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Zitat des Monats

Wenn der Wind des Wandels weht, bauen die Einen Schutzmauern, die Anderen bauen Windmühlen.

Chinesische Weisheit

Willkommen!

Liebe Schreibende

In unserer hektischen Welt, dominiert von High-Speed-Rechnern, Zeitmangel, Medien, Facebook und Leistungsdruck, versuchen wir uns hier eine kleine Insel der Besinnung zu erhalten. Sich einmal im Monat in Ruhe niederzusetzen, sich mit einem Thema eingehend zu beschäftigen und dann die passenden Worte zu finden, um seine Gedanken mit anderen zu teilen, erscheint mir dabei ein geeigneter Weg, aus dieser Alltagshektik auszubrechen.

Sollten wir innerhalb eines Jahres genügend Beiträge beisammen haben, werde ich diese zusammentragen und in Buchform drucken lassen. So hat man dann Ende Jahr ein schönes Büchlein zur Hand - zur Erinnerung, oder als Geschenk zu Weihnachten, oder auch, um die Heimbibliothek mit einem eigenen Werk etwas auszubauen.

Dann also viel Spass beim Schreiben!

Eilean

Montag, 30. Oktober 2017

Ich mag mich noch gut an das schellende Rasseln der alten Schulglocken erinnern, wie jenes dieser Weckern mit den zwei angebrachten runden Metallkugeln.

Es erinnert mich an die Zeit, in der die Uhren noch im Schlendergang liefen.

-Papa, wann sind wir endlich daaaa?
-Wir sind doch erst vor 10 Minuten losgefahren!
-Und wie lange müssen wir noch fahren?
-Anderthalb Stunden.
-😱

Eine Stunde heute war damals zwei, ein halber Tag heute ein ganzer, ein Jahr - puh! - ein Drittel der Zeit, seit dem ich mit denken begonnen hatte.
Jeder Schritt, jede Bewegung habe ich ganz genau wahrgenommen, gespürt - jeder Gedanke beinhaltete das damalige Jetzt.

Die Weltuhr lief in Slow Motion. Oder läuft jetzt in High Speed.
Vielleicht liegt es daran, dass im Wachstum die innere Uhr schnell läuft, viel schneller als die Weltuhr - und dann, mit dem Erwachsenwerden, sich verlangsamt ...?
Dass sich die Uhr einer sich entwickelnden, wachsenden Einheit von jener der Umwelt abspaltet, und relativ schneller tickt?

Denn; wie lange habe ich das Wort, das Gefühl "Langeweile" nicht mehr erlebt, nicht mehr empfunden? Die Weltzeit scheint zu rasen, zu drehen wie ein Karussell, gerade jetzt in einem Zeitalter, wo sich so vieles in stetiger Entwicklung wiederfindet! 

Ich fühle mich ohnmächtig, habe Angst, dass mir keine Zeit mehr bleibt... 
Panisch und verzweifelt suche ich nach ⏯, möchte durchatmen, mich wiederfinden, das Gedankenkarrussell anhalten... mir schwindelt beinahe!

Das Jetzt halten können, ohne dass es gleich ins Gewesene vergeht... 
Einfach. Pause.








ist ein Hexagramm für "Stillstand".





Dienstag, 17. Oktober 2017

Laute Flaute

Im Radio läuft Musik. Irgendwas. Was poppiges oder so. Zwar schon tausendmal gehört, wie alles, was jeden Tag im Radio läuft, aber ich weiss weder, wer das singt – sofern man das „singen“ nennen kann -, noch wer das komponiert hat. Vielleicht war’s ja auch derselbe. Also ich nehme an, der Typ, der ständig rappt, spielt hier die Hauptrolle, nicht die nasal klingende Afroamerikanerin, die stumpfsinnig repetitiv irgendeinen Quatsch dazu trällert. Ach, was kratzt’s mich!
Ich sollte mich mal wieder der Arbeit widmen… Genug geträumt!
Ich nehme den nächsten Umschlag in die Hand – einer von dreien – und ziehe das Anmeldeformular heraus. Ich kontrolliere die Angaben, setze mein Visum ans Ende des Formulars und lege es ins Scan-Fach.
Was machen eigentlich diese Arbeiter da draussen vor dem Fenster? Die reinigen die Bodenluken. Jetzt? Vor dem Winter? Den ganzen verdammten Sommer lang hat es sie einen feuchten Kehricht interessiert, dass die Luken total dreckig waren. Und jetzt, kurz bevor der erste Schnee fällt, werden sie nochmals gereinigt? Was für ein Leerlauf!
Apropos Leerlauf … an die Arbeit, Bienchen!
Nächster Umschlag, kontrolliert, Visum, abgelegt.
Heute fliegen echt viele Flugzeuge! Das ist jetzt bestimmt schon der dritte heute Morgen. Aber Helikopter sind’s ja nicht – sonst könnten sie vielleicht vom Spital her kommen. Ein paar Transportflüge mehr oder so. Vielleicht sind’s Düsenjäger, ich kann’s nicht genau sagen. Das Militär ist ja hier in—
So, jetzt konzentrier dich mal!! Mach das mal fertig!
Letzter Umschlag, auf, kontroll—
Ach, ja!! Jetzt fällt’s mir ein! Es ist ja demnächst diese Flugshow! Das sind bestimmt die Übungen dafür.
Ich kann mich einfach nicht konzentrieren! Ich spüre, wie sich meine Hände zu Fäusten ballen. Meine Finger krallen sich schmerzhaft in meine Handflächen, doch der Schmerz tut gut! Die Spannung in meiner Magengegend wird unerträglich und weitet sich immer mehr auf den Brustkorb und den Kopf aus. Ich merke, wie mein Puls steigt. Ich schwitze. Kalter Schweiss. Wut. Angst. Gedankenkreisen!
Und dann passiert’s.
Für mich passiert alles in Zeitlupe, alles dauert eine Ewigkeit, die gesamte Entladung, die Eruption. Ich stehe energisch auf, der schwere Bürostuhl kippt nach hinten und knallt gegen die Wand. Ich schreie, schlage um mich, reisse dabei Tastatur, Bildschirm und Telefon vom Schreibtisch. Ich poltere auf den Tisch, reisse die Ordner aus dem Regal hinter mir. Blätter fliegen umher, wie im Herbst, fast beruhigend. Ich kriege das Telefonkabel zu greifen und schmettere den daran hängenden Apparat mit Hörer gegen die Wand. Plastikteile fliegen umher, ein Kabel reisst, der Hörer fliegt quer durchs Büro und Franz duckt sich darunter weg. Die Tastatur muss nun dran glauben. Ich hämmere sie kreischend gegen das Tischbein. Tasten purzeln wie Legosteine über den Boden. Ich packe die Zimmerpflanze, rupfe sie aus ihrem Kübel und schleudere sie in die andere Ecke des Zimmers, wo Sandra ihre Arme schützend über den Kopf reisst, dem Erdregen jedoch nicht ganz entrinnt. Ich stehe kurz schnaubend da und überblicke den Tatort – ein Bild der Verwüstung.
Ich wende mich auf den Absätzen um und stapfe davon.

„Ich bin zuhause, Schatz!“ ruft Sandra, während sie die Schuhe von den Füssen streift und den Mantel an die Garderobe hängt.
„Na, Liebes, war heute wieder Flaute im Büro?“

„Schön wär’s! – das ich das mal sage…“

Montag, 16. Oktober 2017

Verflechtungen






Neubeginn als Sinnbild, als ordnende, erlösende Metapher in der Wirniss der Verflechtung von Ende und Anfang im Fluss der Dinge.
Wann endet etwas, wann beginnt etwas von Neuem in der Struktur der Zeit in der nichts endet ohne das etwas von Neuem beginnt, etwas weiterläuft, etwas auf immer verloren geht?


Neubeginn als Chance um abschliessen zu können, mit Enttäuschungen, Erwartungen oder verlorenen Träumen. Ein zeitlicher Spiegel als Reflektion meiner eigenen Entwicklung in dieser Welt, als Spiegel meiner Identität, dynamische Muster durch die ich mich definiere.

Oder Neubeginn als Verzweiflung, Erlebtes zu vergessen, Traumata in den Tiefen meines Verstandes verschwinden zu lassen um irgendwann zu realisieren, dass sie nicht enden, sondern Teil meiner Identität sind, sich verkörperlichen in Empfindungen, aus den Tiefen meines Verstandes in die dynamischen Muster meiner Identität einwirken.


Neubeginn als Hoffnung in all diesen unendlichen Zeitmetaphern Ordnung zu finden.
Jeder Tag ein Neubeginn, jede Nacht ein Ende. Die Sonne als Anhaltspunkt, als Zeitmesser. So auch Tod, Geburt, Schlaf, Regen, das Auftauchen und Verschwinden von Dingen, Menschen, Freundschaften und Feindschaften, Beziehungen.
Gibt es ein Ende, einen Anfang, einen Neubeginn, ein Déjà-Vu ohne den Einfluss der externen Welt? Kann ich irgendeinen zeitlichen Anhaltspunkt finden, nur bei mir, ohne Impulse, ohne Reize meiner Umwelt?


Neubeginn als Sinnbild in der Struktur der Zeit, der Verflechtung von Vergangenem und Zukünftigem im Chaos der Gegenwart, in der immer Ordnung ist, aber Chaos herrscht solange die Verflechtung meine Ängste mobilisert. 



