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Zitat des Monats

Wenn der Wind des Wandels weht, bauen die Einen Schutzmauern, die Anderen bauen Windmühlen.

Chinesische Weisheit

Willkommen!

Liebe Schreibende

In unserer hektischen Welt, dominiert von High-Speed-Rechnern, Zeitmangel, Medien, Facebook und Leistungsdruck, versuchen wir uns hier eine kleine Insel der Besinnung zu erhalten. Sich einmal im Monat in Ruhe niederzusetzen, sich mit einem Thema eingehend zu beschäftigen und dann die passenden Worte zu finden, um seine Gedanken mit anderen zu teilen, erscheint mir dabei ein geeigneter Weg, aus dieser Alltagshektik auszubrechen.

Sollten wir innerhalb eines Jahres genügend Beiträge beisammen haben, werde ich diese zusammentragen und in Buchform drucken lassen. So hat man dann Ende Jahr ein schönes Büchlein zur Hand - zur Erinnerung, oder als Geschenk zu Weihnachten, oder auch, um die Heimbibliothek mit einem eigenen Werk etwas auszubauen.

Dann also viel Spass beim Schreiben!

Eilean

Sonntag, 1. November 2020

Falsches Überlegenheitsgefühl

Auf der Fahrt rumpelte und schüttelte es gehörig. Und die Reise dauerte schon recht lange. Den Fahrgästen war klar, dass es jemand eilig hatte. Aber sie wussten nicht, wohin die Fahrt ging. Einige von ihnen waren schon von einer satten grünen Farbe.

Andere erbrachen.

Dann sagte ein Covidchen zum anderen:

"Mir ist es soooo schlecht... dir auch?"

- "Mir noch gar nicht. Vielleicht habe ich eine besondere Mutation."

"Eine besondere Mutation? Wir haben aber gemeinsam im gleichen Lungenbläschen gewohnt. Und der Patientin eine gehörige Panik eingejagt. Weisst du noch, als sie morgens um drei nach ihrem Partner rief, der sich aber gar nicht getraute, ihr Zimmer zu betreten? Sie dachte wirklich, ihr Leben gehe zu Ende."

- "Oh ja. Und als ich hörte, wie sie vorher eifrig in den Kommentarspalten schrieb, dass 95% der Infizierten symptomlos seien, bin ich vor lauter Lachen fast gestorben. Sie kapiert nicht, wie wir Viren arbeiten."

"Und vorher hat sie eine Hochzeit besucht, hat gesungen und getanzt bis am Morgen früh - weil ja alles nur symptomfreie Leute da waren. Oh Mann..."

- "Schicksal..."

"Nein. Dummheit."

- "Falsches Überlegenheitsgefühl?"

"Stimmt. Sie glauben, dass etwas, das sie nicht sehen können, nicht spüren können, nicht hören können, würde auch nicht existieren. Und dann kommen die Wissenschaftler..."

- "Und auf die hören sie nicht..."

"Doch, sie hören den Wissenschaftlern sehr gerne zu. Überaus aufmerksam. Aber nur, um sich darüber zu mokieren, wie realitätsfremd sie seien..."

Ein Covidchen, das diese Worte beim Vorbeischwimmen gehört hatte, platzte vor Lachen.

"Armer Kerl."

- "Amen."

"Aber warum ist es jetzt so ruhig?"

- "Huh. Das ist wirklich komisch. Und was ist das, die Taq-Polymerase? Hast du schon mal davon gehört?"

"Nein. Aber mir wird es gerade sehr warm."

Und die beiden Covidchen zerplatzten, wie alle anderen, im Teströhrchen.

Eines von vielen tausend positiven Resultaten.

Montag, 27. Juli 2020

Doch es kam ganz anders

Anstelle drei Stunden bis zur "Holzegg" brauchte ich nur zwei,
anstelle Durst verspürte ich keinen (aber er holte mich später wieder ein),
die dumme Knochenhaut entzündete sich nach dreihundertzweiundfünfzig Kilometern Laufsport in gerade mal einundsechzig Tagen (vorher aber nicht),
und noch ein paar Menschen missverstanden mich.

Ich stehe immer noch in der Schuld einer Freundin (doch für sie ist das ganz normal),
und sie ist immer noch über jedes Gebäck erstaunt, das ich für sie kreiere (doch für mich ist das ganz normal),
und dass ich vom Schwimmen im Rhein nass (aber lebendig) wieder auftauche, das ist für meine Mutter irgendwie nicht ganz normal.

Ich hatte vor, das nächste Spiel anzupfeifen, und zu sagen: "Wegen den Maßnahmen gilt es als Fehler, den Ball zu berühren."

Doch dazu kam es nicht. Kein Spiel musste ich pfeifen, aber aber dann sagte der Laufsportverein, der Orientierungslauf wäre ein Fehler.

So kam das Wochenende ganz anders.

Und die nächsten Monate sowieso.

