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Zitat des Monats

Wenn der Wind des Wandels weht, bauen die Einen Schutzmauern, die Anderen bauen Windmühlen.

Chinesische Weisheit

Willkommen!

Liebe Schreibende

In unserer hektischen Welt, dominiert von High-Speed-Rechnern, Zeitmangel, Medien, Facebook und Leistungsdruck, versuchen wir uns hier eine kleine Insel der Besinnung zu erhalten. Sich einmal im Monat in Ruhe niederzusetzen, sich mit einem Thema eingehend zu beschäftigen und dann die passenden Worte zu finden, um seine Gedanken mit anderen zu teilen, erscheint mir dabei ein geeigneter Weg, aus dieser Alltagshektik auszubrechen.

Sollten wir innerhalb eines Jahres genügend Beiträge beisammen haben, werde ich diese zusammentragen und in Buchform drucken lassen. So hat man dann Ende Jahr ein schönes Büchlein zur Hand - zur Erinnerung, oder als Geschenk zu Weihnachten, oder auch, um die Heimbibliothek mit einem eigenen Werk etwas auszubauen.

Dann also viel Spass beim Schreiben!

Eilean

Samstag, 19. Dezember 2015

Ankunft

Niemand, niemand hat mir erzählt, was niemand, niemand weiß

Aus Nacht und Nass, auf Silberfuss, 
kamst Du, einer Brise gleich, 
ganz feuerrot, ganz mondlichtweich

Du zarte Fremde, die ich kenne,
Du Freund, mir so unbekannt
Glut und Phönix meiner Sinne,
Morgenlicht, in Tau gebannt


Niemand, niemand hat mir erzählt, was niemand, niemand sah

Aus reinem Licht, in heller Pracht,
hebe Deinen Blick empor,
entschlei're Dich, verhüll' die Nacht 

Bist Du des Morgens heller Saum?
Bist Du das Schwarz der Nacht?
Ein Flüstern zwischen Wach und Traum,
ein Paradies, von mir erdacht? 


Niemand, niemand hat mir erzählt, was niemals je geschah

Ganz aus dem Nichts, ganz ohne Klang 
warst Du schon, als ich Dich sah,
das Lied, das durch mein Sein so drang 

Du tauchst mich tief in Vergessen
Du helle, gold'ne Ewigkeit
Du Endlos, Du Unermessen
Du bist der Fluss, Du bist die Zeit

Niemand, niemand hat mir erzählt, was niemand, niemand weiß



Donnerstag, 3. Dezember 2015

Mein Monster, meine Melancholie

Es sitzt.
Es sitzt still.
Es sitzt ganz tief.
Es sitzt so tief, dass ich es nicht mehr erreiche.

Oft macht es sich so klein, dass ich es gar nicht wahrnehme, um sich nach einer kurzen friedlichen Verschnaufpause umso grösser aufzublasen.

Es tobt.
Es tobt laut.
Es tobt ganz tief.
Es tobt so tief, dass ich es nicht mehr erreiche.

Ich möchte ihm Raum geben, es soll raus, es soll sich austoben und abreagieren. Aber ich finde den Weg zu ihm nicht. Ich habe die Karte zu seinem lebendigen Grab vor langer Zeit vernichtet. Zu gross war meine Angst vor seiner zerstörerischen Raserei. Ich verbannte es ganz ganz tief und noch tiefer, wollte es ersticken.

Es kauert.
Es kauert erschöpft.
Es kauert ganz tief.
Es kauert so tief, dass ich es nicht mehr erreiche.

Ich fühle eine ermüdete Stille, trügerisch. Ich spüre, es ist eine Frage der Zeit, bis es sich wieder aufbläht und wütet, tief in mir, ohne dass ich es rauslassen kann. Wir beide wissen, dass wir dazu verdammt sind, gemeinsam den Rest unseres Lebens zu verbringen und können doch nicht miteinander umgehen.

Es weint.
Es weint bitterlich.
Es weint ganz tief.
Es weint so tief, dass ich es nicht mehr erreiche.

Ich würde es so gerne frei lassen, ich will es nicht in mir einschliessen, aber zu tief hatte ich es damals weggesperrt. Ich weiss nicht mehr, wo suchen, weiss nicht mehr, wo ich den Schlüssel zu seinem Käfig habe.

Es klopft.
Es klopft beharrlich.
Es klopft ganz tief.
Es klopft so tief, dass ich es nicht mehr erreiche.

Es macht mich schwer, es ist ein Klotz am Bein, der mich ständig am Fliegen hindert. Wahrscheinlich beruht diese Abscheu auf Gegenseitigkeit.

Es hasst.
Es hasst leidenschaftlich.
Es hasst ganz tief.
Es hasst so tief, dass ich es nicht mehr erreiche.

Können wir nicht lernen miteinander umzugehen? Ist es wirklich hoffnungslos? Finden wir denn nie unser Leben in Harmonie?

Es sitzt.
Es sitzt still.
Es sitzt ganz tief.
Es sitzt so tief, dass ich es nicht mehr erreiche.


Montag, 30. November 2015

Kernspaltung


Hilfe! Bitte, hilf mir doch! 
Ich sitze da, bin verzweifelt. 
Die nur allzu bekannte süsse Stimme der Schlange säuselt mir ins Ohr, dass ich doch gar nicht da sein möchte: 'Du willst zuhause sein, da kannst du alles tun, was dich doch glücklich macht. Dort kannst du dir unabhängig von andern Zuneigung schenken'. Vor meinem geistigen Auge sehe ich mich alleine in meinem warmen Bett, ein Stück Schokolade in der Hand, fernsehsehend. Ein Teil lächzt nach diesem altbekannten Ritual - welches mir tatsächlich das Gefühl von Zuneigung und Wärme gibt-, der andere Teil sucht verzweifelt nach Gründen, um aus diesem mir doch so leiden Muster auszubrechen, denn jene Gefühle sind eigentlich nicht wahr und niemals langfristig befriedigend.
Ich werde hin- und hergeworfen, verliere den Boden unter den Füssen, kann nicht mehr klar denken! 
Hilfe! Bitte, hilf mir doch! Ich will einfach nur, dass es vorbei ist.
Ich schaue ihn an, wünschte, er könnte mir tatsächlich helfen, aber er tut nichts, was mir Halt gäbe - warum sollte er auch und woher wüsste er, was machen, wenn nicht mal ich es selbst weiss, wie er mich unterstützen kann?
Diese Chance wird von der Schlange gepackt und sie macht mir vor, dass ich glücklich wäre, wenn ich nach hause ginge. Verzweifelt greife ich nach diesem einen Grashalm: Endlich erscheint es mir einfach, Erleichterung macht sich in mir breit: Wenn ich nach Hause gehe, habe ich es allen recht gemacht - ich war mit ihm zusammen und am Ende wieder mit der Schlange...beide sind dann doch zufrieden. Perfekt, ich konnte also doch eine Brücke schlagen zwischen den beiden Welten, meinen beiden Lieben. Diese Erkenntnis macht mich glücklich und ich schaue endlich klarer mein Gegenüber an. Aber ich muss feststellen, dass es ein Trugschluss war. Ich sehe Enttäuschung, Wut und Unverständnis. Vorbei ist's mit der Erleichterung! 
Er sagt mir nüchtern, dass es so nicht funktioniert, wir sind zu verschieden und man kann mir nicht helfen, man kann mich nicht ändern...
Mein Innerstes zerreisst es: Der düstere, kranke Teil atmet auf, als sei er eine grosse Last los, aber das Gesunde in mir, mein wahres Ich, könnte vor Schmerz weinen. Nicht nur ich gehe an dieser Zerrissenheit zugrunde, vielmehr zerstört sie mein Umfeld. Das Gift der Schlange tötet jegliches Leben, sämtliche Liebe um mich herum ab und betäubt mich so, dass ich es gar nicht mehr wahrnehme. Mein Ich kommt mir mehr und mehr abhanden, je öfter ich mich auf die Schlange einlasse. 
Ich will das nicht mehr...lieber sterbe ich. Ich will alles versuchen, diese Schlange loszuwerden. Wie ein trotziges Kind entscheide ich mich, Mut zu haben, das Unbekannte zuzulassen und zu bleiben. 
Ich hoffte, nun sei alles wieder gut - aber nichts ist gut. Ich fühle mich wie ein Fremdkörper, sowohl an diesem Ort, als auch in mir selbst...Ich bin sooooo einsam, fühle mich so unverstanden und kann mich selbst nicht verstehen. Wer bin ich? Was bin ich? Wo bin ich? 
'Du hast alles falsch gemacht, wärst du heim, könntest du frei und unbeobachtet tun, was du möchtest - wärst wenigstens du zufrieden! Jetzt ist er unglücklich und du fühlst dich auch schlecht! Du hast alles vermasselt! Du bist so unfähig, ohne mich bist du nichts! Wenn du dich gegen mich stellst, fällt deine ganze Welt zusammen und du bist nur noch nichts!', giftet die Schlange zornig und sie hat ja recht.
Ich versuche zu schlafen, dann wird dieses Hin und Her ja vielleicht erträglicher, aber es geht nicht...Die Schlange schnürt mir die Kehle zu, als wolle sie mich bestrafen und er schläft neben mir, als wäre ich nicht da. 
Hilfe! Bitte, hilf mir doch! Mach, dass alles einfach vorbei ist!
Irgendwann falle ich in einen unruhigen, hitzigen Schlaf. Als ich am Morgen aufwache, fühlt es sich so an, als hätte ich ein sehr wertvolles, zerbrechliches Glas fallen gelassen und es irreparabel kaputt gemacht. Grosse Traurigkeit und Einsamkeit erfasst mich, gleichzeitig tanzt ein Teil von mir, als wäre er aus einem Gefängnis entlassen worden. Verzweifelt merke ich aber, dass es der vergiftete Teil ist, den ich mich weigere als den meinigen anzuerkennen.
Auf dem Heimweg erkenne ich immer deutlicher, dass es demnächst zu einer Trennung kommen muss! Entweder vom Gift, von dem ich so lange schon abhängig bin oder von dem Mann und den Gefühlen, die er in mir weckt, die ich seit Ewigkeiten tief vergraben habe. Wenn ich frei entscheiden könnte, würde ich mich gegen die Schlange entscheiden, ich bin überzeugt, dass das Leben dann mehr Leben wäre...aber habe ich den Mut dazu? Bin ich noch genug Ich, um tauglich für ein solches Leben zu sein? Und noch viel wichtiger: wie viele Chance bekomme ich noch? Ich kenne die Schlange nun schon lange genug, um zu weissen, dass es nicht das letzte Mal gewesen sein wird: Die Schlange wird sich wieder und wieder in einen unerbittlichen Kampf begeben und mit hinterhältigen Tricks versuchen, mich auf ihre Seite zu ziehen...Aber ich weiss auch, dass ich zu zweit bessere Chancen habe, als allein.
Hilfe! Bitte, hilf mir doch!