Dienstag, 12. September 2017

Nichts ist verschwunden

Lili hatte eine Gabe. Nun, sie hat sie immer noch, aber sie benutzt sie nicht mehr. Nie mehr! Denn sie hat eines Abends schmerzlich feststellen müssen, was diese Gabe bewirken kann.
Es war an einem Freitagabend, als ihre Mutter sie zu diesem klassischen Konzert einlud. Was heisst hier ‚einlud‘ … sie ‚zwang‘! Dabei hatte doch gleichzeitig ihr Papa vorgeschlagen, gemeinsam einen Film zu sehen! Aber wie immer hatte sich Mama durchgesetzt.
So gingen sie also an einem Freitagabend, an dem man alle zusammen genauso gut mit Popcorn und Süssigkeiten vor dem Fernseher, oder besser noch, im Kino hätte sitzen können, ins Konzert. Ins klassische Konzert.
Der Konzertsaal war schon ziemlich eindrücklich, mit dem gigantischen Kronleuchter in der Mitte und den vielen Logen in der Galerie, den samtbezogenen, weichen Sitzen und dem glänzenden, eigenartig gemusterten Parkett. Und auch die Konzertgäste waren nicht weniger interessant: Es gab dicke Frauen mit dünnen Kleidern und dünne Frauen mit dicken Pelzmänteln und schicke Herren mit schwarzen Anzügen und plumpe Studenten in Strassenklamotten – und alles auf einem Haufen hier im Konzertsaal. Nur Kinder gab es keine. Lili war die einzige in dieser Vorstellung. Also grössere dann schon, so vierzehn, fünfzehn, aber keine im Primarschulalter, wie sie.
Und Mama schwärmte zu Papa über die guten Plätze! „Du wirst schon sehen Schatz, der Aufpreis für diese Plätze lohnt sich allemal! Hier ist die Akustik so viel besser! Hier stören die Säulen nicht und der Schall wird symmetrisch von beiden Seiten und der Decke des Saals reflektiert. Du wirst schon sehen!“
„Aber sicher, Schatz“, antwortete Papa und zwinkerte zu Lili rüber.
Das Konzert war ausverkauft. Der Saal war bis auf den letzten Platz gefüllt. Es handelte sich schliesslich auch um eine Sondervorstellung eines Gastorchesters. Und es war nicht irgendein Orchester, es war das London Philharmonic Orchestra! So hatte es Mama Lili zumindest euphorisch erklärt.
Papa legte seinen Arm um Lily Schulter. „Na, Purzelchen, freust du dich?“
Lili zuckte die Schulter und gab sich kaum Mühe, ihren Unmut zu verbergen. „Ja, ja, geht so…“
Ihr Vater blickte sie mitleidig an. „Ach, Mäuschen! Ist doch halb so wild. Das geht schnell vorbei, und vielleicht wird es dir sogar gefallen! Und wenn’s nicht zu spät wird, können wir uns zuhause ja ausnahmsweise doch noch einen Film anschauen, was meinst du?“
Lili Augen begannen zu leuchten. „Wirklich?!“ hauchte sie.
„Ja, klar“, zwinkerte Papa zurück und boxte sie scherzhaft in die Seite. „Hoffen wir, dass die Pause nicht zu lange dauert.“
‚Die Pause?‘ dachte Lili entsetzt.
In diesem Moment trat ein Herr auf die Bühne. Das Publikum wurde ruhig. „Guten Abend meine sehr verehrten Damen und Herren. Ich freue mich, dass Sie heute so zahlreich…“ und der Rest ging in Lilis wirbelnden Gedanken unter.
‚Pause? Wer will denn eine Pause? Ja klar, Pausen sind cool, zumindest in der Schule, aber heute Abend können wir deswegen vielleicht keinen Film mehr gucken! Das darf nicht passieren! ICH WILL KEINE PAUSEN!‘ schrie sie innerlich und schnippte dabei kaum hörbar mit dem Finger.
„Leider habe ich noch eine etwas unerfreuliche Nachricht für Sie“, fuhr der Mann auf der Bühne fort. „Aus organisatorischen Gründen müssen wir heute Abend leider auf die Pause verzichten.“ Lili grinste breit. „Wir hoffen sehr auf Ihr Verständnis und wünschen Ihnen trotzdem einen wunderbaren Konzertabend.“ Sofort brandete der Applaus auf, und gleich anschliessend erhob sich das Orchester und der Dirigent kam auf die Bühne. Ohne grosse Umschweife begannen die Streicher zu spielen. Dann setzten die Holzbläser und die Hörner ein. Irgendwie gefiel es Lili ganz gut – doch was war das? Auf einmal tönte etwas komplett falsch. Was die Holzbläser spielten passte überhaupt nicht zu dem, was die Geiger spielten. Und nun klangen auch die Posaunen falsch und die Trompeten tröteten scheinbar unkoordiniert dazwischen. Auf einmal wallten die Trommelschläge der Pauke auf und hörte nicht mehr auf. Es war ein heilloses Durcheinander und schmerzte regelrecht in Lilis Ohren, und offensichtlich war es auch den anderen Gästen im Saal aufgefallen. Viele blickten sich fragend und mit fast schmerzverzerrtem Gesicht umher. Immer mehr begannen mit ihrem Sitznachbarn zu reden. Es kochte eine immer lauter werdenden Unruhe im Publikum auf. Selbst die Musiker auf der Bühne schienen verwirrt und blickten sich gegenseitig fragend an. Da der Dirigent, wenn auch sichtlich verunsichert, weiter dirigierte, spielten sie das immer wirrer werdende Stück weiter. Mittlerweile hatten alle Instrumente auf der Orchesterbühne ins Stück mit eingestimmt – wobei ‚eingestimmt‘ wohl sicherlich der falsche Ausdruck dafür ist, was dabei rauskam. Mit ‚einstimmen‘ hatte das ganz und gar nichts zu tun! Es war inzwischen zu einem infernalischen Klangbrei angeschwollen, das zwar in sich irgendeine nicht erkennbare Dynamik aufwies, insgesamt aber komplett chaotisch und formlos den Saal erbeben liess. Und das Publikum war in eine Art tranceartigen Klage-Sprechgesang übergegangen mit pausenlosem—
Da ging Lili schlagartig ein Licht auf! ‚Pausenlos!‘ dachte sie entsetzt. Sie war an diesem unerträglichen Chaos schuld! Sie kniff konzentriert die Augen zusammen, dachte in sich schreiend: ‚ICH WILL WIEDER PAUSEN!‘ und schnippte wieder mit dem Finger.
„Ruhe! Darf ich um Ruhe bitten!“ rief eine durchdringende Stimme von der Bühne her. Es war wieder der Mann vom Anfang. Er atmete tief durch, als ob er über die eingetretene Ruhe sehr erleichtert wäre. „Bitte entschuldigen Sie die Störung“, jemand im Publikum lachte kurz hysterisch auf, verstummte aber sogleich wieder, „aber ich muss eine dringende Mitteilung machen. Wir konnten umstrukturieren und werden nun in der Mitte des Konzerts doch eine Pause durchführen können. Nun lasse ich Sie wieder dem etwas eigenwilligen“, er warf dabei einen verwirrten Blick zum Dirigenten, „Konzert lauschen.“
Der Mann verschwand von der Bühne. Der Dirigent positionierte sich erhaben mit erhobenen Händen auf dem Dirigentenpodest und hielt kurz Inne.

„Gott sei Dank gibt es Pausen“, dachte Lili erleichtert.

Schweigen

Viel gesagt.
Keiner spricht.
Beide schweigen.

Gedankensturm. Und diese zwei
berühmten Seelen in der Brust.
Das Schweigen drückt, keiner will geh’n.
Das Ende naht schmerzhaft bewusst.

Sie setzt doch an, verstummt erneut.
Er nimmt die Hand, sie zieht sie fort.
Der Blick voll Wut – sag, ist es Angst?
Und beiden fehlt auch jetzt das Wort.

Zuviel gesagt.
Keiner spricht.
Beide schweigen.

Es ist ja nicht das erste Mal,
schon oft hat so die Luft gebrannt.
Dies‘ tiefe Schweigen jedoch ist
den beiden völlig unbekannt.

Es zieht, es reisst, es schmerzt und quält,
die Flüche haben beide satt.
Und es macht Angst, wenn man sich jäh
so gar nichts mehr zu sagen hat.

Alles gesagt.
Keiner spricht.
Beide schweigen.

Und nun ist alles plötzlich klar,
kein Wort braucht dies zu zeigen.
So sage stets nur Dinge, die
noch besser sind als schweigen.

Sonntag, 6. August 2017

Ich bin schuld an diesem Gedicht

Ich bin mir selbst Mühe schuldig,
denn das schubst mich einen Schritt weiter
ich möchte euch eine schöne Geschichte schuldig sein
obwohl wir einander nur Respekt schuldig sind, und Freundschaft, vielleicht.
Die Ideen, die ich alle mal in Stichworten,
auf unzähligen Seiten notiert hatte
lasten auf mir wie eine schwere Schuld:
Der Anspruch, gut zu schreiben, sich selbst zu überraschen
über die Worte, Wendungen und Schicksale
die ich in meinem ganz eigenen Königreich entwerfe
und euch zuwerfe, über die hohen Mauern meiner versunkenen Stadt
zugänglich euch mache, euren Augen, die aber stets anders darauf blicken,
als ich jemals darauf blicken werde.

Schuld ist es, was Menschen knechtet, eng bindet, manchmal so eng
wie es nur Liebe könnte. Sie erdrückt, zerdrückt
und versucht zurückzuerlangen, was ein Mensch schuldhaft
zerstört, entrissen, veruntreut hatte.

So stelle ich mir jetzt zwei Menschen vor,
deren Namen mir noch unbekannt sind.
Sie liegen unter einer Decke, deren Stirne berühren sich sanft
leise kichern sie, mühelos entspannt lächeln sie.

So scheint es.

Doch in der Wahrheit tobt ein Wirbelsturm in des einen Gedanken
Sie hatten einander geschworen: Beistand, Respekt
das übliche Füreinander, doch der eine der beiden
berührte in üblicher Regelmässigkeit
an einer anderen Stelle
die Stellen einer anderen.

In rasender Geschwindigkeit versucht der Geist des Schuldigen zu berechnen:
Die Wahrscheinlichkeit, dass die Schuld eingefordert wird,
die Unmöglichkeit, dass er die Schuld begleichen kann,
die Gewissheit, dass er es irgendwann nicht mehr ertragen kann
die Last seiner Schuld.

Sanft ergreift er die Halskette, die er Sarah geschenkt hatte
und nun liegt sie prekär über dem Abgrund
der von ihrem Schlüsselbein gebildet wird.

Doch die Schuld, die bleibt.
Und jede Schuld bleibt, bis zur Tilgung oder zur Vergebung,
ein nie versiegender Quell der Argwohn.

