Am Nachmittag fuhren
die beiden Kriminalbeamten vor die Bank, bei der Herr Rieder gearbeitet hatte,
um den von Stefan vereinbarten Termin wahrzunehmen.
Sie traten an den
Empfangsschalter, an dem sie von einer jungen blonden Frau in Parfümwolke
förmlich begrüsst wurden. Stefan stellte sich für sie beide sofort vor: „Guten
Tag. Ich habe heute Morgen telefoniert, wir sind von der Polizei und haben
einen Termin bei Herrn Bühler.“
„Genau, Herr Bühler
hatte mich informiert und mich angewiesen, Sie ins erste Sitzungszimmer zu
geleiten.“
Die Frau stand auf,
nahm einen Schlüssel, der auf ihrem Pult lag und kam hinter der Theke hervor:
„Wenn Sie mir bitte folgen würden.“
Sie lief den beiden
in Highheels und hüftewiegend voraus. An der ersten Tür blieb sie stehen,
steckte den Schlüssel ein und öffnete. Sie liess die Herren eintreten und bot
ihnen Kaffee, Tee oder Wasser an, was sie dankend ablehnten.
„Ich werde Herrn
Bühler informieren, dass Sie da sind. Er wird in Kürze bei Ihnen sein.“
Sie schloss die Tür
hinter sich. Nur wenige Minuten später öffnete ein stattlicher Mann mittleren
Alters in Nadelstreifenanzug und Krawatte die Tür erneut. Er stellte sich als
„Herr Bühler, Veranwortlicher und CEO dieser Filiale“ vor und nahm gegenüber
der beiden Polizeibeamten Platz.
„Schön, dass Sie
sich Zeit nehmen konnten.“, fing Stefan höflich an.
„Ja, was
zugegebenermassen nicht einfach war. Ich konnte jedoch glücklicherweise einen
Termin verschieben. Aber Sie werden verstehen müssen, dass ich nicht viel Zeit
habe, also versuchen Sie es kurz zu halten.“
„Wir bemühen uns,
auch wenn natürlich die Aufklärung eines Gewaltverbrechens oberste Priorität
haben muss.“, tadelte Roland den Bankchef, der offensichtlich nur den Boss
markieren wollte.
„Also legen Sie
los.“, forderte Herr Bühler ihn auf.
„Gerne. Herr Rieder
war ihr Angestellter?“
„Richtig, wir hatten
ein langjähriges, gutes Arbeitsverhältnis und ich schätzte seine
vertrauenswürdige, pflichtbewusste und präzise Arbeitsweise.“
„Wir haben
vernommen, dass es in letzter Zeit jedoch zu einigen Unstimmigkeiten zwischen
Ihnen und Herrn Rieder gekommen war.“
„Wer behauptet so
was?“, fragte Herr Bühler übertrieben brüskiert.
„Das ist unwichtig,
Herr Bühler. Wenn Sie also bitte Stellung dazu nehmen würden.“ Auch Roland war
durchaus im Stande seine Muskeln spielen zu lassen.
Herr Bühler lächelte
unbeeindruckt: „Schon gut, schon gut. Ja, unser Verhältnis hatte sich in
letzter Zeit tatsächlich etwas abgekühlt.“
„Woran lag das?“,
erkundigte sich Stefan.
„Naja, es beruhte
wahrscheinlich auf Gegenseitigkeit. Herr Rieder kritisierte zunehmend meine
Führungspolitik. Ich bin jedoch davon überzeugt, dass der Auslöser hierfür war,
dass ich ihm jegliche weitere weibliche Privatkundschaft in seinem Büro
untersagte.“
„Weitere weibliche
Privatkundschaft?“, wiederholte Stefan erstaunt.
„Ja, diese hatte
sich in letzter Zeit wirklich massiv gesteigert. Herr Rieder hatte immer schon
Termine wahrgenommen, die, naja, eher privater Natur waren denn geschäftlicher,
doch solange diese in einem vertretbaren Masse blieben, habe ich es toleriert.
Aber seit zwei, drei Monaten erschien es mir zu überborden. Die täglichen
Besuche hielten ihn von seiner Arbeit ab und die Arbeitsqualität nahm stark ab.
So sah ich mich vor ein paar Wochen leider gezwungen, zu intervenieren.“
„Wie müssen wir uns
diese Termine mit den Privatkundinnen denn vorstellen?“, fragte Stefan, obwohl
wahrscheinlich beiden Kommissaren klar war, worauf das Ganze herauslief.
