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Wenn der Wind des Wandels weht, bauen die Einen Schutzmauern, die Anderen bauen Windmühlen.

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Liebe Schreibende

In unserer hektischen Welt, dominiert von High-Speed-Rechnern, Zeitmangel, Medien, Facebook und Leistungsdruck, versuchen wir uns hier eine kleine Insel der Besinnung zu erhalten. Sich einmal im Monat in Ruhe niederzusetzen, sich mit einem Thema eingehend zu beschäftigen und dann die passenden Worte zu finden, um seine Gedanken mit anderen zu teilen, erscheint mir dabei ein geeigneter Weg, aus dieser Alltagshektik auszubrechen.

Sollten wir innerhalb eines Jahres genügend Beiträge beisammen haben, werde ich diese zusammentragen und in Buchform drucken lassen. So hat man dann Ende Jahr ein schönes Büchlein zur Hand - zur Erinnerung, oder als Geschenk zu Weihnachten, oder auch, um die Heimbibliothek mit einem eigenen Werk etwas auszubauen.

Dann also viel Spass beim Schreiben!

Eilean

Dienstag, 2. Dezember 2014

Betrogen

„Dieser David Stark ist wahrlich ein vortrefflicher Dozent, finden Sie nicht auch?“
Die angesprochene junge Dame wandte sich dem Sprecher zu. Ein überraschend gutaussehender junger Mann hatte neben ihr Platz genommen und wühlte geschäftig in seiner Ledermappe. Kurz blickte er zu ihr auf und lächelte freundlich.
„Oh ja. Das ist er tatsächlich.“ Sie wusste noch nicht so recht, was sie von dieser Annäherung halten sollte.
Der junge Mann packte einen Block und Stift auf das Klappschreibtischchen. „Ich glaube kürzlich wurde eine seiner Vorlesungen gar mit dem Preis für den besten Unterricht ausgezeichnet.“
„Ja, davon habe ich gehört.“ Sie beäugte den Mann etwas genauer. Er trug ein ziemlich altmodisches Tweedjackett. Darunter vermochten aber der eher weit geschnittene Pullover und die simplen Jeans nicht seinen athletischen Körper zu verbergen. „Sind Sie zum ersten Mal in dieser Vorlesung?“ fragte sie skeptisch. „Ich habe Sie hier noch nie gesehen.“
„Ja, ich schnuppere nur mal so rein.“ Er lächelte. Dann begann er wieder in seiner Mappe zu kramen. „Um ehrlich zu sein“, fügte er an, während er ein prall gefülltes Mäppchen aus der Tasche holte, „ich bin Journalist. Ich schreibe einen Artikel über den diesjährigen Julius-Held-Preisträger.“
„Ach so. Dacht‘ ich’s mir doch, dass da was faul ist…“ grinste sie ihn an.
Er zwinkerte keck. „Und, können Sie mir etwas über diesen viel gerühmten Mann erzählen, das ich noch nicht weiss?“
„Das bezweifle ich. Ich bin überzeugt, Sie haben gut recherchiert.“
„Natürlich. Aber ich lasse mich gerne überraschen.“ Er rückte seine modische, schwarz umrandete Brille zurecht.
„Ich kenne ihn tatsächlich etwas näher“, gab sie etwas stolz zu, bereute es aber sogleich wieder, da sie sich plötzlich der heiklen Situation bewusst wurde.
„Ach was!“ Er beugte sich zu ihr rüber. „Und inwiefern?“ Seine Augenbrauen hoben sich mehrmals über einem ironisch verführerischen Schlafzimmerblick.
„Nein!“ wehrte sie vehement ab. „Ganz bestimmt nicht auf die Art!“ Ihr wurde die Sache etwas unangenehm. Sie blickte sich ungeduldig um. Der Saal schien gefüllter, als sonst. Ein unruhiges Palaver erfüllte den Raum. „Wo bleibt er denn?“
„War nur ein Scherz“, winkte er beschwichtigend ab. „Nein, im Ernst. Woher kennen Sie sich denn?“
„Ach, nicht wirklich. Hatte ich nur so daher gesagt.“ Sie bemerkte selbst, wie unglaubwürdig das klang, und er bemerkte ihre Skepsis.
„Keine Sorge. Ich bin ihm wohlgesinnt. Wirklich! Ja, ich bin sogar ein grosser Fan seiner Arbeit.“ Er zog ein ziemlich zerfleddertes Buch aus der Tasche. „Ich habe alle seine Bücher gelesen.“ Schnell fügte er an: „Noch bevor ich den Auftrag zu diesem Artikel annahm.“ Er streckte ihr die Hand entgegen. „Ich heisse übrigens Jan. Jan Lang.“ Sie zögerte. „Ja, ich weiss. Nein, meine Eltern sind keine Fernostasiaten, sie haben sich nur nicht viel überlegt.“ Er lächelte versöhnlich.
Endlich erwiderte sie das Lachen und reichte ihm die Hand. „Ich heisse Anna.“
„Freut mich, Anna.“ Er blickte sich im Vorlesungssaal um. „Kommt er öfter zu spät?“
„Nein, das ist eigentlich gar nicht seine Art. Er ist normalerweise immer etwas früher da, um sich vorzubereiten.“
„Vielleicht steckt er im Verkehr…“
„Glaub ich nicht. Er kommt immer mit dem Fahrrad.“
„Stimmt. Hatte ich vergessen. Er scheint mir nach meinen Recherchen überhaupt sehr umweltbewusst. Hat kein Auto, ist Mitglied bei Mobility, hat sich ein Minergiehaus gebaut, kauft vorwiegend bei regionalen Bauern ein – vorbildlich!“
