Stefan war bereits
da, als Roland am nächsten Morgen auf den Posten kam. Er stand lässig an
Rolands Schreibtisch gelehnt und schien auf dessen Aufkreuzen zu warten.
„Guten Morgen!“,
begrüsste Stefan Roland munter.
Bereits diese
Fröhlichkeit voller Tatendrang am frühen Morgen war ein gefühlter Schlag in
Rolands Magengrube und löste bei ihm Übelkeit aus. Ach, wie hatte er die Zeit
vor Stefan genossen, als er morgens noch der Erste auf dem Posten und in seinem
Büro war, in Ruhe seinen Kaffee trinken und dabei planen konnte, wie er weiter
vorgehen würde. Das war nun zu Ende. Stefan war stets streberhaft vor ihm da
und überfiel Roland mit seiner guten Laune und den ersten unternommenen
Schritten für eine erfolgreiche Weiterarbeit.
So auch heute.
Stefan streckte Roland einen Kaffee hin und meinte: „Ich habe uns bereits bei
den Gerbers für heute Vormittag verabredet und am Nachmittag nimmt sich Paul
Bühler, Chef der Bank, bei der Herr Rieder gearbeitet hatte, Zeit für ein
kurzes Gespräch. Ich hoffe das passt dir.“
„Muss ja.“,
schmollte Roland.
Dies nahm Stefan
kurzerhand den Wind aus den Segeln und er schwieg. Als Roland jedoch nichts zur
Wiedergutmachung sagte, zuckte er mit den Schultern: „Entschuldigung, ich
dachte, es wäre hilfreich, wenn ich schon mal loslege. Aber in Zukunft werd’
ich’s vorher mit dir absprechen, versprochen! Jedenfalls müssen wir in zwei
Stunden los zu den Gerbers. Bis dahin bin ich in meinem Büro, falls du mich
suchst. Wir sehen uns später.“
Als Roland seine
Ruhe hatte, setzte er sich an seinen Schreibtisch, rieb sich die Augen und
seufzte. Er nahm seinen Notizblock aus der Tasche und fasste nochmals die
wichtigsten Erkenntnisse von den gestrigen Vernehmungen zusammen. Danach griff
er zum Telefonhörer, rief in die Rechtsmedizin an und liess sich zu Dr. Stäger
durchstellen.
„Dr. Stäger.“, meldete
sich dieser prompt.
„Kunz hier, guten
Morgen Dr. Stäger. Ich wollte mich erkundigen, wie weit Sie mit der Obduktion
von Herrn Rieder sind?“
„Ah, guten Tag Herr
Kunz. Gut, rufen Sie an. Die Obduktion ist abgeschlossen. Wie vermutet war die
Todesursache der massive Blutverlust durch die Wunde an der linken
Halsschlagader. Die Luftröhre wurde nur leicht verletzt, doch nicht genügend,
um mit todesursächlich zu sein.“
„Konnten Sie zum Tatzeitpunkt
und den Tatvorgang Genaueres herausfinden?“
„Allerdings. Der
Tatzeitpunkt muss zwischen 13.00 und 13.30 Uhr gewesen sein. Zum Tatvorgang ist
Folgendes zu sagen: Wir konnten im Urin Äther nachweisen, ein uraltes
Betäubungsmittel, das sich für eine kurze Narkose anbietet, da es sehr schnell
wirkt und bei Raumtemperatur sofort gasförmig wird. Bei höherer Temperatur, wie
das in der Sauna der Fall gewesen sein muss, geht das Ganze noch schneller
vonstatten. Der Täter scheint das Opfer also zuerst betäubt zu haben. Danach hat
er wahrscheinlich von vorne direkt in die linke Halsschlagader gestochen und
brachial die unscharfe Tatwaffe in Richtung Drosselgrube gezogen. Die Tatwaffe
scheint spitz, aber nicht allzu scharf zu sein. Der Schnitt gleicht eher einer
Reisswunde, daher denke ich bei der Tatwaffe, so komisch es klingen mag, eher
an einen Reisszahn denn an ein Messer. Ich habe eine solche Verletzung noch nie
gesehen und die Ergebnisse der Analyse der Schnittränder stehen noch aus.
Jedoch haben wir weder Holz noch Metall in der Wunde gefunden. Ansonsten kann
ich Ihnen momentan keine weiteren Informationen zur Tatwaffe geben. Zum Opfer
ist zu sagen, dass er kurz vor seinem Tod, also im Verlauf des Vormittags noch
ein Medikament eingenommen hatte.“
„Da ist er bestimmt
keine Ausnahme.“, fiel Roland Dr. Stäger ins Wort.
„Naja, es war
Viagra.“
Roland wiederholt
verwundert: „Viagra? Hatte er noch Sex vor seinem Tod?“
„Es sind keine
Spuren an seinem Körper, die vermuten liessen, dass er noch in der Sauna
Geschlechtsverkehr gehabt haben könnte. Dass er jedoch am Vormittag noch ins
Vergnügen kam, kann ich nicht ausschliessen.“
„Und wozu könnte er
denn sonst noch Viagra genommen haben?“, fragte Roland fast schon rhetorisch.
„Naja, da gibt es
schon den einen oder anderen weiteren Anwendungsbereich in der Medizin, doch fand
ich bei der Obduktion keinerlei Hinweise für eine Krankheit, die das Medikament
sonst hätte begründen können. Man scheint davon ausgehen zu können, dass das
Opfer das Viagra zu den sonst handelsüblichen Zwecken gebraucht hatte.“
„Haben Sie sonst
noch weitere Hinweise oder Ungereimtheiten?“
„Einige
Laboranalysen stehen noch aus, doch grob kann ich sagen, dass das Opfer
ansonsten sauber war. Ich werde Ihnen so schnell wie möglich meinen
abschliessenden Bericht zukommen lassen.“
„Vielen Dank.“
Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen