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Zitat des Monats

Wenn der Wind des Wandels weht, bauen die Einen Schutzmauern, die Anderen bauen Windmühlen.

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Liebe Schreibende

In unserer hektischen Welt, dominiert von High-Speed-Rechnern, Zeitmangel, Medien, Facebook und Leistungsdruck, versuchen wir uns hier eine kleine Insel der Besinnung zu erhalten. Sich einmal im Monat in Ruhe niederzusetzen, sich mit einem Thema eingehend zu beschäftigen und dann die passenden Worte zu finden, um seine Gedanken mit anderen zu teilen, erscheint mir dabei ein geeigneter Weg, aus dieser Alltagshektik auszubrechen.

Sollten wir innerhalb eines Jahres genügend Beiträge beisammen haben, werde ich diese zusammentragen und in Buchform drucken lassen. So hat man dann Ende Jahr ein schönes Büchlein zur Hand - zur Erinnerung, oder als Geschenk zu Weihnachten, oder auch, um die Heimbibliothek mit einem eigenen Werk etwas auszubauen.

Dann also viel Spass beim Schreiben!

Eilean

Samstag, 6. Dezember 2014

Whisky gut, alles gut! - Törchen 6

Das Haus war hübsch, sauber und gemütlich. Frau Rieder führte sie in ein kleines, aber gemütlich eingerichtetes Wohnzimmer. „Darf ich Ihnen etwas anbieten?“
Beide verneinten dankend. Frau Rieder drehte sich zur Minibar, auf der eine Flasche Cognac und ein bereits benutztes Glas befand, das sie sich selbst nun – wahrscheinlich erneut – auffüllte. Sie nahm einen grosszügigen Schluck und zeigte höflich zum Ledersofa: „Bitte, nehmen Sie doch Platz.“
Sie selbst setzte sich in den gegenüberliegenden, einladenden Sessel.
„Sie haben also bereits erfahren, was passiert ist.“, Roland hielt inne und betrachtete die Reaktion Frau Rieders. Als diese den Blick senkte, fügte Roland hinzu: „Mein herzliches Beileid.“
Tränen kullerten über die Wange der Frau, welche Roland mindestens 10 Jahre jünger schätzte, als ihren eben verstorbenen Mann.
„Können Sie uns dennoch ein paar Fragen beantworten?“, fragte Stefan vorsichtig.
Frau Rieder willigte still ein.
„Sie waren, wie uns Frau Winkler erzählte, zur Tatzeit wahrscheinlich auch im Studio, können Sie uns schildern, was Sie dort erlebt haben.“
„Ich ging heute ausnahmsweise bereits am Mittag zum Krafttraining. Es muss so ca. 12.00 Uhr gewesen sein. Als ich eintraf, war nur Vera da, die meisten Kunden kommen etwas später oder waren bereits gegangen. Der Fitnessraum war leer und ich trainierte etwas mehr als eine Stunde, danach stiess Roman Küng zu mir in den Raum. Ich unterhielt mich etwas mit ihm, danach überliess ich ihm den Raum und ging. Ich traf dabei noch kurz auf Mark, aber ich hatte keine Zeit für lange Gespräche, ich wollte heim unter die Dusche. Meinen eigenen Mann habe ich nur kommen gehört. Er hat sich nett...“, sie hielt inne und sagte mehr zu sich selber, als zu den Kommissaren, „sehr nett mit Vera unterhalten. Ich habe ihn lachen gehört. Da ging es ihm noch gut.“, sie begann zu schluchzen.
„Warum gingen Sie heute bereits am Mittag zum Training?“, fragte Roland.
„Naja, ich habe heute Abend keine Zeit, ich hätte eigentlich ins Kino gehen wollen mit Hanna, meiner Freundin.“
„Und warum begrüssten Sie ihren Mann nicht, als Sie ihn kommen hörten?“, wunderte sich Stefan zu recht.
„Ich wollte ein bisschen hören, wie und was er so mit Vera bespricht. Er redet ja nicht mit mir und diese Vera ist nicht zu unterschätzen.“
