Nach der kleinen
Erfolgsfeier in Rolands Büro, waren alle drei der Meinung, dass vor allem
Roland zuerst wieder nüchtern sein musste, um bei den Gerbers einen klärenden
Besuch abzustatten. So machte sich das Trio erst am nächsten Morgen auf den Weg
zum Haus der Gerbers.
Frau Gerber öffnete
ihnen im Morgenmantel und ihr fiel beinahe die Tasse mit dem brühheissen Kaffee
aus der Hand, als sie den Aufmarsch vor ihrer Tür sah.
„Guten Morgen
miteinander!“, brachte sie erstaunt hervor und dann aufgeregter: „Haben Sie den
Erpresser?“
„Nicht hier draussen.“,
sagte Roland ohne begrüssende Worte.
„Na, dann treten Sie
doch bitte ein.“
Frau Gerber machte
einen Schritt zur Seite und liess einen nach dem andern in ihr Häuschen.
Roland lief wieder
den bekannten Flur entlang. Erst jetzt fielen ihm die Bilder auf, die den Gang
schmückten: Gletscher, Eisberge, Eiskristalle, Eis, Eis, Eis, soweit das Auge
reichte. Dass ihm das nicht früher aufgefallen war!
Dieses Mal war das
Wohnzimmer jedoch leer.
„Kann ich Ihnen
heute etwas anbieten? Vielleicht einen guten Kaffee?“, bot ihnen Frau Gerber
an.
Wieder verneinten
die Kommissare.
„Nehmen Sie bitte
Platz, Frau Gerber.“, riet ihr Stefan weise.
„Spannen Sie mich
nicht so auf die Folter, was ist los?“, fragte Frau Gerber, während sie sich
langsam setzte.
„Nun, uns ist
aufgefallen, dass das Reisebüro mit dem Sie ihre Alaska-Expedition gemacht
haben, dasselbe ist, wie das, bei dem nun Herr Rieder die Australien-Reise oder
–Auswanderung, wer weiss, gebucht hat.“
„Naja, das bot sich
wahrscheinlich an, nach der guten Zusammenarbeit mit Thomas, unserem Freund
beim Reisebüro.“, dachte Frau Gerber laut und schaute von Kriminalpolizist zu
Kriminalpolizist zu Kriminalpolizistin.
Als keiner etwas
sagte, meinte sie enttäuscht: „Ist das alles?“
Dann wurde sie
bleich und hauchte: „Moment mal, wenn Franz tatsächlich bei Thomas die Reise
gebucht hat, dann ist es höchstwahrscheinlich, dass Martin auch davon erfahren
hat. Ach du heilige...“, sie schlug sich die Hand vor den Mund.
„Sie wussten also
doch auch von der Reise?“, stellte Stefan vorwurfsvoll fest.
„Naja, ich wusste
nicht direkt davon, aber Roland hat ständig davon gesprochen, dass er mit mir
abhauen wolle, sobald ein bisschen Geld aus unserer Erpressungsaktion
hervorging.“, gab sie nun zu.
„Frau Gerber,“,
sagte Roland ungeduldig, „es ist nun wirklich allerhöchste Zeit, ganz
auszupacken! Hatten Sie und Herr Rieder eine Liebschaft?“
Frau Gerber senkte
traurig den Kopf und bejahte leise. Stille Tränen kullerten ihr plötzlich über
die Wangen: „Es lief schon eine ganze Weile. Seit der Expedition, um genau zu
sein. Anfangs war es einfach eine Liebschaft, mit der Zeit wurde es mehr. Wir
wollten uns beide von unseren jeweiligen Partnern trennen und wir wollten mit
der Wahrheit herausrücken. Sie können sich gar nicht vorstellen, wie belastend
es für mich war, meiner besten Freundin etwas vorzuspielen. Sie hätte das Recht
darauf gehabt, es zu erfahren. Aber Franz wollte zuerst ein kleines Geldpolster
anschaffen, um sich unsere neue Existenz, die wir uns aufbauen wollten, zu
sichern, bevor er reinen Tisch machen wollte. Ihm fiel es bestimmt genauso
schwer, Martin gegenüber zu lügen. Zwischen ihm und Sabine kriselte es schon
länger, daher belastete es ihn da weniger. Aber ich und Martin hatten bis anhin
eine gute Ehe geführt. Aber erst seit ich Franz näher kennen gelernt hatte,
merkte ich, was mir alles gefehlt hatte.“
Sie brach ab und schnäuzte
sich die Nase.
