnung zu erhalten. Sich einmal im Monat in Ruhe niederzusetzen, sich mit einem Thema eingehend zu beschäftigen und dann die passenden Worte zu finden, um seine Gedanken mit anderen zu teilen, erscheint mir dabei ein geeigneter Weg, aus dieser Alltagshektik auszubrechen.

Sollten wir innerhalb eines Jahres genügend Beiträge beisammen haben, werde ich diese zusammentragen und in Buchform drucken lassen. So hat man dann Ende Jahr ein schönes Büchlein zur Hand - zur Erinnerung, oder als Geschenk zu Weihnachten, oder auch, um die Heimbibliothek mit einem eigenen Werk etwas auszubauen.

Dann also viel Spass beim Schreiben!

Eilean

Mittwoch, 30. September 2015

Balz

Da stand sie, die Anmutige, die Stolze, die in königliches Blau Getauchte, Wohlgeformte, Geheimnisvolle, makellos Schöne. Und nicht unweit von ihr, gleich auf dem Schreibtisch am Fenster, da lag er – seine scharfen Jahre waren vorüber, aber er war noch gut in Form. Täglich neu stellte er sich seiner eigentlichsten Lebensaufgabe.

Seinem Gefährten offenbarte er immer wieder wieviel er für die Schönheit empfand. Er war – so könnte man sagen – von ihrem Anmut wie verzaubert. Auch war er stets bemüht sich bei ihr als einen guten Fang zu präsentieren. Er warb um sie – und tat dies auf uneitle Weise, so dass sie sogar ein wenig Gefallen an ihm fand.

Während die schlanke Schönheit um die halbe Welt gereist war, bevor sie diesen Raum mit ihrer Erotik verzauberte, konnte sich niemand mehr an die Herkunft des Bleistiftanspitzers erinnern; und keiner wusste so recht wie es zu und her ging, dass er hier auf diesem Schreibtisch landete. Vermutlich, so wurde gemunkelt, kam er aus dem kleinen Schreibwarenladen zwei Häuserecken weiter – womit er allerdings niemanden beeindrucken konnte. Dennoch plauderte die Kerze gerne mit ihm.

„Ich habe noch nicht viel von der Welt gesehen“, so gestand er ihr einmal, „aber im Laufe meines Lebens konnte ich unzähligen Stiften dabei helfen ihre Bestimmung zu finden und das zu werden was sie sind – sie wurden allesamt gute Schreiber. Dank meiner Hilfe füllten sie mit ihrem von mir freigelegten und in Form gebrachten Mark ganze Berge von Papier. Das Papier wiederum wurde vervielfältigt und in Bücher gedruckt. Und die Bücher wurden von Tausenden, ja von Abertausenden gelesen, studiert und geachtet. Es wird erzählt sie hätten die Welt verändert. Einige Menschen seien durch sie sogar ein wenig menschlicher geworden.“

„Stimmt das denn auch genauso wie du es sagst?“ fragte die Königsblaue. „Kann ich mich darauf verlassen, dass du auf diese Weise zu Ehren kamst?“ „Aber ja, es stimmt – ganz gewiss. Es ist die Wahrheit!“ Mein Freund der Heftklammernhalter wird dir das bezeugen; sowie alle, die etwas davon verstehen es bezeugen könnten. Der Heftklammerhalter jedoch weiß es von allen am allerbesten. Denn es waren seine Klammern, Klammern aus seinem Bauche, die das Papier zusammenhielten, das von  meinen Stiften beschrieben wurde, bevor es weitergegeben und vervielfältigt und in Bücher gedruckt wurde.“

„Ja, ja, doch, doch – so ist es“ beteuerte der Heftklammernhalter eilig. „Jedes einzelne Wort, das der Spitzer von sich gibt ist eine wirkliche Wirklichkeit an der er nichts zu rütteln gibt!“

Das gefiel der schönen Kerze – und so kam es, dass sie sich dem Bleistiftspitzer gar wirklich noch ein wenig mehr zugeneigt fühlte, was dem feinsinnigen Spitzer freilich nicht entging. Und weil sie doch offenbar gefallen an seiner Balz empfand, fasste er sich eines schönen Tages ein Herz und fragte, ob sie nicht seine Braut werden wolle.

„Mein lieber Spitzer, du hast gewiss ganz fabelhafte Vorzüge – flüsterte ihm die Königsblaue vornehm zu, „aber du musst wissen, dass ich schon so gut wie halb verlobt mit der Elster bin, die täglich auf dem Baum vor dem Fenster hockt und von dort oben so sehnsuchtsvoll zu mir herüberschaut. Sie hat mir bereits mehr als einen Antrag gemacht. Zwar habe ich bis heute noch keinen angenommen, doch in meinem Herzen habe ich zu dem prachtvollen Vogel bereits »ja!« gesagt. Denn schau doch nur wie seine Federn schön glänzen. Das Gefieder schimmert so hübsch bläulich, wenn das Licht darauf fällt. Wir werden ganz gewiss ein vortreffliches Paar abgeben. Aber dich, mein lieber Herr Bleistiftanspitzer, werde ich niemals vergessen!“   

„Na, da habe ich aber was davon!“ sagte der Spitzer und wurde darüber sehr traurig. Aber das Seltsamste war, dass er sie nun noch schöner und begehrenswerter fand als je zuvor – obwohl sie ihn doch zurückgewiesen hatte.

„Dieser Duft und diese Linie“ schwärmte der Spitzer dann seinem Freund dem Heftklammernhalter immerzu vor – „hast du je so einen Duft vernommen und solch eine Linie gesehen?“ Der Heftklammernhalter hatte es jedoch nicht so mit guten Düften und schönen Linien. Dafür war er immer sehr zufrieden, wenn er genügend Heftklammern in seinem Bauch hatte. Aber er schwärmte aus Höflichkeit ein wenig mit, weil der Bleistiftspitzer sein Freund war – und Freunde meinen es doch gut miteinander. Dem Spitzer aber war es sehr ernst mit seiner Schwärmerei, weil er die Kerze unsäglich gern hatte und sich nach ihr verzehrte.

„Mich dünkt – er liebt die Kerze voller Inbrunst“, rief einmal der Brieföffner herüber, der es gewohnt war sich sehr vornehm auszudrücken. Denn auch ihm entgingen die romantischen Gefühle des Bleistiftanspitzers nicht.

Eines schönen Tages, als der Hausherr das Zimmer betrat ging er direkt ans Pult und brachte mit seinem unerwarteten Auftritt das Geplapper auf dem Schreibtisch jäh zum verstummen. Er setzte sich nieder und schaute aus dem Fenster – oder einfach nur Löcher in die Luft. Das war immer schwierig zu beurteilen. Auf jeden Fall nahm er sich dabei den Spitzer zur Hand und drehte ihn zwischen Daumen und Zeigefinger wie einen Kreisel. Plötzlich stand er auf, so schnell auf wie er gekommen war, verließ den Raum mit großen schweren Schritten und ging mit ihm auf und davon. Er nahm ihn mit in den Keller, wo es dunkel war und der Spitzer sich zu fürchten begann. „Er wird mir doch wohl nichts antun“, ängstigte er sich. „Am Ende wirft er mich noch zum alten Eisen – und dann ist es aus mit mir.“

Im Keller angekommen spannte der Hausherr den Spitzer fest in den Schraubstock, so dass er sich nicht mehr rühren konnte. Dann griff der kräftige Mann nach einer Feile und feinem Schmirgel – und Hub um Hub befreite er den Spitzer von seinen rostigen Flecken. Er schmirgelte, polierte und lackierte ihn bis er aussah wie ein funkelndes Schmuckstück. Sogar die Klinge hatte er ihm herausgenommen, scharf angeschliffen und blitzeblank wieder eingesetzt. Der Spitzer fühlte sich wie neu geboren.