Und so verabschiedete sich Michael von Sarah
ohne eine Antwort, ohne eine Zeile, ohne ein Wort
und schüttelte sich von der Schuld frei:
Keine Augen mehr, die in seine starren,
und vielleicht einen Beweis der Untreue aufspiessen.
Keine Ohren mehr, denen er seine,
mehr oder weniger gelogenen Worte einflüstert.
Keine Lippen mehr, die eines Tages
unangenehm fragen könnten.

Die Schuld ist stets eine Gravitationskraft, die anzieht
und nicht abstösst. Von Schulden beladen
ist es doch ziemlich schwer, hochzuspringen,
und einen Stern zu berühren.

Nun ist der Argwohn weg,
ich habe etwas erschaffen,
die Schuld ist gestundet,
mein Anspruch an mich
ist halbwegs erfüllt.

Die lange Geschichte darüber
über grosse Schuld und eine grossartige Vergebung
die bin ich mir und euch immer noch schuldig.
Vergebt mir nicht. Da muss ich durch.





Montag, 31. Juli 2017

Schuld und Schicksal

Ich bin Janne Winter,  grosser Bruder von Björk-Lina, Lenn und Ella.
Die drei sind so verschieden wie Zucker, Salz und Pfeffer, und doch so unteilbar wie Heidi und die Berge.
Björk ist die Verkörperung von Gutmütigkeit, Gerechtigkeit und Künstlergeist; mit blondem, zu feinen Dreads geflochtenem Haar, teichgrünen Augen und Rutschbahnnase. Sie ist diejenige, die die Waage ins Gleichgewicht bringt und am stärksten unter Streitigkeiten in unserer Familie leidet.
Marc, unser Vater, wünschte sich immer mehr eine sportliche Tochter, die er zum Radfahren oder Joggen mitnehmen könnte; dafür teilt Lenn umso mehr dieselben Leidenschaften wie Vater. Lenn, feinfühlig, energiegeladen, freundlich, leidenschaftlicher Tennisspieler, wofür er mit seinen langen, schmalen Extremitäten geradezu geschaffen ist. Lyss, unsere Mutter, ist oft in Sorge um ihn wegen seines Asthma und der Neurodermitis.
Die letzte im Gespann, Ella. Ja - nach drei so pflegeleichten Kindern wie uns ist sie im Verhältnis ein wahrer Plagegeist. Aufbrausend, stur und von Vater verwöhnt, schafft sie es, uns alle, aber vor allem Mutter, auf die Palme zu treiben. Weil sie noch verschleckter ist als wir alle ohnehin schon sind, muss Mutter genau achten, dass die Süssigkeiten auch gut versteckt sind. Ella ist immer hungrig, ist die erste, die nach einer zweiten Portion verlangt und nach Dessert fragt. Weil sie dazu noch sehr wählerisch ist, schafft sie es auch, Mutter um den Finger zu wickeln und Mokka-Jogurt als alleinige Hauptmahlzeit aufgetischt zu bekommen, damit das Kind ja wenigstens etwas im Magen hat.

Lyss, engagiert, organisiert, immer etwas überbesorgt und -vorsichtig in der Erziehung ihres heissgeliebten Nachwuchses, ist im Grunde jene, die die ganze Familie zusammenhält. Vater's Erkrankung, die nicht nur die Familie stark herausforderte, sondern mit der auch noch im Geschäft das Hauptglied verloren ging, meisterte Lyss auf unerklärbare Weise. Nicht nur zu Hause schmiss sie den Haushalt und managte das Familienleben, weil Vater kaum mehr wohlauf war, sondern übernahm kurzerhand die Geschäftsführung mit dazu. Diese selbstlose Aufopferung für das Wohl der Familie, die den ersten Stellenwert in ihrem Leben hat - ja, darüber spricht sie kaum.
Mutters Übersorge kommt daher, da bin ich überzeugt, weil sie sich unendlich schuldig fühlt mir gegenüber. Sie glaubt, dass ihre Entscheidung damals und mein Wohlsein zusammenhängen.
Ich kann ihr diesen Kummer nicht abnehmen, auch wenn mein Schwachsein eine Kausalfolge ihrer Entscheidung war; sie hat es aus Vorsicht und Liebe getan. Gebärwasserpunktionen in der Schwangerschaft gehen, wie alle medizinischen Untersuchung, immer mit Risiken einher. Die Schuld trägt niemand, die Ärzte vielleicht, wenn sie gepfuscht hätten.
Aber Lyss hat sie auf sich genommen, diese Schuld: Ich bin Janne Winter und mit 20 Minuten Lebenszeit gestorben.


Montag, 26. Juni 2017

Die große Flaute

Der Deckenventilator surrte, und verteilte die schwüle Luft im Büro der Firma Tugendsohn & Söhne. Ein abgegriffener Notizzettel segelte auf den Boden, und wurde von Franziska, die gerade Tee ins Büro brachte, aufgelesen.
"Über 'Flaute' wollt ihr schreiben?", fragte sie Karl über den Art-Deco-Schreibtisch hinweg.
Karl lockerte seine Krawatte, bevor er diese Frage bedachte.
Karl lockerte sie noch einmal, bevor er diese Frage beantwortete.
- "Ja, diesen Auftrag erhielten wir vorletzte Woche. Und zur Zeit ist es unser einziger."
Franziska verstand. Die Firma führte im Auftrag verschiedener Unternehmen Schreibarbeiten durch. Broschüren, Kataloge, und hin und wieder Handbücher. Im heutigen Zeitalter würde man Tugendsohn & Söhne als Dinosaurier bezeichnen, und man würde ihn sogar im Devon ansiedeln, als in einer späteren Epoche. Jedoch aber bestimmte der letzte Wille des Tugendsohn Vater, dass das ursprüngliche Geschäft weitergeführt werden solle - oder die Firmenbilanz falle an seinen Onkel, der 1923 in der Nähe von Kamyshin, einer Stadt an der Wolga, eine Kolonie gegründet hatte. Da aber niemand mehr von diesem Onkel, dessen Nachkommen und dieser Kolonie hörte, lag es im Interesse der Belegschaft, ihre Tätigkeit und damit ihre Löhne beizubehalten. Und so erledigte Tugendsohn & Söhne noch am heutigen Tage Schreibarbeiten.
"Welchen Ansatz habt ihr denn, um über eine Flaute zu schreiben?"
- "Das haben wir uns gründlich überlegt. Zunächst haben wir uns über die semantischen Zusammenhänge schlau gemacht. Zum Beispiel ist Flauti die Mehrzahl der Flaute. Aber dies führte uns letztlich nicht weiter. Ein Nachbar meinte, es habe mit Segeln zu tun. Flaute herrscht, wenn der Wind still steht. Wenn kein Antrieb herrscht."
"Vielleicht kommt mir auch noch eine Idee", meinte Franziska, runzelte sich die Stirne und zog sich in ihr Büro zurück. Auch ihre Arbeit wurde im Grunde genommen aus dem Erbe des längst verstorbenen Herrn Tugendsohn bezahlt.
In ihrem Zimmer, wo sie für die weitere Belegschaft die Recherchen durchführte, nahm sie ein leeres Blatt Papier hervor.
Flaute.

Die FLAUTE.

Mit Kugelschreiber in einen Hand und mit ihrer anderen die Nackenmuskulatur knetend, entwickelte sich in ihren Gedanken ein Sturm an Assoziationen. Sie wähnte sich innert Sekunden in der Mitte eines Ozeans, auf einem Floß träge treibend, mit schlaff herabhängendem Segel, mit der brütenden Sonne, die auf ihre Haut brannte. In der Ferne trieb ihr Mann im Wasser, offenbar das kühlere Nass geniessend, aber dennoch fast reglos. Ein Delphin näherte sich ihrem Floß, sprang zwei Mal hoch, klatschte laut ins Wasser, und schwamm davon. Weder Franziska noch ihr Mann reagierten darauf.
Als sie wieder zu sich kam, zeigte ihre Uhr schon den Feierabend an. Karl und die anderen Kollegen waren schon gegangen. Sie ärgerte sich über die versäumte Recherche, und begab sich nach Hause.
Franziskas Wohnungstür öffnete sich, und die Flut des Tageslichts widerglänzte in den acht Augen der Spinne, die in der Ecke über der Türe hauste. Sie reagierte nicht darauf. Denn im Leben dieser Spinne änderte sich kaum etwas. Was sollte sie denn auch ändern? Spinnen haben Geduld. Sie warten auf Veränderungen. Die letzte Veränderung war zwar schon drei Wochen her, aber von dieser war sie immer noch satt.
Andreas lag fast reglos auf dem Sofa, und schien Franziskas Ankunft nicht gehört zu haben. "Andreas...", flüsterte sie. "Andreas!", sagte sie.
Müde öffnete ihr Mann die Augen. Er hörte gerade ein dreistündiges Morricone-Album auf Youtube. Der Bildschirm zeigte einen angefangenen Text. "Alles neu!" lautete der Titel. Darunter zwei Stichworte. Ein Gedanke an den letzten Sex huschte ihm durch den Kopf. Kurz blitzte in ihm die Scham auf, lag diese Begebenheit schon drei Wochen zurück, und er hatte sie nie darauf angesprochen. Und er verspürte Hunger.
"Was sollen wir kochen?", fragte er.
- "Es geht mir nicht ums Kochen, Andreas."
"Um was denn?"
- "Ich verspüre schon seit längerem, dass es nicht mehr richtig läuft."
"In dieser Tugendfirma?"
- "Nein. Trotz mässiger Auftragslage dann und wann verstehen wir uns sehr gut. Ich kenne die Bedürfnisse all meiner Leute dort, und hatte nie Angst, ich würde sie nicht erfüllen wollen, oder nicht kennen wollen. Es geht um..."
Andreas verstand. Diese Szene hatten sie schon einige Male erlebt. Und immer wünschte sie sich eine Änderung, wo es ihm doch gut ging. Und schämte sich wieder seines Gedankens, den er vorhin hatte.
- "Es herrscht eine echte Flaute. Wann haben wir das letzte Mal gemeinsam gekocht? Einen Ausflug gemacht? Miteinander geschlafen? Schon lange, oder? Die letzte große Reinigung in unserer Wohnung? Seit drei Wochen lebt eine Spinne beim Eingang!"
"Hmmm."
Andreas fühlte sich genervt. Die Spinne störte ihn nicht. In der Wohnung konnte man leben. Er hatte Feierabend. Diese plötzlichen Sorgen seiner Frau störten ihn, und er wollte einen schon arg verspäteten Text fertigstellen. Aus dem Gespräch wurde ein lautes Gespräch, und die Spinne verzog sich etwas weiter in ihre Ecke.
Einige Zeit später legte Franziska ihren schweren Kopf aufs Kissen. Andreas hämmerte auf seiner Tastatur, und saß immer noch auf dem Sofa. Sie zog die Bettdecke bis unter ihr Kinn, und die Beine an sich. Flaute. Die brennende Hitze auf dem Floß. Ihr davontreibender Mann. Der Delphin. Sie bekam das Gefühl, sie müsse fliehen.
Die ersten Vögel zwitscherten. Es war fünf Uhr. Doch Franziska lag schon seit Stunden wach, denn ihre Gedanken flackerten, wild, und als sie in der Dusche stand, bemerkte sie, dass sie nun einen nassen Schlafanzug trug. Sie lächelte breit. Denn eine gute Idee duldet bekanntlich keinen Verzug. Und in der Eile geschehen nun mal Missgeschicke.
In der Küche schrieb sie Andreas eine Notiz. Er schlief noch, auf dem Sofa, und dies, trotz seines gestrigen Hungergefühls, offensichtlich tief. Sie kleidete sich an, schwang sich aufs Fahrrad, fuhr los, schnitt unterwegs einem Streifenwagen die Fahrt ab, und rannte die Treppe zur Firma Tugendsohn & Söhne hinauf. Auf dem Weg ins Büro hängte sie das Bild des Firmengründers von der Wand, und legte es Karl auf den Tisch. Auf seinem Stuhl nahm sie denn auch Platz. Und begann viele Seiten mit Notizen vollzukritzeln.
"Wieviel das kostet, wieviel das kostet!", murmelte sie, als Karl das Büro betrat. Er fragte, worüber sie nachdachte. Doch Karl war schnell überzeugt. Und zusammen konnten sie ebenso schnell die beiden anderen Kollegen überzeugen.
Sie hatten entschlossen, den Auftrag, über eine Flaute zu schreiben, abzulehnen. Einer nach dem anderen sagte, er habe keinerlei Idee, wie er über dieses Thema etwas Gescheites, ja vielleicht sogar etwas Rührendes, in Worte fassen könnte.
Es dauerte nur eine Stunde und einige Telefonate, um von einem Verlag, rein der Form halber, einen neuen Auftrag zu erschnorren: Nach Kamyshin zu reisen, dem Aussiedler und dessen Kolonie nachzuspüren, und darüber eine längere Reportage zu verfassen. Dies würde die Firma vielleicht ein paar Monatslöhne kosten, sie hätten alle eine gute Zeit, aber im schlimmsten Fall - wenn sie auf Nachfahren des im Testament erwähnten Onkels stießen - würden sie alle eine neue Arbeit suchen müssen.
"Und das", begann Franziska ihre kurze Ansprache, "ist das, was ich diese Nacht geträumt hatte: Ich sprang von dem Floß in den kühlen, blauen Ozean. Ohne zu wissen, wohin mich meine Kraft treiben würde, begann ich zu schwimmen. Und ich entriss mich selbst der Flaute."
Sie standen in einem Kreis, um das Bild Albrecht Tugendsohns herum, und begannen zu singen: 

"All the money that we ever had,

we spent it in good company..."

Mittwoch, 21. Juni 2017

Psychopathologisch: Seenot in der Flaute






Sie erinnert sich...

Geschockt sitzen sie in der Runde und schauen gebannt die dürre, kleine, mittelalterliche Frau an. Sie hat sich vorgestellt und kommt nun zu dem Teil, wo sie erklärt, warum sie hier ist. Nüchtern, ja schlicht emotionslos berichtet sie von ihrem Nahtoderlebnis, bzw. von dem, woran sie sich davon noch erinnern kann. Sie berichtet, als sei das Geschehene bei ihr gar noch nicht, oder überhaupt nicht, angekommen. Genauso inadäquat ist die Reaktion der Zuhörenden darauf: perplex, erschüttert, aber nicht wachgerüttelt, nicht bekehrt, weiter einsichtslos. Die Mutter zweier jugendlicher Töchter wirkt hart, kantig, stur, doch spürt man auch eine grosse Sensibilität, Verletzbarkeit und Traurigkeit. Körperlich sieht man ihr Schwäche an, doch mental umgibt sie eine Aura der Stärke und Kompromisslosigkeit. Intensivstation, die Ausschöpfung der spitzenmedizinischen Leistungen fürs Überleben - was, wenn nicht das, soll der beste Motivator für eine Änderung, eine Kehrtwendung sein? Was, wenn nicht das, ist das beste Zeichen dafür, dass man sich auf dem Holzweg befindet und schleunigst umdrehen sollte? Anfänglich war sie überzeugt, dass diese Frau den stärksten Ansporn von allen aus der Gruppe hatte, den beschwerlichen, aber doch in die rettende Gesundheit führenden Weg zurück zu gehen. Sie hatte sich getäuscht: dieses neue Gruppenmitglied stellte sich quer, konnte dies nicht, befolgte jenen Rat nicht. Sie versuchte, sagte sie, sie gäbe ihr Bestes, beteuerte sie, aber sie gestand auch ihre Ambivalenz ein. Wie kann man nach so einer Erfahrung noch ambivalent sein?

 

Sie wird geschüttelt…

Bereits beim Öffnen der Nachricht macht sich Unbehagen in ihr breit. „Das schönste Denkmal, das ein Mensch bekommen kann, steht in den Herzen der Mitmenschen.“ Die böse Vorahnung bewahrheitet sich. „Traurig, jedoch mit vielen Erinnerungen und schönen Erlebnissen nehmen wir Abschied…“ Sie schluckt leer. „…kämpfte tapfer und immer hoffnungsvoll. Wir danken für alles, was sie uns gegeben hat…“ Ihr Kopf ist leer. Eine zweite Chance bekommen wohl die meisten, aber dabei scheint es dann zu bleiben. Eine dritte hat sie jedenfalls nicht gekriegt. Der Weckruf durch die Intensivstation damals war wohl nicht ausreichend. Doch statt darüber zu urteilen sieht sie die vielen Parallelen zu ihr selbst. Auch sie hatte doch doch die eine oder andere einschneidende Erfahrung gemacht, die sie hätte bekehren sollen. Diese hier gehört - genau genommen - eigentlich doch auch dazu! Wie viel muss noch passieren?  

 

Sie denkt nach…

„Gekämpft?“, „Gegeben?“ Aufgegeben wohl eher und genommen – Lebensqualität und Kraft der Freunde und Familie – dies ihr erstes Urteil…Doch halt: Wäre dies auch ihre Ansicht hätte es sich um eine Krebserkrankung gehandelt, der die Patientin schlussendlich erlegen wäre? Nein, Mitleid und Respekt hätte sie gespürt: Mitleid mit den Hinterbliebenen, Respekt für das tapfere Durchstehen/Annehmen der Krankheit. Ist ihre Verurteilung gegenüber allen Betroffenen trotzdem gerechtfertigt? Sind sie diejenigen, welche die Segel hissen müssen, um den Wind, der ihnen von allen Seiten vehement zugeblasen wird zum Vorwärtskommen auch nutzen zu können? Oder haben sie die Genesung/das Sterben genauso wenig in der Hand wie ein Krebskranker? Falls sie der Maat auf meinem kleinen Boot ist, was soll denn alles noch passieren, bis sie endlich ihre Segel setzt? Falls sie das Boot ist, kann jemand mal den Maat wecken?

 

Wind ohne Segel … Flaute, aber trotzdem Seenot


Freitag, 16. Juni 2017

entscheidungssünde

es gibt ein büchlein, das die geschichte unsrer geburt erzählt.

da gab es einen garten, prachtvoll und wunderbar, heisst es, mit prachtvollen bäumen, saftig grünen pflanzen und sträuchern, leuchtenden blüten und honigsüssen früchten.
es war frieden, und für tier und mensch war reichlich da. 

in des gartens mitte wuchsen zwei bäume, deren früchte ganz besonders leuchteten. diese zu essen war das einz'ge verbot, das in dem paradiesischen garten herrschte. 

als nun eines tages der mensch,wie gewohnt durch den garten streifte, um sich von den früchten zu sättigen, traf es auf ein reptil, das sagte: 
"iss doch die früchte des prachtvollsten baumes, die schmecken am saftigsten". 

der mensch war verwirrt, und fragte: "aber es ist doch verboten, denn sonst muss ich sterben"
und das reptil rief: 
"was! bestimmt nicht - erkennen wirst du! gewiss nimm nur davon, und du wirst sehen können."

zögerlich war der mensch, wo doch der gärtnermeister ausdrücklich warnung sprach. und doch waren die früchte so prächtig, und der mensch verstand ohnehin die gebote des meisters nicht. sterben, was war das für ein wort? ehrlicherweise war sich der mensch nicht mal sicher, was ein verbot denn wirklich sei. so griff er zu einer leuchtend gelbrötlichen frucht in herzensform, trug ihn mit sich zu seinem ebenbürtigen gespan, und beide teilten sie des verbotnen baumes frucht.

verscheucht und verjagt wurden die menschen vom gärtner, weil sie vom baume der erkenntnis assen. wie aber hätte der mensch sich anders entscheiden können, wo er doch bis dahin nicht wusste, was gut, was böse war? wie hätte er wissen sollen, dass eine entscheidung falsch oder richtig, gut oder schlecht sein kann, solange ihm die augen verschlossen waren? kann man überhaupt entscheiden, ohne zu wissen? wäre dies nicht nur ein blosses tun?

ist dies nicht vielleicht die schönste entscheidung, die einst nicht entschieden wurde?
würden wir uns alle ja sonst diese geschichte nicht erzählen...




Sonntag, 14. Mai 2017

Im Rad



Das Bäumchen traute seinen Wurzeln nicht, als es die wohlbekannten Schritte wahrnahm. War es möglich? Kam da der Gärtner zurück?


Es war noch nicht allzu lange her, da hatten sich die zwei nämlich im gemeinsamen Einvernehmen getrennt. Das Bäumchen hatte nämlich jegliches Gedeihen verweigert und der Gärtner konnte das einfach nicht verstehen. Anfänglich hatte er noch alles daran gesetzt, das Bäumchen zum Wachsen zu bringen: hatte ihm liebevoll und ermunternd zugeredet, hatte ihm zornig gedroht und es verzweifelt beleidigt. Sie hatten Abmachungen vereinbart, die das Bäumchen jedoch niemals einhielt. Im Laufe der Zeit hatte dann auch der Gärtner erkannt, dass jegliche wohlgemeinten Ratschläge und sämtliches liebevolles Zusprechen in den Wind geschlagen wurden - hoffnungslos hatte er resigniert. Das Zusammensein hatte beide mehr frustriert, als das Alleinsein traurig gemacht.


Natürlich konnte das Bäumchen den gutmütigen Gärtner bisher nicht ganz vergessen: solch treue Zuneigung war ihm nur selten begegnet. Es tat ihm leid, dass es den Gärtner verletzt und vertrieben hatte. Niemals hätte es gedacht, dass der ehemalige Freund je zurückkehren würde.


Doch da waren sie, die Schritte, der Duft, die Aura...und dann stand er wahrhaftig da: der Gärtner. Liebevoll und vergebend streichelte er das Bäumchen und meinte:


"Ich habe dich einfach nicht aufgeben können und jetzt werde ich alles unternehmen, dass du wächst und mir erhalten bleibst. Und auch wenn du das nicht tust, ich bleibe trotzdem und sei es nur, um dich mit eigenen Händen vergraben zu können. Und dass du verkümmerst nicht allein. Du kannst machen was du willst, dieses Mal lasse ich mich nicht mehr vertreiben. Ich will nicht mehr ohne dich!"


Im ersten Moment war das Bäumchen sprachlos. Diese neue Bestimmtheit kannte es nicht vom Gärtner überhaupt nicht. Aber dieser neue Plan passte ihm so gar nicht: Mittlerweile hatte es nämlich den Entschluss gefasst alleine, still, möglichst unbemerkt und rasch einzugehen. Zu aufreibend war das ewige Hin und Her, das Ringen mit sich selbst ob nun Wachstum oder Verfall - einmal erschien ihm das Gedeihen verheissungsvoll, mal war es das Verkümmern. Dieses innere zermürbende Zerwürfnis hatte das Bäumchen kürzlich ein für alle Mal beenden wollen: Es hatte sich aus einer Laune heraus für das Verwelken und Verdorren entschieden. Und prinzipientreu wie es war, wollte es nun unbedingt bei diesem entlastenden Entscheid bleiben. Doch nun kam der Gärtner und wollte ihm mit aller Vehemenz einen Strich durch die Rechnung machen? Das Bäumchen machte dem Gärtner klar, dass es definitiv nicht wachsen werde und den Weg des Zerfalls auch alleine machen wolle, um so wenig zu verletzen und Schaden anzurichten wie möglich. Aber der Gärtner blieb hartnäckig und setzte sich demonstrativ neben das Bäumchen. "Ich werde hier bleiben und wir werden unsere gemeinsame Zeit geniessen. Ich erwarte nichts und fordere nichts, ausser, dass du mich bei dir sein lässt."


Damit war das innere Zerwürfnis neu entflammt: Alleine verkümmern konnte es nun nicht mehr. Wollte es das denn überhaupt? Könnte das Leben als grosser Baum nicht sogar schöner sein? Hin und her, her und hin, hin und her... Wieder musste die Entscheidung gefällt werden, die das Bäumchen doch bereits gemeint und gehofft hatte  getroffen zu haben. Aber jetzt erschien ihm wieder alles anders und doch so gleich. Der Gärtner hatte sich eigentlich nicht verändert und doch war da eine neue Entschlossenheit in ihm zu spüren, die das Bäumchen nicht kannte…War das der Beginn einer neuen Geschichte oder bloss das Ende? Wachstum oder Verfall? Hoffnung oder Resignation? Entscheiden, entscheiden, entscheiden…

Mittwoch, 26. April 2017

EntScheidung

Da stehe ich vor dieser Tür

Sie aufzumachen ist recht schwer


Ich gebe auf und setz mich hin



Lehn mich dagegen
Treu-Ergeben


Frag mich:
Wo soll ich hin?

Wo komm ich her?


Und vor allem auch Wofür?



Zu zweifeln ist ein leichtes Ding
aber dann aufzustehen und zu gehen
durch diese Tür
durch dieses Tor

zu deiner Seele
deinem Leben

Nicht vielversprechend

-sondern leise-

aber echt und wahr
auf ihre ganz eigene
ART und WEISE


das fordert ALLES von DIR und MIR








Donnerstag, 6. April 2017

Entscheide dich



Ich tippe langsam das Wort bei Amazon’s Suchmaschine ein: «E-N-T-S-C-H-E-I-D-U-N-G». 24'592 Resultate! Scheinbar bin ich nicht die einzige, die manchmal mit Entscheidungen hadert. Jeder Tag besteht aber auch aus so vielen Entscheidungen. Vor allem als Student, habe ich das Gefühl. Soll ich zuerst an die Uni und dann mein Zimmer putzen? Soll ich zuerst einkaufen gehen, oder etwa noch die liegengebliebene Handy-Rechnung bezahlen, oder lieber mal ausschlafen, weil ich mir etwas gönnen sollte, oder doch lieber mal früh aufstehen, um an meiner Masterarbeit zu schreiben, wie ich es mir vorgenommen habe oder vorher noch joggen gehen, weil es mir guttun würde? Eigentlich könnte ich mich ja auch mit einer Freundin zum Brunch treffen, soziale Kontakte zu pflegen ist ja auch wichtig. Nun ja, ich gebe zu, wahrscheinlich stellen sich diese Fragen nicht nur Studenten. Aber mit mehr Freiheit ergeben sich mehr Entscheidungsmöglichkeiten. Eigentlich absurd, Freiheit bedeutet doch, dass man das tun kann, was man möchte. Und wenn man sich zu lange überlegt, was man tun könnte, sich also sozusagen in seiner Freiheit suhlt, bleibt am Ende aber keine Freiheit übrig, sondern man ist wieder mal zu spät aufgestanden, da man abends nicht von Netflix weggekommen ist, stolpert aus dem Haus und hat natürlich vergessen, sich etwas Gesundes als Mittagessen vorzubereiten und kommt dann mit einem etwas schlechten Gewissen ziemlich spät in die Bibliothek. Aufgrund dieser Gegebenheiten und da es wohl oft egal ist, wofür man sich entscheidet und es nur wichtig ist, dass man sich überhaupt entscheidet, da man sich sonst vom Leben treiben lassen lässt und nicht selbstbestimmt seinen Weg gehen kann, beherzige ich seit einiger Zeit bei Entscheidungssituationen folgenden einfach anzuwendenden Grundsatz, über den ich mal gestolpert bin, der mir seither nicht mehr aus dem Kopf geht und mir Entscheidungen in kürzester Zeit möglich macht: Wenn du dich nicht entscheiden kannst, werfe eine Münze. Wie sie landet ist dabei völlig egal. Beim hochwerfen wirst du merken, auf was du hoffst.

Mittwoch, 5. April 2017

Entscheidung

„Setz dich mal, Liebes. Mama und Papa müssen etwas mit dir besprechen.“
„Du hast bestimmt bemerkt, dass sich die Mama und ich uns schon seit einiger Zeit nicht immer so gut verstehen…“
− Wer hätte das nicht gemerkt…?
„Das heisst natürlich nicht, dass der Papa und ich uns nicht mehr lieb haben…“
− Ach ja? Ihr würdet euch doch am liebsten an die Gurgel gehen!
„Es gibt im Leben eben manchmal Veränderungen, Menschen ändern sich, Umstände ändern sich. Das ist normal und oft auch gut so.“
„Genau. Und der Papa hat sich in die eine Richtung verändert, und ich mich in die andere Richtung. Und nun sind wir ziemlich weit voneinander entfernt. Verstehst du, was wir sagen wollen?“
− Wart ihr euch jemals nah?
„Nun sag doch mal was, Liebes.“
„Ja, ich verstehe.“
„Da sind wir aber froh, mein Schatz, und wir sind mächtig stolz auf dich, wie du das alles wie eine Erwachsene trägst.“
− Ich bin offensichtlich erwachsener, als ihr beide zusammen!
„Das ist überhaupt das Wichtigste an allem: Wir lieben dich genauso sehr, wie immer! Zwischen dir und Papa, und zwischen dir und mir wird sich überhaupt nichts ändern.“
− Wieso?! Das muss es aber! So kann das nicht weiter gehen!
„Du wirst uns auch beide weiterhin sehen können. Wir bleiben beide in der Stadt. Du kannst also jederzeit, Mama und mich besuchen. Das ist doch super, findest du nicht?“
− Immerhin Schadensbegrenzung…
„Wieso sagst du denn nichts, Liebling?“
„Ja, find ich super.“
„Toll! Du bist so ein starkes Mädchen! Wir sind unendlich stolz auf dich!“
− Das sagtest du bereits…
„Und der Papa wird auch etwas mehr Zeit für dich haben, das hat er versprochen.“
− Uuuh… Das gefällt Papa aber gar nicht, was du da sagst… Ich hab das Zucken in seinem Mundwinkel genau gesehen…
„Und Mama wird auch bestimmt nicht mehr so viel trinken, das hat sie ebenfalls versprochen.“
− Oje, jetzt geht’s los…
„Zumindest hat sich die Mama nie mit anderen Männern herum getrieben und dabei behauptet, sie sei so hart am arbeiten, während du daheim auf sie gewartet hast, nicht wahr?“
− Nicht schon wieder…
„Jetzt komm nicht wieder mit dieser Geschichte! Das war ein einziges Mal! Und was hätte ich auch zu dir nach Hause kommen sollen, du hättest es in deinem Alkohol-Koma ja ohnehin nicht mitgekriegt.“
„Deine Parfümfahne hätte mich selbst von den Toten wieder zurück geholt, keine Sorge!“
„Wir wollen jetzt mal nicht Fahnen vergleichen…“
„Du widerlicher—!“
„Du nutzlose—!“
„Hallo-o! Ihr wolltet mir damit sagen…?“
„Oh, entschuldige Liebes! Du siehst, wie viele Emotionen da noch im Spiel sind… Das zeigt doch, wie lieb sich der Papa und die Mama im Grunde noch haben.“
− Ein Spiel ist es schon lange nicht mehr. Und wenn das Liebe ist, na dann Prost Mahlzeit!
„Und trotzdem könne wir nun mal kein Paar mehr sein. Das verstehst du doch, mein Sonnenschein. Mama und ich müssen nun getrennte Wege gehen. Das ist für alle von uns wahrscheinlich das Beste…“
− Das erste wahre Wort an diesem Abend! Aber kommt doch endlich zum Punkt!
„Und deswegen haben der Papa und die Mama sich schweren Herzens entschieden, dass wir uns scheiden lassen müssen… Verstehst du das, Engelchen?“
„Ja, natürlich…“

− Aber kann man da noch von ENT-SCHEIDUNG sprechen…?