„Von der Affäre mit
Frau Winkler wussten Sie?“, nutze Stefan die Pause.
„Ja, doch die hatte
er für mich beendet. Bei mir fand er alles, was er brauchte. Und das beruhte
auf Gegenseitigkeit.“, schniefte Frau Gerber.
„Und Sie hatten am
Tatmorgen Geschlechtsverkehr mit Herrn Rieder und waren nicht bloss auf der
Bank?“, forschte Stefan weiter.
Frau Gerbers Wangen
färbten sich rot, als sie nickte.
„Und wusste ihr Mann
von der Affäre? Hat er etwas vermutet?“, fragte Roland skeptisch.
„Bis jetzt dachte
ich, er hätte bestimmt nichts geahnt. Aber wenn Franz tatsächlich bei Thomas
die Reise gebucht hat, dann könnte es wirklich sein, dass er davon erfahren
hatte. Aber nein, er würde doch nicht...nicht seinen besten Freund!“, sie
schüttelte ungläubig und heftig den Kopf.
„Wo ist ihr Mann
jetzt?“, erkundigte sich Roland.
„Er ist heute ganz
früh los und wollte ins Institut.“, antwortete Frau Gerber aufgeregt, „Aber er
kann es doch nicht gewesen sein. Er ist doch auch am Tattag im Institut
gewesen. Ich hab ihn ja selbst am Nachmittag dort angerufen!“
„Naja, wenn man sich
die Distanz vom Studio zum Institut anschaut, dann braucht man mit dem Fahrrad
20 Minuten, mit dem Auto sogar weniger!“, mischte sich Laura ein.
„Ach Gott, nicht
Martin, nicht mein Mann!“, heulte Frau Gerber verzweifelt auf.
„Bevor wir voreilige
Schlüsse ziehen, möchten wir mit Ihrem Mann sprechen.“, besänftigte sie Stefan
und wandte sich zu Roland: „Zum Institut, oder?“
Roland stimmte mit
einem knappen „Ja“ zu und Frau Gerber stand sofort auf: „Ich will mitkommen!“
„Das ist wohl keine
gute Idee.“, wollte sie Roland abweisend, doch ohne Erfolg.
„Ich bin seine
Ehefrau, ich muss das wissen, mein Mann kann kein Mörder sein! Und dann noch
sein bester Freund. Nein, so einer ist er nicht. Das kann ich nicht glauben!“
„Dann begleiten Sie
uns, wenn’s denn sein muss.“, willigte Roland ein, denn er hatte keine Lust auf
lange Diskussionen.
Ein Student öffnete
Ihnen die Tür zu den Laboratorien, er steckte den Kopf hinaus und erkannte Frau
Gerber: „Guten Tag, Frau Gerber! Was machen Sie denn hier? Und wen bringen Sie
hier mit?“
„Moris, wir möchten
alle gerne zu meinem Mann. Die Herren hier und die Frau gehören zur Polizei.“
„Polizei?“ Der als
Moris benannte Student machte grosse Augen, „Geht es um den Mord an Herrn
Rieder? Ich habe davon in der Zeitung gelesen!“
„Genau.“, bestätigte
Roland hinter Frau Gerber, „Wenn Sie uns also zu Herr Gerber führen würden.“
Ganz aufgeregt
zeigte Moris ihnen den Weg zu Herr Gerbers Labor.