Als er schlussendlich wieder zurück auf dem Schreibtisch landete – ja da gab es vielleicht einen Wirbel. Geschrei und Tumult, wie auf dem Marktplatz! Schere und Stifte und Füllfederhalter und Radiergummi und selbst das Tintenfass, von dem man sonst kaum je etwas zu hören bekam, plapperten wild drauf los und wollten genau wissen, in welchen Jungbrunnen ihn der Hausherr denn geworfen hatte. Der Spitzer fühlte sich Pudelwohl in seiner neuen Fasson und genoss die überschwängliche Aufmerksamkeit und die schönen  Komplimente, die ihm von allen Seiten zuflogen. Und so ging es zu bis es dunkel wurde.

„Nein, heute war vielleicht was los“, stöhnte der Locher schließlich, als die Aufregung sich zu legen begann. „Bei dieser Unruhe habe ich den ganzen Tag hindurch kein einziges Schläfchen machen können. Ich könnte ebensogut Zahnweh gehabt haben, dann kann ich nämlich auch nicht schlafen!“

Aber nun war es still geworden und fast das ganze Schreibtischvolk machte erschöpft von den Aufregungen des Tages die Augen etwas früher zu als an normalen Tagen. 

Wie es nun aber ganz still geworden war, da betraten zwei Dienstleute das Zimmer. Mademoiselle griff sogleich nach den Schwefelhölzern und entflammte damit die Kerze. Als ihr zarter Docht Feuer fing füllte sie den ganzen Raum mit ihrem warmen Schein und verbreitete dabei einen derart balsamischen Duft, dass die beiden darüber recht selig wurden und begannen sich lieb zu haben.

Der Spitzer, der schon immer ein Nachtschwärmer war und selten früh zu Bett ging, wurde Zeuge dieses Zaubers und geriet darüber ins Träumen. Er vernahm wie  es sich die jungen Brautleute im Schein der Kerze gut gehen ließen. Sie flüsterten sich Geschichten über Feuer, Liebe, Verlangen und Lust ins Ohr  und dem Spitzer wurde klar, dass sie über seine Kerze sprachen. Das gefiel ihm freilich, weil er seinem Freund dem Heftklammernhalter das Schwärmen über die Kerze eben doch nie so richtig abgekauft hatte. „Aber diese feinsinnigen Menschen“, so stellte er fest, „die sind genauso veranlagt wie ich. Sie wissen was schön ist und wofür es sich zu leben lohnt!“ Und ebenso wie die Menschen erging auch er sich in sehnsuchtsvollen Schwärmereien und Phantasien.

Im Schutz der Nacht stellte er sich dann vor wie er seiner geliebten Kerze sehr nahe kam und wie sie sich ihm zärtlich zuneigte – damit er sie um ihren zarten Docht herum ein klein wenig anspitzten konnte...

Der Heftklammernhalter, der auch noch ein Auge halb geöffnet hatte, bemerkte dass sein Freund in einer ganz besonderen Stimmung war, denn er konnte sehen wie er an seinen ehemals rostigen Stellen ein wenig rot wurde. Aber er tat so als ob er fest schlafen würde, weil er seinen Freund doch nicht in Verlegenheit bringen wollte.

Am nächsten Morgen nun, als der Spitzer aus seinen schönen Träumen erwachte, blickte er zur Kerze hinüber – und was bekam er da zu Gesicht? Nichts! Fort war sie. Von ihrem angestammten Platze ganz verschwunden.

„Ich weiß wohl wo sie ist“, seufzte er, „sie ist mit der Elster auf und davon und macht nun jenen vermaledeiten Vogel Tage und Nächte so glücklich und noch viel glücklicher als sie mich heute Nacht froh gemacht hat.“

Je mehr er darüber nachdachte, desto größer wurde seine Liebe für die Kerze – und Eifersucht und Pein fraßen ihn beinahe auf. Zwar sind Bleistiftanspitzer von Natur aus sehr eifersüchtig veranlagte Wesen – das ist bekannt; aber dass die Kerze einen Anderen ihm vorgezogen hatte – und noch dazu solch einen diebischen Vogel – das war gewiss sehr schmerzlich und mindestens das halbe Schreibtischvolk konnte die Leiden des nicht mehr ganz so jungen Spitzers sehr gut nachempfinden. Hatten doch viele seiner Gefährten, genau so wie er nun, schon einmal ganz ähnliche Qualen durchlitten.

