Vera Winkler war
daraufhin nicht mehr im Stande, weitere Fragen zu beantworten. Sie vergrub ihr
Gesicht in ihren Händen und schluchzte herzzerreissend. Stefan und Roland
wechselten betretene Blicke. Kurz darauf bimmelte die Glockentür und ein
grosser, muskulöser, braungebrannter Mann betrat das Studio. Roland ordnete ihn
sofort in die Kategorie „Fitnesstrainer und Hormonpillenfresser“ ein. Der Mann
stürmte sofort auf Frau Winkler zu, ging neben ihr in die Hocke und nahm sie in
seine riesigen Arme. Frau Winkler viel fast vom Stuhl und blickte auf und mit einem
Stöhnen: „Ach, Mark“ fiel sie in seine Arme und weinte hemmungslos. Väterlich
tätschelte Mark ihr den Rücken und murmelte tröstend in ihr Ohr. Dem ratlosen
Blick Stefans nach zu schliessen, verstand auch er nicht, was es war, aber es
hatte einen beruhigenden Effekt auf die arme Blondine, so dass das Weinen nach
und nach wieder in ein Schluchzen überging und schliesslich ganz aufhörte. Der
als Mark benannte Mann blickte auf zu den zwei Beamten, die immer noch
regungslos hinter ihm standen. Er nickte ihnen beiden zu und grüsste mit einem
knappen „Hallo“.
„Hallo.“, erwiderte Stefan,
augenscheinlich erleichtert, wieder ins Spiel gekommen zu sein.
Roland grüsste mit
einer entsprechenden Kopfbewegung und fragte dann: „Könnten Sie uns ein paar
Fragen beantworten?“
„Ich kann es gerne
versuchen. Aber ich habe ja noch gar nicht wirklich erfahren, was passiert ist.
Vera hat mir nur am Telefon kurz gesagt, dass Franz tot sei. Umgebracht?!“ Mark
schaute die beiden Kommissare ungläubig und herausfordernd an.
„Ja, beim Opfer
handelt es sich um Franz Rieder und wir haben Hinweise darauf, dass es sich wirklich
um einen Mord handelt.“, bestätigte Stefan, „Sie kannten Franz Rieder also
auch? Wer sind Sie und in welchem Verhältnis standen Sie zu Franz Rieder?“
„Mein Name ist Mark
Felder. Vera ist meine Freundin und Franz Rieder ein Stammkunde im Studio hier
und nun ja, ich nenne es fast schon zu
guter Freund meiner Freundin.“, er
fuhr Vera liebevoll durch die langen Haare und fügte dann missbilligend hinzu:
„Wobei von Franz’ Seite bestimmt mehr erwünscht gewesen wäre.“
„Aha, sie standen
also nicht ebenfalls in einem freundschaftlichen Verhältnis zu Herrn Rieder?“,
stellte Stefan fest. Roland rollte innerlich mit den Augen über diese
Bemerkung, ‚Wieder brilliert Stefan durch seine hervorragende Kombinationsgabe’,
dachte Roland herablassend.
Auch Mark Felder
schien diese Bemerkung zu irritieren, denn er erwiderte nun gereizter: „Was
erwarten Sie? Es ist meine Freundin, da muss kein anderer kommen und versuchen,
sie mir auszuspannen.“
„Ach, das hat er
doch gar nicht getan, wir waren nur Freunde.“, fiel Vera ihm ins Wort.
„Wie auch immer,
jetzt ist er ja eh tot.“, sagte Mark hart.
Vera entzog sich
sogleich seiner Umarmung und schaute ihren Freund entrüstet an: „Wie kannst du
nur so etwas sagen?“
„Tut mir leid,
Schatz. Aber ich kann nicht leugnen, dass er mir nicht unbedingt am Herzen lag.
Übrigens nicht nur mir.“
„Ihre Freundin hat
uns vorhin gesagt, er hätte keine Feinde gehabt.“, bemerkte Roland, „Was meinen
Sie denn dazu?“
„Naja, Feinde ist
übertrieben. Aber seine Frau war auch nicht sonderlich gut auf ihn zu sprechen.
Er scheint gerne in fremde Better zu hüpfen und sich dabei erwischen zu lassen.
Anders könnte ich mir ihr Misstrauen nicht erklären. Ausserdem hab ich gehört,
dass er in der Bank, in der er arbeitete, auch nicht gerade rosig lief. Aber
was da genau vorgefallen war, weiss ich auch nicht.“
„Ach, das war nichts
Grosses, er hatte nur eine Meinungsverschiedenheit mit seinem Chef Paul Bühler
gehabt. Das hat er mir jedenfalls gesagt.“, erklärte Frau Winkler.
„Wie auch immer.“,
Mark zuckte mit den Schultern, „Ich war bestimmt nicht der Einzige, der nicht
zur Fangemeinde von Franz gehörte.“
„Wissen Sie sonst
noch etwas über Herrn Rieder? Gab es sonst noch jemanden, der ihm Schaden
wollte?“, setzte Stefan die Vernehmung fort.
„So gut kannte ich
ihn nicht, ich hab mich ab und zu mit ihm etwas ausgetauscht, aber mehr so
oberflächliche Gespräche. Seine Frau hat da mehr über ihn preisgegeben. Zum
Bespiel das mit dem Zerwürfnis in der Bank, hat sie mir gesteckt. Und sie hat
sich hin und wieder bei mir darüber ausgeheult, dass sie sich von Rieder nicht
wirklich wertgeschätzt fühlte.“
„Inwiefern?“, fragte
Roland.
„Insofern, als dass
er vor drei Monaten mit seinem Freund eine Expedition nach Alaska gemacht hat,
bei der er sie nicht mit eingeladen hatte, obwohl anscheinend dessen Frau mitgehen
durfte. Aber da müssen Sie Sabine besser selbst fragen.“
„Sabine ist dann
wohl Herrn Rieders Frau?“, schlussfolgerte Stefan.
Mark Felder bejahte.
„Haben Sie sonst
noch irgendetwas Auffälliges beobachtet oder kommt Ihnen sonst etwas
Merkwürdiges in den Sinn?“, fuhr Stefan fort.
„Nein, ich hab Franz
heute nicht mal zu Gesicht bekommen, war nur ganz kurz da, um Vera hallo zu
sagen und was Kleines zu essen. Aber hier war alles ganz ruhig. Als ich eintraf,
ging gerade Sabine, die heute ausnahmsweise auch am Mittag zum Krafttraining
kam. Ich ass mit Vera was Kleines. Danach kam Roman aus dem Fitnessraum und ich
ging mit ihm. Sonst war niemand im Fitnessraum und in der Sauna hockte Franz,
oder war bereits tot, wer weiss das schon.“
Warte schon sehnlichst auf Törchen 4! *-*
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