Dienstag, 4. April 2017

Neues Leben

Herbert Nörgel war ein Nörgler. Ein Nörgler sondergleichen. Er war ständig unzufrieden mit allem. Es begann meist bereits am Morgen kurz vor dem Aufstehen. Seinem Wohnhaus gegenüber befand sich ein kleiner Lebensmittelladen, der morgens um sechs seine Lieferung erhielt. Das Geräusch des anfahrenden Lieferwagens und des Herablassens der Ladefläche und des Ausladens und Einräumens der Waren und der Gespräche zwischen dem Lieferanten und Fräulein Poot, der Ladenbesitzerin, weckten Herrn Nörgel kurz vor dem Läuten seines Weckers. Und das ärgerte ihn.
Dann stieg er murrend aus dem Bett und begab sich ins Bad. Dort fand er den tropfenden Wasserhahn vor, was ihn ärgerte, und er putzte sich leise fluchend die Zähne.
Der Morgenkaffe war dann sein erster Genuss des Tage, der ihn etwas zu beruhigen vermochte. Danach begab er sich zu seinem Wagen, um ins Geschäft zu fahren. Dabei fiel ihm jedes Mal wieder das quietschende Geräusch des Motors auf, welches trotz mehrfacher Prüfung durch den Garagisten nicht wegzukriegen war. Und das ärgerte ihn. Er biss die Zähne zusammen und fluchte auf dem gesamten Weg ins Büro leise vor sich hin.
Natürlich fing dort das grosse Ärgernis erst richtig an. Die Sekretärin ärgerte ihn, weil sie den Kaffee schon wieder mit zu wenig Milch brachte, der Drucker ärgerte ihn, weil er noch immer diese schwarzen Schlieren auf den Ausdrucken machte, das Telefon ärgerte ihn, weil es garantiert immer zum ungelegensten Zeitpunkt läutete, das Mittagessen ärgerte ihn, da es wie immer zu wenig gesalzen war und deswegen fad schmeckte, der Büronachbar ärgerte ihn, weil er wieder einmal lauthals mit Kollegen lachte, als sei man hier auf dem Jahrmarkt! – und so ging es in einem fort.
Nach der Arbeit war er dann in der Regel so erschöpft von den vielen Ärgernissen, dass er in den kleinen Lebensmittelladen seinem Haus gegenüber ging, um sich seinen Eierlikör zu holen. Dort ärgerte er sich jedes Mal über das Fräulein Poot, das ihn wie ein verblödeter Roboter mit aufgesetzter Höflichkeit fragte: „Was darf’s denn sein, der Herr?“ und sich offenbar weigerte, sich zu merken, dass er jedes Mal denselben Eierlikör kaufte. Und dann war da noch diese lästige Katze, die ihm beim Bezahlen im Laden stets um die Beine strich.
Zähneknirschend stieg er dann in den Lift in seinem Wohnhaus und ärgerte sich dabei aufs Neue darüber, dass der Knopf für den vierten Stock noch immer nicht repariert worden war und als einziger nicht leuchtete.
So ging es noch den ganzen Abend weiter, das nervige Fernsehprogramm, das nur hirnlose Unterhaltung bot, die egoistische Nachbarin, die ihn mit ihrer ständigen Kocherei olfaktorisch belästigte, der Wasserhahn, der noch immer tropfte… Und manchmal kam am Ende des Tages noch ein weiteres Ärgernis hinzu, dass ihn seine Tochter anrief oder ihm gar einen Besuch abstattete und ihn mit ihren lästigen Fragen zu seinem Wohlbefinden und Tätigkeiten bedrängte.
„Was soll das Tina, hast du kein eigenes Leben, um das du dich kümmern musst?“ fauchte er sie dann regelmässig an. Sie entgegnete nur ein mitleidiges Lächeln und tätschelte ihm zu allem Übel manchmal sogar den Kopf – wie einem Hund!
Doch eines Abends sollte sich alles verändern. Herr Nörgel kam auch an diesem besagten Abend von der Arbeit nach Hause und ging in den Lebensmittelladen von Fräulein Poot, um seinen Eierlikör zu kaufen. Das alte Mütterchen sass bucklig wie immer hinter der Ladentheke und blitzte ihn aus wachen Augen an, als er eintrat. Bereits zu diesem Zeitpunkt war es Herrn Nörgel irgendwie nicht ganz geheuer. Etwas an dem Blitzen in ihren Augen war anders als sonst – ahnend!
„Was darf’s denn sein, der Herr?“ fragte Fräulein Poot, und Herr Nörgel wollte sich gerade wieder über ihre Sturheit ärgern, als ihm das kaum erkennbare, herausfordernde Lächeln auffiel. Das gefiel ihm gar nicht.
Verunsichert antwortete er wie immer: „Einen Verpoorten, bitte.“
Während sie ihm den Eierlikör aus dem Regal reichte, fragte sie beiläufig und weiterhin mit diesem unheimlichen, verschmitzten Lächeln: „Wissen Sie, welcher Tag heute ist?“
Verwirrt blickte Herr Nörgel das alte Weib an. „Es ist … Mittwoch“, antwortete er naiv.
„Es ist der Tag des Verzichts. Wollen Sie heute nicht mal auf den Verpoorten verzichten? Es würde bestimmt auch Ihrer Herzen gut tun.“
Das wurde Herrn Nörgel nun aber zu bunt. Er knallte das Geld auf die Theke und zerrte dem Fräulein Poot die Flasche aus der Hand. „Ich wüsste nicht, was mein Herz Sie angeht! Und was hat das überhaupt mit dem Verpoorten zu tun! Pha! Lächerlich!“ Er wandte sich zum gehen.
„Geben Sie gut acht auf sich und Ihren Schatz!“ rief ihm das alte Weib nach. „Sonst müssen Sie eher darauf verzichten, als Ihnen lieb ist…“
Zornig und zugleich verwirrt blickte Herr Nörgel im gehen zur alten Hexe zurück. Diese funkelte ihn weiter schelmisch mit ihren lebendigen, dunklen Augen an und schien vielsagend leicht zu nicken. An der Ladentür, während er noch immer unheimlich berührt zu ihr blickte, stiess Herr Nörgel plötzlich mit dem Fuss gegen die Katze, diese kreischte laut auf, Herr Nörgel stolperte, ruderte mit den Armen um sein Gleichgewicht, fiel trotzdem vornüber und landete mit einem lauten Ausruf auf dem Bauch, während die Flasche mit dem Eierlikör in hohem Bogen davon flog und einige Meter vor seinem entsetzten Besitzer zerschellte und sich seine wohlriechende, gelbe Pracht zwischen den Scherben auf dem Boden ausbreitete. Fluchend erhob sich Herr Nörgel. „Dieses verfluchte, hässliche Katzenvieh! Halten Sie ihre zerzauste Flohschleuder gefälligst im Zaum, Sie—“
„Ich sagte Ihnen doch, Herr Nörgel“, unterbrach sie ihn, und dass sie zum ersten Mal seinen Namen aussprach, brachte ihn abrupt zum Schweigen, „Geben Sie gut acht auf sich und Ihren Schatz… Und ich sprach nicht von Ihrer Flasche…“ Das unheimliche Grinsen wurde immer breiter und schien bald ihr ganzes Gesicht einzunehmen.
Entsetzt torkelte Herr Nörgel rückwärts aus dem Laden und das letzte was er sah, waren die zu einem grotesken Grinsen gefletschten Zähne der alten Hexe, unwirklich und bedrohlich.
Er flüchtete so schnell er konnte in die vermeintliche Sicherheit seiner Wohnung im vierten Stock, verkroch sich dort, ohne auch nur die Kleider abzulegen, in sein Bett und fiel in einen tiefen, unruhigen Schlaf.
Im Traum erschienen ihm die furchteinflössendsten Gestalten mit messerscharfen Zähnen und widerlichen, gelblichen oder schwarzen, zähen Flüssigkeiten, die ihnen aus diversen Körperöffnungen rannen. Einige der Wesen hatten gewisse Ähnlichkeiten mit Personen, die er kannte. Er glaubte beispielsweise, seine Sekretärin in der kreischenden Spinnenfrau zu erkennen, oder seine Nachbarin in den Zügen der schlammbedeckten Moorleiche, oder den Fernsehmoderator in der grausigen Vogelscheuche. Und alle kamen bedrohlich auf ihn zu. Und dann war da noch dieses unheimliche kleine Mädchen mit den langen, dunklen Haaren, die ihr Gesicht bedeckten. Ihr Kleid war blutverschmiert und ihr Beinchen war unnatürlich verformt, als wäre es gebrochen. Doch es ging unbehelligt, wenn auch hinkend, ebenfalls auf ihn zu. Und immer, kurz bevor eines der Wesen seine Krallen oder Zähne in sein Fleisch graben konnte, zerplatzte es mit einem ohrenbetäubenden Knall und zerstieb in tausend schleimig-blutige Fetzen. Doch er erwachte nicht aus diesem Albtraum. Obwohl er wusste, dass er träumte, blieb er in dieser grauenhaften Welt gefangen und durchlebte ein Schreckensmoment nach dem anderen. Zuletzt war noch das langhaarige Mädchen übrig, das mit ihrem gebrochenen Beinchen auf ihn zuwankte. Als sie endlich bei ihm angelangt war, zog sie ein riesiges, blutüberströmtes Messer aus seinem Mäntelchen und kreischte während es auf ihn niederstach. Was ihn jedoch zuletzt doch noch schweissgebadet aus dem Albtraum erwachen liess, war nicht der Messerstich, sondern der schrille Ruf des Mädchens, der irgendwie nach „Vater“ tönte.