Samstag, 28. November 2015

Unser blasser Herbstmorgen

Ich schließe die Augen und blicke in die Sonne. So, wie du mir das gezeigt hast. 
Die Sonne ist warm auf meinem Gesicht. Ich atme ein, und mir wird auch ganz warm. 

Ich habe die Augen geschlossen und sehe überall Licht, überall warmes Licht. Ich sehe dich, atme ein. Die Sonne riecht wie du und mir wird ganz warm. 

Ich öffne die Augen und sehe dich, vor deiner Reise. Sehe dich immer, wie du da bist und da bist. Ich, ich war auch da und ich habe mich ganz schrecklich in dich verloren und mir wurde ganz warm. 

Du hast mir grün gezeigt, blau, rot und ganz viel gelb. Du mochtest alle schönen Farben und ich Himbeereis. Wir wussten, dass wir auf Wolken laufen können. 

Du hast mir gezeigt, wie die Nacht schmeckt, hast mit mir die Bären am Himmel gesucht. 
Du liebtest frisches Brot und wenn ich hungrig bin, manchmal, schmeckt warmes Brot wie du. 

Du hast mich immer gefunden, auch als ich ganz klein geworden war und in deine Hand passte. Hast mich dann ganz nah an dich gedrückt und mein Schatten wurde groß, ich wurde groß. 

Ich habe dir meine Welt erzählt und du warst Lachen, du warst Leben. Bei dir konnten meine Augen nass sein. Nass wie Regen, wie Regen, der auf warme Erde tropft. Du hast mir Tränen geschenkt.

Ich wollte immer bei dir sein und jetzt, jetzt weiß ich, wie man die Uhr liest. Ich könnte für dich die Zeit lesen, immer, wann du wolltest. 

Ich zähle Minuten, zähle Stunden, ich zähle Tage und zähle mein Leben. Alles zusammen macht... nichts Nennenswertes. 

Es tut weh, wie sehr du nicht da bist wie immer. Ganz alt bin ich geworden, ganz tapfer, wenn es kalt ist und beiße mir auf die Lippen, wenn es regnet. 

Ich esse Himbeereis und Brot, weil es schmeckt, wie du. Alles, das ich mag, schmeckt wie du. Alles, das ich liebe, riecht wie du. Ich sehe gelb, überall, und alle schönen Farben. 

Ich schließe die Augen, drinnen ist es warm, und ich bin da, und du bist da, und Licht. 

Mittwoch, 18. November 2015

Lebensweg

Ich reiste, ich kam nicht an.
Ich war unterwegs, ich rastete nicht.
Ich suchte, ich suche, ich werde suchen.

Ein Licht, ein Schrei, der Beginn: Ich wurde auf einen Weg geschickt, der mein Leben lang dauern wird.
Manchmal geniesse ich die Landschaft, manchmal fliehe ich ängstlich, manchmal wünsche ich, ich könnte den Pfad wechseln, manchmal suche ich verzweifelt nach einem Heimathafen.
Der Weg ist einem steten Wandel unterzogen und ich ändere mich und damit meinen Blickwinkel für den Pfad. Weder ich noch der Weg sind starr und statisch. Oft werde ich vom unermüdlichen Wechsel überfordert, suche Fixpunkte in der Umgebung. Aber solange die Ruhe nicht aus mir selbst kommt, werde ich von meinem Weg auch immer wieder an neue Erfahrungen geführt, die mir helfen werden, mehr über mich zu lernen. Durch meine Selbsterkenntnis wird sich auch meine Reiseroute wieder verändern.
Eine harmonische Symbiose: Ich und mein Weg - er wirkt auf mich, ich wirke auf ihn.

Ich reise, ich komme nicht an.
Ich bin unterwegs, ich raste nicht.
Ich suchte, ich suche, ich werde suchen.

Hin und wieder frage ich mich, warum ich diese endlose Route gewählt habe. Ab und zu würde ich mich gerne einfach hinlegen und verliere die Neugierde, wohin mich der weg noch führen mag. Manchmal bin ich ewigen Reisens müde.
Doch dann packt mich ein Tiefer Glaube daran, dass irgendjemand/irgendetwas weiss, wohin mein Weg gehen wird und dass alles so kommt, wie es muss, solange ich nur beharrlich weitergehe...
Ich habe Vertrauen in meinen Weg und den Erfinder desselben, wer oder was das auch immer sein mag.

Ich werde reisen, ich werde ankommen.
Ich werde unterwegs sein, ich werde rasten.
Ich suchte, ich suche, ich werde suchen.

Donnerstag, 12. November 2015

Eine Reise mit ungewissem Ziel

Wenn man sich normalerweise auf eine Reise begibt, kennt man eigentlich immer den Startpunkt und das Ziel.
Eine Reise ohne Ziel ist aber ein Wagnis, ein Abenteuer, oder auch völlig irrsinnig. Jedoch in jedem Fall eine große Herausforderung und manchmal auch sehr mutig.

Wenn man mit der Bahn verreist, kann die Reise immer nur dort hin gehen, wo die Gleise hinführen, es bleiben also nur ganz wenige Möglichkeiten vom eigentlichen Ziel abzuweichen.