Sonntag, 29. März 2020

Die verborgene Seite des Mondes - Kap. 5

Nachdem Brunhilde ein Tröpfchen des Zauberbaums in die Augen von Lilly, Tim und Roberta geträufelt hatte, durchbrach ein Bündel Sonnenstrahlen die dichte Wolkendecke und ließ den Himmel in den schönsten Farben aufleuchten. Dann begann es zu nieseln. So fein, dass es kaum zu sehen war. Die Luft wurde feuchter. Das Licht weicher und es kamen immer neue Farben hinzu. Ein abendrotes Wolkenmeer entstand. Von dunkelblau bis hellrosa, war alles dabei. Wolken, Pflanzen und Steine. Kinder und Katzen. Alles und Jedes hatte ein besonderes Leuchten. Nicht so, als ob die Tiere, Pflanzen und Kinder angeleuchtet würden, sondern sie leuchteten aus sich heraus. Hatten ihr eigenes Leuchten. Jeder Baum, jeder Strauch, jeder Stein. Alles in lebendigen, heiteren und leuchtenden Farben. Dazu zirpten die Grillen, was das Zeug hielt und die Vögel trillerten in einem Chor, der den ganzen Wald mit Vogelgesang zum Klingen brachte. «Ist das Mondmusik?» - fragte Tim, Roberta zugewandt. Roberta nickte nur. Sie sagte kein Wort. Das war ziemlich ungewöhnlich. Denn normalerweise ließ Roberta keine Gelegenheit aus, um einen Vortrag über Mondkunde zu halten. Darum war Robertas Schweigen für Lilly und Tim fast genauso geheimnisvoll wie die zauberhaften Klänge und Veränderungen, die im Wald und am Himmel vor sich gingen. Regen und Sonne. Tag und Nacht. Sommer und Winter. Ruhe und Klänge. Alles war gleichzeitig da. Es war ein Moment wie in einem Fantasy-Film, kurz bevor etwas Besonderes passiert. Am Himmel leuchtete geheimnisvolle der Mond. Sein großes, rundes Mondgesicht hing wie ein Spiegel am Himmel. Dann plötzlich war es soweit. Er geschah tatsächlich. Der Mond begann sich zu drehen. Immer weiter. Er drehte sich so lange um die eigen Achse nach rechts, bis seine Rückseite zum Vorschein kam. Die Hinterseite des Mondes sah anders aus als die Vorderseite. Sie sah aus wie ein helles Loch im Himmel. Wie ein großes, rundes Fenster könnte man sagen. Weit geöffnet. Lilly und Tim stockte der Atem. So etwas haben sie noch nie erlebt. Aber mit ihren eigenen Augen konnten sie klar und deutlich sehen, was passierte. Indem der Mond sich drehte war es sogar als würde ihnen ein Schleier von den Augen gezogen, von dem sie zuvor gar nicht wussten, dass er da war. Nach einer Weile mussten sich Lilly und Tim die Augen reiben, weil es ihnen das Leuchten und Strahlen fast schon zu viel wurde. Ihre Augen mussten sich erst daran gewöhnen. Lilly blickte an sich herab, weil sie bemerkte, dass auch mit ihr etwas passierte. Auf ihrem Hoodie beobachte sie, wie der goldene Puma auf dem weißen Stoff glitzerte wie aus purem Gold und pulsiere als ob er zum Leben erwacht wäre. Lilly spürte seine Lebendigkeit. Sie fing selbst an, sich wie ein goldener Puma zu fühlen. Stark und furchtlos, wie ein strahlender, goldener Puma. Um sich zu vergewissern, dass sie nicht träumte, kniff sich Lilly mit ihrer rechten Hand in die Linke. «Fühlt sich normal an», dachte sie sich. Dann schaute sie auf ihre Armbanduhr. Die Zeiger standen auf kurz vor 18:00 Uhr. «Haut auch hin!». Aber eigentlich war es ihr vollkommen egal wie spät es ist. Viel interessanter fand sie, dass auch ihre Uhr sich veränderte. Sie war nicht mehr nur kleines, hübsches Ding am Arm, was die Zeit anzeigt. Lilly konnte sehen und spüren, dass ihre Armbanduhr eine mit Liebe gefüllte Seele hat. Sie zeigte ihr nicht nur die Zeit an, sondern dass die ganze Welt mit Seele und mit Liebe gefüllt. Lilly wurde mollig warm ums Herz, weil sie so angerührt war von der schönen Seele, die alles um sie herum mit Leben und mit Liebe füllte. Sie schaute ihren kleinen Bruder an. Tim stand direkt neben ihr. Er strahlte vor Freude und war vergnügt wie ein Honigkuchenpferd. Vor Staunen bekam er fast den Mund nicht mehr zu. Dann blickte auch Tim an sich herab. Mit von seinem Körper weggestreckten Armen schaute er auf sein Trikot und das Zeichen der Golden State Warriors, das auf seiner Brust prangte. Das Wappen leuchtete wie die Sonne. Der blaue Ozean rundherum erstrahlte in herrlichem Blau. Die Sonne, das funkelnde Meer, die strahlende Golden Gate Bridge. Alles, wie in echt. Tim war mittendrin und fühlte sich sauwohl. Er spürte die kalifornische Sonne und das Meer und verstand, was es heißt ein Golden State Warrior zu sein. Er konnte springen und abheben und fliegen, wie ein echter Champion. Ein waschechter Golden State Warrior. Lilly und Tim schauten sich an. Sie sagten kein Wort, aber wussten genau Bescheid. Denn wenn man so etwas erklären will, dann hilft es nichts, wenn man darüber redet. Entweder man versteht es ohne Worte oder man versteht es gar nicht. Stattdessen lachten sie. Sie lachten so lange und so herzhaft, wie sie nur lachen konnten. Man muss sich wundern, wie man überhaupt nur so lange und so herzhaft lachen kann. «Wo ist eigentlich Roberta?», fragte Tim schließlich, noch immer lachend und schon ordentlich aus der Puste. «Da!», rief Lilly verblüfft, indem sie mit dem Finger in den Himmel zeigte. Roberta segelte in weiten Kurven durch die Luft. Sie Hüpfte dabei wie ein kleines Kätzchen. So gar nicht wie die strenge Frau Professor Doktor von Reichenstein, die weltweit angesehene Künstlerin und Inhaberin des Nobelpreises im Rechnen mit Katzenzahlen. «Na kommt schon!» rief sie ihnen verspielt zu. «Mach es wie ich! ist ganz leicht! Am Anfang geht es einfacher, wenn man die Arme ausbreitet und flattert wie ein Vögelchen. Dann nach vorne beugen und segeln wie ein Adler.» Gesagt getan. Tim flatterte mit seinen Armen wie ein Vögelchen und hob wirklich vom Boden ab. «Sieh nur, Roberta, es klappt», rief er begeistert. Er schwebte fast zwei Meter über dem Boden. Auch Lilly flatterte mit ihren Armen und hing in der Luft wie ein Schmetterling. Die beiden konnten kaum glauben, was da gerade passierte. «Woher kommt nur diese schöne Musik?», rief Lilly erstaunt, nachdem sie sich schon ein wenig an die Fliegerei gewöhnt hatte. Schon nach wenigen Minuten zog sie eine Achterschleife nach der anderen und es klappte ausgezeichnet. «Die Natur macht die Musik», erwiderte Roberta, ohne dass sie sich darüber zu wundern schien. «Voll normal! Wir hören es nur meistens nicht.» «Ach sooooooo!», entfuhr es Lilly – und noch während sie das rief, schraubte sie sich in die Höhe wie eine Silvesterrakete. Die Bäume und die Wolken machten einen richtig coolen Beat dazu. De Fluss, das Gras, die Steine – alle machten Musik. Der Bass hämmerte und es ging voll ab. Auf einer krassen Welle aus himmlischer Musik und leuchtenden Farben, surften alle drei drauf los. Sie lachten, surften und machten Kunststücke, als ob sie nie etwas anderes gemacht hätten. Tim und Lilly fanden im Nu heraus, wie es funktioniert. Sie rauschten unbeschwert dahin. Mitten hindurch, durch die Tür am Himmel, in die Welt hinterm Mond. «Meeeega!» hatte Tim noch getrillert, als er durch das Tor zur anderen Seite flog. In der Welt hinterm Mond waren Oben und Unten; Vorne und Hinten, Draußen und Drinnen, nicht so unterschiedlich wie wir bei uns auf der Erde kennen. «Das ist schwer zu erklären», hatte Roberta gesagt, die sonst für alles eine Erklärung hatte. «Irgendwie ist immer alles gleichzeitig da.» «Seht nur!», rief Tim: «rote Kühe» «Schööööööööön!», entfuhr es Lilly. Und noch ehe sie sich versahen, waren sie mittendrin, umringt von fliegenden roten Kühen. Sie sahen noch viel schöner aus, als die auf dem Bild, in Robertas Wohnzimmer. Alles an ihnen strahlte. Sie sahen so niedlich aus, dass man gar nicht anders konnte als sie lieb zu haben. Am meisten strahlten ihre Zähne. «Herzlich willkommen – ihr lieben Kinder und Katzen!» riefen ihnen die Kühe zu. «Ich hoffe ihr bleibt mindestens eine halbe Ewigkeit!», sagte eine Kuh, die ganz in ihrer Nähe tanzte. Sie sah der roten Kuh auf Robertas Gemälde am ähnlichsten. Außer natürlich, dass sie mehr leuchtete. Aber das muss wohl nicht extra erwähnt werden. «Haltet euch an mir fest. Ich will euch meine Welt zeigen». Ohne zu zögern schnappten sich Lilly und Tim einen ihrer beiden roten Schwänze. Und ab ging die Post. «Ich bin übrigens Greta!», sagte die nette, rote Kuh, mit den leuchtenden gelben Flecken und dem strahlend weißen Gebiss. «Ich bin der Tim.» «Und ich bin die Lilly.» «Jetzt zeige ich euch meine Welt.» Sie glitten durch die Lüfte, über eine Landschaft, die aussah wie ein großer Paradiesgarten. Mit vielen unterschiedlichen Bäumen und Sträuchern, bunten Blumen, schmalen Wegen, kleinen quirligen Bächlein, einem See zum Baden und Wasserfällen zum Duschen. Der Park war nicht endlos groß, aber auch nicht winzig klein. Klein genug, dass sie in wenigen Momenten jeden Winkel besuchen konnten. Groß genug, dass sie niemals damit fertig werden würden immer wieder etwas Neues zu entdecken. Als sie eine leuchtende, blaue Mondblume besuchten, haben sie eine kleine Ewigkeit damit verbracht sie zu bewundern. Als Lilly und Tim sie besuchten und bestaunten, war es als ob sie durch ein magisches Schlüsselloch blickten, durch das man das ganze Leben auf einmal sehen konnte. Und wenn sie mit Greta so hoch flogen, dass sie die ganze Rückseite des Mondes auf einmal überblicken konnten, kam sie ihnen nur ein wenig größer vor als die Blumenwiese hinterm Haus. Greta führte Lilly und Tim noch zu vielen anderen Mondbewohnern. Die Mondmännchen und Mondmädchen zum Beispiel. Sie hatten leuchtend Strickpullis an, in bunten Farben. Und immer, wenn Greta, Lilly und Tim an ihnen vorbei flogen, hüpften sie fröhlich auf und ab und winkten freudestrahlend zu ihnen hinüber. Hinterm Mond gab es außerdem noch viele Tiere: Füchse und Hasen. Wölfe und Schafe. Löwen und Zebras. Giraffen und Flamingos. Und alle lebten friedlich miteinander. Naschten gemeinsam von den Früchten, tranken aus den Bächlein und ließen sich von der Sonne den Bauch streicheln. Dann segelten sie zu einer Gruppe von tanzenden Mondkühen. «Wir Mondkühe tanzen ziemlich viel», hatte Greta gesagt. Roberta surfte vergnügt zu ihnen, um mit ihnen das Tanzbein zu schwingen. Musik war überall und die Bewegungen, die sie machten, sahen drollig aus. «Bist du lesbisch?», wollte Roberta von einer Kuh wissen, die besonders drollig tanzte. «Nein, ich glaube nicht», gab sie kichernd zur Antwort. «Warum fragst du?» «Weil ich gehört, dass lesbische Mondkühe nicht gut tanzen können. Als die Kuh das hörte, mussten sie zusammen mit Roberta, Greta, Tim und Lilly so fest Loslachen, bis ihnen vor Lachen der Bauch weh tat. «Gibt es eigentlich etwas, wovor ihr besonders große Angst habt?», fragte Greta schließlich, nachdem sie sich fast kaputtgelacht hatte. «Oh ja. Spinnen», sagte Lilly, spontan. «Wenn’s ganz dunkel ist», gab Tim prompt zur Antwort. Dann geschah etwas sonderbares. Lilly und Tim surften aus der gerieten in einen unsichtbaren Strudel. Die Musik wurde leiser und es entstanden unheimliche Geräusche. Es wurde immer dunkler. Lilly und Tim begannen sich zu fürchten und zu frieren Sie wurden von einem großen, schwarzen Loch angezogen. Für die beiden sah es aus, als ob sie in das dunkle Maul einer grässlichen Riesenspinne gezogen würden. «Neeeeiiiiiin!», riefen Lilly und Tim, voller Schrecken. Das Rauschen wurde immer lauter und gruseliger. Die unsichtbare Strömung zog sie tiefer in das große dunkle Maul der Spinne. «Denkt schnell an was anderes!», rief Roberta ihnen laut zu. Lilly und Tim schauten sich verwirrt zu Roberta und Greta um. Die beiden lächelten zu ihnen herüber und Greta sagte: «Hinterm Mond müsst ihr immer gut acht geben, was ihr denkt. Denn was ihr euch ausdenkt und vorstellt, das passiert dann in Wirklichkeit. «Wie krass ist das denn!», antwortete Lilly, mit weit aufgerissenen Augen. «Wenn das so ist», sagte Tim, «dann weiß ich schon, wo ich hin will!». «Super Idee!, sagte Lilly – weil sie genau wusste, woran Tim denkt. «Na dann los!», ermunterte Roberta die beiden. «Los geht’s!» Sofort griffen Lilly und Tim nach Gretas leuchtend roten Kuhschwänzen und – Huiiiii ... sausten sie wieder zurück in die Welt aus Musik, leuchtenden Farben und drollig tanzenden Mondkühen, mitten hinein in einen kunterbunten Süßigkeitenladen, mit Gummibärchenschlangen, Gummibärchenschnecken, Kaubonbons, Früchten umhüllt mit brauner Schokolade und allen Köstlichkeiten, die sich die beiden nur vorstellen konnten.

