Es klopfte an die
Tür und unaufgefordert trat Stefan ein.
„Mann, das war
vielleicht anstrengend!“, beklagte dieser sich bei Roland, der an seinem
Schreibtisch sass und über seinen Notizen brütete.
Als Roland keine
Anstalten machte, Mitgefühl zu zeigen oder genauer nachzufragen, fuhr Stefan
fort: „Das könnte man echt schon fast Hysterie nennen! Die Frau fürchtet um
Leib und Leben, als ob die ganze Welt hinter ihr her wäre und redet von
Zeugenschutzprogrammen. Völlig realitätsfern, sage ich dir!“
‚Wenn der wüsste,
was meine Nerven den ganzen Tag durchmachen müssen, seit er hier ist...’,
dachte Roland und fragte laut, ohne Mitgefühl für die Strapazen, die Stefan
wohl in der letzten Stunde ausgestanden hatte: „Ist was Interessantes
rausgekommen?“
„Naja, allzu viel
war da nicht zu holen. Aber immerhin hat sie mir gegenüber auch bestätigt, dass
sie sich als ‚Frau Brun’ in der Bank ausgegeben hatte, damit niemand ihre
Tätigkeit in der Bank mit ihr privat in Verbindung bringen könnte. Ausserdem
hätte sie ihren Mann schützen wollen.“
„Hat sie einen
Verdacht, wer sie bedroht haben könnte?“
„Natürlich. Für sie
kann es nur von Bühler ausgehen. Er wäre der Einzige, der Interesse daran
hätte, sie zu bedrohen. Und die Bedrohung hätte ja gelautet, sie solle sich aus
den Angelegenheiten anderer halten oder sie müsse mit dem gleichen Schicksal
wie Rieder rechnen. Sie selbst hat das sofort auf ihre Recherchen in der Bank
bezogen, da sie ansonsten nichts mache, was nicht ganz dem Gesetz entsprechen
oder einer Drittperson schaden könnte, behauptet sie jedenfalls.“
„Klingt auch am
naheliegensten für mich!“, gab Roland ihr Recht.
„Ja, das ist wahr.“,
musste Stefan eingestehen.
„Und was hat sie
bezüglich des Reisetickets gesagt?“, Roland deutete auf die Mappe.
Stefan schaute
darauf: „Hmm, das Zeichen kommt mir bekannt vor...“, er schüttelte den Kopf, „Egal,
Frau Gerber sagte mir, sie wisse nichts von einer Reise. Die letzte und einzige
Reise mit Rieder sei diese Expedition gewesen, welche allerdings ihr Mann bei
einem guten Freund gebucht habe. Rieder wäre sonst nicht so der Reisetyp, aber
sie könne sich durchaus vorstellen, dass ihn seit der Expedition die Reiselust
gepackt hätte, es sei so eine wunderbare Reise gewesen. Du kannst dir
vorstellen, was daraufhin folgte – heul, heul, heul!“, Stefan verdrehte die Augen,
„Meine Güte, ich hab da echt mehr den Seelenklempner gespielt, als den
Kommissaren!“
‚Wer weiss, vielleicht
spielst du den ja besser!’, lachte Roland in sich hinein.
„Auf jeden Fall sei
bei ihr keine weitere Reise geplant, schon gar nicht Australien. Wenn, dann
gehe es wieder in eisige Gefilde, denn ihr Mann interessiere sich – leider –
nur für kalte Gebiete dieser Weltkugel mit viel Schnee, Gletscher und Eis. Aber
sie meinte – neidisch -, dass sie sich vorstellen könne, dass Herr Rieder
seiner Frau eine Freude machen und sie überraschen wollte. Wahrscheinlich habe
er daher das Schliessfach genutzt.“
„Hmm.“, raunte
Roland.
„Mehr war aus der
aufgelösten Person nicht rauszukriegen. Ich habe ihr nun gesagt, sie solle
vorerst zuhause bleiben und niemanden informieren. Ich habe ihr versprochen,
wir würden schnellstmöglich der Spur Bühler nachgehen und sie auf dem Laufenden
halten. Ausserdem würde ich noch mit dir“, Stefan wies auf Roland, „besprechen,
ob es weitere Massnahmen zu ihrem Schutz brauche.“
„Naja, meiner
Meinung nach haben wir keinen Anhalt für eine ernsthafte Bedrohung. Aber wir
müssen uns natürlich als allererstes nun um Bühler kümmern.“
„Dieser Meinung bin
ich auch. Ich habe ihr auch empfohlen die Tür nicht zu öffnen, solange sie
alleine ist. Und natürlich meldet sie sich bei uns, falls erneute Drohanrufe
folgen sollten. Ich denke, dann könnten wir durchaus über einen zivilen
Polizeischutz nachdenken.“
„Ja. Ich habe
übrigens die Kontoauszüge Laura gegeben, vielleicht hat sie schon was und falls
nicht, gehen wir trotzdem zu Bühler und konfrontieren ihn mit dem Verdacht.“
Roland erhob sich
und ging auf Stefan zu, an ihm vorbei und zu Lauras Schreibtisch.
„Hey Laura!“, rief
ihr Stefan hinter Roland zu.
Roland zog die
Augenbrauen hoch und sah sich auch zu einem „Hey!“, gezwungen, bevor er mit der
ihm auf der Lippe brennenden Frage losschoss: „Hast du schon was?“
Laura zeigte mit
beiden Daumen hoch und grinste: „Ja, hätt’s selbst nicht gedacht, dass ich so
schnell auf Gold stosse!“
„Du bist halt eine
Maschine!“, lobte Stefan, der sich nun neben Roland aufbaute.
‚Schon wieder dieses
Geschleime’, Roland knirrschte mit den Zähnen und versuchte so seinen Ärger
hinunterzuschlucken.
„Was hast du uns
denn für Leckerbissen?“, Stefan machte dazu ein lächerliches Schmatzgeräusch,
doch leider schien es Laura zu amüsieren, sie lachte, wurde jedoch bald wieder
ernst: „Also, Frau Gerber und Herr Rieder haben echt tolle Vorarbeit geleistet.
Da hat wirklich jemand immer wieder von dem einen oder andern Konto mal etwas mehr,
mal etwas weniger auf ein Konto verschoben. Es ist erstaunlicherweise immer das
gleiche Konto. Und jetzt die Überraschung: Das Konto geht auf den Namen
‚Rohner’.“
Enttäuscht meinte
Stefan: „Nicht ‚Bühler’?“
Laura grinste
wohlwollend: „Nein, so blöd waren sie dann doch nicht. Aber beinahe. Rohner ist
der Mädchenname von Frau Bühler und ich würde mich ja in den eigenen Hintern
beissen, wenn hinter den ganzen Betrügereien nicht wirklich das Ehepaar Bühler
steckt.“
„Hohoho!“, machte
Stefan, „Das würde ich ja gerne sehen!“
„Meine Güte,
Stefan.“, entfuhr es Roland, er fasste sich jedoch schnell wieder, „Also haben
wir nun wohl ein Treffen mit Herr und
Frau Bühler!“
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