Das Leben ist eine Reise und ich denke, wir alle stimmen dem Vergleich zu. 
Als wir geboren wurden, begann unsere Reise und niemand, ja nicht mal wir selbst, wußten wohin unsere Reise gehen wird. 
Wenn man jung ist, weiß man sowieso meistens gar nichts. Es interessiert auch gar nicht wirklich, denn man hat ja noch so viel Zeit. Warum schon so früh ein Ziel anpeilen? 
Wenn man dann älter wird, beginnt man sich Zwischenstopps einzuplanen, also gewissermassen Etappen. 

Irgendwann wird man dann so alt, dass man das Ziel vor Augen sieht. Zumindest denken das die meisten Jungen, wenn sie an die "Alten" denken.

Stellt euch einen Zug vor, der auf seinen Gleisen fährt. Jeder an Bord des Zuges weiß wohin er fahren wird, denn er kann nur auf seinen Gleisen fahren. Auch der Lokführer... der sitzt da vorne und hat kein Lenkrad, keinen Steuerknüppel, nichts womit er die Richtung ändern könnte. Um auf ein anderes Gleis zu gelangen, müsste er einen Kollegen in einem Stellwerk anrufen und ihn bitten eine bestimmte Weiche anders zu stellen.

Nun hat aber unser Lokführer total den Frust. Er ist von seinem Leben gelangweilt, oder vielleicht denkt er auch nur, "Mein Leben lang bin ich immer nur in die Richtung gefahren, die mir vorgeschrieben wurde... Ich möchte einmal selber bestimmen, wohin es geht... Einmal möchte ich den Zug dahin fahren, wo es mir gerade einfällt."

Stellt euch vor, es wäre dem Lokführer gelungen, den ganzen Zug aus den Gleisen zu zwingen und auf einer Strasse weiter zu fahren. Ohne Gleise, die ihn wiederum in seiner Entscheidung einschränken.

Die Menschen, die das miterleben, werden nicht amüsiert sein. Sie werden ihn nicht verstehen, und selbst wenn sie Verständnis aufbrächten, so würden sie es nicht akzeptieren, dass er sein eigenes "Ding" dreht.
Sie würden ihn für einen Wahnsinnigen halten, einen Spinner, einen Egoisten... 

Wenn wir in unserem Leben also plötzlich die Richtung ändern, die Richtung, in die wir bisher gegangen sind, würden dann nicht auch die Umstehenden denken, "Was ist denn mit dem los? Spinnt der?" 

Meine beste Freundin hat mir einmal etwas wichtiges und Lehrreiches über Konventionen erzählt, die unsere Freiheit einengen.

Stellen wir uns vor, der Lokführer lässt den Zug da wo er hingehört - er will ja niemanden gefährden, oder zwingen etwas zu erleben, was sie nicht erleben möchten... also ändert er etwas in seinem Leben. Er ist ja schon älter, verheiratet und seine Kinder sind ja auch schon alle selbstständig. Da begegnet ihm plötzlich eine Person... diese ist einfach nur nett, und es ist angenehm ab und zu zu reden. Aber nach einer Weile verlieben sich beide in einander. 
Ob wir ihm das glauben? Hat er das nicht die ganze Zeit gehofft?
Auf jeden Fall ist es unser Lokführer ja gewohnt, sehr pflichtbewusst zu sein und in so fern hat er seine Konventionen auch in seinem Leben gesetzt.
Sich in eine andere Person zu verlieben, das geht nicht! 
Aber das mit der Liebe... das ist so eine Sache - sie ist manchmal einfach so stark und hat immer eine Eigendynamik, die man nicht leicht unter Kontrolle hat. 
Jedenfalls fallen unsere zwei Beispielpersonen gemeinsam bodenlos in die Tiefe ihrer eigenen Liebe zu einander. 

Wie urteilen wir? Er ist wahnsinnig? Egoistisch? Völlig abgedreht? 
Auf seiner Reise, die er immer in eine Richtung gegangen ist, hat er sein ursprüngliches Ziel geändert. Doch nun steht er am Anfang einer ganz neuen Reise... wo ist das Ziel? Wohin geht die Reise jetzt?

Warum ihn verurteilen? Warum nach Erklärungen fragen? 
Wenn wir in seinem Zug gesessen wären, müssten wir aussteigen - denn sein Zug fährt wahrscheinlich nicht mehr in die Richtung, in die wir eigentlich mit ihm wollten. 
Die Entscheidung, seine Fahrgäste zum Aussteigen zu bitten, wird ihm verdammt schwer fallen. Oder er müsste sein neues Ziel wieder ändern und seine Liebe zum Aussteigen bitten.
In jedem Fall aber wird es richtig hart werden und keine leichte Sache sein...





Freitag, 6. November 2015

Eine Unfreiwillige Reise in ein unbekanntes Land


Das monotone Geräusch des Motors, das gelegentliche Singen der Räder, wenn er versehentlich die Seitenlinie der Autobahn überfuhr, wirkte auf Eric wie ein Schlafmittel.
Die Autobahn war frei, aber gerade das war es, was ihm so zu schaffen machte. Es gab nichts, was ihm und seinen Augen Abwechslung verschafft hätte - einfach um ihn wach zu halten. Kein anderes Auto, keine Lichter nichts... nur immer die Mittelstreifen, die durch die Scheinwerfer erhellt wurden. Einmal kam ihm auf der Gegenseite ein Auto entgegen, es war irgendwann zwischen 2:00 und 3:00h in den Kasseler Bergen auf der A7 in Richtung Hamburg. 
Eric wurde aufmerksam, weil der Fahrer da drüben ständig aufblendete. Das nervte! Warum machte der das? Gibt es etwas vor ihm, vor dem er gewarnt werden sollte? Dann bemerkte er, dass er das Fernlicht eingeschaltet hatte. "Oh, sorry!" Dachte er und schaltete das Fernlicht für den kurzen Moment aus, den es noch brauchte, bis der Wagen drüben an ihm vorbei war.

"Ich glaube ich sollte am nächsten Rastplatz mal rausfahren" Eric gähnte tief, dann fuhr er laut fort: "Ich brauche einen starken Kaffee!"
Normalerweise half das immer, wenn er mit sich selbst sprach, aber heute war er einfach zu müde.
Eric befand sich auf der Reise zu seinen Eltern, die in Mölnlykke bei Gøtheborg lebten. Eric ist Schwede, studiert aber an der Uni in Freiburg. 
Es war Anfang November und die kalte Feuchtigkeit in den Tälern der Kasseler Berge schlug sich in der Luft als dichter Nebel nieder. 
Als Eric über die Kuppe eines der Hügel fuhr, erwartete ihn plötzlich eine weiße Wand aus winzigen Wassertröpfchen. 
"Scheiße! Wenn diese Suppe dichter wird, komm ich morgen zu spät zur Fähre!"
Eric musste unbedingt um 14 Uhr in Fredrikshavn in Dänemark sein. Er hatte die Stena Line Fähre fest gebucht, das sparte ihm immerhin 50%, hatte aber den Nachteil, dass er unbedingt dieses Schiff bekommen musste. 
Gerade flog ein Schild an ihm vorbei "Rasthof Göttingen", "15 KM"
"Da fahre ich mal raus..."
Der Nebel wurde immer dichter und er wurde genötigt noch weiter mit dem Tempo herunter zu gehen. Es war fast unmöglich etwas zu sehen. Er fuhr nur noch 20 KM/h.
Nach einer geschätzten Ewigkeit erreichte er endlich die Ausfahrt, an der er fast vorbei gefahren wäre, denn eigenartigerweise war es nur ein sehr kleines Hinweisschild, dass auch in diesem Nebel nur sehr undeutlich zu erkennen war. 

