Seiten

Zitat des Monats

Wenn der Wind des Wandels weht, bauen die Einen Schutzmauern, die Anderen bauen Windmühlen.

Chinesische Weisheit

Willkommen!

Liebe Schreibende

In unserer hektischen Welt, dominiert von High-Speed-Rechnern, Zeitmangel, Medien, Facebook und Leistungsdruck, versuchen wir uns hier eine kleine Insel der Besinnung zu erhalten. Sich einmal im Monat in Ruhe niederzusetzen, sich mit einem Thema eingehend zu beschäftigen und dann die passenden Worte zu finden, um seine Gedanken mit anderen zu teilen, erscheint mir dabei ein geeigneter Weg, aus dieser Alltagshektik auszubrechen.

Sollten wir innerhalb eines Jahres genügend Beiträge beisammen haben, werde ich diese zusammentragen und in Buchform drucken lassen. So hat man dann Ende Jahr ein schönes Büchlein zur Hand - zur Erinnerung, oder als Geschenk zu Weihnachten, oder auch, um die Heimbibliothek mit einem eigenen Werk etwas auszubauen.

Dann also viel Spass beim Schreiben!

Eilean

Donnerstag, 4. Dezember 2014

Der Trog

(von animus)

Sören schlenderte von zu Hause die Stadt hinauf, versenkte seine Fäuste tief in den Taschen seines Gehrocks und genoss dieses Gefühl des Daheimseins. Über die Straße hinweg vernahm er einen vertraut klingenden Ruf, der das heimelige Gefühl in seiner Brust noch anschwellen ließ. Unversehens drehte er sich um und erkannte gegen das Licht der untergehenden Sonne den Freund sogleich an seiner Silhouette: „Emil – du alter Pestfetzen!“ jubelte Sören, während er sich beschwingt daran machte ihm mit großen Schritten entgegenzugehen. „Wie schön dich zu sehen“, erwiderte Emil. Seit wann bist du wieder hier? Ich habe dich vermisst, du elender Ludrian!“
Emil drückte seinen Freund herzhaft an seine Seite und marschierte mit ihm entschlossen drauf zu. Sören wurde es bei dieser freundlichen Grobheit warm ums Herz. Wie weggeblasen war seine Gedankenschwere. „Es ist so einfach“, dachte er bei sich.
Bald gluggerte der dunkle Wein in appetitlichen Wellen aus dem Trog zielgenau in Sörens Becher. Emil ließ den Krug ganz leer laufen und umfasste ihn dabei so stark, dass der Eindruck entstand er wolle aus ihm gewiss auch noch den letzten Tropfen herauspressen.
Sören reckte sich auf, um nach der Servierfrau zu suchen, während er den süßlichen Rauch seiner Zigarre in einer langen und stromlinienförmigen Bewegung über den Tisch hinweg blies. Er lauerte dabei in seinem Stuhl wie ein Raubtier. In seinem Körper bemerkte er eine vitalisierend leichte Anspannung, seine Augen waren geschlitzt und sein Blick haftete an den schmiegsamen und wendigen Bewegungen der Servierfrau.
Kraftvoll und anmutig zugleich bewegte sie sich mit sicherem Schritt, gleichsam tänzerisch, durch die engen Nischen, vorbei an Stühlen und Tischreihen. Das eng um ihrer Taille geschnürte Kleid umspielte dabei in verführerischen Linien ihren vollweiblichen Körper. Ihre Erscheinung hatte etwas Majestätisches. „Sie kommt mir vor wie ein Versprechen, das Seligkeit garantiert“ dachte Sören – ganz allein für sich.
Während die Erlöserin sich mit leichtfüßiger Beiläufigkeit auf seinen Tisch zu bewegte, fiel eine lange dunkle Strähne in ihr blühendes Gesicht. Nun erkannte Sören das fruchtige Rot ihrer Lippen und die neckische Zahnlücke zwischen ihren Schneidezähnen. Je näher sie dem Tisch kam, je tiefer glitt sein Blick über Nacken, Hals und Schulter, tastete sich weiter über die hügelige Landschaft praller, weißer Haut, um sich schließlich ganz in der atemberaubenden Tiefe zwischen üppig herausquellenden Brüsten zu verlieren.
Mit einem satten Schlag knallte sie zahlreiche Krüge auf die massive Tischplatte und rief mit frischer Stimme: „Was darf es sein meine Herren?“
„Milch“ drängte es Sören zu sagen. Schmunzelnd und im letzten Moment besann er sich jedoch und blieb beim „Wein“.
Als sie, einen Trog hinterlassend, wieder hinter verwinkelten Nischen und Tischreihen verschwand, schaute Emil mit weit aufgerissenen Augen in den vor ihm stehenden Krug und bemerkte: „Betrug! Der Trog – er ist nur zur Hälfte gefüllt!“


(von animus)

3 Kommentare: