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Zitat des Monats

Wenn der Wind des Wandels weht, bauen die Einen Schutzmauern, die Anderen bauen Windmühlen.

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Liebe Schreibende

In unserer hektischen Welt, dominiert von High-Speed-Rechnern, Zeitmangel, Medien, Facebook und Leistungsdruck, versuchen wir uns hier eine kleine Insel der Besinnung zu erhalten. Sich einmal im Monat in Ruhe niederzusetzen, sich mit einem Thema eingehend zu beschäftigen und dann die passenden Worte zu finden, um seine Gedanken mit anderen zu teilen, erscheint mir dabei ein geeigneter Weg, aus dieser Alltagshektik auszubrechen.

Sollten wir innerhalb eines Jahres genügend Beiträge beisammen haben, werde ich diese zusammentragen und in Buchform drucken lassen. So hat man dann Ende Jahr ein schönes Büchlein zur Hand - zur Erinnerung, oder als Geschenk zu Weihnachten, oder auch, um die Heimbibliothek mit einem eigenen Werk etwas auszubauen.

Dann also viel Spass beim Schreiben!

Eilean

Mittwoch, 10. Dezember 2014

Whisky gut, alles gut! - Törchen 10

Am Nachmittag fuhren die beiden Kriminalbeamten vor die Bank, bei der Herr Rieder gearbeitet hatte, um den von Stefan vereinbarten Termin wahrzunehmen.
Sie traten an den Empfangsschalter, an dem sie von einer jungen blonden Frau in Parfümwolke förmlich begrüsst wurden. Stefan stellte sich für sie beide sofort vor: „Guten Tag. Ich habe heute Morgen telefoniert, wir sind von der Polizei und haben einen Termin bei Herrn Bühler.“
„Genau, Herr Bühler hatte mich informiert und mich angewiesen, Sie ins erste Sitzungszimmer zu geleiten.“
Die Frau stand auf, nahm einen Schlüssel, der auf ihrem Pult lag und kam hinter der Theke hervor: „Wenn Sie mir bitte folgen würden.“
Sie lief den beiden in Highheels und hüftewiegend voraus. An der ersten Tür blieb sie stehen, steckte den Schlüssel ein und öffnete. Sie liess die Herren eintreten und bot ihnen Kaffee, Tee oder Wasser an, was sie dankend ablehnten.
„Ich werde Herrn Bühler informieren, dass Sie da sind. Er wird in Kürze bei Ihnen sein.“
Sie schloss die Tür hinter sich. Nur wenige Minuten später öffnete ein stattlicher Mann mittleren Alters in Nadelstreifenanzug und Krawatte die Tür erneut. Er stellte sich als „Herr Bühler, Veranwortlicher und CEO dieser Filiale“ vor und nahm gegenüber der beiden Polizeibeamten Platz.
„Schön, dass Sie sich Zeit nehmen konnten.“, fing Stefan höflich an.
„Ja, was zugegebenermassen nicht einfach war. Ich konnte jedoch glücklicherweise einen Termin verschieben. Aber Sie werden verstehen müssen, dass ich nicht viel Zeit habe, also versuchen Sie es kurz zu halten.“
„Wir bemühen uns, auch wenn natürlich die Aufklärung eines Gewaltverbrechens oberste Priorität haben muss.“, tadelte Roland den Bankchef, der offensichtlich nur den Boss markieren wollte.
„Also legen Sie los.“, forderte Herr Bühler ihn auf.
„Gerne. Herr Rieder war ihr Angestellter?“
„Richtig, wir hatten ein langjähriges, gutes Arbeitsverhältnis und ich schätzte seine vertrauenswürdige, pflichtbewusste und präzise Arbeitsweise.“
„Wir haben vernommen, dass es in letzter Zeit jedoch zu einigen Unstimmigkeiten zwischen Ihnen und Herrn Rieder gekommen war.“
„Wer behauptet so was?“, fragte Herr Bühler übertrieben brüskiert.
„Das ist unwichtig, Herr Bühler. Wenn Sie also bitte Stellung dazu nehmen würden.“ Auch Roland war durchaus im Stande seine Muskeln spielen zu lassen.
Herr Bühler lächelte unbeeindruckt: „Schon gut, schon gut. Ja, unser Verhältnis hatte sich in letzter Zeit tatsächlich etwas abgekühlt.“
„Woran lag das?“, erkundigte sich Stefan.
„Naja, es beruhte wahrscheinlich auf Gegenseitigkeit. Herr Rieder kritisierte zunehmend meine Führungspolitik. Ich bin jedoch davon überzeugt, dass der Auslöser hierfür war, dass ich ihm jegliche weitere weibliche Privatkundschaft in seinem Büro untersagte.“
„Weitere weibliche Privatkundschaft?“, wiederholte Stefan erstaunt.
„Ja, diese hatte sich in letzter Zeit wirklich massiv gesteigert. Herr Rieder hatte immer schon Termine wahrgenommen, die, naja, eher privater Natur waren denn geschäftlicher, doch solange diese in einem vertretbaren Masse blieben, habe ich es toleriert. Aber seit zwei, drei Monaten erschien es mir zu überborden. Die täglichen Besuche hielten ihn von seiner Arbeit ab und die Arbeitsqualität nahm stark ab. So sah ich mich vor ein paar Wochen leider gezwungen, zu intervenieren.“
„Wie müssen wir uns diese Termine mit den Privatkundinnen denn vorstellen?“, fragte Stefan, obwohl wahrscheinlich beiden Kommissaren klar war, worauf das Ganze herauslief.
„Naja, wie kann ich Ihnen dies sagen...Herr Rieder lebte gerne seine Männlichkeit aus. Und da er verheiratet war, und das noch mit einer Frau, die höchst misstrauisch war, schien ihn dies vor ein Problem zu stellen. Dessen Lösung sah er in der Wahrnehmung von „Beratungsterminen, möchte ungestört bleiben.“. Die Kundschaft, welche dann zu diesen Terminen aufkreuzte, war immer weiblich, bedeutend jünger und meist sehr attraktiv. Wir konnten uns also alle vorstellen, worauf eine Beratung dann schlussendlich hinauslief.“
„Und warum haben Sie dies toleriert?“, wunderte sich Roland.
Herr Bühler zögerte: „Hmm, das frage ich mich im Nachhinein auch, aber ich hatte mich bislang wirklich gut mit Herrn Rieder verstanden. Solange solche Termine keine Auswirkungen auf die Qualität seiner Arbeit hatten, sah ich keinen Grund, einzugreifen.“
„Waren es verschiedene Frauen?“, vernahm Roland den Bankchef weiter.
„Anfangs ja, aber in letzter Zeit kam häufiger eine sehr hübsche Frau mit braunen Locken vorbei. Sie war in der Agenda als „Frau Brun“ eingetragen. Als ich mich persönlich mit ihr unterhalten wollte, lehnte sie dankend ab mit den Worten, sie sei mit Herrn Rieder sehr zufrieden und bleibe gerne seine Stammkundin. Und als ich mich bei Herrn Rieder genauer über sie informieren wollte, blockte auch er ab. Das war, denke ich rückblickend, der Auslöser, warum ich dann schliesslich weitere solche Spezialtermine untersagte, es sei denn, sie würden in meinem Beisein stattfinden.“
„Wie hat Herr Rieder dieses Verbot aufgenommen?“, forschte Stefan weiter.
„Naja, wie gesagt unser Verhältnis hatte sich merklich abgekühlt. Meine Mitarbeiter haben mich informiert, dass er auf der Suche nach einem neuen Job war.“
„Haben Sie ihm dies übel genommen?“, erkundigte sich Roland.
„Natürlich nicht. Ich war eher enttäuscht von ihm. So kannte ich ihn doch pflichtbewusst und ich schätzte seine hohe Arbeitsqualität. Aber diese konnte er in den letzten Monaten einfach nicht mehr leisten, daher kam es mir, ehrlich gesagt, nicht ungelegen, dass auch Herr Rieder sich für eine neue Stelle in einer anderen Filiale interessierte.“
„Gab es sonstige Veränderungen oder könnten Sie sich irgendeinen Grund für einen Mord an Herrn Rieder vorstellen?“
„Bis auf das Erwähnte, nein. Jedoch muss ich Ihnen sagen, dass ich auch schon bei ein paar Abendessen – gutes Arbeitsklima, wenn Sie verstehen – seine Gattin hatte kennen lernen dürfen. Wie gesagt, sie war äusserst misstrauisch und ich schätze sie auch sehr eifersüchtig ein. Ich kann Ihnen also nicht sagen, wozu sie in der Lage wäre, falls sie hinter diese Beratungstermine gekommen sein sollte.“
„Wo waren Sie gestern?“, schloss Roland schliesslich die Vernehmung ab.
„Natürlich hier, ich war wie immer höchst beschäftigt. Gerne können Sie am Empfang meinen Terminkalender inspizieren und Frau Kaufmann wird Ihnen gerne bestätigen, dass sämtliche Verabredungen ein- und abgehalten wurden.“
„Sehr freundlich.“, zwang sich Roland zu einem Dank und stand auf und übergab Herr Bühler wie immer die Visitenkarte, mit den orientierenden Worten: „Falls Ihnen noch was Wichtiges einfallen sollte.“
Stefan folgte ihm zur Tür und drehte sich nochmals um: „Ah ja, wissen Sie etwas von einer blauen Thermosflasche?“
Herr Bühler grinste: „Thermosflasche? Wie kommen Sie denn darauf?“
„Also nicht?“
„Nein.“
Sie liessen den irritierten Herr Bühler im Sitzungszimmer allen. Am Empfang konnte Ihnen Frau Kaufmann sämtliche Termine Bühlers bestätigen und machte ihnen sogar eine Kopie der gestrigen Agenda.


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