Wenig später sass
Frau Gerber im Vernehmungszimmer und schaute unsicher den beiden Kommissaren
entgegen, die nun eintraten.
„So Frau Gerber,
dann erklären Sie uns doch mal genau, wie ihr Vormittag gestern verlaufen war.
Wir interessieren uns dabei speziell für die Zeit ab elf Uhr.“, fing Roland
ohne Umschweife an.
Frau Gerber seufzte:
„Ich wollte das nicht alles vor meinem Mann erklären, denn ich glaube, Franz
hatte nie mit ihm darüber gesprochen und ich hielt es zu seinem Schutz ebenfalls geheim.“
„Ja dann können sie
jetzt frei von der Seele sprechen.“, scherzte Roland trocken.
„Ich war gestern in
der Bank bei Franz.“ Frau Gerber verstummte.
„Ach, lassen Sie
sich nicht alles aus der Nase ziehen. Erklären Sie uns, was Sie dort gemacht
haben.“, forderte sie Roland ungeduldig auf.
„Nun ja, ich habe
Ihnen ja bereits gesagt, dass sich das Verhältnis zwischen Franz und Herr Bühler
deutlich abgekühlt hatte.“, sie blickte in die Runde und fuhr fort: „Dies lag
daran, dass Franz auf Lohnabrechnungen gestossen war, die den Verdacht
nahelegten, dass Herr Bühler sich immer wieder mal etwas Kundengeld in die
eigene Tasche schaffte. Er hatte noch keine handfesten Beweise, doch genug, um
eine Vertrauensperson beizuziehen. Da ich Ökonomie studiert habe und eine gute
Freundin von Franz war, bot sich natürlich an, mich zu fragen.“, sie lächelte
stolz, doch sie senkte sofort wieder traurig den Blick, „Seit ein paar Wochen
versuchte er mir immer wieder unauffällig Lohnabrechnungen und Kundendaten zu
präsentieren, die belegen sollten, dass Herr Bühler tatsächlich Kundengelder
veruntreute. Wir waren seit einer guten Woche auf einer heissen Spur. Meinen
Sie, dies ist Franz zum Verhängnis geworden?“ Sie schaute unsicher in die
Runde, ihre Augen weiteten sich, als ob sie zu einer neuen Erkenntnis gekommen
wäre: „Meinen Sie, ich befinde mich auch in Gefahr?“
„Um das zu
beantworten, wäre es hilfreich, wenn wir erstens mehr zur heissen Spur erfahren
und zweitens Herrn Bühler dann damit konfrontieren könnten.“, erklärte Stefan
beruhigend.
„Warum haben Sie ihm
eigentlich nicht Ihren Verdacht unterbreitet?“, erkundigte sich Roland.
„Franz ging da
lieber auf Nummer sicher.“, sagte Frau Gerber schlicht.
„Und warum haben Sie
nicht mehr darauf insistiert?“
„Es war Franz’
Angelegenheit und es stand in erster Linie seine Karriere auf dem Spiel. Ich
war ihm nur etwas behilflich, wollte mich aber eigentlich nicht gross
einmischen. Aus solchen Dingen hält man sich besser raus.“
„Warum haben Sie
ihren Mann nicht mit involviert? Er war schliesslich der beste Freund von Herrn
Rieder.“, fragte Stefan berechtigterweise.
„Franz wollte das
Ding alleine durchziehen, er wollte möglichst wenige da mitreinziehen. Er war
so ein ehrenwerter Mann.“, ihr standen die Tränen in den Augen.
„Können Sie uns mehr
Information zu der „heissen Spur“ geben?“
„Ich kann Ihnen
einfach erzählen, was ich weiss. Sämtliche Papiere befinden sich bei Franz auf
der Bank, in einem separaten Schliessfach.“
„Dann bitte,
schildern Sie uns, was Sie wissen.“
Es folgte ein kurzer
Ausflug in die Betriebsökonomie und Frau Gerber schien tatsächlich viel darüber
zu wissen. Sie erklärte plausibel, dass es in den Lohn- und Kontoabrechnungen
sowie im Wertpapierhandel der Bank mit Privatkunden immer wieder zu kleinen
Unstimmigkeiten gekommen sei. Es handelte sich um kleine bis mittlere Beträge,
die den jeweiligen Kunden wahrscheinlich nicht auffielen und wenn doch, wurde
das Geld sofort und grosszügig zurückerstattet und der „Fehler“ entschuldigt.
Als sie mit ihren Ausführungen fast fertig war, sagte Frau Gerber: „Wenn das so
alles stimmt, muss Herr Bühler sich in den letzten fünf bis zehn Jahren ein
echt nettes Vermögen zusammengestohlen haben, ohne dass es jemandem auffiel.