Dieser war gerade
unter einer Glasglocke damit beschäftigt, seine gezüchteten Eiskristalle zu
inspizieren.
Erschrocken fiel ihm
ein faustgrosser Eiskristall aus der Hand, als Roland hinter ihn trat und ruhig
sagte: „Herr Gerber, wir würden gerne nochmals mit Ihnen über den Tatmorgen
sprechen.“
Abrupt drehte dieser
sich zu ihnen allen um und schaute verwirrt den Aufmarsch an.
„Hast du Franz
ermordet?“, platzte Frau Gerber heraus.
Herr Gerber stand
auf und lachte gezwungen: „Spinnst du? Ich hab doch ein Alibi! Und warum sollte
ich Franz töten?“
„Naja, das Alibi,
dass Sie hier waren, ist zweifelhaft. Allein die Auszüge der Zeiterfassung
reichen da nicht ganz.“, informierte Roland den nervösen Forscher.
„Ich war hier im
Labor.“, beharrte Herr Gerber.
Hinter ihnen
räusperte sich Moris verschämt und als sich alle Blicke auf ihn richteten,
stieg ihm die Schamesröte ins Gesicht, „Also, nicht dass ich Sie da in was
Blödes reinbringen möchte, Herr Dr. Gerber, aber am Mittag habe ich Sie
gesehen, wie Sie das Institut verlassen haben.“
„Aha!“, triumphierte
Frau Gerber und wandte sich wieder an ihren Mann. Wütend verpasste Sie ihm eine
Ohrfeige: „Das hätte ich nie von dir gedacht, du Monster, du Tier, du...“ Sie
fand keine Worte mehr und begann stattdessen neuerlich zu weinen.
Herr Gerbers Stimme
zitterte vor Wut, doch er schrie nicht: „Du Weibsstück, du bist an allem
Schuld. Du nennst mich Monster? Weißt du, was du mir angetan hast? Abhauen
wolltest du, du hinterhältige Betrügerin! Wie konntet ihr mich so hintergehen?
Was habe ich euch getan?“
„Sie wussten also
von der Affäre und von der Reise?“, schaltete sich Roland ein.
Herr Gerber hatte
sie keines Blickes mehr gewürdigt, erst jetzt schien er sich über die Präsenz
der Polizei bewusst zu werden. Er packte den grossen Eiskristall und warf ihn
den Polizisten entgegen, nahm einen zweiten und warf ihn erneut gegen die
Beamten. Dann versuchte er zu flüchten, indem er einfach auf Laura, die
wesentlich kleiner war als er, zurannte und sie heftig wegstiess. Laura verlor
das Gleichgewicht und fiel.
Da keiner der sonst
Anwesenden mit einer solchen Reaktion gerechnet hatte, war der
Überraschungsmoment auf Herr Gerbers Seite und hätte Moris nicht geistesgegenwärtig
die Schleusen geschlossen, wäre Herr Gerber wohl vorerst auch davongekommen,
doch nun schlug dieser zornig gegen die verschlossenen Türen. Als ihm klar
wurde, dass es keinen Ausweg mehr gab, sackte er zusammen und rutschte den
Toren entlang zu Boden.
Die restliche
Verhaftung gestaltete sich dann als sehr einfach und auch die Fahrt zurück auf
den Posten verlief komplikationslos.
Frau Gerber und
Laura blieben im Institut. Frau Gerber würde von der Polizei in Zivil nach
Hause gebracht werden, während Laura begann, Herr Gerbers Labor zu untersuchen.
Im Vernehmungszimmer
brauchte es ebenfalls wenig Überzeugungskraft, Herr Gerber zum Geständnis zu
bringen. Er schien eingesehen zu haben, dass es sinnlos wäre.