Freitag, 14. Februar 2020

Entgeisterung


Die goldene Herbstsonne schien sanft durch die leicht verschmutzte Scheibe auf ihre nackten Knie. Sie sass auf der Kante ihres Spitalbetts, genoss wehmütig die Wärme und strich sich mit ihrer faltigen Hand über ihre weniger faltigen Beine.

Ein trauriges Lächeln huschte über ihre Lippen, bevor ihr Gesicht wieder in diese matte Ausdruckslosigkeit fiel.

Gedanken tropften in ihr Hirn, wie aus einem undichten Wasserhahn und verflüchtigten sich sogleich wieder auf der Oberfläche ihres Bewusstseins wie ein Wassertropfen auf dem heissen Sand der Wüste. Aufblitzende Bilder, ein Hauch einst tiefgreifender Erinnerungen und darüber und darunter ein vollkommene Gefühllosigkeit. Eine von innen herauswachsende Betäubung, die langsam und endgültig von ihrem einst wachen Geist Besitz ergriff.

Die stärksten Gefühle waren noch nicht vollständig erstickt und fanden zwischendurch einen Weg durch den Sumpf an die Oberfläche, jedoch ohne Kontext, erschreckend und hässlich, wie die Hand einer Moorleiche, die plötzlich aus dem Morast schiesst und ins Leere greift, um danach, vom letzten Aufbäumen erschöpft, langsam wieder in ewiger Vergessenheit zu versinken.

Auf dem Nachttisch lag ihre eigene Autobiographie, die sie, seit das Vergessen begonnen hatte, immer häufiger zu Hand genommen hatte und schliesslich immer bei sich trug. Inzwischen wusste sie nicht mal mehr wieso. Es weckte ein vages Gefühl von Vertrautheit, doch selbst ihr eigenes Abbild auf dem Buchumschlag erkannte sie nicht wieder. Jedes Mal, wenn sie die Biographie gelesen hatte, war sie ihr fremder, von ihrer eigenen zu einer unbekannten Geschichte geworden. Gewisse Passagen schafften es noch, Geister der Vergangenheit in verschwommenen Bildern zu beschwören. Mit dem Verblassen der Erinnerungen verblasste auch das Bild von sich selbst. Immer mehr verloren sich ihre eigenen Umrisse in der Welt um sie herum, verschmolzen damit. Ihr Selbstbildnis, einst ein stolzes, scharf umrissenes Gemälde, verwandeltes sich langsam in ein abstraktes, fahles Aquarell. Ineinanderfliessende Farbflächen ohne Tiefe und Kontraste. Sollten die Farben auch noch vollends verloren gehen – was bliebe dann noch? Ein Bildnis, in dem sie sich selbst und andere sie nicht mehr wiedererkennen würden… Glücklicherweise hatte der Nebel bereits auch diese Gedankengänge verhüllt, sodass sie keine Angst mehr spürte. Doch vielleicht würde sie gerne wieder einmal Angst empfinden – irgendetwas empfinden…

Ihr Blick schweifte zum Fenster, wo eine Wolke die warme Herbstsonne inzwischen verbarg – jedoch nur vorübergehend.

Inner Storm

A single wrong word
A single wrong look
The air pressure’s sinking
Another wrong word
Another wrong look
It’s the calm before the storm

No use in restraining it
The dam has cracked and is about to burst
Not much time to seek shelter
Not much time to escape

Can’t fight this storm in me
Completely going under
The wind’s so strong that I can’t see
Blind and lame I thunder

Longing for a safe harbour
In your arms so warm
No harbour safe enough
For such a cruel inner storm

It wipes away everything
Not caring about good and bad
Not halting before the uninvolved
Clearing the way to break free

Can’t fight this storm in me
Completely going under
The wind’s so strong that I can’t see
Blind and lame I thunder

Longing for a safe harbour
In your arms so warm
No harbour safe enough
For such a cruel inner storm

Reaching the width of the plains
It slowly wears off
Leaving a path of destruction behind
It slowly fades out

Can’t fight this storm in me
Completely going under
The wind’s so strong that I can’t see
Blind and lame I thunder

Longing for a safe harbour
In your arms so warm
No harbour safe enough
For such a cruel inner storm

I wish it were a real storm
For a storm knows no regret

Mittwoch, 29. Januar 2020

Der Mondaussichtsturm - Kap. 4

«Um den Mond von hinten zu sehen, müssen wir auf den Mondaussichtsturm», erklärte Roberta. 
«Und wo steht der Mondaussichtsturm?», wollte Tim wissen. 
«Immer dem Wegweiser nach.» 
«Du meinst den Wegweiser, der unten vor dem Schloss an der Weggabelung steht?», fragte Lilly. «Zur Rückseite des Mondes steht da drauf.» 
«Genau den meine ich», antwortete Roberta. «Mittwochabend haben wir Vollmond. Dann lohnt sich ein Besuch auf seiner verborgenen Seite ganz besonders. Wer bei Vollmond den Mond von hinten besucht, der sieht die ganze Wahrheit. So wie sie wirklich ist. Das muss man gesehen haben. Ich hole euch ab und zeige euch die verbotene Seite des Mondes. Denn Mondrückseitenkunde ist das wichtigste aller Forschungsgebiete. Und da ihr bestimmt noch nichts davon gehört habt, wird es Zeit, dass ihr eine kleine Einführung von mir bekommt. Mondrückseitenkunde für Anfänger.»
«Das könnte schwierig werden», gaben Lilly und Tim zu bedenken. «Unsere Eltern werden es nicht erlauben, dass wir so spät raus gehen, um uns alleine im Wald herumzutreiben.» 
«Was heißt da Herumtreiben ... was heißt da alleine? Wisst ihr nicht, dass ich eine berühmte Kindererzieherin und anerkannte Professorin für Mondrückseitenkunde bin? An der Universität der Katzen habe ich viele Jahre lang die speziellen Auswirkungen der Mondrückseite untersucht. Meine Doktorarbeit trägt den Titel: Die verbotene Seite des Mondes und ihre Auswirkung auf die Seele. Ein äußerst interessantes Werk. Das lasst euch gesagt sein.» 

«Schon gut», stöhnte Lilly, «aber wenn unsere Eltern erfahren, dass wir mitten in der Nacht mit einer sprechenden Katze, die Professorin für Mondrückseitenkunde ist, die verbotene Seite des Mondes erkunden wollen, denken die doch wir haben nicht mehr alle Latten am Zaun.»

«Keine Sorge», beschwichtigte Roberta. «Erstens läuft die Zeit auf der Rückseite des Mondes anders. Und zweitens habe ich, wie ihr wisst, eine tipptopp Zeitmaschine im Garten stehen. Wir müssen nur den Rückwärtsgang einlegen und kurz aufs Gaspedal tippen. Dann ist es ruckzuck wieder Nachmittag. Niemand wird gemerkt haben, dass ihr weg gewesen seid.»
«Super!», jubelte Tim
«Da bin ich ja mal gespannt», seufzte Lilly 
«Ich hole euch ab», informierte Roberta. «Mittwochnachmittag, um zwanzig nach fünf vor halb vier. Seid pünktlich, damit der Ausflug wieder den richtigen biss hat. Nicht zu hart. Nicht zu weich. Ihr wisst schon was ich meine!»

«Al dente», rief Tim.
«Al dente», bestätigte Roberta. Dann hüpfte sie von der Gartenmauer und tippelte davon.

Nachdem Roberta ihre beiden Freunde am Mittwochnachmittag um zwanzig nach fünf vor halb vier abgeholt hatte, spazierten die drei zum Wegweiser. Dort angekommen folgten sie dem Pfad, der tiefer in den Waldes hineinführt. Indem der Sommer allmählich zu Ende ging und der Herbst sich ankündigte, veränderte die Natur ihre Farben täglich. Seit vergangenem Sonntag haben sich viele neue Blätter bunt verfärbt. Manche Bäume hatten jetzt mehr Rot, manche mehr Gelb, andere waren noch satt grün. Das sah wunderschön aus. Lilly schaute beim Gehen immer wieder in die Kronen der Bäume und bestaunte ihre Farben. Nach einer knappen halben Stunde kamen die drei an eine Lichtung, die in etwa so groß war wie ein kleiner Bolzplatz. Sie war aber eher oval und ungleichmäßig geformt – nicht so akkurat und rechteckig wie ein Fussballfeld. Etwa in der Mitte der Lichtung stand ein grasender Ochse. Nur ein paar Meter neben ihm ein grasender Schafbock. Zwischendurch hoben die beiden immer wieder kauend ihre Köpfe empor und schauten neugierig zu den drei Zaungästen hinüber.  

«Wann machen wir Pause?», wollte Tim wissen. «Hier ist es schön», befand  Lilly. «Ein ganz vorzügliches Plätzchen», bestätigte Roberta. Also setzten sich die drei ins Gras und packten ihr Sachen aus. Wie üblich Milch in zwei Flaschen und Käsesandwiches. Dazu gab es heute noch dreieinhalb Schokoriegel. Ein Mars, ein Snickers, ein angebrochenes Twix. Wer den zweiten Twix-Riegel aufgegessen hatte, war unklar. Lilly und Tim hatten sich gegenseitig im Verdacht. «Wahrscheinlich war es Mama», meinte Tim. Lilly bezweifelte das zwar, aber sie wollte sich auf keine Diskussion einlassen, darum gab sie sich mit dieser Erklärung zufrieden.

Das Wetter war nicht ganz ideal für ein Picknick. Es zogen dunkle Wolken zusammen und von Zeit zu Zeit blies ein kühles Lüftchen. Auch ein paar kleine Tropfen hatten sie schon abbekommen. Das machte den Dreien aber nichts aus. «Auf der Rückseite des Mondes scheint sowieso die Sonne», hatte Roberta prognostiziert.  

Als alle essbaren Sachen aus den Rucksäcken auf der rot-weiß karierten Picknickdecke ausgebreitet lagen, rief Roberta dem Ochsen und dem Schafbock zu: «Kommt doch zu uns! Es gibt Picknick!» Der Ochse und der Schafsbock kamen ohne mit der Wimper zu zucken hinüber getrottet und setzten sich dazu. Auf der Decke gab es natürlich nicht genügend Platz für alle. Darum hockten sie sich daneben. Auch ein großer bunter Schmetterling kam zu Besuch. Er flatterte über ihre Köpfe. Seine Flügel schimmerten blau und gelb. Natürlich wurde auch er eingeladen. Für den Schmetterling war es kein Problem ein Fleckchen auf der Decke zu finden. Genaugenommen war der Schmetterling aber kein Er, sondern eine Sie. Daher ist Frau Schmetterling die richtige Bezeichnung. Sie landete auf dem Rand einer gelben Milchschale. Sie fragte freundlich, ob sie ein Krümelchen Twix abbekommen könnte. «Gute Wahl!», gratulierte Roberta und schob Frau Schmetterling ein Krümelchen hinüber. «Ich heiße übrigens Brunhilde», sagte Frau Schmetterling. «Und ich bin der Kurt», meinte der Ochse. «Und ich bin der Roland», sprach der Schafbock. 

Lilly, Tim und Roberta stellten sich natürlich auch mit ihren Namen vor. So wie sich das gehört, unter anständigen Leuten. Dann brach Lilly die Sandwiches und Schokoriegel in mehrere kleine Teile und verteilte die Happen so gerecht wie möglich. Die mit großem Hunger bekamen etwas mehr. Die mit kleinem Hunger etwas weniger. So hatte jeder was davon.  
Als sie alles aufgegessen hatten, bedankten sich Brunhilde, Roland und Kurt für die freundliche Einladung und das schöne Picknick. Lilly, Tim und Roberta bedankten sich für den freundlichen Besuch. Dann packten die drei Mondrückseitenkundschafter ihre sieben Sachen zusammen und setzten ihren Ausflug fort - in Richtung Mondaussichtsturm.  

Nachdem sie eine gute Viertelstunde gegangen waren, kamen sie an einen Fluss. «Da müssen wir rüber.» Informierte Roberta knapp.
«Wie sollen wir das denn schaffen?», entfuhr es Tim. «Der Fluss ist viel zu breit und sieht tief aus. Wir könnten ertrinken!»
«Gibt es denn nirgends eine Brücke?», erkundigte sich Lilly.
Roberta schüttelte nur den Kopf und kratze sich mit ihrer weißen Vorderpfote am Kinn. Dabei gab sie ein knurrendes Geräusch von sich.

Auf einen Schlag, wie aus dem Nichts, tauchte Kurt neben ihnen auf. «Kein Problem», sagte er. «Ich mach das schon. Ich habe nämlich einen saumäßigen Durst». Dann ging der grosse Ochse Kurt zum Flussufer und begann zu saufen. Er soff und soff und nach weniger als dreieinhalb Minuten hatte er den ganzen Fluss leergesoffen. 
«Wow!» rief Lilly.
«Cooooool!» jubelte Tim.
«Nichts schlecht!» kommentierte Roberta.

Dann bedankten sich die drei Forschungsreisenden bei Kurt und stiefelten durch das matschige Flussbett. Sie versuchten immer mit den Füßen und Pfoten auf Steine zu treten, damit sie nicht im Schlamm steckenblieben. In der Mitte des Flussbettes angekommen drehten sie sich nochmal zu Kurt um, um ihm zuzuwinken. Kurt winkte zurück. Dann drehte er sich um, rülpste laut und trottete davon. Auf der anderen Seite des Flusses angekommen führte ein kleiner, versteckter Trampelpfad eine Böschung hinauf. Oben angelangt wurde der Trampelpfad zu einem kleinen Weg. Der Weg führte auf einen Hügel. Auf dem Hügel ragte ein Turm in die Höhe. 
«Da ist er. Der Mondaussichtsturm», verkündete Roberta.
«Super!», riefen Lilly und  Tim - und marschierten entschlossen drauf zu.

Am Turm angelangt versuchte Lilly die massige Holztür zu öffnen, die den Turmaufgang versperrte. «Sie rüttelte und schüttelte und stemmte sich dagegen. Nichts zu machen. Auch Tim versuchte sein Glück. Er rüttelte und schüttelte und trat mit seinem starken rechten Fuß dagegen. Aber auch er konnte sie nicht öffnen.   

Wie aus dem Boden gewachsen, stand urplötzlich Roland der Schafsbock neben ihnen. «Kein Problem», sagte er, «ich mach das schon. Geht am besten einen Schritt zur Seite.» Dann nahm Kurt ungefähr fünf bis sieben Meter Anlauf und stürmte voll auf die Tür zu.  Seine Hörner knallten gegen das Holz. Mit einem lauten Krachen sprang sie auf. 

«Wow!» Entfuhr es Lilly
«Coooool!» Jubelte Tim
«Nicht schlecht», kommentierte Roberta.

Die drei bedankten sich bei Roland und gingen den Turmaufgang hinauf. Bevor sie die Treppe hinaufstiegen drehten sie sich aber noch einmal zu Roland um und winkten ihm zu. Roland winkte zurück. Dann blökte er dreimal und trottete zufrieden davon.  

Oben angekommen waren die drei ganz außer Atem. Es war zwischenzeitlich schon dämmrig geworden. Der volle Mond hing blass und rund am Himmel.

«Ich mag den Mond», sagte Roberta, «im Unterschied zur Sonne leuchtet der nämlich, wenn es dunkel ist.» 

«Was ist das denn für eine Logik?», dachten sich Lilly und Tim. Aber sie sagten nichts. So spontan fiel ihnen auch gar keine passende Antwort ein. Schließlich leuchtet der Mond ja wirklich wenn`s dunkel ist. Dagegen konnte man nichts sagen. 

«Jetzt brauchen wir nur noch einen Tautropfen vom obersten Blatt des Zauberbaumes. Wenn wir uns den in die Augen träufeln, werden wir die Rückseite des Mondes sehen.»

«Und wo bitte sollen wir einen Tropfen vom obersten Blatt eines Zauberbaumes herbekommen?» fragten Lilly und Tim, mit ratlosem Blick und vom Aufstieg erschöpfter Stimme. 

Simsalabim, wie aus heiterem Himmel, flatterte auf einmal Brunhilde um ihre Köpfe. «Kein Problem», sagte sie. «Ich mach das schon.» Dann flog sie davon, in Richtung eines knorrigen alten Bäumchens, das sich mit seinen Wurzeln an einem Felsvorsprung festklammerte. Brunhilde setzte sich auf das oberste Blatt seiner Krone. Das Blatt war deutlich größer als die anderen Blätter und lugte wie eine kleine Fahne aus seiner Krone heraus. An der Spitze des Blattes hing ein Tautropfen. Er funkelte im Abendlicht wie ein Edelstein. 

Einen Moment später flatterte Brunhilde den Dreien schon wieder um die Köpfe. Sie hatte einen Tautropfen vom Zauberbaum mitgebracht. Damit benetzte sie die Äuglein von Lilly, Tim und Roberta. Und was dann passierte, das war mit Abstand das unglaublichste, was Lilly und Tim in ihrem ganzen Leben je erlebt hatten...


Donnerstag, 2. Januar 2020

Die rote Kuh und der Flugapparat - Kap. 3

Lilly, Tim und Roberta standen unter der Baumhütte und schauten nach oben. Von der Bodenluke des Tarnschlosses baumelte eine Hängeleiter herab. Bevor Tim sich dranmachte hinaufzusteigen, schaute er kurz zu Roberta hinüber, um zu checken, ob es in Ordnung geht. «Nur zu, junger Mann», sagte sie, «heute ist Besuchstag.» Dabei zeigte sie mit ihrer weißen Vorderpfote nach oben. Das sah sehr elegant aus.

Während Tim hinaufkraxelte wackelte die Leiter wie ein Kuhschwanz. Die beiden Seile, an denen die Sprossen befestigt waren, sahen auch aus wie zwei lange Kuhschwänze. Wie zweitmeterfünfzig lange, rote Kuhschwänze, die bis auf den Boden herunterbaumelten. Tim hielt sich gut an ihnen fest. Sprosse um Sprosse kämpfte er sich an ihnen empor. Als er oben auf Schloss Reichenstein angekommen war, begegnete ihm tatsächlich als erstes eine Kuh. Es war eine große rote Kuh, mit zwei langen Schwänzen. Sie trug eine Kuhglocke um den Hals und ihren beiden Schwänzen waren mit einer hübschen, hellblauen Masche geschmückt. Die Stricke der Leiter kamen aber nicht von der Kuh. Es waren stinknormale Stricke, die an einem Balken festgeknotet waren.

«Das ist mein jüngstes Werk», sagte Roberta, als sie gleich nach Tim durch das Loch im Boden schlüpfte. Das Gemälde von der roten Kuh hing an der Wand über einem grünen Sofa. Auf dem Sofa lagen zwei farbige Kissen. Ein gelbes und ein blaues. Das Kuhbild war eingerahmt in einen prunkvollen, goldenen Rahmen. Das Sofa, die Kissen, der goldenen Rahmen. Alles wie in einem echten Schloss.

«Ich nenne es: Die Mondwiese.» Verkündete Roberta feierlich.
Nun schaute auch schon Lillys Kopf durch die Öffnung im Boden. «Es ist aber gar keine Wiese zu sehen.» Kommentierte Lilly Robertas feierliche Erklärung. «Man sieht nur ein rote Kuh mit zwei langen Schwänzen.» Das Gemälde hing ihr mehr oder weniger direkt vor der Nase, als sie durch das Loch im Boden schlüpfte. Es war sozusagen die erste Sehenswürdigkeit, die Schloss Reichenstein zu bieten hatte. 

«Die Wiese befindet sich ja auch im Magen der Kuh.» Antwortete Roberta. «Die Kuh hat sie ganz und gar aufgefressen. Nur selten hat man in der Kunstwelt so eine schöne Blumenwiese gesehen. Man könnte sagen es ist eine der schönsten Blumenwiesen im Magen einer Kuh, die man überhaupt je zu Gesicht bekam. Ich darf behaupten, für uns Kunstkenner ist das ein prima Anblick. Wenn ich nicht so bescheiden wäre, würde ich vor stolz platzen. Alle Katzen, die etwas von Kunst verstehen, finden es meisterlich.»

Lilly und Tim schauten sich an und verzogen ihre Gesichter. Tim verdrehte dabei seine Augen, wie nur er sie verdrehen kann. Mit weit geöffneten Augendeckeln ließ er seine Glotzer im Gegenuhrzeigersinn kreisen. An einem bestimmten Punkt der Bewegung, so ungefähr um halb vier, musste er seinen Unterkiefer ein Stück weit zur Seite schieben, da er sonst mit dem Augenverdrehen nicht weiterkam. Das sah ziemlich ulkig aus. Lilly musste immer lachen, wenn er das machte. 

Nachdem Tim die Augen zu Ende verdreht hatte fragte er: «Warum ist die Kuh rot und hat zwei Schwänze?»

«Es ist eine Kuh von der Rückseite des Mondes, mein Guter. Auf der Rückseite des Mondes sind alle Kühe rot und haben zwei Schwänze.» 
«Ach so», antwortete Tim – und rollte nochmal eine Runde mit den Augen. Und Lilly musste nochmal lachen.
Dann zeigte Tim mit dem Finger auf ein Ding in der Mitte des Raumes. «Und was ist das für ein Kunstwerk?» wollte er wissen. Das etwas, auf das er zeigte, erinnerte an ein altes Damenrad. Es war aber kein Damenrad im herkömmlichen Sinn. Der Kettenantrieb verlief nicht zum Hinterrad, sondern nach oben durch die Decke. Und da, wo sich üblicherweise die Lenkstange befand, war etwas montiert, das aussah wie ein Segelmast. Aber in Wahrheit war es ein Katzenbaum. Der Gepäckträger bestand aus einer Konstruktion, von der aus eine Metallstange durch die Rückwand von Schloss Reichenstein ragte. Vor dem Fenster war ein Gestell angebracht, das aussah wie der hintere Teil eines Flugzeugs. Insgesamt erinnerte die Konstruktion an eine Kombination aus Fahrrad, Flugzeug, Hubschrauber, Segelboot und Katzenbaum.

«Das ist kein Kunstwerk», erwiderte Roberta empört. «Das ist meine neueste Erfindung: der sagenhafte 1-A- Flugapparat. Bedauerlicherweise ist dieses außerordentliche Wunderwerk der Technik aber noch nicht zu hundert Prozent funktionstüchtig. Es gibt noch Probleme mit der Servolenkung. Außerdem flackert das Bremslicht.»
«Wow!», entfuhr es Tim begeistert, «machen wir einen Rundflug?»

«Demnächst Amigo. Sobald die Maschine startklar ist, gebe ich euch Bescheid. Ich brauche noch zwei gute Leute. Starke Beine für den Antrieb und starke Arme für die Steuerung. Habt ihr Mumm in den Knochen?»

«Auf jeden Fall!», rief Tim und ballte dabei seine Hände zu Fäusten, als ob er gerade einen Elfmeter verwandelt hätte.

«Wenn das Ding wirklich fliegt, bin ich auch dabei», bestätigte Lilly, mit einem nicht unkritischen Klang in ihrer Stimme. Dann nahm sie die ganze Apparatur etwas genauer unter die Lupe. Durch ein Loch in der Decke konnte sie erkennen, dass am oberen Ende der Kurbelstange zwei Rotorblätter befestigt waren. Auf einem Gestell am Gepäckträger war ein Hebel montiert, der allem Anschein nach als Steuerknüppel diente. Wenn man den Hebel hin und her zog, bewegten sich die Seitenruder vor dem Fenster nach links und rechts.
«Was machen wir in der Zwischenzeit?», wollte Tim wissen, «eine Reise mit der Zeitmaschine vielleicht? in die Zukunft oder so?»

«Oder zur Rückseite des Mondes?», rief Lilly begeistert. «Dann können wir mit Bäumen sprechen und auf roten Kühen mit zwei Schwänzen reiten!» Ein bisschen wunderte sich Lilly selbst über ihren Begeisterung, aber es ist einfach so aus ihr herausgerutscht. 

Da sich die beiden nicht einigen konnten wohin die Reise gehen sollte, machten sie Schnick, Schnack, Schnuck. Tim hatte Papier, Lilly Schere. «Los geht’s also – zur Rückseite des Mondes.» Denn Schere schlägt Papier.  


Samstag, 2. November 2019

Schloss Reichenstein - Kap. 2

Roberta saß auf der Gartenmauer und leckte sich ihre Vorderpfote. Sie leckte und leckte, bis sie so weiß glänzte wie eine polierte Kloschüssel. 
Ein paar Meter neben ihr, auf der Terrasse, versuchte Tim einen Ball zu jonglieren. Er ließ ihn  auf seinem rechten Fuß tippeln. Gelegentlich schielte Roberta zu ihm hinüber und beobachtete aus dem Augenwinkel, wie er den Ball springen ließ. Manchmal zwei Mal, manchmal drei Mal. Einmal sogar viermal hintereinander. 

«Nicht schlecht», dachte sich Roberta. 

«Wo wohnst du eigentlich», fragte Tim schließlich, nachdem er sich seinen Ball unters T-Shirt geklemmt und neben Roberta aufs Mäuerchen gesetzt hatte. 

«Auf Schloss Reichenstein.»
«Du wohnst in einem Schloss?», fragte Tim ungläubig und mit weit aufgerissenen Augen. «In einem echten Schloss?»

«So ist es, mein Guter. Keine Hundehütte. Kein Vogelhaus. Sondern ein Schloss. Ein echtes Schoss. Eine echtes, prachtvolles Katzenschloss. Das schönste in nordöstlicher bis südwestlicher Richtung».

«Ein Vogelhaus wäre aber auch cool. Nur schade, dass du keine Flügel hast.»
«Au contraire. Ich habe Flügel. An meinem Flugapparat.»

«Kannst du damit fliegen?»

«Darum heißt er ja Flugapparat.»

«Kannst du damit auch Eier legen?» 

«Also manchmal redest du wirklich Käse», sagte Roberta und schüttelte den Kopf. 

«Können wir dich mal im Schloss besuchen?»

«Auf Schloss Reichenstein empfange ich nur selten Besucher. Außerdem ist meine Dienerschaft gerade auf Urlaub. 

«Egal», sagte Tim. «Wir haben ja auch keine Dienerschaft und du kommst uns besuchen».

«Auch wieder wahr», sagte Roberta. «Aber es ist ein Stück. Und Wenn man nur zwei Beine hat, dann zieht sich`s». 

«Macht nichts», sagte Tim. Dann sprang er auf und lief zu Lilly ans Fenster. Er hatte immer noch den Ball unterm T-Shirt. Darum sah es etwas bescheuert aus, als er damit losrannte. Nach ein paar Schritten rutschte ihm der Ball dann auch noch unten raus und er musste aufpassen, dass er nicht drüber stolpert. Ging der aber gerade nochmal gut. Alles Technik. 

«Lilly. Wir gehen auf Schloss Reichenstein!» 

«Wohin?», schallte es aus ihrem Zimmer zurück. Sie war gerade dabei einen neuen Dance Move einzustudieren. Sie versuchte ihn mit einem Move zu kombinieren, den sie schon kannte. Sie übte und übte. So lange bis es flutschte. 

«Wir gehen zu Roberta nach Hause.»

Lilly ging zum Fenster. «Wo ist das?»

«Ein Stück von hier. Und wenn man nur zwei Beine hat, dann zieht sich`s!»

«Darum brauchen wir mindestens drei Käsesandwiches und einen dreiviertel Liter Milch, als Proviant», ergänzte Roberta. «Außerdem ist Schloss Reichenstein nur am Sonntag für Besucher geöffnet.» 

«Morgen ist Sonntag», sagte Lilly.

«Dann gehen wir morgen», freute sich Tim.

«Na gut», antwortete Roberta. Und nach drei weiteren Mal Pfote lecken sagte sie: «Um Zwanzig nach Fünf vor Zehn hole ich euch ab.»

«Zwanzig Minuten nach Fünf vor Zehn», wiederholte Lilly, verwundert über Robertas eigenwillige Ausdrucksweise. «Das ist Viertelelf.» 

«Genau um zwanzig Minuten nach Fünf vor Zehn geht's los. Seid pünktlich», gähnte Roberta, während sie sich streckte. Eine Minute früher ist zu früh. Eine Minute später ist zu spät. Das ist wie beim Spaghetti kochen. Wenn man nicht genau den richtigen Zeitpunkt erwischt, schmeckt es nicht richtig. 