„Nicht zu unterschätzen?“, wiederholte Roland, in der Hoffnung auf eine Erklärung.
„Sie ist auf Männerfang. Da gibt es so einige männliche Kunden, die ihr schon verfallen sind. Da ist es doch nur verständlich, wenn man etwas misstrauisch ist, fragen Sie mal Mark.“, empörte sie sich.
„Sie haben also das Gespräch der beiden aushorchen wollen. Mit andern Worten, sie spionierten ihrem Mann nach.“
„Ich weiss, dass er regelmässig in die Sauna geht und so auch heute. Da ich sowieso heute zum Training wollte, bot es sich einfach an. Aber ansonsten vertraue ich ihm schon und spioniere auch nicht nach.“, sagte sie, es hörte sich jedoch unglaubwürdig an, fand Roland.
„Ansonsten haben Sie niemanden kommen oder gehen gesehen oder gehört?“
„Nein, der Fitnessraum ist schalldicht, wenn man die Tür schliesst.“
Wenn man die Tür schliesst. Aber sie haben die Tür nicht geschlossen gehabt, als ihr Mann kam, damit Sie das Gespräch zwischen Vera und ihrem Mann mithören konnten?“, forschte Stefan nach.
„Ja, ich gebe zu, dass ich mithorchte. Es war jedoch nur Belangloses, aber er sprach mit ihr, wie er mit mir schon so lange nicht mehr gesprochen hatte. So offen, so lieb!“
„Gibt es jemanden, der ihrem Mann schaden möchte?“, vernahm sie Roland weiter.
„Nicht dass ich wüsste. In der Bank kommt er gut an, er hat ein tolles Arbeitsverhältnis mit allen Angestellten und versteht sich auch mit dem Chef ganz ordentlich. Obwohl es da in letzter Zeit was gegeben haben muss, er sprach jedenfalls von Herrn Bühler, seinem Chef, anders als sonst. Negativer.“
„Inwiefern?“, hakte Stefan nach.
„Ich kann es schlecht beschreiben, früher sprach er nur in den höchsten Tönen von Herrn Bühler und wir waren öfters mal eingeladen bei den Bühlers. Aber in den letzten Monaten sprach er kaum mehr über seinen Chef und wenn, dann sagte er so was wie: ‚Mal schauen, wie lang’s der noch macht.’ oder ‚Bei dem dauert’s auch nicht mehr lange, dann geht er.’ Und eingeladen wurden wir seit Ewigkeiten nicht mehr.“
„Hat sich sonst noch etwas verändert?“
„Nein, mir ist nichts aufgefallen.“, sie schien nachzudenken und fügte dann hinzu: „Er war in letzter Zeit häufig zusammen mit seinem Freund Martin. Mit ihm hatte er eine Expedition nach Alaska gemacht, zusammen mit meiner Freundin Hanna, der Frau von Martin. Und ohne mich.“ Dies schien sie auch jetzt noch zu verletzen. Sie begann wieder zu weinen.
„Gab es weitere Veränderungen?“, fragte Stefan weiter.
Sie schüttelte weinend den Kopf.
„Ich schlage vor, wir lassen Sie jetzt besser in Ruhe. Haben Sie jemanden, den Sie anrufen können? Ihre Freundin?“, erkundigte sich Roland fürsorglich, bevor Stefan seinen – nach Rolands Meinung aufgesetzen – Charme ausspielen konnte.
Frau Rieder nickte und nahm wieder einen grossen Schluck aus ihrem Glas.
„Wir wären froh, wenn Sie uns die Adresse und Telefonnummer von Martin geben könnten, ebenso von Herrn Bühler. Und wir lassen Ihnen unsere Visitenkarten da, falls Ihnen noch etwas Wichtiges einfallen sollte.“, erklärte Roland und stand auf.
Frau Rieder stand auf und ging zur Bar, wo sie auf einem Zettel zwei Namen und die zugehörigen Adressen und Telefonnummern notierte und Stefan überreichte, welcher ihr im Austausch dagegen die Visitenkarte gab.

„Danke, dass Sie sich Zeit genommen haben und unser herzliches Beileid.“, verabschiedete er sich höflich, „Bleiben Sie ruhig hier und setzen Sie sich, wir finden die Tür.“

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