„Ich hatte es
bereits nach der Expedition geahnt. Hanna hatte sich immer mehr von mir
distanziert. So habe ich auf eigene Faust ein bisschen Detektiv gespielt und
bin meiner Frau einen Tag lang unauffällig gefolgt. Und gleich der erste
Treffer. Sie können sich gar nicht vorstellen, wie unglaublich enttäuscht ich
gewesen war, als ich herausfand, dass mein bester Freund, den, den ich mit auf
die Expedition eingeladen habe, den, mit dem ich mich immer wieder zu
Männerabenden traf, den, den ich schon seit Jahrzehnten kenne, mich mit meiner
eigenen Frau betrog! Oh war ich wütend, doch lange wusste ich gar nicht, was
ich machen sollte. Aber dann kam der Hammer! Thomas vom Reisebüro rief mich an
und hatte mich erstaunt gefragt, ob mich mein lieber Freund umgestimmt hätte,
dass nun plötzlich eine Reise nach Australien anstehen sollte. Franz war doch
tatsächlich so blöd, bei unserem Freund zu buchen und hatte ihm gesagt, dass
ich und er zusammen eine erneute Expedition unternähmen. Oh war ich zornig.
Natürlich war mir sofort klar, dass das zweite Ticket nicht für mich gedacht
war. Pah, für wie blöd hielten die mich?“, stiess Herr Geber wütend hervor,
„Ich musste etwas unternehmen!“
„Wie haben Sie Herrn
Gerber umgebracht?“, fragte Stefan, der Rolands These bestätigen lassen wollte.
„Ich habe im
Institut eine wunderbare, eigene, perfekte Tatwaffe hergestellt.“, meinte Herr
Gerber nun mit einem Anflug von Stolz, „Als der herrliche Eiskristall fertiggestellt
war, fuhr ich an jenem Mittag zu Franz
in die Sauna. Ich kannte seinen Tagesablauf in- und auswendig und die Sauna bot
sich doch mehr als an. Damit ich meine Tatwaffe auch dorthin bringen konnte,
verpackte ich das Eis in eine extra neu gekaufte Thermoskanne. Auch dieser
Saunabesuch verlief wie ich es durch meine Beobachtungen bereits kannte: Franz
kreuzte etwas früher auf, plapperte noch belanglos mit Frau Winkler, bevor
diese ihm die Tür aufschloss und ihn in die Sauna liess. Dann brauchte ich nur
zu warten, bis die gute Frau Winkler für ihr leibliches Wohl sorgen musste –
wie jeden Mittag – ich schlich in die Sauna und erklärte Franz, warum ich so
wütend war. Er entschuldigte sich und winselte wie ein Hund.“, Herr Gerber
kicherte irre und wurde wieder ernst, „Aber er konnte es nicht wieder gut
machen. Er sollte genauso leiden, wie ich. Dennoch bin ich ja kein Monster, ich
betäubte ihn mit Äther. Es war ein Leichtes für mich, den in unseren
Laboratorien unauffällig zu besorgen. Erst als mein lieber Freund schon weg
war, hatte ich Zeit, den wunderbaren Eiskristall auszupacken. Damit stach ich
zu. Ich blieb bei Franz, wie man es von einem guten Freund erwartet hätte, bis
er tot war. Danach musste ich nur noch den Moment abwarten, bis Frau Winkler
wie immer die Zähne putzte. Die Thermosflasche liess ich dabei dummerweise in
der Eile liegen, doch ich trug ja Handschuhe. Ansonsten lief alles wie geplant
reibungslos ab.“
„Naja, nicht ganz
reibungslos, Sie sitzen ja nun doch hier.“, erinnerte ihn Stefan.
„Aber geben Sie zu,
die Idee war einmalig!“, beharrte Herr Dr. Gerber.
Keiner der beiden
Beamten war bereit dazu, hierauf ein Lob auszusprechen und Stefan schüttelte
sogar verständnislos den Kopf: „Sie haben jemanden umgebracht!“
Herr Dr. Gerber
zuckte bloss mit den Schultern und meinte eisig: „Und ich bereue es nicht!“