«Spaghetti scheint sie auch zu mögen», dachte sich Lilly. 
«Jetzt habe ich Lust auf Spaghetti», dachte sich Tim. 
Dann hüpfte Roberta von der Mauer und verschwand in der Wiese hinterm Haus. Hinter der Wiese begann ein Getreidefeld. Noch etwas weiter, hinter den Feldern, begann der Wald. Eine Zeit lang konnte man noch beobachten wie Robertas Schwanzspitze aus dem hohen Gras heraus lugte. Inmitten vieler, kleiner bunter Wiesenblüten, aus violett, weiß, rot und blau. Die schwarze Katzenschwanzspitze bewegte sich durch die Farbtupfer hindurch wie das Fernrohr eines Unterseebootes in einem Wiesenblumenmeer. 

Am nächsten Morgen, pünktlich um zwanzig Minuten nach Fünf vor Zehn, trafen sich die drei an der Gartenmauer. Lilly schaute noch auf ihre Armbanduhr, bevor sie auf die Terrasse traten. Der Zeiger sprang gerade auf Viertel nach Zehn als sie an der Gartenmauer ankamen. Drei Käsesandwiches, einen dreiviertel Liter Milch und ein passendes Schälchen, hatten sie zusammengepackt und vorsichtig in ihren Rucksäcken verstaut. Vorsichtshalber hatte Lilly noch eine Tafel Schokolade und eine Taschenlampe mit eingepackt. Man kann ja nie wissen.

«Bellissima!, sagte Roberta, als Lilly und Tim zur verabredeten Zeit um die Ecke kamen. «Der Ausflug wird euch schmecken. Bon Appétit!». 

Am Ortsrand begann ein Feldweg. Er führte über sanfte Hügel und zwischen Getreidefeldern hindurch. Die drei folgten dem Feldweg bis zu einer Weggabelung, an der sie rechts abbogen. Ein paar Minuten später kam schon die nächste Weggabelung. Dort gab es ein kleines Treppchen, das zu einer Sitzbank hinaufführte. «Zeit für ein Käsesandwich», sagte Roberta und sprang eilig die fünf Stufen zum Bänkchen hinauf. Es waren noch keine zwanzig Minuten vergangen, seitdem sie losmarschiert sind. «Wir sind doch eben erst losgegangen», sagte Lilly. «Möchtest du wirklich schon Pause machen?». «Dazu ein gutes Schälchen Milch», gab Roberta zur Antwort. Obwohl es im eigentlichen Sinn ja gar keine Antwort war. Tim und Lilly schauten sich nur an und zogen die Schultern nach oben. «Naja, egal», sagte Lilly. Und so setzten sich alle drei auf das Sonnenbänkchen. Tim und Lilly holten die Sandwiches und die Milchflasche aus dem Rucksack. Sie nahmen einen kräftigen Bissen und tranken einen guten Schluck. «Wie lange müssen wir noch gehen?», fragte Tim. 
«Dort hinten steht Schloss Reichenstein.» Roberta machte mit ihrem Kopf eine Bewegung über ihre linke Schulter hinweg und deutete mit ihrer Nasenspitzte in Richtung Waldrand. Lilly und Tim drehten mit vollem Mund ihre Köpfe und suchten angestrengt nach Schloss Reichenstein. Nichts zu sehen. 
«Da ist kein Schloss», sagten die beiden einstimmig. 
«Man kann es nicht leicht erkennen. Es ist ein Tarnschloss.»
«Ein Tarnschloss? Was soll das denn sein?»
«Ein Tarnschloss ist ein Schloss, das getarnt ist», sagte Roberta und schlürfte weiter an ihrer Milch. 
«Ich hab`s geahnt», sagte Lilly und nahm auch einen Schluck Milch. Sie trank direkt aus der Flasche. Nachdem sie getrunken hatte streckte sie die Flasche Tim hin. Aber der sprang stattdessen von der Bank, packte sein angebissenes Sandwich zurück in den Rucksack und stürmte drauf los. «Taaaaaarnschlooooooss» rief er, während er in Richtung des Wäldchens rannte. 
«Nicht so schnell, Amigo!», rief ihm Roberta hinterher. «Du wirst dich verirren, wenn du den Wegweiser übersiehst.» 
Daraufhin drehte sich Tim um und rannte fast genauso schnell zurück, wie er drauflos gestürmt war. «Weeeeeegweiser!» rief er diesmal. 
Auch Lilly packte ihr angebissenes Sandwich zurück in den Rucksack. Roberta hatte ihres bereits verputzt und schleckte nur noch das Schälchen aus. Als sie fertig war packte Lilly alle sieben Sachen zusammen und hüpfte auch von der Bank, um mit Tim in Richtung des Wäldchens zu laufen. Hinter der ersten Baumreihe stand tatsächlich etwas, das aussah wie ein Wegweiser. Je näher sie kamen, desto besser konnten sie ihn erkennen.
Als sie ankamen, blieben sie vor ihm stehen. Lilly versuchte zu entziffern, was auf den verwitterten Schildern stand. «Rückseite des Mondes», stand auf dem obersten Schild. Es zeigte in Richtung eines Trampelpfades, der in den Wald hinein führte. «Zeitmaschine», stand auf einem andern. Lilly las laut vor. Auf einem Schild, das von ihnen aus nach rechts zeigte stand «Schloss Reichenstein». Alle drei drehten ihre Köpfe nach rechts. In etwa zehn Meter Entfernung stand ein großer, knorriger Baum, in den eine Baumhütte gebaut war. Es gab noch weitere Schilder, mit seltsamen Bezeichnungen. «Orakel» oder «Flugapparat» stand da drauf, aber Lilly hörte damit auf alle vorzulesen. 
Ein Stück abseits, hinter Schloss Reichenstein, stand ein altes Autowrack. Genau in der Richtung, wo das Schild «Zeitmaschine» hinzeigte. Es war eine alte Schrottkarre, mit platten Reifen, abgeknickter Antenne und abgebrochenen Außenspiegeln. Auf den ersten Blick war gar nicht leicht zu erkennen, dass da ein Auto stand. Es parkte im hohen Gras, umringt von üppigem Gebüsch. Die Schrottlaube könnte früher einmal hellblau gewesen sein. Der Lack war aber schon so stark von der Sonne verblichen, dass man nur noch ahnen konnte, welche Farbe es einmal gehabt haben könnte. 

«Das ist also Schloss Reichenstein?», sagte Lilly und zeigte mit dem Finger in Richtung der Baumhütte. 

«Ausgezeichnete Tarnung, nicht wahr! Geradezu vorzüglich, könnte man sagen.», gab Roberta zur Antwort.

«Geiles Tarnschloss», rief Tim und rannte hinüber.

Sonntag, 6. Oktober 2019

Keine weiteren Bruchstücke

Neira und Felix saßen draussen im Garten. Zwischen den beiden Liegestühlen loderten die Flammen der Feuerstelle. Neira machte sich Gedanken.

«Weißt du, Felix… letzthin hatte mich ein Ex-Freund wieder angeschrieben. Den, mit dem ich von 2010 bis 2012 eine Beziehung hatte. Er hat mir rundheraus geschrieben, er möchte gerne wieder eine Freundschaft genießen, und gerne eine platonische Beziehung führen…»

«Hmmm…», antwortete Felix.

«Ich habe dann nachgeschaut, was denn eine platonische Beziehung ist. In Platons ‹Symposion› schreibt er, die Liebenden sollen sich einander als Philosophen begegnen. Die Wahrheit erkennen, die Wirklichkeit ihrer Beziehung ergründen, höhere und höhere Erkenntnisstufen erklimmen…»

«Hmm…»

«Und da antwortete ich ihm, das sei mir zu viel Aufwand, so eine platonische Beziehung. Und das aufrichtige, tiefgründige Kennenlernen der anderen Person ist mir ohnehin zu intim.»

«Hmm…»

«Aber, Felix, was machen wir eigentlich morgen?»

«Hmm…»

«Felix…»

«Lass mich nachdenken.»

Damit begann sie, einen Teil des Geschirrs in die Wohnung zu räumen. Felix knabberte noch ein wenig, in Gedanken versunken, an einem Pouletschenkel. Und warf den Knochen in die Flammen.

Nach einem kurzen Zischen knackte der Knochen.

Und dann räumte Felix seinen Teil des Geschirrs ab und ging ins Haus.

Neira war schon im Tiefschlaf, als Felix ins Schlafzimmer trat. Seufzend entledigte er sich seiner Kleider, legte sich neben sie, und deckte sich zu.

Und wälzte sich unruhig im Bett.

Er dachte an den Hühnerknochen.

Er zog den Trainingsanzug an, trippelte leise in die Flur hinunter, und verscheuchte die Spinne, die sich in der Ablage gemütlich gemacht hatte und die Stirnlampen beaufsichtigte. Dann trat er in die kühle Nacht hinaus.

«Längs gespalten… keine weiteren Bruchstücke… die Bruchkante ist sehr rau.» Über die physikalische Ursache dieses Bruches machte er sich wenig Gedanken, umso mehr über dessen Form.

Kurz bevor er zu frösteln begann, vergrub er die Knochensplitter im Beet, in welchem die Tomaten wuchsen, und begab sich wieder ins Haus.

Der nächste Tag hatte es in sich. Felix und Neira hatten beide viel zu tun. Neira musste an einer Sitzung über die neue Überstundenregelung teilnehmen, und Felix saß in einer Sitzung über die Umsetzung der neuen Arbeitszeitkontrolle.

Endlich war die Sitzung zu Ende, endlich taumelte Felix müde aus dem Sitzungszimmer hinaus, besuchte die Toilette, wusch sich das Gesicht. Nur nicht müde werden! An die Splitter denken!