Er steuerte den Wagen an ein paar Oldtimer LKW´s vorbei in Richtung Restaurant.
"Komisch..." dachte er... "ist aber wenig los hier..." Er hatte erwartet, dass die Parkplätze völlig mit LKW´s überfüllt wären, die hier ihre Nachtruhe verbrachten, so wie es ja das Gesetz in Deutschland vorschrieb. Aber stattdessen schien hier ein Oldtimertreffen veranstaltet zu werden, denn die wenigen Fahrzeuge die hier parkten, waren schon sehr in die Jahre gekommen.
Er parkte seinen fast neuen Volvo V40 gleich neben dem Eingang zum Restaurant. Eric studierte in Freiburg Master of Sience, hatte als Student nicht viel Geld, aber sein Vater arbeitete bei Volvo in Mölnlykke und hatte daher immer die Möglichkeiten sehr günstig an fast neue Fahrzeuge heranzukommen.
Beim Aussteigen fiel Erics Blick auf das alte Auto neben ihm. 
"Schon erstaunlich wie klein die Autos damals waren..." dachte Eric und er sah sich den alten Wagen etwas genauer an. "Audi 60" Eric musste lachen, "...wenn der Fahrer die Audis von heute sehen würde...!" Mit einem Lächeln auf den Lippen betrat er das Restaurant, in dem nur im hintersten Eck drei LKW Fahrer sassen und Karten spielten. 
Sofort fiel ihm unangenehm auf, dass die drei Männer rauchten und der Qualm sich in der Gaststube ausbreitete. 
"Eigenartig, und wie das hier aussieht... total vergammelt und irgendwie altmodisch..."
Eine etwas müde junge brünette Bedienung blickte in seine Richtung. 
"Kaffee?" Fragte sie genervt
Eric lächelte sie an und entgegenete: "Ja bitte, extra stark! Sagen sie mal, ist das nicht verboten?" Er zeigte in Richtung der LKW Fahrer.
"Was soll verboten sein? Karten spielen?"
"Nee Rauchen!"
Sie lachte herzlich "Sie sind ja ein Witzbold! Warum sollte das denn verboten sein?"
"Naja... das ist ja schon ein ganze Weile so... dachte ich"
"Hahaha... ich weiß ja nicht, wo sie herkommen, aber hier ist das noch nicht verboten!"
Eric wunderte sich. Es war alles schon komisch... die ganze Atmosphäre hier... die alten Autos draussen, die altmodische 60er Jahre Deko und Möbel... und Raucher in einer Raststätte?"
"Macht Einsfuffzich!"
"Wie bitte?"
"Einsfuffzich der Herr!"
"Entschuldigen sie bitte, ich habe sie nicht verstanden!"
"Sie kommen wohl wirklich nicht von hier... Eine Mark Fünfzig kostet der Kaffee!"
"Mark???" 
"Sagen sie mal... von so weit her können sie ja wohl nicht kommen... Deutsche Mark der Herr! Sie sind hier in Deutschland und da bezahlt man schon lange mit Mark, oder mit was wollten sie bezahlen?"
"Mit Euro natürlich...!"
"Euro?" Jetzt lachte sie richtig los und rief den LKW Fahren zu: "Heh Männer, kennt einer von euch ein Land, wo man mit Euro bezahlt?"
Die Männer guckten sich ungläubig an. Einer zuckte mit den Schultern und meinte, "Neulich hab ich mal was in der Zeitung gelesen, die wollen in der EG eine gemeinsame Währung einführen!"
"Was? Sind die noch ganz bei Trost? Wo kommen wir denn da hin? Und wie wollen sie das anstellen?" Im Nu war unter den LKW Fahrern eine heftige Diskussion entbrannt.
"Also, egal, ich bekomme jedenfalls eine Mark Fünzig von ihnen!"
Eric lachte. "Sie.... jetzt verstehe ich, ich bin hier wohl in Dreharbeiten zu einem Film geraten, oder es ist diese komische TV Show...."
"Film? Nee mein Guter, hier sind sie einfach nur in Göttingen und ich bekomme jetzt endlich meine Mark Fuffzich, bevor der Kaffee kalt ist und sie mir nur noch die Hälfte bezahlen wollen!"
"Sagen sie mir bitte, welches Datum ist heute?"
"Sie sind wohl leicht verwirrt? Sie sollten sich erst einmal gründlich ausschlafen! Heute ist der 10. November 1970!"

Eric setzte sich... legte zwei 2 Euro Stücke auf den Tresen und atmete tief durch.... Er fragte sich, ob er tatsächlich unter den Erscheinungen einer extremen Müdigkeit litt.

In diesem Moment betrat ein uniformierter Mann den Gastraum.
"Wem gehört das seltsame Fahrzeug draußen vor der Tür?"
Eric blickte auf und betrachtete den Uniformierten. Offensichtlich war es eine Polizeiuniform, denn Polizei stand auch auf seiner seltsamen blaugrauen Lederjacke. Und eine Pistole, hatte er auch.
"Wenn sie den neuen Volvo meinen? Dann mir! Warum?"
Plötzlich fuhr die Bedienung dazwischen: "Gut das sie kommen Herr Wachtmeister! Das ist schon ein seltsamer Vogel, schauen sie mal, der wollte hier mit zwei falschen Münzen seinen Kaffee bezahlen...!"
Der Polizist betrachtete die Euro Stücke misstrauisch, kam dann zu Eric, beugte sich zu ihm herunter und raunte: "Jetzt hör´n sie mir mal zu, ich werde sie jetzt auf die Wache mit nehmen und ich erwarte, dass sie sich kooperativ benehmen, es müssen doch nicht gleich Handschellen sein, oder?"
"Was? Ich verstehe nicht... Ich wollte doch nur einen Kaffee trinken, ich hab doch gar nichts getan und wenn ich hier irgendwie in Dreharbeiten hereingeplatzt bin, dann verzeihen sie bitte, ich gehe auch gleich wieder, ich will keinen Ärger!"
"Ärger? Na also den haben sie schon, erst die falschen Nummernschilder, dann das Falschgeld... Junge, sie befinden sich in ernsten Schwierigkeiten!"
"Aber ich verstehe das alles nicht. Irgendwas geht hier gründlich falsch... ich fuhr heute Morgen am 09. November 2015 ganz normal in Freiburg los und möchte einfach nach Hause... ich bin doch kein Verbrecher! Und dann sagt diese Dame hier, wir hätten das Jahr 1970 und so langsam glaube ich das auch, aber wie? Ich verstehe das einfach nicht...?"

Langsam näherte sich einer der LKW Fahrer fast unbemerkt von hinten.
Als der Polizist ihn bemerkte zog der Fahrer eine Marke an einer Kette aus der Hosentasche.
"Bundesnachrichtendienst!" Sagte er bestimmt und fuhr ohne ein Gegenargument des verdutzten Polizisten abzuwarten fort: "Ab hier übernehmen wir die Sache! Sie können in ihrem Bericht schreiben, dass sich sämtliche Verdachtsmomente als Irrtum herausstellten!"

Weiter hinten am Tisch, sprach einer der anderen Männer in ein überdimensioniertes Funkgerät: "Göthe an Faust, Göthe an Faust... ihr könnt die Geräte abbauen der Test hat funktioniert, Zeitverschiebung wie geplant exakt 45 Jahre!"


Donnerstag, 5. November 2015

mein tägliches Brot gib mir heute

Ich soll euch also von meinem Alltag erzählen...Ja, Reisen, damit verdiene ich mein tägliches Brot. Da die Schweizer eines der reiselustigsten und gleichzeitig eines der sicherheitsliebendsten Völker auf der ganzen Welt ist, bricht der Ansturm auf das Tropeninstitut nicht ab. Obwohl wir wohl nur einen Bruchteil der Travellers sehen, ist das Wartezimmer vor dem Beratungsraum kaum je leer. Als ich als Assistenzärztin in der reisemedizinischen Beratung anfing, ging ich davon aus, dass ich den andern neun Beratern bloss die Kunden wegnehme (ausgenommen vielleicht in der Hochsaison), doch bald durfte ich merken: es gibt keine Hochsaison fürs Reisen mehr, jeder reist und das zu jeder Zeit. Nicht selten arbeiten wir zu zehnt und machen dennoch 2 Stunden Überzeit. Der Arme, der Schlussdienst hat sogar länger, weil er noch auf der Impfstation helfen muss, bis der letzte Kunde gegangen ist. Wie auch immer, wider meiner Erwartungen ging uns die Arbeit nicht aus und wir konnten sogar noch drei weitere Berater im letzten Monat einstellen.
Schon früh wurden meine Schwester und ich von meinen Eltern in die allherbstlichen Fernreisen eingeladen. Auf den ersten Reisen war stets ein Koffer für Windeln reserviert. Wir waren dem Schnuller noch nicht entwachsen und hatten bereits die Dominikanische Republik, die Kanaren, Asien und anderes gesehen. Diese Reiselust ist wahrscheinlich von meinem Grossvater mütterlicherseits vererbt worden, der mit etwa 20 Jahren und null Geld auf einem Frachtschiff ab nach Kanada gereist ist. Bei meiner Mutter äussert sich das Fernweh eher im Rahmen von zwei- bis dreiwöchigen Hotelferien in der Wärme und Sonne, während der von ihr (und mir) so ungeliebten Herbst-/Wintertage hier in der Schweiz.
Flughäfen gehörten also seit jeher zu Orten, wo ich mich äusserst wohl fühlte und fühle. Ich finde, es herrscht dort immer eine Aufbruchstimmung im positiven Sinne: Die Mehrheit ist gespannt, voller Vorfreude oder gesättigt von verlebten schönen Erinnerungen. Es ist für mich der Notausgang aus dem Alltag, eine Eingangspforte zu einem andern, spannenden Leben. Ich könnte mich im Schwärmen verlieren und gelegentlich fahre ich, wenn ich ein wenig dem Alltagstrott entfliehen möchte, zum Zürcher Flughafen. Dort rätsle ich dann vor mich her, wo die Leute wohl so hinreisen und wie sie ihren Urlaub dort verbringen...ich reise wohl im Herzen ein bisschen mit. Meist kehre ich dann mit eine beschwingten Gefühl nach hause. Nun, da mir diese Stelle in den Schoss gefallen ist, kann ich tagtäglich ein wenig fortfliegen...ich komme überall hin, mache jegliche Form von Urlauben von Hotel bis Zelter in Gedanken mit und darf hin und wieder an Erlebnissen von vergangenen Reisen teilhaben. Von aussen betrachtet, erscheint mein Job zwar langweilig und eintönig, aber mein Reiseherz blüht und das erste Mal seit langem quält mich im Winter hier nicht mehr das Fernweh. Das liegt allerdings nicht zuletzt auch daran, dass ich endlich auch ein zuhause gefunden habe, in dem ich Kraft tanken kann, ich bin nicht mehr auf der verzweifelten Suche nach Heimat, sondern vielmehr auf Entdeckungsreise ohne Drang nach dem Fort. Weg, ja; nie mehr zurück, nein. Das verdanke ich nicht zuletzt ganz besonderen und wundervollen Freunden (an dieser Stelle ein grosses Danke aus tiefstem Herzen) und einigen glücklichen Zufällen in letzter Zeit. Der Himmel scheint mir, nachdem ich ihm so oft entgegengeflogen bin, auch hin und wieder zu mir zu kommen...

Donnerstag, 1. Oktober 2015

Aphrodites Verführung

Wer tanzt und singt da in des Sommers Nacht?
Es ist Philia in voller Pracht.
Sie ist bei sich, sie fühlt sich eins,
„Dieses Leben, es ist nur meins.“

"Doch, Philia, was birgst du jäh so bang dein Gesicht?"
"Siehst, Körper, du Aphrodite nicht?
Aphrodite mit flachem Bauch und langem Bein?"
"Philia, es ist des Mondes Schein."

"Liebe Philia, komm, komm mit mir!
Gar schöne Spiele erklär ich dir;
manch Lieberhaber warten dort am Strand,
komm mit, ich geb‘ dir ein viel schön‘res Gewand."

"Körper, Körper und hörst du denn nicht,
was Aphrodite mir leise verspricht?"
"Philia, sei ruhig, bleib ruhig und hör gut hin,
in dünnen Blättern säuselt der Wind."

"Willst, liebe Philia, du mit mir gehen?
Deinen Körper werde ich warten schön;
ich werde dir alles zeigen, du wirst gedeih’n,
ich führe dich in das Begehrtsein ein."

"Körper, Körper und siehst du nicht dort,
wie du dich verwandelst an jenem Ort?"
"Philia, Philia, ich seh es genau,
es wiegelt die Birke im nächtlichen Grau."

"Ich will dich, ich helf dir, sei unverzagt
und wählst du nicht mich, so hast du versagt."
"Philia, Philia, jetzt fasst sie mich an!
Aphrodite hat mir Leids getan!"

Philia grauset’s, sie wird ganz kalt,
ihr Wille immer mehr in Aphrodites Gewalt,
Sie erreicht den Tiefpunkt in grosser Not,
die alte Philia - sie ist jetzt tot.

Mittwoch, 30. September 2015

Balz

Da stand sie, die Anmutige, die Stolze, die in königliches Blau Getauchte, Wohlgeformte, Geheimnisvolle, makellos Schöne. Und nicht unweit von ihr, gleich auf dem Schreibtisch am Fenster, da lag er – seine scharfen Jahre waren vorüber, aber er war noch gut in Form. Täglich neu stellte er sich seiner eigentlichsten Lebensaufgabe.

Seinem Gefährten offenbarte er immer wieder wieviel er für die Schönheit empfand. Er war – so könnte man sagen – von ihrem Anmut wie verzaubert. Auch war er stets bemüht sich bei ihr als einen guten Fang zu präsentieren. Er warb um sie – und tat dies auf uneitle Weise, so dass sie sogar ein wenig Gefallen an ihm fand.

Während die schlanke Schönheit um die halbe Welt gereist war, bevor sie diesen Raum mit ihrer Erotik verzauberte, konnte sich niemand mehr an die Herkunft des Bleistiftanspitzers erinnern; und keiner wusste so recht wie es zu und her ging, dass er hier auf diesem Schreibtisch landete. Vermutlich, so wurde gemunkelt, kam er aus dem kleinen Schreibwarenladen zwei Häuserecken weiter – womit er allerdings niemanden beeindrucken konnte. Dennoch plauderte die Kerze gerne mit ihm.

„Ich habe noch nicht viel von der Welt gesehen“, so gestand er ihr einmal, „aber im Laufe meines Lebens konnte ich unzähligen Stiften dabei helfen ihre Bestimmung zu finden und das zu werden was sie sind – sie wurden allesamt gute Schreiber. Dank meiner Hilfe füllten sie mit ihrem von mir freigelegten und in Form gebrachten Mark ganze Berge von Papier. Das Papier wiederum wurde vervielfältigt und in Bücher gedruckt. Und die Bücher wurden von Tausenden, ja von Abertausenden gelesen, studiert und geachtet. Es wird erzählt sie hätten die Welt verändert. Einige Menschen seien durch sie sogar ein wenig menschlicher geworden.“

„Stimmt das denn auch genauso wie du es sagst?“ fragte die Königsblaue. „Kann ich mich darauf verlassen, dass du auf diese Weise zu Ehren kamst?“ „Aber ja, es stimmt – ganz gewiss. Es ist die Wahrheit!“ Mein Freund der Heftklammernhalter wird dir das bezeugen; sowie alle, die etwas davon verstehen es bezeugen könnten. Der Heftklammerhalter jedoch weiß es von allen am allerbesten. Denn es waren seine Klammern, Klammern aus seinem Bauche, die das Papier zusammenhielten, das von  meinen Stiften beschrieben wurde, bevor es weitergegeben und vervielfältigt und in Bücher gedruckt wurde.“

„Ja, ja, doch, doch – so ist es“ beteuerte der Heftklammernhalter eilig. „Jedes einzelne Wort, das der Spitzer von sich gibt ist eine wirkliche Wirklichkeit an der er nichts zu rütteln gibt!“

Das gefiel der schönen Kerze – und so kam es, dass sie sich dem Bleistiftspitzer gar wirklich noch ein wenig mehr zugeneigt fühlte, was dem feinsinnigen Spitzer freilich nicht entging. Und weil sie doch offenbar gefallen an seiner Balz empfand, fasste er sich eines schönen Tages ein Herz und fragte, ob sie nicht seine Braut werden wolle.