„Ja, er ist ein erstaunlicher Mensch. Auch seine Art fasziniert mich. Er ist immer so ausgeglichen und freundlich zu allen. Im Gegensatz zu anderen Dozenten fühlt man sich bei ihm als Student willkommen, er behandelt uns nicht von oben herab. Er nimmt sich auch immer Zeit für seine Studenten. Trotz seines gefüllten Terminplans!“ Sie registrierte seinen fragenden Blick. „Also gut! Er betreut meine Masterarbeit. Dadurch habe ich ab und zu persönlich mit ihm zu tun. Und er ist wirklich ein super Betreuer! Immer erreichbar, offen für Fragen, hilfsbereit, fordernd aber nicht überfordernd. Das ist echt wahnsinnig viel wert, weisst du.“
„Ja absolut. Ich habe auch eine Abschlussarbeit schreiben müssen. Hiess damals noch nicht Master, aber egal.“
„Und auch seine Familie ist einfach traumhaft!“ Wieder dieser Blick. „Ich war mal zum Essen da. Er kennt meinen Vater noch aus dem Studium und nahm die Gelegenheit wahr, ihn wieder mal zu treffen.“
„Dann seid ihr ja fast Familienfreunde!“ bemerkte er entzückt.
„Nein, so dann schon nicht. Wir waren ein einziges Mal zum Essen da. Aber das war wirklich schön. Seine Frau ist ja echt auch ein Traum. Also auch … ich meine … sie ist ein…“ Sie errötete.
Einer seiner Mundwinkel stieg langsam in die Höhe. „Ich verstehe.“ Wieder winkte er ab. „Ach halb so wild! Wer war nicht mal in seinen Dozenten verknallt! Und bei diesem perfekten Allrounder würde sogar ich schwach werden – und das ist sonst gar nicht meine Neigung, wenn du weisst was ich meine…“ fügte er mit einem neckischen Zwinkern an. Die Scham war noch nicht ganz von ihr gewichen. So fuhr er fort: „Er ist ja nicht nur ein Kopfwunder. Wusstest du, dass er mal für ein Jahr mit einem Hilfswerk in Somalia war? Eigentlich war seine Kompetenz als renommierter Psychologe gefragt. Doch schliesslich hat er geholfen, zehn einfache Holzhütten für ein Dorf aufzubauen. Und er hat nicht nur Nägel eingeschlagen. Nein echt, der Typ hat echt was auf dem Kasten! Respekt.“
„Das wusst‘ ich gar nicht, dass er auch noch handwerklich begabt ist! Unglaublich! Musik macht er ja auch noch.“
„Klavier, nicht wahr? Echt, was kann der Kerl eigentlich nicht… Und potent ist er auch noch, der Sack!“ fügte er lachend an. „Kürzlich ist doch sein viertes Kind zur Welt gekommen.“
„Ja, wirklich süsse Kinder hat er. Kein Wunder, bei den Eltern… Und trotzdem ist er immer bescheiden−“
„Darf ich um Ihre Aufmerksamkeit bitten“, unterbrach eine lautsprecherverstärkte Stimme ihre Schwärmerei. Das Palaver verebbte. Vor dem Rednerpult stand die Dekanin, ungewöhnlich unsicher und sichtlich unbehaglich.
„Krank“, vermutete Jan flüsternd.
„Aber eigenartig, dass die Dekanin deswegen persönlich vorbei kommt.“
„Herr Stark ist leider … er kommt heute nicht mehr. Die Vorlesung fällt bis auf Weiteres aus.“ Mit einer pfeifenden Rückkopplung legte sie das Mikrophon auf den Tisch und ging mit gesenktem Kopf schleunigst davon, sich ein Taschentuch unter die Nase haltend.
Einen kurzen Moment herrschte verwirrtes Schweigen. Alle hatten bemerkt, dass dies nicht die übliche Vorlesungsabsage war, wie bei Grippe, Versäumnis, Lustlosigkeit oder anderen dubiosen Unpässlichkeiten. Anna und Jan blickten sich ratlos an. Dann brandete wildes Gemurmel auf.
„Was war das denn? Bis auf Weiteres?“ fragte Anna konsterniert.
Jan schien äusserst konzentriert und antwortete eher zu sich gerichtet: „Versteh ich auch nicht ganz…“ Er löste sich aus seiner Starre. „Aber das werde ich gleich herausfinden! Komm!“ Er stopfte stürmisch die Papiere zurück in die Mappe und drängte sich eilig aus dem Vorlesungssaal. Anna folgte ihm neugierig. Sie verliessen das Gebäude während er auf seinem Handy eine Nummer suchte. Draussen steuerte Jan zielstrebig ein ruhiges Plätzchen an. „Wenn was Ernstes ist, weiss meine Redaktion bestimmt schon Bescheid.“ Er wartete eine gefühlte Ewigkeit bis endlich das Gespräch entgegengenommen wurde. „Hey, wisst ihr was− … Was denn? … Jetzt sag schon! … Was?! Wie? … Das … das … das glaub ich nicht… … Ja, ja, geht schon. Danke, Mark.“ Mark sagte noch etwas, aber Jan legte geistesabwesend auf. Nach einem spannungsvollen Moment platzte es aus Anna heraus: „Was ist passiert?!“

Jan blickte auf, doch sein Blick ging ins Leere. „Er … er … David Stark hat sich in seinem Büro erhängt.“

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