Das Haus war hübsch,
sauber und gemütlich. Frau Rieder führte sie in ein kleines, aber gemütlich
eingerichtetes Wohnzimmer. „Darf ich Ihnen etwas anbieten?“
Beide verneinten
dankend. Frau Rieder drehte sich zur Minibar, auf der eine Flasche Cognac und
ein bereits benutztes Glas befand, das sie sich selbst nun – wahrscheinlich
erneut – auffüllte. Sie nahm einen grosszügigen Schluck und zeigte höflich zum
Ledersofa: „Bitte, nehmen Sie doch Platz.“
Sie selbst setzte sich
in den gegenüberliegenden, einladenden Sessel.
„Sie haben also
bereits erfahren, was passiert ist.“, Roland hielt inne und betrachtete die
Reaktion Frau Rieders. Als diese den Blick senkte, fügte Roland hinzu: „Mein
herzliches Beileid.“
Tränen kullerten
über die Wange der Frau, welche Roland mindestens 10 Jahre jünger schätzte, als
ihren eben verstorbenen Mann.
„Können Sie uns
dennoch ein paar Fragen beantworten?“, fragte Stefan vorsichtig.
Frau Rieder willigte
still ein.
„Sie waren, wie uns
Frau Winkler erzählte, zur Tatzeit wahrscheinlich auch im Studio, können Sie
uns schildern, was Sie dort erlebt haben.“
„Ich ging heute
ausnahmsweise bereits am Mittag zum Krafttraining. Es muss so ca. 12.00 Uhr
gewesen sein. Als ich eintraf, war nur Vera da, die meisten Kunden kommen etwas
später oder waren bereits gegangen. Der Fitnessraum war leer und ich trainierte
etwas mehr als eine Stunde, danach stiess Roman Küng zu mir in den Raum. Ich
unterhielt mich etwas mit ihm, danach überliess ich ihm den Raum und ging. Ich
traf dabei noch kurz auf Mark, aber ich hatte keine Zeit für lange Gespräche,
ich wollte heim unter die Dusche. Meinen eigenen Mann habe ich nur kommen
gehört. Er hat sich nett...“, sie hielt inne und sagte mehr zu sich selber, als
zu den Kommissaren, „sehr nett mit
Vera unterhalten. Ich habe ihn lachen gehört. Da ging es ihm noch gut.“, sie
begann zu schluchzen.
„Warum gingen Sie
heute bereits am Mittag zum Training?“, fragte Roland.
„Naja, ich habe
heute Abend keine Zeit, ich hätte eigentlich ins Kino gehen wollen mit Hanna,
meiner Freundin.“
„Und warum
begrüssten Sie ihren Mann nicht, als Sie ihn kommen hörten?“, wunderte sich
Stefan zu recht.
„Ich wollte ein
bisschen hören, wie und was er so mit Vera bespricht. Er redet ja nicht mit mir
und diese Vera ist nicht zu unterschätzen.“
„Nicht zu
unterschätzen?“, wiederholte Roland, in der Hoffnung auf eine Erklärung.
„Sie ist auf
Männerfang. Da gibt es so einige männliche Kunden, die ihr schon verfallen
sind. Da ist es doch nur verständlich, wenn man etwas misstrauisch ist, fragen
Sie mal Mark.“, empörte sie sich.
„Sie haben also das
Gespräch der beiden aushorchen wollen. Mit andern Worten, sie spionierten ihrem
Mann nach.“
„Ich weiss, dass er
regelmässig in die Sauna geht und so auch heute. Da ich sowieso heute zum
Training wollte, bot es sich einfach an. Aber ansonsten vertraue ich ihm schon
und spioniere auch nicht nach.“, sagte sie, es hörte sich jedoch unglaubwürdig
an, fand Roland.
„Ansonsten haben Sie
niemanden kommen oder gehen gesehen oder gehört?“
„Nein, der
Fitnessraum ist schalldicht, wenn man die Tür schliesst.“
„Wenn man die Tür schliesst. Aber sie
haben die Tür nicht geschlossen gehabt, als ihr Mann kam, damit Sie das
Gespräch zwischen Vera und ihrem Mann mithören konnten?“, forschte Stefan nach.
„Ja, ich gebe zu,
dass ich mithorchte. Es war jedoch nur Belangloses, aber er sprach mit ihr, wie
er mit mir schon so lange nicht mehr gesprochen hatte. So offen, so lieb!“
„Gibt es jemanden,
der ihrem Mann schaden möchte?“, vernahm sie Roland weiter.
„Nicht dass ich
wüsste. In der Bank kommt er gut an, er hat ein tolles Arbeitsverhältnis mit
allen Angestellten und versteht sich auch mit dem Chef ganz ordentlich. Obwohl
es da in letzter Zeit was gegeben haben muss, er sprach jedenfalls von Herrn
Bühler, seinem Chef, anders als sonst. Negativer.“
„Inwiefern?“, hakte
Stefan nach.
„Ich kann es
schlecht beschreiben, früher sprach er nur in den höchsten Tönen von Herrn
Bühler und wir waren öfters mal eingeladen bei den Bühlers. Aber in den letzten
Monaten sprach er kaum mehr über seinen Chef und wenn, dann sagte er so was
wie: ‚Mal schauen, wie lang’s der noch macht.’ oder ‚Bei dem dauert’s auch nicht
mehr lange, dann geht er.’ Und eingeladen wurden wir seit Ewigkeiten nicht
mehr.“
„Hat sich sonst noch
etwas verändert?“
„Nein, mir ist
nichts aufgefallen.“, sie schien nachzudenken und fügte dann hinzu: „Er war in
letzter Zeit häufig zusammen mit seinem Freund Martin. Mit ihm hatte er eine
Expedition nach Alaska gemacht, zusammen mit meiner Freundin Hanna, der Frau
von Martin. Und ohne mich.“ Dies schien sie auch jetzt noch zu verletzen. Sie
begann wieder zu weinen.
„Gab es weitere
Veränderungen?“, fragte Stefan weiter.
Sie schüttelte
weinend den Kopf.
„Ich schlage vor,
wir lassen Sie jetzt besser in Ruhe. Haben Sie jemanden, den Sie anrufen
können? Ihre Freundin?“, erkundigte sich Roland fürsorglich, bevor Stefan seinen
– nach Rolands Meinung aufgesetzen – Charme ausspielen konnte.
Frau Rieder nickte
und nahm wieder einen grossen Schluck aus ihrem Glas.
„Wir wären froh,
wenn Sie uns die Adresse und Telefonnummer von Martin geben könnten, ebenso von
Herrn Bühler. Und wir lassen Ihnen unsere Visitenkarten da, falls Ihnen noch
etwas Wichtiges einfallen sollte.“, erklärte Roland und stand auf.
Frau Rieder stand
auf und ging zur Bar, wo sie auf einem Zettel zwei Namen und die zugehörigen
Adressen und Telefonnummern notierte und Stefan überreichte, welcher ihr im
Austausch dagegen die Visitenkarte gab.
„Danke, dass Sie
sich Zeit genommen haben und unser herzliches Beileid.“, verabschiedete er sich
höflich, „Bleiben Sie ruhig hier und setzen Sie sich, wir finden die Tür.“
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