„Mein lieber Spitzer, du hast gewiss ganz fabelhafte Vorzüge – flüsterte ihm die Königsblaue vornehm zu, „aber du musst wissen, dass ich schon so gut wie halb verlobt mit der Elster bin, die täglich auf dem Baum vor dem Fenster hockt und von dort oben so sehnsuchtsvoll zu mir herüberschaut. Sie hat mir bereits mehr als einen Antrag gemacht. Zwar habe ich bis heute noch keinen angenommen, doch in meinem Herzen habe ich zu dem prachtvollen Vogel bereits »ja!« gesagt. Denn schau doch nur wie seine Federn schön glänzen. Das Gefieder schimmert so hübsch bläulich, wenn das Licht darauf fällt. Wir werden ganz gewiss ein vortreffliches Paar abgeben. Aber dich, mein lieber Herr Bleistiftanspitzer, werde ich niemals vergessen!“   

„Na, da habe ich aber was davon!“ sagte der Spitzer und wurde darüber sehr traurig. Aber das Seltsamste war, dass er sie nun noch schöner und begehrenswerter fand als je zuvor – obwohl sie ihn doch zurückgewiesen hatte.

„Dieser Duft und diese Linie“ schwärmte der Spitzer dann seinem Freund dem Heftklammernhalter immerzu vor – „hast du je so einen Duft vernommen und solch eine Linie gesehen?“ Der Heftklammernhalter hatte es jedoch nicht so mit guten Düften und schönen Linien. Dafür war er immer sehr zufrieden, wenn er genügend Heftklammern in seinem Bauch hatte. Aber er schwärmte aus Höflichkeit ein wenig mit, weil der Bleistiftspitzer sein Freund war – und Freunde meinen es doch gut miteinander. Dem Spitzer aber war es sehr ernst mit seiner Schwärmerei, weil er die Kerze unsäglich gern hatte und sich nach ihr verzehrte.

„Mich dünkt – er liebt die Kerze voller Inbrunst“, rief einmal der Brieföffner herüber, der es gewohnt war sich sehr vornehm auszudrücken. Denn auch ihm entgingen die romantischen Gefühle des Bleistiftanspitzers nicht.

Eines schönen Tages, als der Hausherr das Zimmer betrat ging er direkt ans Pult und brachte mit seinem unerwarteten Auftritt das Geplapper auf dem Schreibtisch jäh zum verstummen. Er setzte sich nieder und schaute aus dem Fenster – oder einfach nur Löcher in die Luft. Das war immer schwierig zu beurteilen. Auf jeden Fall nahm er sich dabei den Spitzer zur Hand und drehte ihn zwischen Daumen und Zeigefinger wie einen Kreisel. Plötzlich stand er auf, so schnell auf wie er gekommen war, verließ den Raum mit großen schweren Schritten und ging mit ihm auf und davon. Er nahm ihn mit in den Keller, wo es dunkel war und der Spitzer sich zu fürchten begann. „Er wird mir doch wohl nichts antun“, ängstigte er sich. „Am Ende wirft er mich noch zum alten Eisen – und dann ist es aus mit mir.“

Im Keller angekommen spannte der Hausherr den Spitzer fest in den Schraubstock, so dass er sich nicht mehr rühren konnte. Dann griff der kräftige Mann nach einer Feile und feinem Schmirgel – und Hub um Hub befreite er den Spitzer von seinen rostigen Flecken. Er schmirgelte, polierte und lackierte ihn bis er aussah wie ein funkelndes Schmuckstück. Sogar die Klinge hatte er ihm herausgenommen, scharf angeschliffen und blitzeblank wieder eingesetzt. Der Spitzer fühlte sich wie neu geboren.

Als er schlussendlich wieder zurück auf dem Schreibtisch landete – ja da gab es vielleicht einen Wirbel. Geschrei und Tumult, wie auf dem Marktplatz! Schere und Stifte und Füllfederhalter und Radiergummi und selbst das Tintenfass, von dem man sonst kaum je etwas zu hören bekam, plapperten wild drauf los und wollten genau wissen, in welchen Jungbrunnen ihn der Hausherr denn geworfen hatte. Der Spitzer fühlte sich Pudelwohl in seiner neuen Fasson und genoss die überschwängliche Aufmerksamkeit und die schönen  Komplimente, die ihm von allen Seiten zuflogen. Und so ging es zu bis es dunkel wurde.

„Nein, heute war vielleicht was los“, stöhnte der Locher schließlich, als die Aufregung sich zu legen begann. „Bei dieser Unruhe habe ich den ganzen Tag hindurch kein einziges Schläfchen machen können. Ich könnte ebensogut Zahnweh gehabt haben, dann kann ich nämlich auch nicht schlafen!“

Aber nun war es still geworden und fast das ganze Schreibtischvolk machte erschöpft von den Aufregungen des Tages die Augen etwas früher zu als an normalen Tagen. 

Wie es nun aber ganz still geworden war, da betraten zwei Dienstleute das Zimmer. Mademoiselle griff sogleich nach den Schwefelhölzern und entflammte damit die Kerze. Als ihr zarter Docht Feuer fing füllte sie den ganzen Raum mit ihrem warmen Schein und verbreitete dabei einen derart balsamischen Duft, dass die beiden darüber recht selig wurden und begannen sich lieb zu haben.

Der Spitzer, der schon immer ein Nachtschwärmer war und selten früh zu Bett ging, wurde Zeuge dieses Zaubers und geriet darüber ins Träumen. Er vernahm wie  es sich die jungen Brautleute im Schein der Kerze gut gehen ließen. Sie flüsterten sich Geschichten über Feuer, Liebe, Verlangen und Lust ins Ohr  und dem Spitzer wurde klar, dass sie über seine Kerze sprachen. Das gefiel ihm freilich, weil er seinem Freund dem Heftklammernhalter das Schwärmen über die Kerze eben doch nie so richtig abgekauft hatte. „Aber diese feinsinnigen Menschen“, so stellte er fest, „die sind genauso veranlagt wie ich. Sie wissen was schön ist und wofür es sich zu leben lohnt!“ Und ebenso wie die Menschen erging auch er sich in sehnsuchtsvollen Schwärmereien und Phantasien.

Im Schutz der Nacht stellte er sich dann vor wie er seiner geliebten Kerze sehr nahe kam und wie sie sich ihm zärtlich zuneigte – damit er sie um ihren zarten Docht herum ein klein wenig anspitzten konnte...

Der Heftklammernhalter, der auch noch ein Auge halb geöffnet hatte, bemerkte dass sein Freund in einer ganz besonderen Stimmung war, denn er konnte sehen wie er an seinen ehemals rostigen Stellen ein wenig rot wurde. Aber er tat so als ob er fest schlafen würde, weil er seinen Freund doch nicht in Verlegenheit bringen wollte.

Am nächsten Morgen nun, als der Spitzer aus seinen schönen Träumen erwachte, blickte er zur Kerze hinüber – und was bekam er da zu Gesicht? Nichts! Fort war sie. Von ihrem angestammten Platze ganz verschwunden.

„Ich weiß wohl wo sie ist“, seufzte er, „sie ist mit der Elster auf und davon und macht nun jenen vermaledeiten Vogel Tage und Nächte so glücklich und noch viel glücklicher als sie mich heute Nacht froh gemacht hat.“

Je mehr er darüber nachdachte, desto größer wurde seine Liebe für die Kerze – und Eifersucht und Pein fraßen ihn beinahe auf. Zwar sind Bleistiftanspitzer von Natur aus sehr eifersüchtig veranlagte Wesen – das ist bekannt; aber dass die Kerze einen Anderen ihm vorgezogen hatte – und noch dazu solch einen diebischen Vogel – das war gewiss sehr schmerzlich und mindestens das halbe Schreibtischvolk konnte die Leiden des nicht mehr ganz so jungen Spitzers sehr gut nachempfinden. Hatten doch viele seiner Gefährten, genau so wie er nun, schon einmal ganz ähnliche Qualen durchlitten.

Der Unglückselige konnte von den Gedanken an die Schöne nicht loskommen. Immerzu erinnerte er sich an die glücklichen Momente mit ihr und stellte sich vor wie sie nun einen Anderen glücklich macht. Darüber verging Stund um Stunde und Tag um Tag; und in seinen Gedanken wurde sie immer schöner und schöner.