„Naja, wie kann ich
Ihnen dies sagen...Herr Rieder lebte gerne seine Männlichkeit aus. Und da er
verheiratet war, und das noch mit einer Frau, die höchst misstrauisch war,
schien ihn dies vor ein Problem zu stellen. Dessen Lösung sah er in der
Wahrnehmung von „Beratungsterminen, möchte ungestört bleiben.“. Die Kundschaft,
welche dann zu diesen Terminen aufkreuzte, war immer weiblich, bedeutend jünger
und meist sehr attraktiv. Wir konnten uns also alle vorstellen, worauf eine
Beratung dann schlussendlich hinauslief.“
„Und warum haben Sie
dies toleriert?“, wunderte sich Roland.
Herr Bühler zögerte:
„Hmm, das frage ich mich im Nachhinein auch, aber ich hatte mich bislang
wirklich gut mit Herrn Rieder verstanden. Solange solche Termine keine
Auswirkungen auf die Qualität seiner Arbeit hatten, sah ich keinen Grund,
einzugreifen.“
„Waren es
verschiedene Frauen?“, vernahm Roland den Bankchef weiter.
„Anfangs ja, aber in
letzter Zeit kam häufiger eine sehr hübsche Frau mit braunen Locken vorbei. Sie
war in der Agenda als „Frau Brun“ eingetragen. Als ich mich persönlich mit ihr
unterhalten wollte, lehnte sie dankend ab mit den Worten, sie sei mit Herrn
Rieder sehr zufrieden und bleibe gerne seine Stammkundin. Und als ich mich bei
Herrn Rieder genauer über sie informieren wollte, blockte auch er ab. Das war,
denke ich rückblickend, der Auslöser, warum ich dann schliesslich weitere
solche Spezialtermine untersagte, es sei denn, sie würden in meinem Beisein
stattfinden.“
„Wie hat Herr Rieder
dieses Verbot aufgenommen?“, forschte Stefan weiter.
„Naja, wie gesagt
unser Verhältnis hatte sich merklich abgekühlt. Meine Mitarbeiter haben mich
informiert, dass er auf der Suche nach einem neuen Job war.“
„Haben Sie ihm dies
übel genommen?“, erkundigte sich Roland.
„Natürlich nicht.
Ich war eher enttäuscht von ihm. So kannte ich ihn doch pflichtbewusst und ich
schätzte seine hohe Arbeitsqualität. Aber diese konnte er in den letzten
Monaten einfach nicht mehr leisten, daher kam es mir, ehrlich gesagt, nicht
ungelegen, dass auch Herr Rieder sich für eine neue Stelle in einer anderen
Filiale interessierte.“
„Gab es sonstige
Veränderungen oder könnten Sie sich irgendeinen Grund für einen Mord an Herrn
Rieder vorstellen?“
„Bis auf das
Erwähnte, nein. Jedoch muss ich Ihnen sagen, dass ich auch schon bei ein paar
Abendessen – gutes Arbeitsklima, wenn Sie verstehen – seine Gattin hatte kennen
lernen dürfen. Wie gesagt, sie war äusserst misstrauisch und ich schätze sie
auch sehr eifersüchtig ein. Ich kann Ihnen also nicht sagen, wozu sie in der
Lage wäre, falls sie hinter diese Beratungstermine gekommen sein sollte.“
„Wo waren Sie
gestern?“, schloss Roland schliesslich die Vernehmung ab.
„Natürlich hier, ich
war wie immer höchst beschäftigt. Gerne können Sie am Empfang meinen Terminkalender
inspizieren und Frau Kaufmann wird Ihnen gerne bestätigen, dass sämtliche
Verabredungen ein- und abgehalten wurden.“
„Sehr freundlich.“,
zwang sich Roland zu einem Dank und stand auf und übergab Herr Bühler wie immer
die Visitenkarte, mit den orientierenden Worten: „Falls Ihnen noch was
Wichtiges einfallen sollte.“
Stefan folgte ihm
zur Tür und drehte sich nochmals um: „Ah ja, wissen Sie etwas von einer blauen
Thermosflasche?“
Herr Bühler grinste:
„Thermosflasche? Wie kommen Sie denn darauf?“
„Also nicht?“
„Nein.“
Sie liessen den
irritierten Herr Bühler im Sitzungszimmer allen. Am Empfang konnte Ihnen Frau
Kaufmann sämtliche Termine Bühlers bestätigen und machte ihnen sogar eine Kopie
der gestrigen Agenda.
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