Als er endlich draußen war, im Auto saß, notierte er sich eine Einkaufsliste. 600 Gramm Tomaten, zwei Chilischoten – die scharfen, zwei Dosen Bohnen, zwei Zwiebeln, vielleicht noch frischen Knoblauch, Schweinsvoressen, mageren Speck, eine kleine Dose Maiskörner.

Das Kaufhaus hatte noch geöffnet. Und Neira schrieb ihm, es würde noch etwas länger dauern, mit ihrer Sitzung.

Er dachte nochmals an die Knochensplitter. Der längs gespaltene Oberschenkelknochen sagte ihm, dass sich vielleicht eine Trennung anbahnen würde, wenn sie weiterhin so viele Überstunden machen. Wenn sie sich weiterhin so anschweigen, wie gestern abends. Die raue Bruchfläche zeigte ihm: Es würden ebenso raue Zeiten bevorstehen. Er musste handeln. Die ganze Beziehung ist in Gefahr.

Er raste nach Hause, begann zu kochen, fand im Keller den alten Gaskocher, den sie nie gebraucht hatten. Im Garten befanden sich shcon die zwei Liegestühle und die Wolldecken, packte alles ins Auto, und wartete draussen auf dem Sitzplatz.

«Felix…», sagte sie und stolperte in seine Richtung, «Ich bin müde.»

«Wir gehen essen.»

«Essen? Gehen?»

«Ja. Steig ein!»

Am Waldrand kamen sie an, packten den Krempel aus, und konnten dank des vorgekochten Chili con carne – und dank des Camping-Kochgerätes – ziemlich schnell die Mahlzeit genießen. Und, nach einigen Kannen frisch gekochtem Tee, bestaunten sie, wie so oft zu Beginn ihrer Beziehung, den Sternenhimmel. Viele aufgestaute Themen konnten beackert werden, viele neue Ideen erwachten, und sie fanden auch einige Ansätze, um den alltäglichen Sorgentrott einzudämmen.

Einige Wochen später wurden sie unabhängig voneinander von Kollegen angefragt, ob sie für einen sehr guten Freund den Trauzeugen spielen könnten. Die Sache sei streng geheim, wurde ihnen aufgetragen, und für den Nachmittag bräuchten sie ein sehr gutes Alibi.

Sie sagten beide «Ja», als sie sich im Standesamt gegenüber standen.

Nochmals einige Wochen später saß Felix im Garten, mit seinem Laptop, den er anscheinend fast immer dabei hatte.

«Felix, was machst du gerade?»

«Schreiben. Etwas über das Leuchtfeuer. Das ist das Thema dieser, äh, Schreiber. Und ich habe keine Idee, wie ich das umsetzen könnte. Noch gar keine.»

«Aber ich hab dir eine andere Idee.»

«Oh. Welche denn?»

«Schreib doch über diese Hühnerknochen, die bei den Tomaten gefunden habe.»

Samstag, 24. August 2019

Kennenlernen - Kap. 1

Lilly saß an ihren Hausaufgaben. Mathe. Nicht unbedingt ihre Lieblingsbeschäftigung. Zwischendurch tanzte sie den Flow, sortierte Buntstifte und malte kleine, bunte Phantasieblumen, Berglandschaften und Herzchen auf ihre Schreibunterlage. Manchmal legte sich Lilly aber auch einfach mit dem Kopf auf die Schreibtischplatte und schaute aus dem Fenster. Weil es ein sonniger Sommertag war, stand es weit geöffnet. Durch das Fenster blickte sie direkt in die große, grüne Krone eines Kastanienbaumes, der nicht weit vom Haus entfernt stand. Zwischen seinen Blättern schimmerte der blaue Himmel hindurch. Wenn ein Lüftchen durch seine Krone wehte, verschwanden einige der kleinen blauen Himmelsflecke, die zwischen seinen Blättern hindurchschimmerten. Dafür kamen an andere Stelle neue zum Vorschein.

Auf der Terrasse unter ihrem Fenster hörte sie Tim. Ihr kleiner Bruder trug das Trikot der Golden State Warriors und warf ein paar Körbe. Meistens spielte Tim mit anderen Jungs aus der Nachbarschaft Fußball oder Basketball. Manchmal auch mit Papa. Weil Tim aber den ganzen Tag Lust hatte Ball zu spielen, spielte er auch wenn gerade niemand da war, um mit ihm zu spielen. Das machte Tim nichts aus. So konnte er an seiner "Cristiano Ronaldo"-Schusstechnik oder "James LeBron"-Wurftechnik arbeiten.

Plötzlich hörte Lilly eine Stimme: «Kannst du nicht rechnen, oder warum dauert das so lange?» 

Erstaunt richtete Lilly sich auf und ging zum Fenster, um nachzusehen, wer so frech zu ihr hereinrief. Niemand zu sehen. Sie hörte nur das Bam, Bam des Basketballs, den Tim auf den Terrassenboden knallen ließ.

«Wenn das so weitergeht wirst du nie fertig!» 

Schon wieder. Aber es war eindeutig nicht Tims Stimme. Alles was Lilly sah war ein Katze, die auf einem Ast hockte. Niemand sonst zu sehen, der gerufen haben könnte.

Die Katze hatte ein schwarzes Fell und eine weiße, rechte Vorderpfote. Die Vorderpfote war so leuchtend weiß, dass es aussah, als ob sie versehentlich in einen Topf mit frischer weißer Farbe getreten wäre. 

«Wenn du nicht weiter weißt, musst du den Mond fragen.» 

«Krass», sagte Lilly zu sich selbst. Sie traute ihren Augen und Ohren nicht. Eigentlich fühlte sie sich schon zu alt, um an sprechende Katzen zu glauben. Aber die Worte kamen eindeutig aus ihrem Maul.

«Wie kann es sein, dass du sprechen kannst?», fragte Lilly verstört. «Sprechende Katzen gibt es doch nur im Märchen.»

Die Katze richtete sich auf, streckte sich und gähnte. Es war ein langes, ausgiebiges Gähnen. Ein Gähnen, das ungefähr so lange dauerte, wie es braucht, um an einer Fußgängerampel auf grün zu warten, nachdem man auf den Knopf gedrückt hat. Noch bevor die Katze aufgehört hatte zu gähnen, sammelte sich Lilly und sagte:

«Ganz abgesehen davon ist es ziemlich verrückt, was du behauptest. Wie sollte mir der Mond bei Mathe helfen können?»

Die Katze rollte mit den Augen, streifte sich mit der weißen Pfote über ihren Schnurrbart und begann erneut zu sprechen: «Soso», sagte sie, «du unterhältst dich mit einer Katze und behauptest, dass Katzen in Wirklichkeit nicht sprechen können. Das solltest du verrückt finden! Und was den Mond betrifft: Der kennt auf alle Fragen die richtige Antwort. So einfach ist das.»

«Naja», sagte Lilly, mit einem Achselzucken. «In einer Sache muss ich dir Recht geben. Ich unterhalte mich mit dir. Und du bist eine Katze. Also gibt es zumindest eine Katze, die reden kann.»

Siehst du. Wenn man dir auf die Sprünge hilft, bist du ja gar nicht so schwerfällig.» 

«Hey! Schon wieder so eine Gemeinheit. Mir ist einfach noch nie eine sprechende Katze begegnet. Und es hat mir auch noch nie jemand gesagt, dass es sprechende Katzen gibt. Verstehst du nicht, dass es darum schwierig für mich ist, das zu glauben?»

«Na gut. Vielleicht sollte ich nicht so streng mit dir sein.»

«Danke», sagte Lilly.

«Keine Ursache», sagte die Katze. «Machst du mir jetzt ein Käse-Sandwich?»

«Ein Käsesandwich?», fragte Lilly ungläubig.

«Ja. Mit Gurken, Tomaten und einem knackigen Salatblatt. Das wäre überaus freundlich von dir.» 

In der Zwischenzeit war Tim aufgefallen, dass Lilly aus dem Fenster schaute und sich mit irgendwem zu unterhalten schien. Für Tim sah es so aus, als ob sie mit dem Baum redet. Weil er neugierig wurde kam er näher heran, um zu sehen was da vor sich geht.

«Du redest ja gar nicht mit dem Baum», rief er schließlich zu Lilly hinauf, «sondern mit der Katze.»

«Natürlich redet sie mit mir», sagte die Katze von oben herab. «Oder hast du schon einmal einen Baum gesehen, der am Mittwoch mit Menschen spricht?»

«Am Mittwoch? Bist du bescheuert? Bäume können überhaupt nicht sprechen!»

«Was bist du doch für ein ungezogener Junge», sagte die Katze empört. «Du weißt wohl nicht mit wem du sprichst. Hat dir noch nie jemand Manieren beigebracht? Zur Strafe schreibst du fünfundzwanzig Mal: Frau Professor Doktor Roberta von Reichenstein ist nicht bescheuert, sondern hat einen Nobelpreis im Rechnen mit Katzenzahlen und ist darüber hinaus eine angesehene Künstlerin. Und dann schreibst du noch weitere fünfundzwanzig Mal: Bäume reden nur mit Menschen, die den Mond schon einmal von hinten gesehen haben. Außer am Mittwoch, da ist Ruhetag.»

«Was?!», entfuhr es Tim. «Das kannst du nicht machen. Das ist viel zu viel. Ich lerne doch gerade erst schreiben. Außerdem weiß ich nicht was ein Noppelpreis ist.»

«Nobelpreis», sagte Roberta von Reichenstein.

«Nobelpreis“, wiederholte Tim - und knallte dabei den Basketball auf den Boden, bevor er ihn sich wieder unter seinen Arm klemmte.

