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Zitat des Monats

Wenn der Wind des Wandels weht, bauen die Einen Schutzmauern, die Anderen bauen Windmühlen.

Chinesische Weisheit

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Liebe Schreibende

In unserer hektischen Welt, dominiert von High-Speed-Rechnern, Zeitmangel, Medien, Facebook und Leistungsdruck, versuchen wir uns hier eine kleine Insel der Besinnung zu erhalten. Sich einmal im Monat in Ruhe niederzusetzen, sich mit einem Thema eingehend zu beschäftigen und dann die passenden Worte zu finden, um seine Gedanken mit anderen zu teilen, erscheint mir dabei ein geeigneter Weg, aus dieser Alltagshektik auszubrechen.

Sollten wir innerhalb eines Jahres genügend Beiträge beisammen haben, werde ich diese zusammentragen und in Buchform drucken lassen. So hat man dann Ende Jahr ein schönes Büchlein zur Hand - zur Erinnerung, oder als Geschenk zu Weihnachten, oder auch, um die Heimbibliothek mit einem eigenen Werk etwas auszubauen.

Dann also viel Spass beim Schreiben!

Eilean

Freitag, 4. September 2015

L.O. + V.E.

Sie sassen bei einem Baum und betrachteten die schön funkelnden Sterne. Sie hatte ihren Kopf auf seine Schulter gelegt und er seinen an den Baum gelehnt. Sie sassen schon lange so da, doch plötzlich richtete er sich auf und sah sie an. Auch sie blickte ihm liebevoll in die Augen. Er war jedoch ganz konzentriert. Er schien etwas abzuwägen und dies verunsicherte sie. Daher fragte sie nach einer geraumen Weile: „Was ist?“
Wie aus einem Traum erwachend lächelte er und antwortete dann geheimnisvoll: „Ich habe mir gerade etwas überlegt. Findest du es nicht auch wunderschön?“
„Was?“ fragte sie etwas verwirrt.
„Na, uns! Ich meine, wir sind doch wie für einander geschaffen!“ Er stand begeistert auf. „Findest du nicht auch?“
Sie blickte ihn noch verwirrter an. „Natürlich…“ Sie lächelte.
„Eben! Und du willst doch auch nicht, dass das irgendwann zu Ende geht, oder?“ Erwartungsvoll blickte er sie an.
„Was soll das? Natürlich nicht!“ antwortete sie.
„Eben! Und ich habe mir überlegt, wie man das sicherstellen kann…“ Er kniete vor ihr nieder und sah ihr tief in die Augen. „Bist du bereit, dafür ein Opfer darzubringen?“
Sie wusste nicht, was er meinte und war sowieso von seinem ganzen Gerede total überfordert. Sie blinzelte ihn nur an.
„Nun?“ fragte er verheissungsvoll.
„Nun… Ich weiss nicht so recht… Was—“ Doch er schnitt ihr das Wort harsch ab.
„Bist du so wenig bereit für unsere Liebe zu geben?“ Er schüttelte enttäuscht den Kopf. Dann legte er seine Hand an ihre Wange und fuhr sanft fort: „Hast du etwa … Angst?“
Sie erschrak, als sie dieses Wort und gleichzeitig diesen ungewöhnlichen Ausdruck in seinem Gesicht wahrnahm. Sie drückte sich näher an den Baum. Ihr war nicht mehr ganz behaglich zu Mute.
Noch einmal fragte er mit einem mysteriösen Lächeln: „Nun? Liebe für immer?“
„Natürlich…“ entgegnete sie verwirrt fast ängstlich. So hatte sie ihren Verlobten noch nie erlebt!
Dann langsam, ja fast mit Genuss zog er aus der Innentasche seiner Jacke ein grosses Klappmesser hervor und liess die Klinge aufspringen. Ihr stockte der Atem. Sie starrte auf die Klinge die kalt im Mondlicht glänzte.
„Gut“, sagte er dann ruhig und lächelte sie an. „Laura O’Neill und Victor Edwards für immer und ewig vereint! Das ist es doch, was wir beide wollen.“
„Aber—“ fing sie entsetzt an, doch Victor legte ihr den Finger auf die Lippen.
„Tss, tss“, machte er und schüttelte dabei abweisend den Kopf. Flüsternd fuhr er fort: „Nicht. Es ist zu spät… Du hast schon dein Ja-Wort dazu gegeben.“
Mit diesen Worten legte er das Messer in einen besseren Griff. Sie starrte fassungslos auf seine Hand, die sich zu einer festen Faust um das Messer formte. Er küsste sie auf die Stirn und stach zu!
Sie schrie auf, ihr Puls raste, ihr wurde heiss und kalt, dann blickte sie zum Messer hinab, das tief — in der Baumrinde steckte.
Sie wagte sich nicht zu rühren. Wie versteinert blieb sie sitzen und alle Muskeln verkrampften sich.
Dann strich Victor ihr wieder sanft über die Wange und nahm sie in den Arm. Sie war nicht in der Lage die Umarmung physisch und auch nicht emotional zu erwidern. Er half ihr aufzustehen und kauerte sich dann wieder vor die Stelle am Baum, worin das Messer steckte. Mit kräftigen Schnitten vollendete er sein Werk und ritzte ein Herz mit ihren und seinen Initialen darin in die Rinde.
Schliesslich stand er wieder auf und sah seine Liebste belustigt an. „Hast wohl einen Schock gehabt, was?“ Dann nahm er ihre Hände und fuhr eindringlich fort: „Glaubst du wirklich, ich könnte dir je etwas antun? Laura, in was für einer Welt lebst du eigentlich?“
Endlich fand sie ihre Fassung wieder und damit auch ihre Sprache. „In einer, in der nichts ewig währt!“ keifte sie scharf und ging davon.

1 Kommentar:

  1. Schöner Text, liebe Eilean. Doch das Bewusstsein über Vergänglichkeit ist keine Entschuldigung dafür, einander nicht voll und ganz vertrauen zu können...Sich ganz einem Gegenüber hinzugeben, sich ihm ganz zu offenbaren im Wissen, dass es vorübergehen kann, braucht viel Mut. Es bedeutet, dass man tief verletzbar wird, aber auch, dass man ein Gefühl des Getragenwerdens erlebt, das man anders nicht finden kann...

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