Der Unglückselige konnte von den Gedanken an die Schöne nicht loskommen. Immerzu erinnerte er sich an die glücklichen Momente mit ihr und stellte sich vor wie sie nun einen Anderen glücklich macht. Darüber verging Stund um Stunde und Tag um Tag; und in seinen Gedanken wurde sie immer schöner und schöner.

Eines Morgens dann betrat das Dienstmädchen mit einem Wedel über der Schulter das Zimmer und hielt eine lange, schlanke und leuchtend gelbe Kerze in der Hand. Sie legte die Kerze behutsam auf die Kommode, so dass das Sonnenlicht auf sie fiel, wodurch sie zu glänzen begann wie strahlendes Gold. Ihre perfekte Linie und der Duft von Alabaster, den sie verbreitete, ließen dem Spitzer den Atem stocken. Und während sie so da lag, vornehm wie eine Königstochter, entfernte die Dienstmagd mit einem Messer einen kleinen blauen Wachsstummel, der tief in dem mit Bernstein verzierten Sockel steckte. „Dieser Bernstein“, so dachte der Spitzer, „er fügte sich meiner Angebeteten doch immer so trefflich um ihren vollkommenen Körper. Ach wie fühlte sie sich doch fein geschmückt.“ Und noch während der Spitzer sich auf diese Weise in Gedanken verlor, warf das Dienstmädchen den Kerzenstummel in den Kübel neben dem Schreibtisch. Bum! Aber was dann geschah: Als das Dienstmädchen sich drehte, um die prachtvolle goldene Kerze auf den mit Bernstein verzierten Sockel zu stellen, da streifte sie mit ihrem Wedel achtlos übers Pult und schwubdiwub lag der Spitzer neben dem kläglichen Rest der blauen Kerze ebenfalls im Kübel.

„Gott sei Dank, da leistet mir noch einer meinesgleichen Gesellschaft! Denn eigentlich bin ich von nobler Abstammung und aus duftendem Wachs gemacht. Gezogen wurde ich von den Händen einer zarten Jungfrau. Außerdem bin ich um die halbe Welt gereist – aber das wird mir jetzt wohl keiner mehr ansehen. Ich war im Begriff eine Elster zu heiraten. Allein, die Nächte haben mir zu schaffen gemacht. Ich brannte herab bis nichts mehr von mir übrig blieb als dieser klägliche Stummel, als der ich jetzt im Kübel liege. 

Der Spitzer aber sagte nichts. Vielmehr dachte er an seine Verflossene. Doch je mehr er ihr zuhörte desto klarer wurde ihm, dass sie es war.

Als der Hausherr nun – es war darob schon Nachmittag geworden – sich an seinen Schreibtisch begab, um seine Arbeit zu tun, ging es nicht lange und er hatte einen seiner Stifte anzuspitzen. Und dazu benötigte er den Spitzer – was freilich nicht erwähnt werden muss. Also begann er nach ihm zu suchen, denn er hatte ihm ja eigenhändig zu neuer Pracht verholfen. Er suchte und suchte und „Heisa!“ rief er: „Endlich! Da ist ja mein Prachtstück!“

Er fischte den Spitzer mit zwei Fingern aus dem Kübel und drehte mit Genuss einen stumpfen Stift unter seiner scharfen Klinge hindurch, so dass dieser im Handumdrehen spitz wurde wie ein Haifischzahn. Dann legte er den Bleistiftanspitzer wieder zurück aufs Pult. Nun jedoch platzierte er ihn in bester Lage, was sein Ansehen unter dem Schreibtischvolke noch zusätzlich verbesserte. Von der Kerze jedoch hörte man nichts mehr. Auch der Spitzer sprach kaum mehr von seiner alten Liebe – erkannte er sie doch fast nicht wieder – so übernächtigt und abgebrannt wie sie im Kübel lag. Aber von Zeit zu Zeit erinnerte er sich noch mit einem zarten Gefühl an ihren exotischen Duft und ihre makellose Linie. Sie war fast so schön wie diese goldene Kerze, die ihm doch gerade ein wenig zugelächelt zu haben schien…

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