Eines Morgens dann betrat das Dienstmädchen mit einem Wedel über der Schulter das Zimmer und hielt eine lange, schlanke und leuchtend gelbe Kerze in der Hand. Sie legte die Kerze behutsam auf die Kommode, so dass das Sonnenlicht auf sie fiel, wodurch sie zu glänzen begann wie strahlendes Gold. Ihre perfekte Linie und der Duft von Alabaster, den sie verbreitete, ließen dem Spitzer den Atem stocken. Und während sie so da lag, vornehm wie eine Königstochter, entfernte die Dienstmagd mit einem Messer einen kleinen blauen Wachsstummel, der tief in dem mit Bernstein verzierten Sockel steckte. „Dieser Bernstein“, so dachte der Spitzer, „er fügte sich meiner Angebeteten doch immer so trefflich um ihren vollkommenen Körper. Ach wie fühlte sie sich doch fein geschmückt.“ Und noch während der Spitzer sich auf diese Weise in Gedanken verlor, warf das Dienstmädchen den Kerzenstummel in den Kübel neben dem Schreibtisch. Bum! Aber was dann geschah: Als das Dienstmädchen sich drehte, um die prachtvolle goldene Kerze auf den mit Bernstein verzierten Sockel zu stellen, da streifte sie mit ihrem Wedel achtlos übers Pult und schwubdiwub lag der Spitzer neben dem kläglichen Rest der blauen Kerze ebenfalls im Kübel.

„Gott sei Dank, da leistet mir noch einer meinesgleichen Gesellschaft! Denn eigentlich bin ich von nobler Abstammung und aus duftendem Wachs gemacht. Gezogen wurde ich von den Händen einer zarten Jungfrau. Außerdem bin ich um die halbe Welt gereist – aber das wird mir jetzt wohl keiner mehr ansehen. Ich war im Begriff eine Elster zu heiraten. Allein, die Nächte haben mir zu schaffen gemacht. Ich brannte herab bis nichts mehr von mir übrig blieb als dieser klägliche Stummel, als der ich jetzt im Kübel liege. 

Der Spitzer aber sagte nichts. Vielmehr dachte er an seine Verflossene. Doch je mehr er ihr zuhörte desto klarer wurde ihm, dass sie es war.

Als der Hausherr nun – es war darob schon Nachmittag geworden – sich an seinen Schreibtisch begab, um seine Arbeit zu tun, ging es nicht lange und er hatte einen seiner Stifte anzuspitzen. Und dazu benötigte er den Spitzer – was freilich nicht erwähnt werden muss. Also begann er nach ihm zu suchen, denn er hatte ihm ja eigenhändig zu neuer Pracht verholfen. Er suchte und suchte und „Heisa!“ rief er: „Endlich! Da ist ja mein Prachtstück!“

Er fischte den Spitzer mit zwei Fingern aus dem Kübel und drehte mit Genuss einen stumpfen Stift unter seiner scharfen Klinge hindurch, so dass dieser im Handumdrehen spitz wurde wie ein Haifischzahn. Dann legte er den Bleistiftanspitzer wieder zurück aufs Pult. Nun jedoch platzierte er ihn in bester Lage, was sein Ansehen unter dem Schreibtischvolke noch zusätzlich verbesserte. Von der Kerze jedoch hörte man nichts mehr. Auch der Spitzer sprach kaum mehr von seiner alten Liebe – erkannte er sie doch fast nicht wieder – so übernächtigt und abgebrannt wie sie im Kübel lag. Aber von Zeit zu Zeit erinnerte er sich noch mit einem zarten Gefühl an ihren exotischen Duft und ihre makellose Linie. Sie war fast so schön wie diese goldene Kerze, die ihm doch gerade ein wenig zugelächelt zu haben schien…

Mittwoch, 23. September 2015

Das Date

Ein erstes Treffen, ein nettes Gespräch, man versteht sich. Ja, die Zeit vergeht sogar wie im Flug und für beide scheint es ein kurzweiliger und unterhaltsamer Abend zu sein. Keine peinlichen Momente, zwischendurch fühlt man sich gar sehr verstanden vom Gegenüber. Dennoch hat es bisher nicht richtig gefunkt, ist man noch nicht vertraut. Das erste Beschnuppern jedoch ist sehr angenehm – gerne wieder.

Wir verquatschen uns auch so lange, dass der nette Kellner freundlich nach dem Bezahlen der Rechnung fragt. Es macht sich eine Erleichterung in mir breit, dass die Verabredung kein Reinfall war, ja, dass die Sympathien auf Gegenseitigkeit beruhen.

Draussen aber geschieht etwas, das diese Emotion wie ein Kartenhaus in sich zusammenbrechen lässt:

„Einen letzten Test habe ich noch vergessen.“, schäkert er und zwinkert mir zu.

Sofort werde ich unsicher und sage: „Ja, dann müssen wir uns dann wohl für diese Prüfung ein andermal wiedersehen.“

Inständig bitte ich, dass es nicht auf das hinauslaufen wird, was ich befürchte. Aber das tut es: Er küsst mich, nimmt mich immer mehr in seine Arme und unsere Zungen finden einander.

Ich fühle nichts, ich funktioniere, ich spiele mit, ich bin es ihm doch schuldig, schliesslich hat er mich hier eingeladen, hat mich akzeptiert und es mit mir mehr als 2 Stunden ausgehalten…

Dann ist es endlich vorbei. Er lächelt und sagt: „War ein schöner Abend, danke und komm gut heim.“ Ganz leer erwidere ich: „Ja, danke für die Einladung und vielleicht bis auf ein anderes Mal.“

Ich gehe und Ekel macht sich in mir breit. Ich sage mir: Reiss dich zusammen, das ist normal und sei froh, hat er nicht mehr gefordert. Trotzdem fühlt es sich an, als hätte ich mich prostituiert. Ich spucke aus, möchte den gefühlten Schmutz so loswerden, möchte vergessen, was eben passiert ist. Warum nur macht er das mit mir? Hat er nicht gemerkt, dass ich noch nicht soweit war? Was sollte das, es hat doch für ihn bestimmt auch noch nicht gefunkt? Muss man immer klar sagen, was man will oder eben nicht – soll das ein passendes Gegenüber nicht erspüren können? Es wäre ein so schöner Abend gewesen, ich hätte ihn ja gerne wieder getroffen, geschaut, was sich daraus entwickelt…Aber mit dem Kuss hat er mir klar gezeigt, was seine Absichten sind.

Es läuft doch immer auf dasselbe raus. Ich bin frustriert. Der ganze Abend schien nur ein Vorspiel für ihn gewesen zu sein, ein Mittel zum Zweck. Die Balz. Aber ich war noch nicht paarungsbereit, bei mir geht das nicht so Knall auf Fall. Man mag es prüde nennen, aber ich bin nun mal so. Ich brauche eine Einwärmung, eine Aufwärmung und eine Aufheizung und erst dann kann Mann von mir aus mit dem Balzen anfangen. Aber bisher habe ich die bitteren Erfahrungen machen dürfen, dass ich einfach zu langsam oder verkorkst ticke und mich zu wenig klar ausdrücke für das männliche Geschlecht(-steil). Sei es wie es sei, einmal mehr habe ich erkannt, dass ich wohl nicht geschaffen bin für Spiele solcher Art.

Dienstag, 15. September 2015

An H.

Das Leben ist nichts Wert, wenn man niemals versucht, nach der Sonne zu greifen. Den Körper angespannt, das Herz rasend, der Geist blank, die Augen starr hochzuspringen, von den Fingerspitzen bis zu den Zehen gestreckt auf das Licht zu. Das sind die Momente, die schönen Atemzüge, um die herum sich die restliche Lebenszeit sammelt. Wenn dann, für eine unfassbar lange Zeit, für einen Augenblick, das goldene Licht durch die Finger glitzert, wer ist denn dann tot genug, nicht zu glauben? Wer sagt, es sei nicht möglich, wer sagt nicht "vielleicht"? Für einen Augenblick gehört mir die Möglichkeit, wenn ich nur nicht den Blick abwende, wenn ich nur stark genug bin, fest genug springe, den Boden vergesse. Solange ich schwebe, so lange lebe ich. Gut weiss ich, dass es nicht einfach ist, die Sonne in den Händen zu halten. Aber ich weiss, eines Tages, wenn ich hoch genug springe, wenn ich all meine Kraft nehme, wenn ich stark genug bin. Bis dahin habe ich die Ewigkeiten des Schwebens, der Rest rauscht in einem Zug vorbei. Ein Kindertraum.