Herr Nörgel sass aufrecht im Bett, schweissnass und schwer atmend und sein Herz hämmerte fast schmerzhaft in seiner Brust. Was war geschehen? Hatte er im Fieber halluziniert? Hatte ihn die scheussliche Hexe mit einem Fluch belegt?
Langsam beruhigte sich Herr Nörgel wieder. Als er wieder einen klaren Gedanken fassen konnte, fragte er sich, was für Zeit es war. Er blickte auf den Wecker auf seinem Nachttisch: viertel nach sechs. Er lauschte. Und lauschte.
Nichts. Es war totenstill. Was war mit der täglichen Lieferung für den Lebensmittelladen der irren Poot? Er stand auf und ging zum Fenster. Die Strasse war menschenleer. Ein einzelner Frühaufsteher eilte der Arbeit entgegen. Doch vom Lieferwagen fehlte jede Spur. Auch Fräulein Poot war nirgends zu sehen.
„Herrlich!“ jubilierte Herr Nörgel für sich selbst. Vielleicht war dies der Lohn für diese elende Nacht, die er hatte durchleben müssen.
Fast heiter ging Herr Nörgel ins Bad, wo seine Freude nochmals unerwartet verstärkt wurde: der Wasserhahn tropfte nicht mehr! ‚Welch glückliche Fügung!‘ dachte Herr Nörgel. Doch der frisch gewonnene Enthusiasmus fand bereits wieder ein jähes Ende, als er den Hahn aufdrehte und kein Wasser kam.
„Aber was soll jetzt das?“ rief er aus. „Und wie soll ich mich, zum Teufel nochmal, jetzt waschen?“
Er versuchte es gleich in der Küche, und dort kam glücklicherweise noch Wasser. So wusch er sich eben in der Küche.
Der Morgenkaffe schmeckte nach diesem Gefühlschaos besonders köstlich, und er konnte sich wieder etwas beruhigen.
Doch bereits in seinem Wagen erwartete ihn die nächste Strapaze. Der Motor sprang nicht an. Nach mehrmaligem Versuch stieg er, ausser sich vor Wut, wieder aus dem Wagen. „Elendige Drecks-Karre!“ rief Herr Nörgel und trat gegen die Fahrertür. So machte er sich laut fluchend zu Fuss auf den Weg zur Arbeit.
Dort angekommen warf er seinen Mantel und die Aktentasche auf den Sessel und warf sich erschöpft in seinen Bürostuhl. Und schon begann er sich wieder zu ärgern.
„Wo bleibt der elende Kaffe?“ knurrte er und griff zum Telefon, um die Sekretärin anzurufen. ‚Die kann was erleben!‘
„Hallo? Was kann ich für Sie tun?“ meldete sich eine unbekannte Frauenstimme auf der anderen Seite.
Verdutzt antwortete Herr Nörgel: „Ja was heisst denn hier ‚hallo‘?! Wer sind Sie überhaupt?“
„Oh entschuldigen Sie, ich hatte noch nicht die Gelegenheit mich vorzustellen. Ich bin−“
„Es interessiert mich nicht, wer Sie sind! Wo ist Fräulein Blum?“
„Oh, ähm, das Fräulein Blum ist heute Morgen nicht aufgetaucht, also wurde ich zu ihrem Ersatz gerufen.“
„Was heisst hier ‚nicht aufgetaucht‘? Ist sie krank?“
„Nein, mein Herr, es ist nicht bekannt, wo Fräulein Blum sich aufhält. Zuhause geht niemand ans Telefon.“
„Eine Frechheit, einfach so zu verschwinden! Nun dann, bringen Sie mir eben einen Kaffe. Viel Milch, ein Stück Zucker.“ Noch bevor die Frau antworten konnte, hatte Herr Nörgel den Hörer bereits wieder auf die Gabel geworfen. „So ein Elend, dieser Tag!“ raunzte er.
Etwas später am Morgen, ereilte ihn bereits der nächste Schlag. Es klopfte an der Tür.
„Was gibt’s?“ rief Herr Nörgel ungehalten.
Die Tür öffnete sich einen Spalt breit und der Lehrling streckte schüchtern seinen Kopf hindurch. „Entschuldigen Sie, Herr Nörgel. Ich hoffe, ich störe Sie nicht. Mir wurde aufgetragen−“
„Jetzt komm zur Sache, Junge! Was willst du?!“ schnauzte der Angesprochene.
„Gewiss doch. Nun die Sache ist die, der Drucker funktioniert heute nicht. Der Techniker ist−“
„Was?! Was meinst du mit ‚funktioniert nicht‘? Gar nicht?!“
„Nein, ich meine, genau. Gar nicht. Leider. Tut mir leid“, stotterte der Stift.
„So ein verdammter, eldender, Scheissdreck, verdammter!“ fluchte Herr Nörgel. Der Junge zuckte hinter der Türe zusammen. „Wie soll ich denn jetzt den Vertrag für die Sitzung in einer Stunde drucken, sag mal?! Es gibt doch bestimmt noch einen anderen Drucker in der Firma?“
„Nun, das ist das kuriose, Herr Nörgel. Es sind alle kaputt.“
„Was, ‚alle‘?“
„Alle vier Drucker der Firma haben heute den Geist aufgegeben. Wir vermuten, es muss ein Virus sein.“
„Aber das kann ja nicht sein! Das muss ein schlechter Scherz sein! Und wieso erfahre ich das überhaupt erst jetzt?!“
„Man hat Sie versucht telefonisch zu erreichen, aber Sie haben das Telefon nie abgenommen.“
„Papperlapapp! Was ist das jetzt wieder für ein Unsinn! Das Telefon hat kein einziges Mal geläutet!“
„Ich habe es selbst vorhin versucht…“
Herr Nörgel war aufgesprungen und rannte auf die Türe zu. „Aus dem Weg, du Einfaltspinsel! Ich zeig dir jetzt mal, wie man ein Telefon bedient.“ Er eilte aus dem Büro und zum gegenüberliegenden Tresen der neuen Sekretärin. „Ich brauche mal Ihr Telefon“, meinte er knapp. Er hob den Hörer und wählte seine eigene Kurzwahl. Das Freizeichen ertönte, doch aus seinem Büro war kein Läuten zu hören. Er spürte, wie es ihm die Röte ins Gesicht trieb. „Ihr Telefon muss kaputt sein!“ wetterte er.
„Ich fürchte nicht, der Herr“, antwortete die Sekretärin schüchtern. „Gerade habe ich Ihren Kollegen angerufen.“
Erneut hob er den Hörer und hämmerte die Kurzwahl seines Büronachbarn in den Apparat. Diesmal ertönte nicht einmal ein Freizeichen, und aus dem entsprechenden Büro auch kein Klingeln. „Sehen Sie! Es ist IHR nutzloser Apparat, der nicht funktioniert!“ triumphierte Herr Nörgel.
„Sie haben doch gerade Herrn Lustig versucht zu erreichen, nicht wahr?“ fragte die Sekräterin.
„Ja, wieso?“ fragte Herr Nörgel gereizt.
„Diese Leitung ist nicht eingeschaltet, da er heute abwesend ist.“
„Wie ‚abwesend‘? Das kann nicht sein, er nimmt an der Verhandlung in einer Stunde teil.“
„Es tut mir leid, mein Herr, er ist heute Morgen nicht zur Arbeit erschienen und ist zuhause nicht erreichbar.“
„Wie bitte?!“ Herr Nörgel war ausser sich. „Das darf doch alles nicht wahr sein! Was ist denn heute nur los, zur Hölle?! Heut‘ ist ja alles noch viel schlimmer, als sonst!“ Er warf den Hörer rücksichtslos auf den Tresen zurück und eilte seinem Büro entgegen. „Am Schluss stellt sich heraus, dass die Blum und der Lustig im wahrsten Sinne des Wortes zusammen unter einer Decke stecken! Pha, was für ein Zirkus!“
Auf dem Weg zur Kantine dachte Herr Nörgel über den komplett misslungenen Morgen nach. Die Vertragsverhandlungen waren natürlich ohne Vertragsabschluss ausgegangen, da er keinen vorzulegen hatte. Dann die vielen mysteriösen technischen Störungen und das Wegbleiben der beiden Arbeitskollegen. Was für ein ungewöhnlicher Zufall. Doch als er am Eingang der Kantine ankam, liess ihn das angeschlagene Schild den Glauben an einen blossen Zufall verlieren: „Heute geschlossen“. In diesem Moment kam einer der Köche durch die Tür.
„Tut mir leid, mein Herr, haben Sie es noch nicht vernommen? Die Firma bleibt heute Nachmittag geschlossen“, erklärte der Mann und wirkte dabei sehr bedrückt.
„Weshalb denn das? Ich komme gerade aus einer Sitzung. Was ist denn los?“
„Haben Sie es nicht vernommen? Zwei Mitarbeiter sind heute Nacht überraschend ums Leben gekommen.“
„WAS?!“ platzte es aus Herrn Nörgel heraus. „Wie denn das?“
„Das ist soviel ich weiss nicht geklärt. Sie wurden tot in ihrer Wohnung gefunden.“
„Um Gottes Willen! Wer…?“ Ihm blieben die Worte im Halse stecken.
„Die liebe Frau Blum und ein gewisser Herr Lustig. Was für ein schrecklicher Zufall! Unfassbar!“ Der Koch ging mit gesenktem Kopf davon.
Herr Nörgel blieb regungslos stehen und starrte auf das Schild. Ein wachsendes Grauen stieg in ihm auf und seine Gedanken fingen sich an zu überschlagen. Zufall? Der eigenartige Albtraum in der Nacht, der Lieferwagen heute früh, der kaputte Wasserhahn, der liegengebliebene Wagen, der Drucker, das Telefon und nun das! Ihm schwante Übles… Das konnte kein Zufall sein! Und auf einmal waren alle wirren Gedanken wie weggeblasen, kalter Schweiss stand ihm auf er Stirn und es platzte aus ihm heraus: „TINA!“