Bis eben auf Franz. Aber wie gesagt, sämtliche Papiere, die dies untermauern
könnten, liegen in einem Privatschliessfach in der Bank.“
„Könnten Sie es
öffnen?“
„Natürlich, Franz
sicherte sich immer doppelt ab und vertraute mir.“, meinte Frau Gerber.
„Dann würden wir Sie
doch sehr darum bitten, dies mit uns zu tun und uns die Papiere für weitere
Abklärungen zu überlassen.“, empfahl ihr Stefan.
Frau Gerber nickte
und blickte zu Roland: „Kann es gefährlich für mich sein?“
Roland zuckte mit
den Schultern: „Wir werden der Spur zügig nachgehen und angemessene
Sicherheitsvorkehrungen für Sie treffen, falls wir der Ansicht sein sollten,
dass es gefährlich für Sie wird.“
Damit gab sich Frau
Gerber nicht zufrieden: „Ich möchte nicht sterben, also strengen Sie sich bitte
an und verhaften Sie Herrn Bühler, wenn es nötig ist!“
„Frau Gerber, wir
kennen diesen Beruf und sind durchaus in der Lage, Gefahrensituationen richtig
zu beurteilen. Vorerst besteht für Sie keinen Grund, sich zu fürchten. Wir
haben noch keine Hinweise darauf, dass Herr Bühler etwas mit dem Mord von Herrn
Rieder zu tun hat. Wir werden jedoch Ihre Hilfe benötigen, das Schliessfach zu
öffnen.“
„Das werde ich tun,
aber nur, wenn Herr Bühler nicht erfährt, dass ich da war!“, forderte Hanna
Gerber.
„Das lässt sich
arrangieren.“, versicherte ihr Stefan.
„Wir werden uns
morgen Vormittag vor der Bank treffen, um das Schliessfach zu öffnen.“,
bestimmte Roland, „Bis dahin sollten Sie weiterhin zu niemandem über diese
Veruntreuungen sprechen.“
„Das hatte ich sowieso
vor.“, bestätigte Frau Gerber.
Roland stand auf,
Stefan tat es ihm gleich so auch Frau
Gerber. Sie streckte Ihnen die Hand entgegen: „Ich hoffe, ich konnte helfen,
den Mord so schnell wie möglich aufzuklären. Franz war so ein toller Mann, das
hat er einfach nicht verdient.“
Mit glasigen Augen
wurde Frau Gerber wieder entlassen.
Auf dem Gang kam ihr
Frau Meili entgegen und schaute sie verwundert an, grüsste sie und kam mit
erhobenem Daumen auf Stefan und Roland zu: „Wow, ihr habt bereits Frau Brun
gefunden?“
„Frau Brun? Das war
Frau Gerber!“, meinte Roland erstaunt über das verfrühte Lob.
„Ich hab mit Frau
Kaufmann gesprochen und sie hatte mir Frau Brun beschrieben. Ich habe mir sie
genauso vorgestellt, wie die Frau, die mir gerade entgegen kam: Braune Locken,
gross, schlank, sportlich, wahrscheinlich um die 30, tadellos angezogen und ein
Muttermal über dem rechten Mundwinkel.“
Stefan und Roland
schauten sich fragend an und wandten sich wieder zu Laura.
Stefan fragte
neugierig: „Hast du noch mehr über sie in Erfahrung bringen können?“
„Aber sicher!“,
grinste Laura siegessicher, „Frau Kaufmann erzählte mir, dass Frau Brun wohl
trotz des Verbots mindestens zwei Mal wöchentlich vorbeikam und für eine gute
Stunde ein „Beratungsgespräch“ mit Herrn Rieder hatte. Herr Rieder habe diese
Termine als „Beratungsgespräch mit Herrn Müller“ in der Agenda getarnt und
dafür gesorgt, dass nur Frau Kaufmann jeweils am Empfang war, welche eben
zugegeben hat, dass für sie dabei ein schöner Zustupf ins eigene Portemonnaie
raussprang. Frau Kaufmann wurde jeweils von Herrn Rieder aufgefordert,
niemandem etwas zu verraten und die beiden während dem Termin keinesfalls zu
stören. Frau Kaufmann habe diese Treffen nicht weiter hinterfragt, doch
auffällig sei gewesen, dass Frau Brun jeweils vor und nach den Gesprächen zu
ihrem Schliessfach geleitet werden wollte, was anscheinend eher ungewöhnlich
für Privatkunden ist.“
„Wann war Frau Brun
gestern da?“, fragte Stefan, der offenbar den gleichen Verdacht hatte wie
Roland.
„Gestern sei Frau
Brun pünktlich um 11.00 Uhr in der Bank eingetroffen.“, beantwortete Laura die
Frage.
„Lotto!“,
rief Stefan erfreut aus.
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