Kind bin ich nicht mehr, seit langem. Ich sah, wie Blumen welken, Jahr für Jahr, und irgendwann verstand ich; es passiert immer wieder, es welkt und es blüht. Ich sah, wie die Schwalben gingen, wie sie immer wiederkamen, wieder mit den Blumen, doch es kamen nicht immer alle. Auch das verstand ich dann, dass nicht alles immer wieder kommt. Kinderträume.

Ich lebte, und ich sah, sah immer neu, bis man mich fragte: "weisst du noch?" "weisst du noch,was einmal war?" So lernte ich, dass alles älter wird, dass wir den Unterschied zu gestern Zeit nennen. Wusstest du, dass die Zeit Fussspuren hinterlässt? Auf den Blumen, um die Schwalbennester herum, und auf mir. Auch auf mir, ohne dass ich weiss, wer oder was sie ist. Ohne die kleinste Erklärung für mich, sie zu begreifen. Ich habe die Zeit noch nie gesehen, man sagte mir nur, sie sei da, und ich sehe ihre Fussspuren. Sie kommen und gehen mit dem Blühen, mit dem Welken, und man fragt mich, "weisst du noch?" und manchmal weiss ich nicht mehr, oder sehe zu viel, um es noch zu wissen. Und wenn ich nicht mehr weiss, dann ist das vergessen. Es gibt Dinge, die ich sehe, aber nicht wissen kann, und auch Dinge, die ich nicht sehe, aber wissen muss. Manches davon ist wahr, manches echt und manches falsch. "Was ist wahr?" ist aber immer die falsche Frage. Ich weiss nur, was echt ist. Die Blumen, die Schwalben und du, wenn du da bist.

Du siehst, ich bin kein Kind mehr, das alles weiss ich. Ich weiss, dass es weniger Weh tut, wenn man sich auf die Lippen beisst.

Es gibt aber etwas, das habe ich gefunden, einfach so. Es passiert, wenn ich weiss, was wahr ist, es aber nicht glaube. Dann kann es sein, dass die Blumen nicht welken, die Schwalben immer unter dem Dach nisten, die Zeit mit ihren Schritten fortbleibt, dass nach dem Sprung der Boden nicht wiederkommt. Ich glaube, manche nennen das hoffen. Ich mag es nicht benennen. Aber ich weiss, was es ist. Es ist eine Kinderzeichnung, ein Kindertraum. Es ist das Leben, bevor uns die Zeit alt werden lässt, bevor wir müde sind. Der Augenblick, wie er echt ist. Die Blumen blühen, die Schwalben fliegen, die Sonne hell und zum Greifen nah. Deshalb muss ich springen, mich strecken, nach der Sonne greifen. Und wenn, ja wenn ich sie einmal erreiche, dann wird dieser Augenblick bleiben. Immer leuchtend, wie Buntstift auf Papier.

Ich konnte dir nie sagen, dass du die Sonne bist. Ich sah dich und sprang, das Herz rasend, der Geist blank, den Boden vielleicht, vielleicht für immer zu verlassen.

Und nun bläst ein Wind mein Blatt Papier fort, du glitzerst durch meine Finger, der Boden kommt näher.

die Fremde

nicht viel, was wir haben
Momente gespielter Selbstvergessenheit
nicht viel,
Tropfen von dir, die warm meine Lippen benetzen

immer wieder

du kamst, kamst doch den ganzen Weg
wozu jetzt stehen bleiben?
mein Schatz, mein allergrösster Schatz
komm, du bist so schön
du bist so schön, wenn du lügst

sei mein flüchtiger Gast
oder nimm du mich auf, in deinem Luftschloss
lass mich deine Brise atmen
lass mich meinen Sturm toben

du bist so schön 

Freitag, 11. September 2015

Im Lift

Die Assistenzärzte

„Müde?“
„Geht so, wurde gestern einfach wieder spät, hab bis neun gearbeitet und danach noch Fitness.“
„Bis neun ist ja noch human. Wir haben im Moment so viele komplexe Patienten, da bin ich echt froh, wenn ich vor zehn rauskomme.“
„Ja, das kenn ich nur allzu gut. Wobei, alles eine Frage der Planung und Delegation, hihi.“
„Das kannst du laut sagen. Da sehe ich echt andere Assistenten! Letztens habe ich einen Eintrag im Verlauf um 23:50 gelesen und es war nicht der Nachtdienst. Meine Güte, wie bringt man denn das fertig?“
„Was? Ja, das zeugt wirklich nicht grad von grossem Organisationstalent.“
„Nein, aber das sind ja auch nicht die, die lange bleiben.“
„Allerdings. Oh, hab ich dir schon erzählt, dass mich der Oberarzt für eine Vertragsverlängerung vorgeschlagen hat?“
„Nein, gratuliere! Dann bleiben wir zwei ja voraussichtlich noch länger hier, hihi, hab eben erst den neuen Vertrag für ein weiteres Jahr unterschrieben, mit Aussichten auf eine Oberarztstelle.“
„Toll, dann müssen wir echt auch mal in der Freizeit was unternehmen. Ev. mal zusammen ins Fitnesscenter?“
„Ja unbedingt. Nur jetzt gerade ist ungünstig, trainiere grade für einen Marathon. Aber im Winter bin ich dann wieder dabei.“
„Ah, du bist eher der Ausdauer-Typ. Ich gehe lieber auf die Kraftübungen.“
„Die Mischung macht’s aus, mein Lieber.“
„Wie wahr. Aber schnelle Kraft liegt mir halt einfach schon mehr als das stundenlange Dahinjoggen.“

*Dong*

„Na dann, einen schönen Tag noch.“
 
Die Oberärzte

„Und wie läuft’s so?“
„Naja, es geht ganz ordentlich. Viele komplexere Fälle. Die Arbeit würde einem echt erleichtert, wenn man etwas fähigere Assistenten hätte. Sie bemühen sich ja, aber am Ende bleibt alles an mir hängen.“
„Oh ja, auf unserer Station ist’s doch genau das Gleiche. Teilweise verursachen sie mehr Arbeit, als sie einem abnehmen. Ich kann mich gar nicht daran erinnern, dass ich jemals so heillos überfordert war.“
„Allerdings. Naja, solange die Familie da nicht drunter leidet, bin ich zufrieden und momentan kann ich meine Work-Life-Balance noch halten.“
„Oh ja, da hast du vollkommen recht, da acht ich auch besonders drauf. Man lernt halt effizient zu arbeiten, hehe.“
 „Und richtig delegieren.“
„Wobei das bei dem wilden Haufen, den ich unter mir habe gar nicht so einfach ist.“
„Da muss ich dir schwer Recht geben, und dann wird denen noch der Arbeitsvertrag verlängert.“
„Man nimmt einfach, was man kriegt. Ich hab da nur ein Wort dazu: Ärztemangel.“
„Naja, wobei das ja eigentlich eher die tieferen Stufen betrifft…Chefärzte gibt’s ja dann nicht mehr so viele und dafür mehr Anwärter. Da muss man dann schon etwas mehr drauf haben.“
„Ah ja, das bringt mich grad drauf: Ich hatte letztens ein Mitarbeitergespräch mit dem Chef und stell dir vor, er wird mich als Leitender der Abteilung vorschlagen.“
„Gratuliere. Dann bleiben wir wohl noch ein Weilchen Kollegen hier. Ich habe den Vertrag bereits unterschrieben, ab neuem Jahr bin ich Leitender auf der Abteilung.“

*Dong*

„Na dann, gratuliere und wir müssen auch mal privat was miteinander unternehmen!“
„Unbedingt!“

 Die Leitenden

„Ich weiss nicht, ob das was wird, aber ich musste Müller als Leitenden vorschlagen.“
„Geht mir doch gleich mit Meier, der wird ab Januar auch mehr Kompetenzen haben…ich bin davon aber selbst auch noch nicht ganz überzeugt. Aber was will man machen, trotz der Stellenausschreibung keine brauchbaren Bewerbungen, da muss man halt auf das Bekannte zurückgreifen.“
„Da kann ich dir nur beipflichten.“
„Und steht das heute Abend?“
„Klar, acht Uhr mit Frau, ohne Kinder.“

*Dong*

„Genau, bis dann.“
„Bis bald.“