«Na gut», sagte die Katze, «dann bring mir wenigstens ein gute Schale Milch. Nicht zu warm, nicht zu kalt, laktosefrei und fettarm. Das wird ja wohl nicht zu viel verlangt sein.»

«Mist!», sagte Tim, und schoss seinen Basketball mit dem Fuß über die Wiese. «Aber was soll`s. Immer noch besser als eine viel zu lange Strafarbeit mit komplizierten Wörtern.

Sonntag, 28. Juli 2019

Erinnerungen müssen fortbestehen

«Wir wandern also nach Mürren», sagte meine Freundin.

«Weisst du wie lange wir unterwegs sein werden?»

«Das kommt ganz auf den Ara an», antwortete ich.

«Den Ara? Du meinst, diesen großen Papagei?»

«Ja, einen blau-gelben.»

Sie blickte mich entgeistert an.

«Was tut denn dieser Papagei dort?»

«Vielleicht könnte er uns fressen.»

«FRESSEN?»

Ihre Entgeisterung brach nicht ab.

«David, bist du noch bei Sinnen?»

«Ganz gewiss.»

«Aber dieser Ara...»

«...der ist in der Zwischenzeit sicher gewachsen. Vielleicht ist er heute so groß wie ein Haus. Zermalmt Autos in seinen Klauen. Sitzt auf den Masten und frisst ganze Seilbahn-Gondeln...»

«DAVID!»

«Okay. Ich war als Kind einmal in Mürren. Danach nie mehr. Und die einzige Erinnerung, die ich an den damaligen Besuch habe, ist ein blau-gelber Ara, der beim Eingang des Hotels auf einer Stange saß, und die Hotelgäste begrüßte. Und eben, Erinnerungen müssen fortbestehen.»

Dienstag, 4. Juni 2019

Vegetieren

Fröhlich weinend betrachte ich mein totes Leben, in dem ich mich stagnierend bewege zwischen himmelbetrübt und zutodehochjauchzend. Verloren gefunden habe ich mich in einem trockenen Meer voller ungefühlter Emotionen. Klar verwirrt steure ich ziellos  hin auf eine traumhafte Wirklichkeit.. Verzweifelt hoffend auf ein besseres Jetzt meiner Zukunft ohne schlechte Vergangenheit. Übersättigt vom Hungern giere ich nach Vollkommenheit, wobei derer Erfüllung erstrebenswert unerreichbar ist. Verbindlich entscheide ich mich nicht, weil ich genauen Unwissens bin: Ich will beides von Nichts und nichts von Beidem. Kompromisslos wähle ich also der ungangbaren Weg dazwischen, der temporär all die Wogen meines Seins besänftigt. Dabei betäube ich mich bewusst, schläfre mich lebendig ein. Immer wieder, immer wieder, mehr und mehr, in der Hoffnung, nicht mehr tiefer erwachen zu müssen.
„Sucht ist die Suche nach der Erleichterung von den Lasten des Lebens.“ H.J. Elling

Dienstag, 21. Mai 2019

Abgehoben - unser Wolkendurchbrecher

In der obersten, teuersten Wohnung des Wolkendurchbrechers liess sich Herr H. zufrieden in seinen Le Corbusier Ledersessel plumpsen, ein Glas Moët&Chandon in der Hand. Irgendwo in der Wohnung tropfte noch ein Wasserhahn, aber Herr H. sass schon zu bequem, um deswegen wieder aufzustehen. Stattdessen verspürte er einen leichten Anflug von Ärger über seine Haushälterin. War er denn der Einzige der gute Arbeit leistete? Es war Zeit diese Lina, oder wie sie auch immer hiess, auszuwechseln. Er seufzte und schob den lästigen Gedanken beiseite. Stattdessen lobte er sich selbst: Heute hatte er die Fusionspapiere unterschrieben. Gewiss bei dem Zusammenschluss der beiden Grossunternehmen würden ein paar Stellen gestrichen, aber man musste das ja immer im Gesamtkontext betrachten. Und die Fusion war sowohl für ihn finanziell als auch für seine Firma wirtschaftlich deutlich lukrativer. Also hatte er da wohl allen Grund auf sich anzustossen. Jedoch dämpfte der tropfende Wasserhahn seine Euphorie kurzzeitig, das stete Geräusch nervte Herrn H., daher stellte er kurzerhand seinen Bang&ofluson Fernseher an. Befriedigt schaute er eine belanglose Sendung, ohne einen einzigen Gedanken mehr an das vergeudete Wasser oder einen Blick nach draussen, geschweige denn nach unten zu verschwenden. 
Zur selben Zeit kochte sich nebenan Herr D. sein Nachtessen. Er hatte die Zutaten wie immer frisch von seinem Bauer des Vertrauens geholt – regional-saisonal, das war sein Anspruch und dafür bezahlte er auch gerne einen beträchtlichen Betrag. Ferner achtete er während der Zubereitung der Mahlzeit akribisch darauf, weder unnötig Energie noch Wasser zu verbrauchen. Ja, dies nicht nur beim Kochen, sondern sein ganzer Lebensstil war sowohl gesundheits- als auch umweltbewusst und dafür scheute er weder Aufwand noch Kosten. Als er sein Mahl fertig zubereitet hatte, ging Herr D. damit zufrieden auf den Balkon. Er schaute hinunter und war froh, nie dahin zu müssen. Die Häuser da unten sahen alle so schrecklich klein aus. Mit seiner pingelig ökologischen, biologischen und energietechnisch nachhaltigen Lebensart drückte er seine Dankbarkeit aus, dafür, dass er die Möglichkeit hatte in dieser Höhe zu wohnen aus. Gleichzeitig hoffte er mit seinem umweltfreundlichen und –schonenden Verhalten einen Einsturz des Wolkendurchbrechers verhindern - oder mindestens hinauszögern - zu können. 
Während Herr D. sich mit seiner Tiefenangst konfrontierte und sein Höhenleben wertschätzte, packte in der Nachbarswohnung Herr I. seinen Koffer aus. Er war gerade von einem Einsatz ganz tief unten zurückgekehrt. Es waren intensive 6 Monate gewesen und obwohl er nicht ganz hinunter gehen musste, war es dennoch erneut ein absoluter Lebens- und Kulturwandel, den er dort unten durchgemacht hatte. Jedes Mal, wenn er wieder zu einem Einsatz einbestellt wurde und die vielen Stockwerke nach unten fuhr, war er, in den unteren Stockwerken angekommen, fasziniert und erstaunt von der Vielfalt der Häuser, die es dort gab. Von oben sahen diese nämlich alle gleich klein aus. Erst unten angekommen merkte man, dass es durchaus beträchtliche Höhenunterschiede gab. Es gab viele einstöckige kleine Hütten, neben durchaus stabilen, mehrstöckigen Hochhäusern. Letztere erkannte man jedoch erst unten als solche. Dass er selber eigentlich die Ausnahme war, wurde ihm erst bewusst, wenn er unten wieder feststellte, wie viele – ja so viel mehr – Häuser es unten eigentlich gab. Sein Wolkendurchbrecher, in dem er lebte, war neben etwa zehn oder zwölf andern eigentlich eine Rarität, wohingegen die fünf bis sechsstöckigen Häuser eine deutliche Mehrheit darstellten. Deshalb musste Herr I. immer wieder selber hinunter in die tieferen Geschosse, erst dadurch konnte er sich vergegenwärtigen, in welchem Extrem er wohnte. Es war nicht annähernd normal. Die Menschen in den mehrstöckigen Häusern waren Durchschnitt und immer noch den in den einstöckigen Hütten Lebenden (die ebenso eine deutliche Überzahl gegenüber den Wolkendurchbrecherbewohnern darstellten) deutlich überlegen. Die Tatsache, dass er über dieses Missverhältnis bei jedem Ausflug in diese tieferen Gebiete immer noch erstaunt war, zeigte ihm, dass er diese Erkenntnis noch nicht verinnerlicht hatte. Es würde wohl noch lange gehen - wenn nicht gar nie eintreten - bis aus der Einsicht, selbst eine Seltenheit und Aussenseiter zu sein, Bewusstsein werden würde.
                                                                   ★★★★★
Angelehnt an den Human Development Index, einem jährlich erscheinenden Bericht über die menschliche Entwicklung. Hier fliessen die Lebenserwartung, die Dauer der Ausbildung und das Bruttonationaleinkommen mit ein. Es ist ein Mittel für die grobe Einschätzung des Wohlstands eines Landes. Die Schweiz ist im Rating von 2019 nach Norwegen Nummer 2 – von insgesamt knapp 200 Ländern! Wir sind extrem! Wir sind etwa so überdurchschnittlich, wie die Zentralafrikanische Republik vor dem Niger unterdurchschnittlich ist. Durchschnittlich sind Länder wie Brasilien, Peru, Botswana, Ägypten, Indonesien, Vietnam oder Indien. Deren Lebensstandard repräsentiert viel mehr das, wie es der Mehrzahl der Erdbevölkerung geht. Wir sind ausserordentlich. Wir schauen nach unten und alle Länder wirken ähnlich arm. Dass es dort mindestens genauso grosse Gegensätze gibt, dass es zum Beispiel ein himmelweiter Unterschied ist, ob man in Burundi (Platz 185) oder Tanzania (Platz 154) oder sogar Namibia (Platz 129) lebt, ist wahrscheinlich den wenigsten von uns Abgehobenen, Bodenfernen bewusst. Nicht alle Häuser sind gleich klein oder gross, im Gegenteil, in den Tiefen sind die Differenzen viel ausgeprägter und bedeutender! Natürlich dürfen wir unser Leben in dekadenten Höhen geniessen, sollten aber nicht vergessen, es auch täglich wertzuschätzen, denn es ist alles andere als selbstverständlich und normal!