Roland hatte sich in
sein Büro zurückgezogen, als sie von Bühlers Vernehmung wieder auf dem Posten
waren. Er hatte die Einkaufszettel von Frau Gerber in der Hand vor Stefans Nase
herumgefuchtelt mit den Worten: „Ich überprüf’ die Mal, kümmer’ du dich um
ihren Mann und Bühler überlassen wir Laura.“ Er hatte sich umgedreht, um Stefan
keine Gelegenheit zu geben, etwas zu erwidern. So war die Zusammenarbeit für
Roland am erträglichsten: Möglichst kurze zwischenmenschliche Interaktionen mit
Stefan und klare Arbeitsaufteilung, über die er, Roland, bestimmen konnte. Es
war ihm zwar bewusst, dass Fairness anders ging, aber Stefan war neu und hatte
sich seiner Meinung nach ihm anzupassen.
Roland sass nun also
eine gute Stunde in seinem Büro, genoss die Ruhe und hatte produktiv arbeiten
können: Er hatte die Kassenbelege nach Zeiten geordnet und war nun froh, dass
er sich so beharrlich da durch gekämpft hatte, denn seine Arbeit wurde belohnt.
Er griff zum Telefonhörer und rief umgehend bei den Gerbers an.
„Gerber.“, meldete
sich die bereits bekannte Stimme Hannas.
„Kunz hier, von der
Polizei. Ich habe mir ihre Einkaufsbelege durchgeschaut und dabei eine Lücke
entdeckt, die ich mir gerne von Ihnen erklären lassen würde.“
„Hmm. Kann das nicht
Zufall sein?“, die Stimme von Frau Gerber klang unsicher.
Roland hatte genug
Erfahrung in seinem Beruf und ein gutes Gespür dafür entwickelt, wann jemand
eine Ausrede erfindet und wann jemand die Wahrheit sprach. Also wechselte er
die Strategie: „Sind Sie sich da sicher? Ich könnte mir auch vorstellen, dass
die Kassenbons gar nicht von Ihnen persönlich entgegengenommen worden sind.
Doch wenn ich Ihnen glauben soll, dass Sie tatsächlich in jenen Geschäften
gewesen sind und eingekaft haben, dann gibt es eine einstündige Lücke ab ca. 11
Uhr. Also entweder Sie erklären mir die Lücke, oder ich werte Ihre Verkaufsbelege
als nichtig und hoffe für Sie, dass Sie andere Beweise vorbringen können, dass
Sie gestern in der Stadt waren.“
Natürlich war Roland
klar, dass er sich mit solchen Äusserungen in einer rechtlichen Grauzone
befand, doch die meisten der Befragten nahmen die unterschwellige Drohung
ernst.
So knickte auch Frau
Gerber ein: „Ich möchte es Ihnen nicht am Telefon erklären.“, flüsterte sie in
den Hörer und lauter schlussfolgerte sie: „Ich muss also zu Ihnen auf den
Posten kommen?“
„Das wäre mir recht.
Haben Sie heute noch Zeit?“
„Ich werd’s mir
einrichten müssen.“
Noch beflügelt vom
Gefühl , die erste Spur gefunden zu haben, machte sich Roland auf zu Stefans
Büro. Er klopfte an und steckte den Kopf in die halboffene Tür: „Ich hab’ da
was. Frau Gerber kommt jetzt gleich vorbei und wird uns eine Zeitlücke
erklären, die ich am Tatmorgen in ihren Kassenbelegen gefunden habe.“
„Spannend.“,
kommentierte Stefan, „Ich hatte da leider weniger Erfolg. Herr Gerber scheint
tatsächlich um 7.30 Uhr am Institut ein- und kurz vor vier nachmittags
ausgestempelt zu haben. Ich geh’ jetzt noch kurz zu Laura rüber und checke, ob
sie was bei Bühler hat.“
„Ich komm’ mit.“
„Seine Agenda
scheint sauber. Ich habe bei den meisten Kunden sogar ausfindig machen können,
dass sie bei der Bank tatsächlich mit Herrn Bühler persönlich reden konnten. Er
scheint also wirklich den ganzen Morgen in der Bank gewesen zu sein. Ich hatte
allerdings auch noch mit Frau Kaufmann vom Empfang gesprochen, welche zudem
erwähnte, dass Herr Rieder gestern noch am Morgen wider des Verbots erneut Frau
Brun empfangen hatte, während Herr Bühler im Beratungsgespräch war.“
„Sehr gut, tolle
Arbeit, Laura!“, lobte Stefan sie herzlich. Laura lächelte ihn strahlend an. Zu
Roland gewandt meinte Stefan: „Wir müssen uns wohl um diese Frau Brun kümmern,
vielleicht ist sie ja der Grund für das Viagra!“
„Ich kann mich gerne
genauer über sie informieren bei Frau Kaufmann.“, bot Laura engagiert an.
„Das wär toll! Du
bist spitze!“, schmeichelte Stefan.
Allmählich gingen
Roland diese Nettigkeiten, welche Stefan und Laura untereinander austauschten
auf die Nerven. Dieser Stefan schien alle auf dem Posten um den Finger zu
wickeln und je mehr sie ihn hier mochten, umso geringer Rolands Chancen, ihn
bald wieder los zu werden.
Nun grimmiger sagte
er zu Stefan: „Apropos Viagra, wir müssen uns da auch nochmals mit Frau Rieder
unterhalten. Am besten konfrontieren wir sie hier damit.“
„Ja, stimmt, ich
rufe sie gleich an.“, ereiferte sich Stefan.
Roland nickte nur,
aber Laura setzte dem ganzen Schauspiel hier die Krone auf, indem sie
jubilierte: „Na, das nenn’ ich Teamarbeit! So macht’s echt Spass, Geld zu
verdienen!“
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