Herr Nörgel rannte panisch zurück ins Bürogebäude, nahm drei Stufen auf einmal und hechtete in sein Büro, wo er hektisch den Telefonhörer von der Gabel riss und die Mobilnummer seiner Tochter wählte. Das Freizeichen ertönte. Und mit jedem Mal schien der Ton länger zu werden. „Nimm schon ab, Kleines!“ Eine gefühlte Ewigkeit wartete Herr Nörgel, und seine Finger gruben sich dabei immer tiefer ins Polster seines Bürostuhls. Irgendwann ertönte der automatische Anrufbeantworter. Herr Nörgel legte entsetzt auf.
Was hatte die alte Hexe mit ihm gemacht?! Er versuchte sich krampfhaft an die letzten Worte zu erinnern, die sie ihm gestern nachgerufen hatte. „Geben Sie gut acht auf sich und Ihren Schatz!“ hatte sie gesagt. „Sonst müssen Sie eher darauf verzichten, als Ihnen lieb ist…“
Wieder stürzte Herr Nörgel panisch aus dem Büro, durchs Treppenhaus aus dem Gebäude auf die Strasse hinaus und rannte wie vom Hafer gestochen Richtung zuhause. Er musste mit der Poot, dem verfluchten Weibsstück, reden, bevor sie auch noch sein Kind umbrachte! Er rannte über Strassen, ungeachtet dem Verkehr, liess hupende Wagen und fluchende Autofahrer hinter sich zurück, ohne sich auch nur nach ihnen umzuwenden, er rempelte Passanten an und trampelte auf dem kürzesten Wege durch Gartenwirtschaften und Vorgärten. Schliesslich kam er keuchend und mit tränenden Augen beim kleinen Quartierladen der Poot an. Er stürzte durch die Tür in den Laden und kreischte hysterisch: „POOT! Wo stecken Sie!“
Da kam ein junges Mädchen hinter dem Vorhang zum Hinterzimmer hervor. „Es tut mir leid, mein Herr, aber meine Grosstante hatte heute Morgen einen Herzinfarkt.“
„Was sagst du?!“ keuchte der Elende und torkelte entsetzt zurück.
„Tut mir wirklich leid…“ fuhr das Mädchen leise fort, doch noch bevor sie zu Ende gesprochen hatte, war Herr Nörgel aus dem Laden und über die Strasse gestolpert und lehnte schwer atmend an der Wand seines Wohnhauses. „Diese alte Hexe, diese verdammte!“ hisste er heiser und hämmerte mit der Faust gegen die Wand. „Sie hat mich mit einem Fluch belegt, und dann kratzt sie ab, bevor sie mir sagen kann, was ich dagegen tun soll!“ Er drehte sich mit dem Rücken zur Wand und sank erschöpft in die Knie bis er wie ein Häufchen Elend am Boden sass. „Was soll das bedeuten: ‚Geben Sie gut acht auf Ihren Schatz‘? Was will sie von mir?“ Dann wandte er sich zum Himmel und schrie aus vollem Halse: „Was willst du von mir?!“ Ein Passant machte einen deutlichen Bogen um den verzweifelten Mann am Boden und starrte ihm im vorbeigehen misstrauisch nach.
Ein leises Miauen riss Nörgel aus seinem Gedankenkreisen. Er blickte entgeistert zu seinen Füssen hinab. Es war die Katze der alten Poot! „Hau ab, du—“ setzte er bereits wieder zum Fluchen an und brach mitten im Satz ab. Die Katze streifte unbehelligt um seine Beine und miaute ihn hingebungsvoll an. Da fiel es ihm wie Schuppen von den Augen. „Gib Acht auf deinen Schatz“, wiederholte er nachdenklich. Dann streckte er die Hand aus und strich der Katze freundlich über den Kopf. Diese erwiderte mit einem wohligen Schnurren. „Du musst ja ganz verhungert sein, du armes Vieh, wenn dein Mütterchen nicht mehr da ist. Komm!“ Er nahm die Katze auf den Arm und ging ins Haus. Er liess den Lift kommen und betrat die Kabine. Dort fiel ihm erneut der defekte Knopf für den vierten Stock auf. Doch anstatt zu fluchen, sagte er zum Kater: „Zumindest funktioniert er trotzdem“, und lächelte. In der Wohnung stellte er der Katze eine Schale Milch hin, über die sich das Tier eifrig her machte. Er beobachtete das Tier lächelnd.
Als die Katze offensichtlich satt war, nahm er sie wieder auf den Arm, um sie zurück in den Laden zu bringen. Auf dem Hausflur schlug ihm erneut der Duft frischen Essens entgegen. Doch anstatt zu fluchen und sich neidisch darüber zu ärgern, fasst sich Herr Nörgel ein Herz und ging zur Tür der Nachbarin und klopfte.
Die betagte Dame öffnete verwundert die Tür. „Ja guten Abend, Herr Nörgel, was für eine ausserordentliche Überraschung!“
„Ich grüsse Sie, Frau Weber. Ich kam gerade nach Hause und roch wie so oft die Wohlgerüche Ihrer Kochkünste und wollte Ihnen endlich einmal ein Kompliment machen. Sie müssen wahrlich eine meisterhafte Köchin sein!“
Eine jugendliche Röte stieg der jung gebliebenen Dame ins Gesicht. „Ach, wie freundlich von Ihnen! Wie kann es sein, dass man Sie für einen so verbitterten, einsamen Mann hält? Schade nur, dass ich das Mahl selten mit jemandem teilen kann. Wieso bleiben Sie und Ihr netter Gefährte nicht zum Abendessen?“
„Was für ein nettes Angebot“, entgegnete Herr Nörgel ehrlich erstaunt. „Ich komme sehr gerne zum Essen, vielen Dank. Allerdings ist dies nicht mein Kater. Er gehörte der armen verblichenen Frau Poot von gegenüber, und ich muss ihn ihrer Grossnichte erst zurück bringen, bevor sie ihn vermisst.“
„Was sagen Sie da, Frau Poot ist verstorben?!“ fragte die Nachbarin konsterniert. „Das muss gerade erst geschehen sein!“
„Ja, das tut mir leid, sie hatte wohl heute Morgen einen Herzinfarkt, erzählte mir das Mädchen.“
„Davon weiss ich, aber sie wurde doch ins Krankenhaus gebracht.“
Herr Nörgel horchte auf. „Ach, Sie meinen, sie ist nicht daran verstorben? Kann sein, dass ich das missverstanden habe!“ Von erneuter Aufregung befallen, fragte der Verwandelte weiter: „Wissen Sie denn, in welches Krankenhaus sie gebracht wurde?“
„Soweit ich hörte, ins Sacré-Cœur.“
„Oh, liebe Frau Weber, Sie wissen gar nicht, welch Stein mir gerade vom Herzen fällt! Sie verstehen sicher, dass ich hinfahren muss, um der alten Dame einen Besuch abzustatten. Wir holen das Essen gerne morgen Abend nach, wenn das Ihnen recht ist.“
„Es wäre mir eine Freude!“ Sie lächelte verlegen, und erneut röteten sich ihre Wangen.
Herr Nörgel verschwand mit dem Kater im Lift.
„Was für ein freundlicher Mensch…“ flüsterte Frau Weber, als sie die Türe schloss.
Nachdem Herr Nörgel die Katze dem Mädchen im Laden des Fräulein Poot zurück gebracht hatte, machte er sich auf den Weg ins Spital. Er erkundigte sich am Empfang nach der alten Dame.
„Sie liegt im Zimmer tausendeinhundertundsieben. Gehen Sie durch die Frauenklinik. Dann kommen sie ins Bettenhaus“, erklärte die Empfangsdame.
Er ging durch die Glasschiebetüre, die den Eingang zur Frauenklinik markierte. Doch als er den langen Gang dahinter entlang lief, erstarrte er plötzlich. Er traute seinen Augen nicht. Wer kam ihm da auf dem Gang in Begleitung ihres Mannes entgegen und schien ebenso erstaunt, ihn zu sehen?
„Tina?!“
„Papa?“ Seine Tochter kam freudig auf ihn zu. „Was machst du denn hier?“ fragte sie erstaunt, während sie sich ihm um den Hals warf.
„Ich wollte eigentlich die Frau Poot— Sie hatte wohl einen Herzinfarkt. Aber was machst du— Was macht ihr denn nun hier?“ stammelte er. „Du bist doch wohl nicht krank?“
„Aber nein, Väterchen!“ lachte Tina und ungläubig fuhr sie fort: „Und du wolltest jemandem einen Krankenbesuch abstatten?! Welch wundersame Wandlung! Dass ich das noch erleben darf!“ Tina lachte laut auf und umarmte ihren Vater erneut. „Dann lass uns doch zum Fräulein Poot gehen. Wir haben gerade auch nichts mehr vor, oder Schatz?“ Ihr Mann lächelte eigenartig verzaubert. Sie hakte sich bei ihrem Vater ein. „Dann können wir dir auch in Ruhe erzählen, weshalb wir hier waren. Ein kleiner Hinweis…“ Sie überreichte ihrem Vater ein kleines Stück Papier mit einem schwarz-weissen, verschwommenen Bild. Herr Nörgel blickte entgeistert auf das wolkige Bildchen und eine Träne rann ihm über die heisse Wange. Er blickte ungläubig zu seiner Tochter auf.

Diese strahlte ihn an und zwinkerte. „Komm, lass uns gehen, Opa.“